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Full text of "Votive und weihegaben des katholischen volks in Süddeutschland;"

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c5.c.: ^j.C^ ^ 




J^arbarö College librars 



BOUGHT WITH INCOME 

FROM THE BRqyBST OF 

THOMAS WREN WARD 

Latk Treasurbr of Harvard College 



The sum of $5000 was received in 1858, 

^^ the income to be annually expended 

for Ihe purchase of books." 




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VOTIVE UND WEIHEGABEN 

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KATHOLISCHEN VOLKS IN SÜDDEUTSCHLAND 



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YOTIVE 



UND WEIHEGABEN 



DES 



KATHOLISCHEN VOLKS IN SÜDDEÜTSCHLAND 



EIN BEITRAG ZUR VOLKSKUNDE 



VON 



RICHAED ANDREE 



MIT 38 ABBILDUNGEN IM TEXT, 140 ABBILDUNGEN AUF 32 TAFELN 
UND "lg FARBENDRUCKTAFELN 



BEAÜNSCHWEIG 

DBÜOK UND VERLAG VON FEIEDRICH VIEWEG UND SOHN 

1904 



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FB S6 1903 




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Alle Rechte, namentlich dasjenige der Übersetzung in fremde Sprachen, 

vorbehalten 



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MEINEE FEAU 



MAEIE GEB. ETSN 



GEWIDMET 



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VORWORT. 



Jbiine wesentliche Grundlage der vorliegenden Schrift bildet die reiche 
Sammlung von Votivgegenständen meiner Frau, die es verstanden hat, zu 
einer Zeit, als man kaum daran dachte Votive zu sammeln, solche mit 
eifrigem Bemühen systematisch zusammenzubringen. Sie ist auf diesem 
Gebiete in manchen Fällen bahnbrechend gewesen, und die wenigen Schrift- 
steller, die bisher über Votive in volkskundlichen und anthropologischen 
Zeitschriften berichteten, erwähnten fast alle der Anregung und Beihilfe, 
die sie meiner Frau verdanken. Im gesteigerten Maße war dieses bei 
mir der Fall, so daß die Widmung dieses Buches an meine Lebens- 
gefährtin nur als Pflicht der Dankbarkeit erscheint. Gemeinschaftlich 
mit ihr habe ich Himderte von oft sehr abgelegenen Wallfahrtskapellen 
und Gnadenstätten Süddeutschlands durchforscht und dabei eindringen 
können in die Anschauungen des Volkes, um so durch unmittelbare An- 
schauung den meisten Stoff zu vorliegender Arbeit zu beschaffen. 

Ein irgendwie zusammenfassendes Werk über den hier behandelten 
Gegenstand in deutscher Sprache gibt es nicht und auch die zerstreute 
Literatur bot wenig Ausbeute, da selbst in religiösen und kirchlichen 
Werken die Opfergaben nur nebenhin gestreift werden, in anthropologischen 
und volkskundlichen Zeitschriften sie aber erst im letzten Jahrzehnt Be- 
achtimg fanden. So mußte denn das meiste aus dem Urstoffe heraus 
neu gearbeitet werden. Einige Beihilfe erhielt ich aber dadurch, daß 
die Witwe des leider so früh verstorbenen Wiener Ethnographen 
Dr. Wilhelm Hein mir den auf Votive bezüglichen Nachlaß ihres Mannes 
in selbstloser Weise zur Verfügung stellte. Wo, in wenigen Fällen, ich aus 
Dr. Heins Notizen etwas benutzen konnte, ist dieses jedesmal ausdrücklich 
angeführt. 

Hauptquelle für meine Schrift bleibt aber die eigene Forschung und 
Anschauung in Verbindung mit der reichen Sammlung meiner Frau, zu 



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VIII Vorwort. 

deren Vermehrung ich eifrig beigetragen habe. Freilich, bei einer bloß 
erläuternden Beschreibung der Sammlung, die auf einen wissenschaftlichen 
Katalog hinausgekommen wäre, durfte ich nicht stehen bleiben; ich ging 
weiter, suchte den kulturgeschichtlichen Zusammenhang bei den Opfer- 
gaben zu erläutern, die treibenden Ursachen aufzudecken und die 
geographische Verbreitung und Herkunft der einzelnen Votive festzustellen. 
Damit wuchs meine Aufgabe, und nur zagend erkannte ich, wie ich in 
die verschiedensten wissenschaftlichen Gebiete übergreifen mußte, wie 
Heiligengeschichte und christliche Symbolik, Mythologie und Sagenkunde, 
Archäologie und selbst Urgeschichte oft genug Berücksichtigung verlangten. 

Wie man leicht erkennen wird, hat mir bei der Abfassung dieser 
Arbeit jede Tendenz fem gelegen; mir handelte es sich bloß darum, das ver- 
nachlässigte Gebiet der Opfergaben und was damit zusammenhängt vom 
Standpunkte der Volkskunde und Kulturgeschichte aus festzulegen. Mit 
einer Kritik der damit verknüpften irrigen Meinungen befasse ich mich 
nicht, noch weniger war es meine Sache, in spöttischer Weise über viele 
unser Kopfschütteln erregende Vorgänge bei der heute noch bestehenden 
Art der Opferung abzuurteilen, zumal ja unmittelbarer Schaden dadurch 
nicht angerichtet wird und mancher Gläubige in Not und Elend bei 
seiner Kulthandlung Erleichterung findet. 

Die in reichem Maße dem Buche beigegebenen Abbildungen, fast 
durchweg nach den Originalen der Sammlung, sind von Herrn Heinrich 
Hofmann in München und von Herrn Rob. Lischka in Wien gezeichnet 
worden, denen ich für die treue und verständnisvolle Ausführung hier 
meinen Dank sage. 

München, im November 1904. 

Prof. Dr, Richard Andree. 



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INHALTSVERZEICHMS. 



Seite 

Einleitung 1 

Opfer, Votivgaben und Weihegesehenke 1. Beweggininde 1. Votive bei Alt- 
ägyptem, Israeliten, Griechen und Römern 3. Übergang vom Heidentum zum Christen- 
tum 4. Der Indiculus superstitionum et paganiarum 6. Fortdauer heidnischer Bräuche 5. '* 

Das Volk und die Heiligen 7 

Die katholische Kirche und die Heiligen 7. Anschauungen des Volks von den ■* 
Heiligen 8. Agrarischer Charakter der Kultübungen des Landvolks 7. Verschiedene 
Wirksamkeit der Heiligen 9. Polytheistische Züge 9. Schutzpatrone von Standen und 
Gewerben 10. Schutzpatrone in Krankheiten 12. Die 14 Nothelfer 13. Die Heiligen 
und die Volksetymologie 14. Vom Volke geschaffene Heilige 14. Die h. Kümmernis 14, 
15, 16. S. Christoph 16. Die h. Kakukabilla 16. Die selige Richildis 16. Die Hei- 
lungen 17. 

Wallfahrtskapellen und heilige Quellen 18 

Die alten Wallfahrtskapellen und ihre Ausstattung 18. Privatkapellen und Kapellen 
durch Kinder erbaut 19. Krambuden bei den Wallfahrtsorten und deren Inhalt 19. 
Eisenbahnbillet zum Himmel 20. Geistlicher Glückshafen 20. Heiligenbilder zum Ver- 
schlucken 21. Geistliche Spielkarten 21. Heilige Quellen 21. In heidnischer Zeit 21. - 
Quellenopfer 22. Zunahme der Lourdesgrotten 23. Trafoi 24. Quellen innerhalb der 
Kapellen 24. Brunnenheilige 25. Heilkräftige Wässer für Zahnschmerz, Kopfschmerz 
und Stumme 26. 

Wallfahrten 27 

Wallfahrten und asketische Handlungen 27. Ehemalige Bedeutung 28. Das Schleppen 
von Holzkreuzen 29. KettenbüJBer 30. Jochei der Büßer in Berchtesgaden SO. Knie- 
rutschen 31. Nackte Wallfahrer 32. Wallfahrten in Kreuzesstellung 32. „In Wolle" 33. 
„In Almosen wallfahrten" 33. Wallfahrt unter Fasten 33. 

Die Schutzpatrone der Haustiere 35 

Die altrömischen Palilien 35. S. Antonius der Abt und die Schweine 36. Antonius- 
brot 36. Der h. Kornelius in der Bretagne 37. Viehseuchen 37. Der Viehschelra 37. 
Verschiedene Viehheilige 38. Die heilige Gunthild 38. 

Der heilige Leonhard 39 

Seine Legende 39. Abbildungen des Heiligen 40. Sein Standbild in Kundl 40. 
Mirakulöse Statue in Tamsweg 40. Namen des Heiligen 40. Helfer bei Geburten 41. 
S. Leonhard als Menschenarzt 41. Ausbreitung des Leonhardskultus 42. S. Leonhard 
=: Freyer-Fro? 42, 43. Patron der Gefangenen 44. Kettenopfer 45. Berichte über 
Gefangenenbefreiung 46. S. Leonhards freiwillige Gefangene 47. Das Tragen eiserner 
Gürtel 47. Schutzpatron der Geisteskranken 47. Wachsketten 48. Eisenfigur mit Leib- 
ring 48. S. Wolfgang als Wettbewerber S. Leonhards 49. Asylrecht bei S. Leon- 
hard 49, 50. S. Leonhard, Schutzpatron der Haustiere 50. Hirtensprüche 51. Schutz- 
mittel 52. 

Leonhardiiitte 53 

Verbreitung der Leonhardsfahrten 54. Gesamtschilderung 54. Zum Schaugepränge 
geworden 54. In Tölz und Oberbayern 55. Inchenhofen 58. Niederbayem 58. Das 
Opfern eiserner Tiere in Aigen 60. Opferordnung zu Aigen von 1529 60. S. Leonhard 

II 



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X Inhaltsverzeichnis. 

Beitü 
der jrroße Eisenhorr 61. Das Opfern eiserner Tiere zu Ganacker 62. In Schwaben und 
Nürnberg 64. In Württemberg 64. In der Oberpfalz 64. In Österreich 64. Rössel- 
opfer zu Gmünd in Kärnten 65. Umritte bei Kirchen anderer Heiliger 66. 
S. Stefansritte 66. Bei S. Wolfgang in Ochsenfurt 66. Zu Ehren S. Kolomans 67. 
S. Georgsritte 67. S. Guidoritt zu Anderlecht 69. 

Eettenumspannte Kirchen 70 

Leonhardskapelle zu Tölz 70. Leonhardskirche zu Ganacker 71. Kettenkirche 
zu Nußdorf 71. Zu Tollbath 71. Der Kettenreichtum zu Inchenhofen 71. Kettenkirche 
zu Laupheim in Schwaben 71. Zu S. Leogang 72. Zu S. Leonhard über Brixen 72. 
Ketten kirchen in Kärnten 72. Sagen über die Kirchenketten 72. Erklärungen 73. 

Hufeisenopfer 74 

Verschiedene Formen und Größen, gebrauchte und neue 74. Das Annageln an 
den Kirchentüren 75. Erklärungen 75. Verschiedene Ursachen des Votivs 76. 

Waohsopfer 77 

Wachskerzen aus dem Heidentum übernommen 77. Christliche Verbote 78. 
Wachspflichtige der Kirche 77. Wachsopfer im Sühneverfahren 78. Wachsvotive 79. 
Wachsstrafen der Kirche 79. Die Heiligen selbst verlangen Wachs 79. Das Gewerbe 
der W^achszieher 79. Die Kerzen und ihre Opferung 80. Das Wachsgewölbe im Kloster 
Andechs 81. Kerzen von Gemeinden geopfei*t 81. Riesenkerzen 81. Die Kerze auf 
dem Bogenberg an der Donau 82. Wachsstöcke 82, 83. Seelenlichter 83. Die Licht- 
ständer 83. Himmelsschlüssel aus Wachs 83. Maria Lichtmeß und die Kerzenweihe 83. 
Mechtildenwachs 84. Kerzenaberglaube 84. S. Blasius und das Einblaseln 84. Die 
Wachsopfer von Kevelaer 85. 

Verbreitung, Technik und Alter der eisernen Opferfiguren 86 

Verbreitungsgebiet 86. Oberbayern und Niederbayem 80. Wncherau, Unter- 
Wuldau und Neuern in Böhmen 87. Feuchtwangen 87. Meiningen 87. Württem- 
berg 88. Huyssingen in Belgien 88. Tirol 89. Salzburg 89. NiederÖ8t<»rreich 89. 
Steiermark 89. Kärnten 90. Ungarn 90. Technik 91. Alter und erstes Auftreten 91. 
Ablehnung des Zusammenhanges mit prähistorischen Figuren 92. Der sog. „eiserne 
Bestand" an Hausvieh 93. 

Menschliche Opferfiguren 94 

Opferung der Menschenfigur 94. Größe des Votivs 94. Abwägen des Menschen 
in Gold, Wachs, Eisen 95. Das Eigengewicht zum Bilde geformt 95. Ottheinrichs, des 
Pfalzgrafen Wachsbild zu S. Wolfgang 95. Große Opferfiguren aus Holz zu Schaft- 
lach 96. Kleine menschliche Opferfiguren aus Wachs und Eisen 96. Wickelkinder 96, 
97. Kostümfig^ren aus Wachs 97. Menschliche eiserne Votivfiguren 97. Weibliche 
bekleidete Eisenfiguren 97. Elsässer menschliche Opferfiguren aus Holzbrettern 98. 
Silberne Opferfiguren 98. Opferfiguren aus Papierschnitzeln 99. Parallelen aus Japan 
und China 99. 

Leonhardsklötze und Würdinger 100 

Sie sind große eiserne Votivbilder 100. Die Leonhardsklötze zu Aigen am Inn: 
Würdinger, Weiber-Lienel, Ranagl, Gwandzerreißer, Kolmännel und Fatschenkind 101, 
102. Die Würdinger von Grongörgen 102. Sie sind gegossen 102. Der geschmiedete 
große Eisenmann von Buttenwiesen 103. Der Leonhardsnagel zu Inchenhofen 103. 
Erklärungen 103. Das Heben und Lupfen der Leonhardsklötze als Gewissensmesser 105. 
Die Leonhardsstatue in Inchenhofen 106. Heben des h. Hermann in Bischofsmais 106. 
Das Marienbildnis zu Ettal 107. Der Schuh in der Salvatorkapelle auf dem Bogen- 
berge 107. 

Phänische Opferfiguren 109 

Phallusdienst 109. Bedeutung für Regeneration 109. Fruchtbarkeit 109. Der 
Phallus als Schutzmittel 109. Phallische Figuren alö" Darstellung Syphilitischer 111. 
Opferung von Wachshoden 111. 

Einzelne Körperteile 112 

Darstellung der kranken Glieder aus Metall, Wachs und Holz 112. Köpfe 113. 
Hände 113. Schwurhände 114. Joh. Hus über ein Handopfer 115. Arme 115. Pfeil- 
spitzen 110. Beine und Füße 116. Weibliche Brüste 117. Nabel 117. Augen 117. 



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Inhaltsyerzeiohnis. XI 

Seit« 

S. Lucia und S. Odilia 118. Ottilienquellen 119. Zungen 120. Heilung Stummer 120. 
Die selige Richildis heilt Stumme 121. Ohren 121. Mund 121. Zähne 121. 

Eingeweide als Opfergaben 123 

Antike Darstellungen 123. Die „Lungin" 124. Verbreitung dieses Votivs 124. 
Organe der Schlachttiere als Vorbilder 125. Stilisierung der Lungin 125. Herz 127. 
Luftröhren und Magen 128. 

Opferkröten und Stachelkugeln 129 

Prähistorische Kröten 129. Die Gebärmutter ein lebendes Wesen 129. Die Kröte 
repräsentiert die Gebärmutter 130. Volksaberglaube bezüglich der Kröten 130. Ver- 
breitung der Votivkröten 131. Eiserne Kröten im Elsaß 131. Eiserne und silberne 
Kröten 132. Verschiedene Formen 132. Kröte oder Schildkröte? 133. Erklärungen 
für Kröte = Uterus 134. Die Geburtshelferkröte 135. Die männliche Bär- 
mutter 136. Opferstachelkugeln 136. Verbreitungsgebiet 137. Stachel- 
kugel = Gebärmutter 137. Erklärung 137. Votivbild in Andechs 138. 

Tönerne Kopfurnen und Opferholzköpfe 139 

Ähnlichkeit mit antiken Kopfurnen 139. Kein Zusammenhang der antiken und 
neuen Kopfurnen 139. Beschaffenheit und Form 140. Enges Verbreitungsgebiet 140. 
Benennungen 142. Zweck 142. Maria -Langwinkel 143. Taubenbach 144. Hasel- 
bach 144. Holzköpfo vom Chiemsee 144. Holzköpfe von S. Alban bei Moos- 
burg 145. Kopflose Heilige 145. Kopf der h. Erentraud 145. Johannesschüsseln 146. 
Die Johannesköpfe auf der hohen Salve 146. 

Fortdauer des Opfers lebender Tiere 147 

Heidnische Tieropfer 147. Fortdauer in der griechischen Kirche 148. Pferde- 
opfer für S. Leonhard bis ins 17. Jahrhundert 148. Geldablösung des Tieropfers 148. 
Fortdauer des Opfers lebender Hennen in Süddeutschland 149. In Inchenhofen, Aigen, 
Großgmain, Marzoll, Goldegg, Lebenau 149, 150. Hühneropfer für S. Veit in Schwaz 150. 

Tierbilderopfer 152 

Opfertiere aus Metall, Holz und Wachs 152. Silberne Pferde 152. Das goldne 
Rössel in Altötting 152. Die verschiedenen Formen der eisernen Rössel 153. Wachs- 
pferde 153. Nachbildung trächtiger Stuten 153. Das Rindvieh 153. Jochochsen 154. 
Vergrabene eiserne „Zauberkühe" in Kärnten 154. Modernere Formen eiserner Kühe 154. 
Schweine 154. Schafe 155. Gänse 155. Die Bienen und ihre Verehrung 155. Eiserne 
Bienen und Bienenstöcke 155. Opferschlangen 156. 

Hämmer und Ackergerät 157 

Die kleinen Eisenhämmer in Niederbayern 157. Reste des Donarkultus? 157. 
Das Wallfahrtskirchlein Samarey 158. Hämmerchen aus Holz 158. Ackergerät 159. 
Wetterpatrone 159. Sensen und Sicheln 159. Pflugeisenopfer durch ganze Gemeinden 159. 

Häuser-^ Kleider- und Naturalienopfer 161 

S. Florian als Schutzpatron bei Feuersgefahr 161. Hölzerne, eiserne und wächserne 
Opferhäuser 162. Die Stadt Aichach opfert ein Wachshaus 162. Kleideropfer 162. 
Kleider erkrankter Kinder 163. Staatskleider und Bettlerkleider als Dankopfer 168. 
Opferung des „Niederwats" aus Stoff oder Eisen bei Unterleibsleiden 164. Naturalien- 
opfer 164. Getreideopfer 164. Mehlopfer im Lechrain 164. Ursachen des Getreide- 
opfers 165. Butteropfer 165. Das Käsemirakel in Bischofsmais 165. Opfer der Sau- 
* haxen in Kärnten 165. Fleischopfer in Bensberg 166. 

Gemalte Votivtafeln 167 

Votivtafeln bei den alten Griechen und Römern 167. Die Votivtafeln der 
Japaner 167. Alte Votivbilder aus Stein 168. Der Tummelplatz bei Schloß Ambras 169. 
Die gemalten Votivtafeln, Ausdruck des Dankes 169. Stil der Tafeln 169. Die Votiv- 
tafelmaler 170. Franz v. Lenbach als Votivtaf elmaler 170. Verfall der Tafelmalerei 170. 
Statistik der Tafeln von Altötting 171. Allgemeines Bild der Votivtafeln 171. Votiv- 
tafeln geschichtlichen Inhalts 172. Die Geißeln zu Ramersdorf 172. Tafeln auf Kriegs- 
ereignisse bezüglich 172. Darstellung von Unglücksfällen 173. Von Krankheiten und 
Heilungen 173. Übertragung von Votivtaf elbildern auf die Außenseite von Wallfahrts- 



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XII Inhaltsverzeichnis. 

Seite 
kirohen 174. Votivtafehi von Gemeinden gestiftet 175. Wiener Pestbild im Passauer 
Dom 175. Yiehseuohenbild zu Schaftlach 175. Danktafel zu Loh winden 175. Die 
Änderung des Jsarlaufs bei Landau 176. Tafeln mit dem Hostienwunder 176. Humo- 
ristisches 176. 

Allerlei Opfer 177 

Die Votivkammer von S. Rasso am Ammersee 177. Frauenzöpfe und Haar- 
opfer 177. Kriegstrophäen aus den Türkenkriegen 178. Schiffe 178. Kronen und 
Kränze 178. Eiserne Kopfringe 179. Brautkränze 179. Pflaster 179. Nachbildung von 
Geschwüren 179. Verbandlappen 180. Seidenfäden 180. Schafzecken und Fisch- 
gräten 180. Ohrgehänge 180. Nadeln 180. Löffelopferung im Schwarzwalde 180. 
Kostbarkeiten, Juwelen, Söhmuck 181. Rosenkränze 181. 

SohlieAliches Schioksal der Opfergaben 183 

Allmählicher Verfall und Verringerung 183. Verkaufen, Verbrennen und Ver- 
graben der Votive 184. Ausfuhr durch die Missionare in die Kolonien 185. 



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VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN. 



Farbendruektafeln. 

Seit« 
^ Yotivtafel aus einer niederbayerisclien S. Leonhardskapelle. (Oben in Wolken der b. Leonbard 

mit Kette, unten Bauer inmitten seines Viebes für dessen Woblergeben betend. 

Ex voto 1796.) Titelbild 

^ Yotivtafel aus einer bayerischen Marienkapelle. Eltern beten für ein aus dem Fenster stürzendes 

Kind, für dessen glückliche Errettung die Yotivtafel gestiftet wurde. EX voTo. 

1748. H. G. N Zu Seite 171 



Tafeln. 

^Taf. I. 

Fig. 1. S. Wendelin und S. Leonbard, Bild von Rupert Dabernig, gemalt 1854. In der Kircbe 

zu Tangem bei Seeboden in Kärnten. Zeichnung von Kob. Lisch*ka 11 

^ Taf. n. 
Fig. 2. Altarbild von S. Leonbard bei Schellenberg. Zeichnung von Ferdinand Spiegel .... 39 

• Taf. m. 

Fig. 3. Gefangener S. Leonhards. Eiserne Opferfigur. Niederbayem 48 

Fig. 4. Gefangener S. Leonhards. Eiserne Opferfigur aus dem Nonsberg (?), Südtirol. Museum 

Ferdinandeum in Innsbruck 48 

Fig. 5. Opferwachskerzen in der Ghiadenkapelle zu Altötting 81 

^Taf. IV. 

Fig. 6. Lichtständer, Opferkerzen und Wachsstocke am Allerseelenaltar der Kirche S. Job. Bap. 

zu Dingolfing am 2. November 1903 83 

Fig. 7. Gotischer Wachskerzenständer. Nationalmuseum München 83 

^Taf. V. 

Fig. 8. Himmelsschlüssel aus Wachs. Yom Wachszieher Ebenböck in München 83 

Fig. 9. Ganzer Wachsopferkörper. Kevelaer. y, natürl. Größe 86 

Fig. 10. Wachsopferarm. Kevelaer. V, natürl. Größe 85 

Fig. 11. Wachsopferhand. Kevelaer. Natürl. Größe 85 

Fig. 12. Wachsopferauge. Kevelaer. Natürl. Größe 85 

Fig. 13. Wachsopferkopf' Kevelaer. Natürl. Größe 85 

Fig. 14. Wachsopferzähne. Kevelaer. NatürL Größe 85 

' Taf. VI. 

Fig. 15. Hölzerne Yotivfig^ren in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Schaftlach bei Tölz ... 96 

Fig. 16. Opferwickelkind aus Wachs. Millstatt in Kärnten 96 

Fig. 17. Opferwickelkind aus Eisen. S. Leonbard im Lavwittale 97 

Fig. 18. Opferfigur aus Wachs. 17. Jahrhundert. Gmünd in Kärnten 97 



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XIV Verzeichnis der Abbildungen. 

^Taf. VII. 

Seite 

Fig. 19. Opferfigur aus Wachs. 18. Jahrhundert Millstatt in Kärnten 97 

Fig. 20. Opferfigur aus Wachs. 18. Jahrhundert. Millstatt in Kärnten . . . • 97 

Fig. 21. Reiter? Eiserne Opferfigur mit Hut und Andeutung der Kleidung. Sammlung des 

histor. Vereins für Oberbayern 97 

Fig. 22. Eiserne Opferfrau. S. Leonhard im Lavanttale 97 



V 



Taf. VIII. 



Fig. 23. Bemalte Opferfigur einer betenden Frau aus Eisenblech 98 

Fig. 24. Eiserne weibliche Opferfigur. Aus dem Nonsberg? Museum Ferdinandeum. Innsbruck. 98 

Fig. 25. Opferfigur aus Eisen von S. Leonhard im Lavanttale 98 

Fig. 26. Opferfigur aus Eisen von S. Leonhard im Lavanttale 98 

Fig. 27. Opfer-Eisenmännehen. Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen am Inn 98 

Fig. 28. Aus Holz gesägtes Opfermänncheu. Di*ei Ähren im ElsalS 98 

v^Taf. LK. 

Fig. 29. Silberblechvotiv auf schwarzem Samt. Kranke im Bette, oben S. Leonhard. Niederbayern 98 
Fig. 30. Silberblechvotiv auf schwarzem Samt. Betende Frau und Wickelkind. Postlingberg 

bei Linz a. d. Donau 98 

^ Taf. X. 

Fig. 31. Menschliche Opferfigur aus Papier ausgeschnitten. S. Wolfgang in Kaysersberg. Elsaß 99 

Fig. 32. Der Würdinger zu Aigen 101 

Fig. 33. Der Weiberlienel zu Aigen 101 

Fig. 34. Der Ranagl zu Aigen 101 

Fig. 35. Der Gwandzerreißer in Aigen 101 

Fig. 36. Das Kolmännel zu Aigen 101 

Taf. XI. 

Fig. 37. Das Fatschenkind zu Aigen 102 

Fig. 38. Der Würdinger von Grongörgen. Bayerisches Nationalmuseum in München 102 

Fig. 39 a und b. Der Eisenmann von Buttenwiesen. Museum in Augsburg 103 

' Taf. XII. 

Fig. 40. Opferkopf aus Wachs. 17. Jahrhundert. Aus Gmünd in Kärnten 113 

Fig. 41. Hölzerner Opferkopf, aus einem Brett geschnitten. S. Wolfgangskapelle, Kaysersberg, Elsaß 113 

Fig. 42. Schmiedeeisenie Opferhand (Schwurhand?) aus Ganacker 114 

Fig. 43. Hölzerne Opferhand mit steifem Zeigefinger. S. Koloman in Thalgau, Salzburg .... 115 

Fig. 44. Opferhand aus Eisenblech. S. Leonhard im Lavanttale 115 

Taf. XIU. 

Fig. 45. Bemalter hölzerner Opferarm mit Verband. Wieskapelle bei Rottalmünster 116 

Fig. 46. Opferarm aus Wachs mit Beule 116 

Fig. 47. Eiserner Opferarm. S. Leonhard im Lavanttale 116 

Fig. 48. Eiserne Bolzenspitze. Ausgrabung von S. Leonhard in Aigen 116 

^ Taf. XIV. 

Fig. 49. Opferbein aus Wachs 116 

Fig. 50. Eisernes Opferbein. S. Leonhard im Lavanttale 117 

Fig. 51. Opferholzbein (syphilitisch?). Maria Piain bei Salzburg 117 

Taf. XV. 

Fig. 52. Opferwachsbrust* 117 

Fig. 53. Doppelte Opferwachsbrust. Maria Lanzendorf bei Wien 117 

Fig. 54. Opferwachsrumpf. Aus Deggendorf 117 

Fig. 55. Opferaugen auf eine Blech taf el gemalt. Altenberg bei Trebesing in Kärnten 118 

Fig. 56. Opferaugenpaar aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Kärnten 119 



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Verzeichnis der Abbildungen. XV 
^Taf. XVI. 

Seite 

Fig. 57. Opferaugen paar aus Eisen. 8. Leonhard im Lavanttale. Kärnten 119 

Fig. 58. Hölzernes bemaltes Opferauge. Marienkapelle in Laatsch. Vinschgau 119 

Fig. 69. Hölzerne bemalte Opferaugen. Agums bei Prad in Südtirol 119 

Fig. 60. Hölzerne bemalte Opferaugen. Südtirol 119 

Fig. 61. Opferaugen aus Wachs. Vorder- und Rückseite. Spittal a. d. Drau 120 

Fig. 62. Opferaugen aus Wachs. Oberbayern 120 

^ Taf. XVn. 

Fig. 63. Hölzerne, rot bemalte Opferzunge aus Ag^ms im Vinschgau 120 

Fig. 64. Opferzunge aus rotem Wachs mit Luftröhre. Hallein 120 

Fig. 66. Opferwachsohr. Vierzehnheiligen am Main 121 

Fig. 66. Opferwachsohr. Model Math. Ebenböck, München 121 

Fig. 67. Opferwachsohr. Salzburg 121 

Fig. 68. Opferkiefer aus weißem Wachs. München 122 

^Taf. XVm. 

Fig. 69 a und b. Hölzerne Opferlungl. Hinterlohner Kapelle bei Ach. Vorderseite und Rückseite 126 

Fig. 70. Hölzerne Opferlungl. Heiligenstatt bei Friedburg 126 

Fig. 71. Hölzerne Opferlungl. Heiligenstatt bei Friedburg 120 

^ Taf. XIX. 

Fig. 72. Tönerne Lungl mit Luftröhre. Aus dem Rottale 126 

Fig. 73. Hölzerne, bemalte Opfereingeweide von Haselbach bei Branoau. Sammlung des Herrn 

V. Preen in Ostemberg 126 

P'ig. 74. Hölzerne Lungl. Langwinkel im Rottale 126 

Fig. 75. Hölzerne Lungl. Aus dem Salzburgischen 126 

Fig. 76. Hölzerne Lungl. Heiligenstatt bei Friedburg 126 

Fig. 77. Opferwachslunge aus Salzburg 126 

""Taf. XX. 

Fig. 78. Opferwachslunge aus Maria Piain 126 

Fig. 79. Opfei'wachslunge aus Altötting 126 

Fig. 80. Silbernes Opferherz. Hinterlohner Kapelle bei Ach 127 

Fig. 81. Verziertes Opferwachsherz. Spittal a. d. Drau 127 

Fig. 82. Opferluftröhre aus Wachs. Dingolfing 128 

^ Taf. XXL 

Fig. 83. Eiserne Opferkröte aus Bayern. Museum in Wiesbaden. Vg natürl. Größe 131 

Fig. 84. Eiserne Opferkröte im Museum zu Mülhausen, Elsaß 132 

Fig. 85. Opferkröte aus Eisenblech. Vom Friedhof zu Weiler im Elsaß 132 

Fig. 86. Opferkröte aus Eisenblech. Vom Friedhof zu Weiler im Elsaß 132 

Fig. 87. Schmiedeeiserne Opferkröte. S. Leonhard im Lavanttale 132 

"^ Taf. XXn. 

Fig. 88. Opferkröte aus Eisenblech. Ganacker in Niederbayern. 7a natürl. Größe 133 

Fig. 89. Opferkröte (Frosch) aus Schmiedeeisen. S. Leonhard im Lavanttale. V,o natürl. Größe 133 

Fig. 90. Opferkröte aus Eisenblech. Ganacker 133 

Fig. 91. Schmiedeeiserne Opferkröte (aus A igen?). Gennanisches Museum, Nürnberg. Vk, nat. Gr. 133 

Fig. 92. Eiserne Opferkröte. Ganacker. V,o natürl. Größe • . . 133 

' Taf. XXIIL 

Fig. 93. Eiserne Opferkröte. Ganacker. Vio natürl. Größe 133 

Fig. 94. Opferwachskröte mit Menschengesicht. Berchtesgaden. Vg natürl. Größe 133 

Fig. 95. Opferkröte aus weißem Wachs. Maria Piain bei Salzburg. Vs natürl. Große 133 

Fig. 96. Opferkröte aus weißem Wachs. Niederbayem. Va natürl. Größe 133 

Fig. 97. Opferkröte aus weißem Wachs. Salzburg. V^ natürl. Größe 138 



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XYI VerzeiobniB der Abbildungen. 

-Taf. XXIV. 

Fig. 98. Opferkröte aus Silberblech. Altötting. V» natürl. Größe 138 

Fig. 99. Opferkröte aus Silberblech. Kloster Andechs am Ammersee. Va natürl. Größe . . . 133 

Fig. 100. „Bärmutter". Opferstaohelkugel aus Südtirol. Vs natürl. Größe 137 

Fig. 101. „Bärmutter". Opferstachelkugel aus Agums in SüdtiroL Va natürl. Größe 137 

Fig. 102. Tönerne Opferkopf ume von Yalentinshaft. 18 cm hoch 141 

^Taf. XXV. 

Fig. 103. Tönerne Opferkopfurne von S. Alban. 12 cm hoch 141 

Fig. 104. Tönerne Opferkopf ume von Langwinkel. 10 cm hoch 141 

Fig. 105. Tönerne Opferkopf ume von Langwinkel. 9 cm hoch 141 

Fig. 106. Tönerne Opferkopfume von Langwinkel. 6% cm hoch 141 

Fig. 107. Tönerne Opferkopfume von Taubenbach. 12 cm hoch 141 

Fig. 108. Bemalter Opferpferdeschenkel aus Holz. Aigen am Inn. Va natürl. Größe 152 

Fig. 109. Eisernes Opferpferd. Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen. "/a natürl. Größe . . . 153 

" Taf. XXVL 

Fig. 110. Eisernes Opferrössel von S. Leonhard in Aigen. Vs natürl. Größe 153 

Fig. 111. Eisemes Opferrössel von Ganacker, V4 natürl. Größe 158 

Fig. 112. Eisemes Opferrössel vom Böttberg bei Oberwarngau. Obei'bayern. V^ natürl. Größe . 153 

Fig. 113. Opferrössel aus Eisenblech. Julbach am Inn. '/^ natürl. Größe 153 

Fig. 114. Opferrössel aus Wachs. Gmünd in Kärnten. "/^ natürl. Größe 153 

^ Taf. XXVII. 

Fig. 115. Opferrössel aus Wachs. Spittal a. d. Drau. Va natürl. Größe 153 

Fig. 116. Opferrössel aus rotem Wachs. V4 natürl. Größe. Oberbayern 153 

Fig. 117. Trächtige Stute. Eiserne Opferfigur von Aigen. V4 natürl. Größe 158 

Fig. 118. Opferkuh mit Kalb aus Wachs. Millstatt in Kärnten. Va natürl. Größe 153 

Fig. 119. Opferrind aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vs natürl. Größe 154 

Taf. XXVIIL 

Fig. 120. Opferkuh aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vs natürl. Größe 154 

Fig. 121. Opferkalb aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vs natürl. Größe 154 

Fig. 122. Opferochsengespann mit Joch aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. V4 natürl. Größe 154 

V Taf. XXIX. 

Fig. 123. Eiserne Glückskuh von Gmünd in Kärnten. Vs natürl. Größe 154 

Fig. 124. Eiserne Opferkuh von Aigen am Inn. Va natürl. Größe 91 u. 154 

Fig. 125. Opferschwein aus Eisenblech mit aufgemalten Ferkeln. Aigen. Vs natürl. Größe . . 154 

Fig. 126. Eisemes Opferschwein. S. Leonhard im Lavanttale. Va natürl. Größe 155 

^ Taf. XXX. 

Fig. 127 a. Opferschwein aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vs natürl. Größe 155 

Fig. 127b. Kopf des vorigen von oben gesehen 155 

Fig. 128. Eisemes Opferschwein von S. Leonhard am Forst bei Melk. Va natürl. Größe .... 155 

Fig. 129. Opferschwein aus Wachs. Millstatt in Kärnten. Va natürl. Größe 155 

Fig. 130. Opferschwein aus Wachs. Maria Lanzendorf bei Wien. Vg natürl. Größe 155 

^ Taf. XXXL 

Fig. 131. Hölzernes, bemaltes Opferschwein von S.Wolf gang am Wolfsberg. Seeboden, Kärnten. 

Va natürl. Größe 155 

Fig. 132. Opferschaf aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Va natürl. Größe 155 

Fig. 133. Opferschaf aus Wachs. Spittal a. d. Drau. Va natürl. Größe 155 

Fig. 134. Opferschaf aus Wachs. Millstatt in Kärnten. Va natürl. Größe 165 



V 



Taf. XXXn. 



Fig. 135. Opferziege aus Eisen. S. Leonhard, Lavanttal. Vs natürl. Größe 155 

P'ig. 136. Opferziege aus Eisenblech. Julbach am Inn. V4 natürl. Größe 91 u. 155 



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yerzeiohnis der Abbildungen. XYII 

8«ito 

Fig. 137. Eiserne Opfergans. Aigen. V4 natürl. Größe 165 

Fig. 138. Eiserne Opferbiene. Neuem in Böhmen. */» natürL Größe 155 

Fig. 139. Eiserner Opferbienenstock. Aigen am Inn. Vs natürl. Größe 155 

Fig. 140. Opferschlange aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. V4 natürl. Größe 156 



Abbildungen im Texte. 

Fig. 1. Heiligenbilder von Maria Zell zum Verschlucken bei Krankheiten 21 

Fig. 2. Die heiligen drei Brunnen bei Trafoi in Tirol 28 

Fig. 3. Flasche für S. Wolfgangswasser von S. Wolfgang am Abersee 25 

Fig. 4. Holzki'euze, niedergelegt von Büßera in Maria Piain 28 

Fig. 5. Jochei, der Büßer von Obersalzberg bei Berchtesgaden 1904 30 

Fig. 6. Eisenmännchen in Kreuzigungsstellung. Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen 1903 32 

Fig. 7. S. Leonhardstatue in Kundl von 1481 40 

Fig. 8. Mittelalterlicher Bleijeton mit S. Leonhard. Aus der Seine bei Paris 44 

Fig. 9. Titelblatt des S. Leonhard - Mirakelbuohs von 1593 45 

Fig. 10. Opfereisenmännchen mit Leibring. Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen 1903 ... 48 

Fig. 11. Blechtäf eichen mit S. Leonhard. Zum Annageln an Stalltüren 52 

Fig. 12. Die Opfereisentiere vor S. Leonhard zu Ganaoker am 7. November 1903 63 

Fig. 13. Die kettenumspannte Leonhardskapelle in Tölz 70 

Fig. 14. Die kettenumspannte Leonhardskirche in Ganacker 71 

Fig. 15. Kleines Votivhufeisen von Egling 74 

Fig. 16. Votivhufeisengruppe von der Kirchentür von S. Leonhard über Brixen 74 

Fig. 17. Kirohentür von S. Leonhard in Ganacker mit Votivhufeisen 75 

Fig. 18. Eiserne Votivfiguren aus Huyssingen (Belgien) 88 

Fig. 19. Datiertes Rössel mit Füllen von Ganacker 1729 92 

Fig. 20. Der Leonhardsnagel in Inchenhofen 104 

Fig. 21. Abbildung des Leonhardsnagels auf dem Titelkupfer der Synopsis Miraoulorum MDCLIX 104 

Fig. 22. Kleine S. Leonhardsstatue aus Eisen in Inchenhofen 106 

Fig. 23. Phallisches Opfereisenmännchen. Ausgi*abung bei S. Leonhard in Aigen am Inn 1903 110 

Fig. 24. Opferhoden aus weißem Wachs. München 111 

Fig. 25. Votivtafel mit Opferstachelkugel von 1685 im Kloster Andechs 138 

Fig. 26. Holzkopf aus der Kolomanskapelle bei Oberhochstätt 145 

Fig. 27. Holzkopf aus der Kolomanskapelle bei Oberhochstätt 145 

Fig. 28. S. Johannesschüssel. Museum zu Reichenhall 146 

Fig. 29. S. Vitus im Kessel, Schnitzwerk in der Michaelskapelle zu Schwaz in Tirol 150 

Fig. 30. Eiserner Opferhammer aus dem Rottal 158 

Fig. 31. Hölzerner Opferhammer aus dem Rottal * 158 

Fig. 32. Hölzerner Opferhammer aus dem Inntal 159 

Fig. 33. Opfer-Pflugschar der Gemeinde Sulsemoos in Inchenhofen 159 

Fig. 34. Eiserner Opferstadel? Aus Aigen 162 

Fig. 35. Opferhaus aus Wachs. Oberbayem 162 

Fig. 36. Das Käsemirakel von S. Hermann in Bischofsmais 165 

Fig. 37. Gewimdener eiserner Opferring von S. Wolfgang in Steiermark 179 

Fig. 38. Opferwachskrönchen aus Eisenstadt (Ungarn) 179 



III 



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ABKÜRZUNGEN HÄUFIGER ANGEFÜHRTER WERKE. 



Bavaria = Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königi'eiches Bayern. 5 Bände. München 

1860 bis 1868. 

Höfler I., IL = Dr. M. Höfler, Votivgaben beim St. Leonha^rds-Kult in Oberbayem. Beiträge zur 
Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I. iii Band DC, 1891, S. 109 bis 136. 
Mit 40 Abbildungen; II. in Band XI, 1894, S. 45 bis 89. 

Kalender = Kalender für katholische Christen. Sulzbach 1841 bis 1900. 

S. Leonardas = S. Leonardus. Vilerlay gedenckwürdige Wunderzaichen, so Gott der Almechtig durch 
mittel vnd fürbitt S. Leonhards, bey seinem Gottshaoß zu Inchenhofen gewürckt 
hatt. Gedruckt im Gottshauß Thierhaupten jm Jar 1593. 

Leoprechting =: Karl Freiherr v. Leoprechting. Aus dem Lechrain. Zur deutschen Sitten- und 
Sagönkunde. München 1855. 

Maria Piain = Güldene Gnaden- Verfassung oder Ewag denkwürdiges Stüfft- vnd Opffer-Buech vnser 
Lieben Frawen Gottshaus Mariae Trost am Piain, worinnen alle Guethätter vnd 
Guethätterin von 1672 an ... . zu höchst schuldgebührender Ehren sind auf- 
gezeichnet zu finden. Manuskriptfoliant der Wallfahrtskirche Maria Piain bei 
Salzburg bis Ende des 18. Jahrhunderts regelmäßig geführt, aber fast nur Ver- 
zeichnis der silbernen Weihegaben. 

Panzer := Friedrich Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie. Bayerische Sagen und 

Bräuche. 2 Bände. München 1848, 1855. 

Schmeller = Bayerisches Wörterbuch von J. Andreas Sohmeller. Zweite Ausgabe von 
G. Karl Frommann. München 1872. 

Stieda = Dr. L. Sti^da. Anatomisch - archäologische Studien. IL Anatomisches über alt- 

italische Weihegeschenke (Donaria). Mit 28 Abbildungen. Wiesbaden 1901. 

Synopsis = Synopsis Miraculorum et Beneficiorum sev vincvla charitatis. Lieb -Bänder vnd 

Ketten -Glider, welche berührt vnd vbernatürlich an sich gezogen der wunder- 
thätige Magnet Abbt und Beichtiger S. Leonardus. München MDCLIX. 

Trede = Th. Trede, Das Heidentum in der römischen Kirche. Bilder aus dem religiösen und 

sittlichen Leben Süditaliens. 4 Bände. Gotha 1889 bis 1891. 

S. Wolfgang = S. Wolffgangs Deß H. Beichtigers vnd Bischoffen zu Regenspurg Herkommen, Leben 
vnd Ableiben : Auch Deßen vralten weitberhümten im Gebürg am Abersee bey 
Saltzburg durch jhn erbawten Capellen — — durch Johann Christophen, 
Abbten dess Klosters Monsee. Cumi Licentia Superiorum. Saltzburg 1599. 



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Einleitung. 

Das katholische Volk im südlichen Teile des Deutschen Reiches und in den benach- 
barten österreichischen Landen kennt weder den Ausdruck „Votiv*' noch „Weihegeschenk". 
Es faßt beides ohne Unterscheidung unter der Bezeichnung „Opfer*' zusammen; es „verlobt" 
sich ein Opfer zu bringen, dem man es nicht immer ansehen kann, ob es als Dank- 
oder als Wunsch- und Bittgabe am Altare niedergelegt wurde. Beide Beweggründe 
sind vorhanden. 

Die Opfergaben, die niemals ohne eine bestimmte Veranlassung erfolgen, werden ein- 
mal dargebracht infolge eines Gelübdes, ex voto; Votum bezeichnet sowohl das Gelübde als 
die gelobte Gabe. Der fremde Ausdruck findet sich auf den Tafeln und einzelnen Gegen- 
ständen, ohne daß aber das Volk über ihn klar ist; es deutet ihn einfach als Opfer. 
Diese Opfergaben erfolgen dann, wenn ein ausgesprochener Wunsch durch die Fürbitte 
eines Heiligen in Erfüllung gegangen ist und es handelt sich nun um eine Votivgabe. 
Sie ist der Ausdruck des Dankes und die Bestätigung für die gewährte Bitte. 

Wu-d dagegen das Opfer im voraus gebracht, um den Heiligen für die Erfüllung 
einer Bitte günstig zu stimmen und seine mächtige Hilfe bei Gott für den, der sich an 
ihn wendet, zu erlangen, dann ist es ein Weihegeschenk. 

In dem einen wie in dem anderen Falle handelt es sich fast nur um rein persön- 
liche Angelegenheiten, die vom Opfernden entweder für seine eigene Person oder stell- 
vertretend für einen anderen dem Heiligen zur günstigen Erledigung nahe gelegt werden. 
Seltener erfolgen die Opfer ganzer Gemeinden. Vota pro patria, pro imperio, wie sie 
bei den alten Römern so vielfach vorkommen, kennt das süddeutsche Volk nicht. Es 
handelt hier nur im persönlichen Interesse. 

Die Beweggründe, welche die Gläubigen zum Opfern veranlassen, sind ungemein 
mannigfacher All, aber schließlich lassen sie sich aus dem lebhaften Bewußtsein der 
gänzlichen Abhängigkeit des Menschen vom Gnaden willen der Gottheit und aus der 
Dankesschuld für die Erweisung ihrer Huld erklären. Zieht man, wie dieses z. B. Tylor 
getan hat ^), bei der Erläuterung der Beweggi'ünde zum Opfern noch menschliche Ana- 
logien herbei, so kann man auf die Geschenke verweisen, die etwa ein niedrig stehender 
Mann einem mächtigen Herrn darbietet, um Gutes zu erlangen oder seine Hilfe zu er- 
bitten. Wie die irdischen Geschenke lassen sich auch die Opfergaben einteilen: Das 
gelegentliche Geschenk, das aus irgend einem besonderen Anlasse oder aus Dank ge- 
macht wird, der periodische Tribut, den der Untertan dem Herrscher zollt, die Abgabe 
an den Staat für die Sicherung des Besitzes oder den Schutz des erworbenen Eigentums. 
Dieses alles kehrt in gleicher oder ähnlicher Weise auch bei den Opfergaben wieder. 
Bei weitem am häufigsten sind die gelegentlichen Opfer bei Körper- und Geisteskrank- 



AnfäDge der Kultur II, S. 394. 

Andree, Votiro wnA Weih«igaben. 



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2 Opfergaben der Ägypter und Israeliten. 

beiten, Gefabi'ea, Unglücksfällen, Geburtsnöten u. dergl. Als periodiscben Tribut können 
wir die regelmäßig wiederkehrenden Opfer ganzer Gemeinden an einen Heiligen be- 
trachten, während die Abgaben au den Herrscher oder den Staat mit den vorbeugenden 
Opfern verglichen werden dürfen, die um Gedeihen von Feldern und Vieh, um Bewahrung 
der Familie vor Krankheiten im voraus geleistet werden. 

Wie der Weit eines Geschenkes an einen Menschen dadurch sich erhöht, daß es 
in guter Absicht und aus Hochachtung vor dem Empfänger dargebracht wird und der 
Geber damit eine feierliche und zeremonielle Art der Übergabe verknüpft, so ist es 
auch bei unseren Opfern der Fall, wo der Gläubige unter Gebet dem Heiligen seine 
Grabe auf dessen Altar niederlegt und um Gewährung seines Anliegens durch dessen 
Fürbitte bei Gott fleht. Freilich tritt dabei auch zuweilen die notwendige Reinheit des 
Beweggrundes in den Hintergrund, der Opfernde glaubt infolge seiner Kulthandlung und 
Gabe, die höhere Gewalt sei ihm nunmehr verpflichtet und müsse sich ihm, gleich- 
viel ob er um rechtes oder unrechtes bitte, gnädig erweisen. 

Wenn heute noch von Hundei-ttausenden in ganz gewaltigen Mengen, aus den mannig- 
fachsten persönlichsten Beweggründen Opfer in den verschiedensten Formen vom katho- 
lischen Volk Süddeutschlands den Heiligen dargebracht werden, so steht es mit diesem 
Vorgehen nur an der Seite der übrigen katholischen Europäer, der Anhänger der griechisch- 
orthodoxen Kirche, der Heiden des klassischen Altertums, der Juden, der Buddhisten und 
vieler Naturvölker, die alle aus dem gleichen Bedürfnisse und vielfach in gleicher oder 
ähnlicher Weise opfern. Das Opfern in seiner verschiedenen Gestalt ist so alt, als wir 
geschichtliche Nachrichten besitzen, hervorgegangen aus dem gleichen Bedüi'fnisse der 
Natur- und Kulturmenschen, die sämtlich bestrebt sind, die Gottheit sich gnädig und 
hilfreich zu stimmen. 

Weihegeschenke für die Gottheit und die Heiligen oder die ihnen ähnlichen ver- 
ehrten Heroen und kleinereu Götter, die aber nicht im Gottesdienst Verwendung fanden, 
sondern an den heiligen Stätten aufbewahi't wurden und zu deren Ausschmückung dienten, 
sind bei allen Völkern des Altertums bekannt. Die alten Ägypter stellten Augen, 
Ohren , Hände usw. im Falle der Erkrankung dieser Körperteile in den Tempeln auf i). 
Auch bei den alten Israeliten waren Weihegeschenke Sitte, wo sie unter der Bezeich- 
nung Korbau vorkommen, d. h. feierlich dargebrachtes, in die Nähe Gottes getragenes 
Geschenk^). Am häufigsten fand dieses infolge eines Gelübdes statt Den Reich- 
tum des Tempelschatzes erhöhend standen goldene Gefäße und Geräte, als Weihe- 
gaben niedergelegt, im Tempel zu Jerusalem wie heute im Kirchenschatze zu 
Altötting, Mariazeil oder Andechs und ohne Bedenken nahmen die Priester zur Ver- 
mehnmg des Schatzes auch Schenkungen von Fremden und Heiden entgegen, so daß 
das Heiligtum von solchen Gaben pi-achtvoU erglänzte '). Auch goldene Tierfiguren 
und Körperteile hingen im Tempel zu Jerusalem, welche mehr den Charakter eines Sühne- 
opfers ti-ugen. Samuel*) gibt uns über deren Geschichte und Beschaffenheit nähere 
Auskunft. Die Philister hatten die Bundeslade entführt und wurden von Jehovah da- 



^) Wilkinson, Manners and cnstoms of the ancient Egyptians III, p. 395. 

*) Z. B. Mos. 31, Vers 50: Darum bringen wir dem Herrn Geschenke, was ein jeglicher ge- 
funden hat von goldenem Gerate , Ketten , Armgesohmeide , Ringen . Ohrringen und Spangen , daß 
unsere Seelen versöhnt werden vor dem Herrn. 

^) Schon die persischen Könige, namentlich Darius und Artaxerxes, machten zur Zeit des zweiten 
Tempels häufig kosthare Schenkungen an Silber, Gold, Gefäßen, worüber Esra, Kap. 7 u. 8, berichtet. 

*) 1, Kapitel 5 und 6. 



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Weibegeschenke der klassischen Yiilkcr. 3 

für ao heimlichen Stellen ihres Körpers mit Beulen gestraft; viele starben an der Seuche 
und gleichzeitig verheerten Mäuse die Ernte. Da machten sie auf den Rat der Priester 
fünf goldene Mäuse und fünf goldene Ärse, wie es in der Lutherschen Übersetzung 
heißt, und sandten sie. samt der entführten Bundeslade in den Tempel nach Jerusalem^). 

Bei den heidnischen Völkern des klassischen Altertums war es durchweg Brauch, 
die Götter mit Gaben zu beschenken und dadurch sie günstig und hilfebereit zu stimmen, 
worüber ihrerseits die Götter nur erfreut waren. „Selbst den Göttern sind Gkiben wert", 
sagt Euripides in der Medea und in der Iphigenia: „Ich bin durch den heiligen Hain 
gegangen, wo sie die Götter mit Gaben erfreuen." Viele Stellen der griechischen und 
römischen Dichter erwähnen die Weihegeschenke, die noch massenhaft gefunden 
wurden und in unseren Museen aufbewahrt werden. 

An bestimmten Stellen der Altis zu Olympia fanden sich in größeren Mengen 
bis zu hunderten beisammen, kleine Bronze- und Tonfigürchen, Tiergestalten, Pferde, 
Rinder, Vögel, Menschen von sehr urwüchsiger Arbeit. Manche der Vierfüßler lassen 
überhaupt nicht erkennen, welche Tiere sie darstellen sollen, andere zeigen sich schon 
charakterisiert, so auch die Menschen, die oft in kindlichster Unbeholfenheit erscheinen, 
während andere besser gearbeitet sind. Namentlich am gi-oßen Altar des Zeus, am 
Aschenaltar der Hera und an einigen anderen Altarstellen häuften sich diese Figuren. 
„Man erkennt deutlich", sagt Adolf Boetticher 3) , „den Zusammenhang zwischen dem 
Auftreten der kleinen Figuren und der Bestimmung der Ortlichkeiten. In frommer 
Verehrung oder mit hoffender Bitte um den Schutz der Gottheit ist hier ein Geschlecht, 
von dem wir geschichtliche Kunde nicht besitzen, den Altären genaht und hat sein 
eigenes Bildnis, das seiner Lieben und seines Besitztums, seiner Rosse imd Rinder, seines 
jagdbaren Wildes, auf ihren Stufen niedergelegt." 

Zahllos sind die Opfergaben, die dem heilkräftigen Gotte Asklepios z. B. zu Epidauros 
dargebracht wurden, wo dui'ch seine Wunder sogar Verstorbene wieder ins Leben 
zurückgerufen wurden, wo Ki^üppel, Aussätzige, Kranke aller Art aus nah und fem 
zusammenströmten und ihre Opfergaben auf dem Altare des Gottes niederlegten und 
wo auch die Geheilten ihrer Dankbarkeit Ausdruck verliehen. Bemalte Basreliefs mit 
Szenen aus dem göttlichen Heilverfahren, plastische Abbildungen nicht nur des gesun- 
deten Gliedes, sondern der ganzen Person des Leidenden in Gold, Silber oder Bronze 
und eine unübersehbare Menge anderer Gegenstände, alles dieses wurde gnädig auf- 
genommen. Aber nicht ohne Zahlung vollbringt der Gott seine Wunderheilungen. 

Es ist so gut wie sicher, daß die heutigen Griechen den Brauch, Votivgaben den 
Heiligen zu weihen, aus dem hellenischen Altertum in das Christentum hinübergenommen 
haben, wiewohl der Zusammenhang nicht immer klar oder schwer zu erweisen. •Allerdings 
wurde alles im christlichen Sinne geändert, aber die aus Metall oder Wachs geformten 
Körperteile, welche leidende oder geheilte Glieder, Hände, Füße, Augen usw. darstellen 
und infolge gemachter Gelübde heute in den christlichen Kapellen und Kirchen Griechen- 
lands aufgestellt sind, können die antiken Ahnen nicht verleugnen. „Eine Inschrift, 
welche aus dem von Ki-anken vielbesuchten Tempel des Amphiaraos bei Oropos her- 
stammt, führt unter zahlreichen anderen Gegenständen (besonders Gerätschaften und 
Münzen) auch menschliche Gliedmaßen als Weihegeschenke hier Geheilter an, nämlich 
nQoöoSniov (Gesicht, zweimal), titd'og (Mutterbrust), odSolov (Schamteil, zweimal), xbIq 

^) Es handelte sich hier wohl um eine Bubonenpest, wie dieses Hopf, Die Anfänge der Ana- 
tomie, Breslau 1904, S. 53 auseinandersetzt 
*) Olympia, Berlin 1883, S. 169. 

1* 



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4 WeihegeBchenke der klassiscbeu Völker. 

(Hand)." Im britischen Museum befinden sich die 1803 an einer Felswand der Pnyx 
in Athen aufgefundeneu marmornen Körperteile (Fuß, Arme, Augen, Gesiohtsteile, weib- 
liche Brust), die, wie die Inschriften dartun, dem an dieser Stelle verehrten Zeus Hyp- 
sistos für Genesung infolge eines Gelübdes dargebracht wurden '); 

In Altitalien war es nicht anders und auch hier lassen sich die Votive, die heute 
dort dargebracht werden, auf klassische Ahnen zurückführen. Ein Blick in unsere 
Museen genügt, um dieses zu beweisen. Ein Gang durch das Nationalmuseum in Neapel 
zeigt uns die gut gearbeiteten menschlichen Körperteile aus Ton und Bronze, Votivgaben 
Geheilter aus dem Isistempel in Pompeji; der zweite Saal des Müuchener Antiquariums 
enthält Votivstücke aus Ton von Vulci, Calvi, Cervetri und Pferde, Rinder, Schweine, 
Hunde, die gleich den Äpfeln, Granaten, Trauben und menschlichen Gliedmaßen aus 
Heiligtümern herrühren. Letztere bedeuten Votivgeschenke geheilter Personen, so die 
ganz naturalistisch gebildeten Füße, zum Teil PlattfüJße, krumme Beine, eine Hand mit 
zweimal durchstochenem Finger, Augen, Ohren und Nachbildungen innerer Organe, wie 
Teile des Gedärms, der Gebärmutter usw. 

Wie massenhaft die Votive dargebracht wurden, ersieht man aus einer Mittei- 
lung aus dem Jahre 1836, wonach beim Ablassen des kleinen Alpeusees am Monte 
Falcone 600 bis 700 kleine Bronzen, meist menschliche Figuren, entdeckt wurden, welche 
die Anne so ausgestreckt hielten, als ob sie Geschenke darreichen wollten oder die 
deutlich Wunden und Krankheit zeigen. Dazu andere Votivgaben: Köpfe, Glieder, 
Tiere, unverkennbar Weihegaben, die von einem ehemals auf dem Berge vorhandenen 
Heiligtume herrührten 2). 

Es sind dieses nur wenige aus der Fülle herausgegriffene Beispiele für die Be- 
schaffenheit und Beweggiünde der Votive bei den klassischen Völkern, wer aber die 
nachfolgenden Erläuterungen über die Kultopfer in Süddeutschland liest, der wird über 
die Übereinstimmung in beiden Fällen erstaunen und an sofortige Übertragung denken. 
So sehr eine solche auch in einzelnen Fällen wahrscheinlich ist, wovon an den betreffen- 
den Stellen gesprochen werden soll, ist doch selbständige Entstehung der meisten Opfer, 
aus der inneren Natur des der Gottheit gegenüber hilfesuchenden Menschen heraus, 
anzunehmen und auch noch auf eine zweite Quelle der Abstammung der Opfergebräuche, 
das germanische Heidentum, hinzuweisen. 

Der Übergang vom Heidentum zum Christentum vollzog sich in Rom sowohl wie 
bei den Germanen nur in allmählicher Weise. Wenn auch die Bekehrung scheinbai* 
eine vollständige geworden war, so saßen doch noch lange heidnische Gebräuche und 
Vorstellungen fest, welche nur stufenweise der christlichen Religion wichen und bis 
heute noch in einzelnen Überlebseln fortwuchern. Wir müssen annehmen, daß im Be- 
ginn der Bekehrung in den Vorstellimgen der Neuchristen eine Mischung der religiösen 
Anschauungen stattfand, gerade so, wie sich dieses auch heute noch in Missionsgebieten 
erkennen läßt, wo die Getauften wohl äußerlich oft Christen, innerlich aber noch Heiden 
sind und gelegentlich noch Rückfälle ins Heidentum stattfinden *). 

^) B. Schmidt, Das Volksleben der Neugriechen 1871, S. 70, 71. 

*) Dennis, The cities and cemeteries of Etruria, nach Stieda, S. 54. 

**) Ein lehrreiches Beispiel, wie 400 Jahre nach der Bekehrung der mexikanischen Indianer 
zum Christentum noch das Heidentum unter ihnen fortdauert, erzählt Prof. E. Seier von einem alt- 
heidnischen Götzenbilde des Windgottes, das bis 1881 auf dem Haupt altar der Pfarrkirche des Dorfes 
Santa Maria Mixistlan stand. Als es bei einer Kirchenvisitation entfernt wurde, wehklagen die 
Indianer, küiiten den Götzen und behaupteten, nun werde der Himmel ihnen keinen Regen mehr 
senden. — Globus, Bd. 69, S. 367. 



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überwog der Germanen zum Christentum. 5 

Wie die christlichen Bekehrer gegenüber den Heiden vorgingen, darüber fehlt es 
nicht an Nachrichten, wir wissen, daß sie politische!- Weise viel Heidnisches anfangs 
noch duldeten, ja selbst in die christliche Kirche übernahmen, um zum Ziele zu ge- 
langen. Gerade dadurch, daß man in vielen Fällen die heidnischen Kulthandlungen 
schonend behandelte, traten oft die Heiden schnell und in großen Massen zum Christen- 
tum über; manches auf religiösem und geistigem Gebiete wurde dabei, wenn auch um- 
geformt, in den neuen Glauben mit hinübergenommen und die geistige Schutzmacht 
heidnischer Götter auf christliche Heilige übertragen. Auch die Verwertung heidnischer 
Tempel zu christlichen Kirchen, die unter Theodosius und anderen nachfolgenden 
Kaisem immer mehr Platz griff, erwies sich vorteilhaft für die Bekämpfung und Umfor- 
mung heidnischer Bräuche und Vorstellungen. Da, wo jetzt der Christ als Sieger zum 
einigen Gott betet, waren vor kurzem noch heidnische Zeremonien verrichtet worden, 
die den Neubekehrten noch genau bekannt waren, an denen sie wohl selbst noch teil- 
genommen hatten. Heilige Gemälde, Statuen, Altäre, Weihrauchpfannen, Votivgaben 
befanden sich schon in den Heidentempeln und konnten teilweise, wenn auch unter 
anderen Benennungen, ihren alten Platz behaupten, zumal wenn sie unschuldiger Art 
waren. Denn, wie man das Gebäude des Tempels selbst benutzte, brauchte man auch an 
einem Teil der inneren Einrichtung keinen Anstoß zu nehmen. Vieles blieb und gelangte 
von Rom aus mit dem Christentum auch nach Norden, fand dort seine Fortsetzung und 
hinterließ bis heute seine Spuren. 

Es bedarf weiter keines Nachweises mehr, daß auch die christliche Kirche aus 
dem germanischen Heidentum manches übernahm. Die Religion unserer heidnischen 
Vorfahren war im wesentlichen eine Naturreligion, deren Feste sich dem Laufe der 
Jahreszeiten anschloß und die christliche Kirche setzte ihre Feste und Bräuche an die / 
Stelle der heidnischen. Weihnachten, Neujahr, Dreikönigstag z. B. fallen zusammen mit 
den heidnischen Zwölfnächten. Was nicht unmittelbar gegen die christliche Anschauung 
verstieß, konnte in Sitten und Gebräuchen beibehalten werden. Es steht fest, daß an 
Orten, wo einst altheidnische Kultstätten sich befanden, christliche Kirchen erbaut 
wurden und altheidnisohe Begräbnisstätten wurden — wie Ausgrabungen bewiesen 
haben — in christliche Friedhöfe umgewandelt. Über heidnische Art und Brauch ergoß 
sich der Schein christlicher Berechtigung. Bei der im Anfange der Bekehrung einge- 
tretenen Mischung von heidnischen und christlichen Vorstellungen müssen an solchen Orten 
mehr oder minder versteckt auch noch heidnische Kulthandlungen fortbestanden haben. 

Heidnische Mißbräuche, welche die Heiligkeit der Kirchen entweihten, dauerten 
noch lange bis ins Mittelalter fort, wie zahlreiche Verbote in Konzilienbeschlüssen, 
Kapitularien und Bußbüchern beweisen. Zähe hielten anfangs die alten Deutschen 
noch an altheidnischen Gebräuchen fest und flüchteten teilweise in den Heiligenkult. 
Es ist durch Gregor den Großen belegt, daß man den Heiligen nach alter Weise Tiere 
zum Opfer schlachtete. Er hatte angeordnet, daß man die Kirchen vom Kultus der 
Dämonen befreien und für den Dienst des wahren Gottes einrichten solle. Statt aber 
den Dämonen und dem Teufel Ochsen zu schlachten, solle man solche in den Lauben 
um die Kirchen beim frommen Mahle zum Lobe Gottes verzehren. 

Unter den heidnischen Bräuchen , welche in Deutschland mit in das Christentum, 
bald widerstrebend, bald still duldend, übernommen wurden, befanden sich auch die 
Opfergaben, wofür vollgültige, über tausend Jahre alte Beweise vorliegen. Vergeblich 
hatte die Kirche dagegen angekämpft, aber sie söhnte sich schließlich damit aus und 
nahm in christianisierter Form die heidnischen Opfer in ihi*en Schoß auf, sie gleich- 



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6 Altdeutsche Opfergaben. 

zeitig zu einer ergiebigen, bis auf den beutigen Tag fließenden Einnabmequelle maobend. 
Zwar die Menscbenopfer und die Tieropfer verbannte sie, letztere allerdings nur so 
alknäblicb, daß beute nocb ein schwacher Rest davon vorhanden ist. Aber die kleinen leb- 
losen Opfer, die Votiv- und Weihegaben wurden unverkürzt übernommen und vermehrt, 
so daß sie bis heute in vollster Geltung ihren Platz behaupten, kräftiger und massenhafter, 
als sie je der heidnische Germane seinen Göttern, Quellen oder heiligen Hainen weihte. 

Der Indiculus superstitionum et paganianim i), welcher der Zeit Karls des Großen 
zugewiesen wird, ist eine Liste heidnischer abergläubischer Meinungen und Gebräuche 
von großer Bedeutung für das deutsche Altertum. In ihm werden unter Nr. 29 deut- 
lich heidnische Votivgaben bezeichnet. De ligneis pedibus vel manibus pagano ritu 
lautet der Paragraph — kein Zweifel, daß diese Holzhände und Holzfüße die gleichen 
Opfergaben sind, wie wir sie in Menge heute noch in den Wallfahitskapellen sehen, 
denn solche heidnische Opfergaben werden für das deutsche Gebiet auch durch 
andere Quellen bestätigt, durch Gregorius von Tours (6. Jahrh. *), welcher von Köln 
berichtet: „Erat ibi fanum quoddam diversis omamentis refertum, in quo barbaries 
opima libamina exhibens usque ad vomitum cibo potuque replebatur. Ibi et simulacra 
et deum adorans, membra secundum quod unumquem dolor attigisset, sculpebat in ligno 
ac ut quemque affecti membri dolor presserat, in ligno sculpebat, suspendebatque opi- 
tulaturo idolo.^ Dazu kommt die Mahnung des Pirminius ') : „Membra ex ligno facta 
in trivios et ad arbores vel alio nolite facire neque mittere, quia nulla(m) 8anitate(m) 
vobis possunt prestare." Freilich ersehen wir daraus noch nicht, ob es sich nur um 
Glieder von heilungsuchenden Kranken handelt, die hier aufgehängt wurden, oder ob 
sie nur für erfolgte Heilung dankend dargebracht wurden. Wohl beides, wenn wir nach 
der Analogie aus dem Mittelalter und der Gegenwart zuiückschließen dürfen. 

Langsam anfangs ist das Christentum bei den deutschen Völkern vorgeschritten, 
bis es, neunhundert Jahre nach Christus, nach der Bekehrung der Sachsen, unser ganzes 
Volk umfaßte. Im sechsten Jahrhundert war es schon bei Franken und Alemannen, bei 
den Bayern erst im siebenten und achten Jahrhundert zur Geltung gelangt Hier hängt 
es wesentlich mit dem Auftreten des heiligen Rupertus zusammen, des ersten Glaubens- 
boten in nachrömischer Zeit, der noch Reste römischer Christen in Bayern vorfand, 
deren Christentum allerdings noch stark mit heidnischen Elementen durchsetzt war und 
die wohl nach heidnisch-römischer Art Weihegeschenke auch an christlichen Kultstätten 
niederlegten. Wenn auch der große Missionar der Bayern seine Tätigkeit zunächst den 
römischen Chiisten des Landes zuwendete, deren Christentum fadenscheinig geworden 
war^ um es von altrömischen und heidnischen Bestandteilen zu reinigen*), so ist es ihm 
und seinem Nachfolger doch nicht gelungen, die nach altheidnischer Art dargebrachten 
Opfergaben auszurotten, bei denen sich römische und germanische Anschauung gleich- 
gestimmt trafen und sie fortdauern ließen bis auf unsere Tage. 

') Vgl. A. Saupe im Programm des städtischen Realgymnasiums zu Leipzig 1891 und 
Dr. Öenek Zibrt, Seznam povSr a zvyklosti pohanskyoh v VIII vSku. v Praze 1894. 

•) De vita ss. patnun, cap. 6 nach Grimm, DM* I. 66. Saupe, Indiculus p. 33. Zibrt, 
Str. 138. 

») Saupe, p. 33. 

*) Fastinger in Monatsschr. d. histor. Ver. f. Oberbayern 1895. 



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Das Volk und die Heiligen. 

Die kathoÜBche Kirche macht die Anrufung der Heiligen keineswegs zur strengen 
Pflicht, sie erklärt nur, daß sie nützlich und heilsam sei; aber sie sieht es gerne, wenn 
das Volk sich recht häufig und innig an die Heiligen wendet und diesen seine Opfer 
darbringt Das Volk hofft von den erwählten Schutzheiligen, daß in den besonderen, 
ihnen durch Gebet nahegelegten Angelegenheiten sie durch ihre Fürbitte bei Gott ein- 
flußreich sein können, sie sind also Vermittler zwischen Gott und den Menschen. 
Letzteren bieten sie Gewähr für den Einfluß bei Gott dadurch, daß sie einst zu Lebzeiten 
ähnliche Leiden, wie der Bittsteller, ausgestanden und dadurch für sein Anliegen Ver- 
ständnis haben. Trifft die gewünschte Erfüllung der Bitte, eine Heilung oder dergleichen, 
ein, so steigt natürlich das Ansehen des Heiligen. Ist dieses nicht der Fall, was wohl 
noch öfter als die Erhörung sich ereignen dürfte, dann ist weiter keine Rede davon 
oder die Füi'bitte eines anderen, kräftigeren Heiligen wird angerufen. 

Die besonders verehrten Heiligen, die nach Zeit und Land sehr verschieden sind 
und eine große Auswahl gestatten, erscheinen tief mit dem Fühlen und Denken des 
Volkes verwachsen, und der Glaube an sie, als hilfreiche Vermittler zwischen Gott und 
den Menschen, ist ein uralter, zumal ihre Anrufung in zahlreichen Fällen sich wunderbar 
bewährt zu haben scheint Für jede Not hat das Volk seinen besonderen Heiligen, dem 
es Kirchen und Kapellen erbaut, in denen es dessen Bild aufstellt und dem es Opfer 
darbringt Hier, an geweihter Stätte, wirkt der Heilige besonders kräftig, hier ist er 
zu Hause, fühlt sich das zu ihm betende Volk ihm nahe, hier tritt es gleichsam in 
persönlichen Verkehr zu ihm, beschenkt es ihn gern mit Gaben, die ihn günstig stimmen 
sollen, oder löst es Versprechungen, Gelübde ein, die in Zeiten der Not, der Krankheit, 
der Schlacht, während eines Unglücksfalles dem Heiligen im Falle seiner Hilfe gemacht 
wurden; hier sind auch massenhaft die Opfergeschenke aufgestapelt, Zeugnisse, daß der 
Heilige Erhöi*ung gewährte oder ihm Bitten vorgetragen wurden. 

Wird es auch von selten der Kirche betont, daß die Heiligen nm* Fürbitter bei 
Gott seien und dieser allein gewähre, so tritt doch diese Lehre beim Volke vielfach in 
den Hintergrund und es wähnt, daß der Heilige unmittelbar eine ihm vorgetragene Bitte 
gewähren könne. Unbewußt kommen die alten polytheistischen Vorstellungen wieder 
zum Vorschein oder sie haben sich noch aus alter heidnbcher Zeit foitgesetzt, so daß 
man glauben kann, die vielen Heiligen seien einfach an die Stelle der alten Götter 
getreten, eine Ansicht, die oft genug ausgesprochen und mit mehr oder weniger Glück 
vertreten worden ist 

Die Kulte der Landbevölkerung tragen ein entschieden agrarisches Gepräge und in 
ihren Religionsübungen offenbart sich ein Teil des Bauemcharakters. Der Landmann 
bringt seinen Viehstand, das Gedeihen seiner Feldfrüchte, das Wetter und seine Wir- 



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8 Eigenschaften und Tätigkeit der Heiligen. 

kuDgen mit der Religion in Zusammenhang. Erwerb imd Gewinn, die bei ihm eine so 
große Rolle spielen, Eigennutz, Aberglauben, zähes Festhalten an alten Bräuchen, deren 
Sinn und Inhalt ihm oft schon abhanden gekommen ist, alles das spiegelt sich in seinen 
Kulthandlungen und nicht zum mindesten in seinen Yotivgaben wieder. Die Heiligen 
sind ihm für praktische Zwecke da, für das, was sie „gut sind", wie der Ausdruck lautet, 
das kennt der Bauer durch die Überlieferung, denn die Legende des Heiligen ist ihm 
wenig bekannt und neue Sagen umi*anken ihn vielfach. Dem Volke kommt es darauf 
an, zu wissen, wie der Heilige ihm nützen kann, wie es seinen Beistand erringt, durch 
seine Fürbitte schädliche Einwirkungen abhalten kann. Da hat der Heilige zunächst für 
die Heilung von Krankheiten zu sorgen, er soll das Vieh vor Seuchen, das Haus vor 
Feuersbrunst bewahren, für gutes Emtewetter sorgen und vor Hagelschlag schützen, er 
wird angerufen „in gewissen Anliegen", wie häufig Weihegaben bezeichnet sind, worunter 
heimliche Krankheiten, Liebesverlangen und selbst manchmal strafbare Dinge verstanden 
werden; der Heilige soll für alles und jedes sorgen. Aber nicht bloß der Einzelne tritt 
so bittend an den Heiligen heran, auch ganze Städte und Dörfer, Zünfte und Vereine 
nahen sich ihm bittend oder wählen ihn zu ihrem Schutzpatron. 

Zu all dem ist aber die Kenntnis der Eigenschaften und der Macht des Heiligen 
von nöten. Nicht ein jeder kann alles bewirken; der eine ist stärker für dieses, der 
andere für jenes. Auch Heilige haben ihren Ruf, auch sie unterliegen einer gewissen 
Mode und mancher, dessen Wallfahrtskapelle einst überlaufen war, wo reiche Gaben 
zusammenflössen, viele Wunder geschahen, sieht seine Stätte nun verödet; andere, denen 
neues Vertrauen entgegengebracht wurde, haben ihn ersetzt. Dabei wird einem und 
demselben Heiligen, gleichsam als ob er aus verschiedenen Personen bestände, an seinen 
verschiedenen Kultstätten eine verschieden große Kraft zugetraut Man spricht vom 
Ditramzeller, vom Aigener, vom Siegerts brunn er Leonhard wie von verschiedenen Heiligen. 
Von all den zahllosen Marien, die verehrt werden, sind jene zu Altötting, Einsiedeln, 
Mariazeil die kräftigsten und man kann hören, wie ihre Verdienste gegeneinander ab- 
gewogen werden. 

Natürlich haben sich die fürbittenden und helfenden Eigenschaften der Heiligen in 
der Voi-stellung des Volkes nur erst allmählich entwickelt Ein Heiliger, der anfangs 
nur in einer bestimmten Sache angerufen wurde, kam später in Ruf, für andere Dinge 
gut zu sein; er wuchs immer mehi' und sein Wirkungskreis umfaßte schließlich alles, was 
man von den Heiligen überhaupt verlangen konnte. Dabei kommt es vor, daß ältere 
Eigenschaften der Heiligen in Vergessenheit geraten und durch neue ersetzt werden, 
wie z. B. aus dem Menschenarzt S. Leonhard ein Heiler der kranken Haustiere wurde. 
Sehr oft sind auch verschiedene Heilige auf gleichem Gebiete tätig und der um Hilfe 
Flehende hat dann die Wahl, zu welchem er sich wenden will. Im Grunde vennögen 
aber alle Heiligen durch ihre Fürbitte das Gleiche zu erwirken. Wenn man beispiels- 
weise die verschiedenen im 17. Jahrhundert über S. Benno, den Schutzheiligen Münchens, 
erschienenen Mirakelbücher durchliest, findet man, oft wörtlich, die gleichen Wunder 
bewii'kt, die S. Wolfgang, S. Leonhard, S. Oswald, S. Martin usw. zugeschrieben werden 
und die auch mittelbar dm*ch das Wunderöl der h. Walburg vollbracht werden, welches 
dieselbe Wii'kung hat, wie die Füi-bitte der Heiligen bei Gott*). Weiß man nicht, an 
welchen Heiligen man sich wenden soll, dann naht man sich der alles umfassenden Jung- 



') Die durch das Öl bewirkten Mirakel sind ausführlich beschrieben in Eichstattisches Heilig- 
tum. Leben^ Tugenden usw. der seligen jungfraulichen Äbtissin Walburga. 3 Teile. Regensburg 1750, 



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Verschiedener WirkuDgskreis der Heiligen. Patronate. 9 

frau Maria, die in den verschiedensten Fällen stets für die beste und sicherste Helferin 
und Fürbitterin gehalten wird und hinter der alle übrigen Heiligen zurückstehen. 

Aber die Wahl ist oft schwer. So wird hier bei Epilepsie S. Valentin, dort 
S. Johann Chrysostomus angerufen; gegen das Fieber wendet man sich an S. Petronella 
oder S. Martinus; gegen Hagelschlag vei-sicherte S. Donatus, S. Johannes der Täufer 
und der heilige Apostel Paulus. Pestpatrone gibt es in großer Anzahl: S. Rochus, 
S. Sebastian, S. Adrian, S. Sebaldus, S. Karl Bonomäus, S. Rosalia. Desgleichen haben 
die Gebärenden die Auswahl zwischen S. Margaretha, S. Leonhard, S. Notburga, S. Wal- 
burga, S. Franciscus von Paula, S. Ignatius. 

Es sind oft eigentümliche Begründungen, welche den Heiligen ihr Patronat bei Geburten 
verschaffen. So ist S. Margaretha Patronin der Gebärenden, weil sie, von einem Drachen 
verschlungen, durch das Ki-euzzeichen den Bauch des Untieres sprengte und aus ihm sieg- 
reich hervortrat Ihr Gürtel wurde von kreißenden Frauen in schweren Geburten angelegt. 

Ursprünglich scheint die wund erwirkende Kraft der verschiedenen Heiligen oder 
deren besonderes Fürbittamt getrennt gewesen zu sein, ein jeder wirkte in seiner be- 
sonderen Sphäre; aber das vermischte sich im Laufe der Zeiten und die verschiedenen 
Heiligen ti'aten in der Volksmeinung miteinander in Wettbewerb. Oft wirkte dabei die 
Unwissenheit des Opfernden mit oder es trat Verwechslung der Heiligen ein. 

Das sind nicht neue, ei-st seit der Einführung des Christentums entstandene Volks- 
meinungen, sie waren ähnlich vorhanden im deutschen Heidentum und genau so aus- 
geprägt im klassischen Altertum, nur daß man hier sich unmittelbar an die zahlreichen 
Götter wandte. „Athene ist Vorsteherin im Kriege, Ai-temis ist Helferin bei Geburten, 
Aphrodite hat die Heiratsangelegenheiten zu besorgen", sagt Pausanias^). Auch Hera 
war unter dem Xamen Eileythya Schützeriii der Geburten, die von den kreißenden Frauen 
angerufen wurde, was in Rom Juno Lucina besorgte: 

Schone der schwangeren Frau, hilfreiche Lucina, und löse, 
Fleh' ich, aus kreißendem Schoß, sanft die gezeitigte Frucht*). 

Lehnt die Kirche es auch ab, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die 
Heiligen Verehrung, wie das Volk sie auffaßt, einen stark polytheistischen Zug nach Art 
des alten Heidentums zeigt. Der sichtbar dargestellte Heilige, an den fürbittend der 
Gläubige sich wendet, erscheint ihm auch weit näher als der unsichtbare Gott; jener ist 
oft bewährt gewesen, das sagen ja die vielen Votivtafeln oder die örtlichen Überlief e- 
nmgen, auf ihn kann man sich verlassen; er. ist zur Ortsgottheit geworden. Von reinem 
Monotheismus ist da nicht mehr die Rede, die alten heidnischen Götter sind in anderer 
Form wieder auferstanden und werden in der Form der Heiligen verehrt. 

Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, die Heiligen hier . eingehender zu beleuchten 
und die Tätigkeit eines jeden einzelnen hier anzuführen. Da findet man genug erbau- 
liche Schriften, in denen dies schon geschehen ist für solche, die nicht die Acta Sanc- 
torum durchstudieren wollen. Ich will nur noch hervorheben, wie die Heiligen als 
Schutzpatrone sich zu einzelnen Gewerben und Ständen stellen, wie sie für besondere 
Bjankheiten und Bedürfnisse angerufen werden, was sich dann in den ihnen dar- 
gebrachten Weihegeschenken äußert Von irgend welcher Vollständigkeit muß ich aber 
auch hier absehen, zumal da, wo es sich um Schutzheilige handelt, die bei anderen 
Völkern in Ansehen stehen. 



>) IV, 30. 

") Ovid, Festkalender, II, 451. 

Andre e, Votive und Weihegaben. 



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10 Schutzpatrone. 

Von den Schutzpatronen einzelner Stände und Gewerbe führe ich hier eine 
Anzahl namentlich in Süddeutschland verehrter an, unter Weglassung solcher, die uns 
später noch näher beschäftigen werden. Bekannt ist S. Hubertus (3. November) als 
Schutzpatron der Jäger. Durch die Erscheinung eines Hirsches mit strahlendem Kreuze 
zwischen dem Geweih, den er 'an einem Sonntag erlegen wollte, wurde Hubertus von 
seinem sündhaften Leben bekehrt und starb 728 als Bischof von Maastricht. — S. Niko- 
laus (6. Dezember) ist Patron der Schiffer; er beruhigte auf einer Reise nach Palästina 
einen wilden Meeressturm und wird gewöhnlich mit drei goldenen Kugeln auf einem 
Buche abgebildet — S. Laurentius (10. August) ist Patron der Köche und Kuchen- 
bäcker, weil dieser Märtyrer unter Kaiser Valerian lebendig auf einem Roste gebraten 
und mit einem solchen dargestellt wird. — S. Crispinus (25. Oktober), ein Märtyrer 
aus der diokletianischen Zeit, fertigte für die Armen Schuhe und ist deshalb Patron der 
Schuster. Von ihm sagt ein Volksspruch: 

Erispin machte für die Armen Sohuh 
Und stahl das Leder dazu. 

Eine sehr sympathische Erscheinung in unserem Gebiete ist die S. Notburg a. 
Zwar ist sie erat 1862 von Pius IX. heilig gesprochen worden, aber schon lange vorher 
hat sie das Volk hoch verehrt und in Sachen der Landwirtschaft, der Geburten und bei 
Krankheiten des Viehs angerufen. Hauptsitz ihrer Verehrung ist das Unterinntal, wo 
sie auch zu Hause war und ihre einfache, aber schöne Lebensgeschichte sich abspielt 
In dem malerischen Rattenberg am Inn zeigte man mir in der Hauptstraße ihr Geburts- 
haus, wo sie 1267 das Licht der Welt erblickt haben soll und an dem ihre Legende 
abgemalt ist Da ist, analog der Legende von der h. Elisabeth, gezeigt, wie Brot, das 
sie Armen gegen den Willen ihrer Herrin darbringt, in Hobelspäne verwandelt wird, da 
hängt ihre Sichel, ihr Attribut, schwebend in der Luft, womit sie bewies, daß man 
nach der Abendglocke nicht mehr arbeiten solle, da ist auch abgebildet, wie ihr Sarg 
von Ochsen durch den Inn gezogen wird, der sich beiderseits zurückzieht und der 
Heiligen eine trockene Durchfahrt gestattet Zu Eben im Achental liegt sie bestattet; 
dort wurden 1718 ihre Gebeine ausgegraben, schön geschmückt und auf dem Altar zur 
Verehrung ausgestellt*). Oft ist sie auf den Häusern des Unterinntales mit dem Sichel- 
wimder dargestellt und der Münchener Maler Eduard Grützner hat sie bei Rotholz, 
am Eingange des Zillertales, auf einem schönen Bildstöckel verewigt, als fromme Magd 
in der Landestracht, mit den Zöpfen um das Haupt gewunden und mit der Sichel in 
der Hand. 

Häufig ist im Unteriuntal auf den Hausbildern zu S. Notburga der h. Isidor 
gesellt, der auch als Schutzpatron der Bauern gilt Als ihn sein harter Herr einmal 
zwang, ein steinhartes Feld zu ackern, tat dieses für ihn ein Engel mit einem Gespann 
schneeweißer Rinder. Begreiflich, daß ein solches Ackerverfahren in den steinigen und 
bergigen Alpenlandschaften Anerkennung und dem Heiligen zu seinem Patronate ver- 
helfen mußte. 

S. Barbara ist eine berühmte Heilige und Märtyrerin; sie stammte aus Nikomedia 
in Kleinasien und ihr Tag ist der 4. Dezember; mit S. Katharina und S. Margaretha 
gehört sie zu den 14 Nothelfem und dargestellt wird sie entweder mit einem Turm 
oder einem Kelche, über dem eine Hostie schwebt Diese Heilige ist die Schutz- 



*) Vgl dazu Zingerle, Sagen aus Tirol. Innsbruck 1891, S. 200 n. 496. Steub, Drei Sommer 
in Tirol. 3. Aufl., S. 137 ff. 



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Schutzpatrone. 1 1 

patronin der Artillerie, Arsenale, Pulverkammern und der Bergleute. Die milde 
Heilige kam dazu, das Sohießpulver unter sich zu haben, „weil man sich gelobte, 
nur einen heiligen Gebrauch davon zu machen zur Ehre Gottes^ ^), was nun leider nicht 
immer der Fall gewesen. Auf französischen Kriegsschiffen hieß die Pulverkammer 
8. Barbe und in der Kapelle des Arsenals zu Wien wird an ihrem Tage feierlicher 
Gottesdienst gehalten, zu dem die Artillerie ausrückt Da die Bergleute viel mit Spreng- 
pulver zu tun haben, so erwählten auch sie S. Barbara zur Patronin und feiern sie noch 
heute. Wiewohl Schwaz in Tirol als Bergwerkstadt von seiner einstigen Blüte sehr 
herabgestiegen ist, haben die dortigen Knappen ihr doch erst 1901 ein Standbild 
gesetzt, mit folgender Inschrift: 

Und fragt ihr, warum Wache hier 

S. Barhara sollt halten? 

Wohl ist ihr Bild die rechte Zier 

Auf diesem Platz, dem alten. 

Wie sich die Knappen ihr geweiht 

In ruhmesreiohen Tagen 

Soll heut und in der Zukunft Zeit 

Das Sohwazer Herz ihr schlagen. 

S. Katharina (25. November), eine Märtyrerin, die gerädeit werden sollte; aber 
das Rad zersprang und mit dem zerbrochenen Rade wird sie dargestellt Sie ist 
Patronin der Wagner und Müller, die mit Rädern zu tun haben, aber auch der Univer- 
sitäten, wegen ihrer Gelehrsamkeit — S. Eligius (1. Dezember), von den Franzosen 
S. Eloi genannt, ursprünglich ein fränkischer Goldschmied, wurde 640 Bischof von Noyon. 
Da er, an sein Gewerbe erinnernd, mit Hammer und Zange abgebildet ist, wurde er 
Schutzpatron der Schmiede. Man findet ihn daher auch auf Schmieden abgebildet, 
gewöhnlich in der Art, daß er einem Pferde das abgebrochene Bein wieder anheilt 
Ich verweise hier auf eine recht hübsche Darstellung über der sehr alten Spiegel- 
schmiede in Brixlegg (Tirol), wo ein Bauer in Landestracht dem Heiligen das drei- 
beinige Pferd vorführt und er den vierten Fuß anheilt Das Bild scheint aus dem 
18. Jahrhundert zu stammen^). — S. Georg (23. April). Die Geschichte dieses 
berühmten Heiligen ist dunkel, man weiß wenig von ihm und sein Dasein ist angezweifelt 
worden. Trotzdem ist er einer der verbreitetsten und verehrtesten Heiligen geworden, 
der als Ritter und Drachenkämpfer dargestellt wird. Er ist Schutzpatron der Kavallerie, 
der Waffenschmiede und Büchsenmacher. — S. Martin (11. November), Bischof von 
Tours, gestorben 397, ein sehr großer Heiliger, der in seiner Mildtätigkeit einem 
Bettler die Hälfte seines Mantels schenkte und dabei- Palron der Bettler wurde. Ei* 
sitzt als Krieger auf weißem Schimmel, darum ist er auch Schutzherr der Krieger. — 
S. Wendelin (20. Oktober), ein schottischer Pilger aus vornehmem Hause, lebte als 
Hirt in der Gegend von Trier und starb 617. An seinem Grabe entstand die Stadt 
St Wendel. Er wird stets als Jüngling mit Hirtenstab und Tasche abgebildet, zu seinen 
Füßen eine Krone, seine hohe Abkimft andeutend. Ei* ist Patron der Schäfer (Taf. 1, 
^S' ^)' — ^' Joseph (19. März), der Pflegevater Christi, ist wegen seines Handwerks 
Patron der Zimmerleute. — S. Lukas (18. Oktober), Patron der Maler, weil von ihm 
die Sage geht, er habe Bilder des Heilandes und der Mutter Maria gemalt, was schon 



») Wolfg. Menzel, Christi Symbolik I, S. 107. 

*) Vgl. dazu die Abhandlung von H. Gaidoz, St. Eloi in Melusine, Tome V, p. 101 et VII, 
26 ff., wo die Verbreitung der Legende nachgewiesen wird. 



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12 Schutzpatrone. 

im 6. Jahrhimdert ei-zählt wurde. — S. Cäcilia (22. November), Patiouin der Musiker, 
wurde aber erst seit dem 15. und 1(). Jahrhundert mit musikalischen Instrumenten, 
namentlich der Orgel, dargestellt — S. Gertrud (17. Mära), eine Brabanterin aus 
vornehmem Geschlechte, starb 659, ist Schutzpatronin der Gärten, denn an ihrem Tage 
beginnen die Gartenarbeiten. Sie wird abgebildet mit ihrem Äbtissinnenstabe, an 
welchem eine Maus emporkriecht, weil sie auch gut für die Abwehr der Feldmäuse ist — 
S. Sebastian (20. Januar), der fromme christliche Krieger, den Diokletian durch mau- 
retanische Bogenschützen erschießen ließ, ist Patron der Schützen. Dieses ist sein 
bekanntestes Patronat^). Früher galt er namentlich als Schutzpatron gegen die Pest, 
neben dem h. Rochus und aus jener Zeit stammen auch noch die Sebastianspfeile, die 
man an alten Rosenkränzen (sog. Beten) noch sehen kann. Mit diesen kleinen Metallpfeilen 
berührt man die Stirn, um gegen ansteckende Krankheiten, namentlich die Pest, geschützt 
zu sein. Im Sebastiansliede vom 1707 heißt es: 

Die solche Pfeile tragen 
Nicht nach der Feste fragen*). 

Als Schutzpatron der Liebenden gilt der h. Antonius von Padua und daher ist 
sein in so vielen Kirchen und Kapellen befindlicher Altar eine gern besuchte Andachts- 
stätte, an welcher viele Täf eichen hängen, auf denen gedruckt steht: „H. Antonius 
hilf" oder „Antonius hat geholfen". Ein Gebet beginnt: 

Heiliger Antonius, ich flehe dich an, 
Schick mir einen braven Mann. 

„Es werden (in Tirol) von den Verliebten geradezu schriftliche Eingaben in der 
Form beschriebener Zettelchen gemacht, die hinter das Bild des Heiligen gesteckt werden 
und die an Deutlichkeit des Hinweises auf den geliebten Gegenstand nichts zu wünschen 
übrig lassen. Daß hierbei der danebenstehende Opferstock nicht zu kurz kommt, ist 
selbstverständlich s)." 

S. Johannes der Täufer hat verschiedene Patronate zu versehen. Weil er sich 
in der Wüste sein Kleid selbst aus Fellen machte, haben ihn die Schneider erkoren 
und da er die ersten Steine zum Bau der unsichtbaren Kirche beiti'ug, wurde er Patron 
der Maurer und infolge dessen auch der Freimaurer, die am Johannistage ihr größtes 
Fest feiern. 

Groß ist die Zahl jener Heiligen, die in besonderen Krankheiten angerufen werden *). 
Sie treten geradezu an die Stelle der Ärzte und wenn auch bei einer Krankheit ein Arzt 
zugezogen wird, so kommt doch oft dem Heiligen an Cluster Stelle das Verdienst zu, 
die Heilung bewirkt zu haben, wie vielfach die Inschriften der Votive bezeugen. 



*) Aber auch die Färber erkoren sich ihn zum Schutzpatron. Über den Grund klärt uns die 
Zunftlade der Färber zu Landshut vom Jahre 1718 auf, die unter dem Bildnis des Heiligen folgende 
Verse enthält: ^.^ Handweroh billig hat ererbt 

S. Sebastian der Ritter. 
Weil ihm sein Leib mit Bluet geferbt 
Bey Gott sey unser Vorbitter. 
Sein Haupt wird in der Klosterkirche zu Eberberg in Bayern aufbewahrt; freilich will auch 
Luxemburg das echte Haupt besitzen. Die Hirnschale zu Eberberg ist in Silber gefaßt und aus 
dieser wird den Pilgern durch eine Röhre geweihter Wein zu trinken gegeben. 
*) L. V. Hör mann, Das Tiroler Bauern jähr. Innsbruck 1899, S. 197. 
") L. v. Hörmann, a. a. 0., S. 199. 

*) M. Höfler, Die Kalenderheiligen als Krankheitspatrone beim bayerischen Volke. Zeitschr. 
d. Ver. f. Volkskunde I, S. 292. 



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Krankheitapatroiie. Die 14 Nothelfer. 13 

S. Ottilia und S. Lucia helfen in Augenkrankheiten, von ihnen wird noch die Rede 
sein. — S. Erasmus (2. Juni), ein Bischof in Gaeta, starb 303, von dem die Legende 
berichtet, die Eingeweide seien ihm aus dem Unterleibe hei-ausgehaspelt worden und so 
wird er auch, oder nur mit dem Haspel, dargestellt Das verschaffte ihm das Patronat 
über die Drechsler und die besondere lleilki*aft für Unterleibsleiden. — S. Hubertus 
konnte mit seinem goldenen Schlüssel den BiJJ toller Hunde heilen und wird daher bei 
Wasserscheu angerufen i). — S. Blasius (3. Februar) hilft bei Halsleiden. — S. Rochus 
(16. August), geboren 1295 zu Montpellier, tnig bei seiner Gebui-t ein Muttermal in 
Form eines roten Kreuzes auf der Brust, das sich mit der Zeit immer schöner entwickelte. 
Er widmete sich der Pflege der Pestkranken und wurde selbst von der Seuche ergriffen, 
gesundete aber. So wurde er im Mittelalter Patron der Pestki-anken und kam zu hohem 
Ruhm, zumal als er 1414 während des Konzils zu Konstanz gegen die dort herrschende 
Pest angei-ufen wurde, die denn auch vei-schwand. Sein Bild in den vielen Pestkapellen, 
mit den Beulen am Beine, macht keinen angenehmen Eindruck. — S. Petronella 
(31. Mai) ist eine vorzügliche Fürbitterin bei Fieber und S. Vitus (Veit, 15. Juni) wurde 
im Mittelalter bei der epidemisch auftretenden Tanzwut, der Chorea Sancti Viti, Veits- 
tanz, angerufen. S. Vitus war ein frommer sizilianischer Knabe, der mit 12 Jahren den 
Märtyreitod erlitt. Weil er in einem Kessel voll siedenden Öls zu Tode gemartert wurde, 
erkoren ihn die Kupferschmiede zum Schutzpatron, außerdem die Tänzer. 

Was andere Anliegen, abgesehen von Krankheiten, betrifft, bei denen man sich an 
die Heiligen wendet, so löscht S. Florian (4. Mai) Feuersbrünste oder bewahrt vor 
solchen; S. Medardus (8. Juni) sorgt für fruchtbares Wetter, indessen gelingt es ihm 
nicht immer und namentlich, wenn zur Zeit der Heuernte, die mit seinem Jahrestage 
zusammenfällt, Regengüsse das Trocknen verhindern, dann ist das Volk mit ihm unzu- 
frieden und beehrt ihn mit dem wenig hübschen Namen „Heubrunzer'*. S. Vincenz 
(22. Januar) schafft gestohlenes Gut herbei; S. Johannes v. Nepomuk(16. Mai) schützt 
vor Wassersnot und ist Patron der Brücken, weil er 1S83 von der Prager Brücke in 
die Moldau gestürzt wmde. Selbst gegen das Sauerwerden des Bieres hilft ein Heiliger, 
S. Ludwig 2). Welcher von den beiden diesen Namen führenden Heiligen, der Bischof 
von Toulouse (19. August) und der König von Frankreich (25. August) diese ersprieß- 
liche Tätigkeit ausübt, vermag ich nicht zu sagen. 

Die am meisten in Unglücksfällen und Krankheiten angerufenen Heiligen faßt man 
zusammen unter der Bezeichnung der Vierzehn Nothelfer (8. Juli); ihre Verehrung 
soll in Deutschland im 14. Jahihuudert während der Pest aufgekommen sein und ihnen 
sind eigene Kirchen geweiht, unter denen die berühmteste jene zu Vierzehnheiligen 
oder Frankenthal am Main ist Unter den vierzehn Nothelfem versteht man folgende 
Heilige: Georg, Blasius, Erasmus, Pantaleon, Vitus, Christoph, Dionysius, Cyiiacus, Achatius, 
Eustachius, Ägydius, Margaretha, Barbara, Kathaiina. Also elf Männer und nur drei 
Frauen. Die letzteren sind aber auch, abgesehen von Maria, die drei wichtigsten heiligen 
Frauen, was in Altbayem auch durch einen Spruch anerkannt wird: 

Barbara mit dem Turm, 
Margaretha mit dem Wurm, 
Katharina mit dem Radel, 
Sind die drei heiligen MadeL 



*) Dazu vergleiche das vortreffliche volkskundige Werk von H. Gaidoz, La rage et S. Hubert 
in der Bibliotheca Mythica. Paris 1887. 
*) Kalender 1849, S. 77. 



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14 Nicht anerkannte Heilige. Die h. Kümmernis. 

Nicht ohne Einfluß auf die von den Heiligen zugeschriebenen Wirkungen ist die 
Volksetymologie geblieben. Stimmt der Name des Heiligen nur ungefähr mit der 
Bezeichnung einer Krankheit, so wird er zum Helfer gegen diese erkoren. So kommt 
es, daß sich die Epileptiker, die an der fallenden Sucht Leidenden, an S. Yalentiu 
wenden, Augenkranke an S. Augustin und der h. Blasius heilt durch Blasen, ein Brauch, 
der an seinem Tage (3. Februar) in den Ku*chen durch die Geistlichen ausgeübt wird. 
S. Gallus, auf seinen Namen anspielend, wird mit einem Hahn dargestellt und bt Schutz- 
patron der Hühner; S. Severus veranlaßt heiteres Wetter. 

Ursprünglich war für die Heiligsprechung das Martyrium unerläßlich gewesen und 
die ältesten Heiligen sind Märtyrer. Erst später gaben Verdienste und gottseliger 
Wandel während des Lebens Anrecht auf Heiligsprechung. Die aus solchen Gründen 
heilig gesprochenen sind die allein von der Kirche anerkannten Heiligen, neben denen es 
aber noch eine Anzahl gibt, welche die Kirche nicht anerkennt. So groß auch die Zahl 
der vorhandenen wirklichen Heiligen ist, zu denen immer noch neue hinzukommen, und 
die genügen sollten, um* die Fürbitten oder Patronate auszuüben, hat das Volk an ihnen 
noch nicht genug und schafft sich zu jenen aus eigener Machtvollkommenheit noch Heilige, 
die zuweilen bei ihm in größerem Ansehen stehen, als manche der von der Eorche aner- 
kannten. Das sind recht eigentliche Volksheilige, bei denen das Volk nicht danach 
fragt, ob sie kanonisiert sind. Zunächst liegen genug Fälle vor, wo ein besonders tugend- 
hafter und kirchlich gesinnter Mann oder eine keusche, tugendhafte Jungfrau, die viel- 
leicht auch in dem Gerüche standen, Wunder vollbracht zu haben, in der Volksmeinung 
und Verehrung zu Heiligen emporrückten, wohin viele von der Kirche als „Selige" Be- 
zeichnete gehören, Männer und Frauen, die sich gleichsam im Übergange zur Kanonisation 
befinden. 

Von verschiedenen solcher „Heiligen", und diese sind die wichtigsten unter den 
nicht anerkannten, weiß man aber gar nicht, von wannen sie kommen, wie sie in den 
Geruch der Heiligkeit gelangten. Die Forschung hat da in der mühsamsten Weise ein- 
gesetzt, um über das Wesen solcher Heiligen ins E^lare zu kommen, so daß über einzelne 
eine ganze Literatur entstand. Das gilt zunächst von der viel besprochenen h. Kümmernis, 
die mir in zahlreichen Kirchen und Kapellen begegnete, in der höchsten Verehrung 
steht, ja wiederholt der Mutter Gottes und anderen hohen Heiligen vom Volke gleich- 
wertig an die Seite gestellt wird. Man kann dieses in der 1883 von dem Ehepaar 
Leingartner der schmerzhaften Muttergottes zu Neuötting erbauten Kapelle erkennen, 
wo ein Bildnis der h. Kümmernis hängt mit der Unterschrift: „O du glorwürdige 
Martyrin heilige Jungfrau Kümmemiß I Du kennst mein Anliegen, hilf mir in vieler 
Qual u. Kümmemiß, um dieses bittet dich deine Verehrerin M. Z. Neuötting." Wenn 
der Kümmernis auch keine Kapellen geweiht sind, so trägt doch eine große Anzahl 
wegen der in ihnen aufgestellten und dort verehrten Kümmernisbilder ihre Namen. 

Der in der Not und Armut ist, 
Der komm zu mir, ich helf gewiß 

steht in der Schrift des 18. Jahrhunderts unter einem Kümmeraisbilde in der Fiiedhofs- 
kapelle bei der Pfarrkirche zu Dingolfing in Niederbayern und die vielen Wachsvotive 
geben Zeugnis davon, wie sehr dieses Bild verehrt wird. Die Kümmernis soll wegen 
Ehesegens angefleht werden und da man auch Wachskröten bei ihren Bildern findet, so 
wird sie wohl auch für Frauenleiden angesprochen. 

Um die schier endlose Literatur über diese Heilige nicht noch unnötig zu ver- 
mehren, will ich nur für jene, denen sie noch unbekannt ist, einige erläuternde Worte 



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Die h. Kümmernis. 15 

mitteileD. Nach der Legende, die erst im 15. Jahrhundert aufgekommen ist und zuerst 
1419 bezeugt wird, war Wilgefortis oder Comeria eines heidnischen sizilianischen Königs 
Tochter, der sie an einen heidnischen Fürsten vermählen wollte. Sie aber war Christin 
geworden und verschmähte den Heiden, weshalb ihr Vater sie in den Kerker werfen 
ließ, wo sie so lange schmachten sollte, bis sie sich seinem Willen fügte. Die Jungfrau 
aber bat Gott, er möge sie so entstellen, daß kein Mann sie mehr zum Weibe begehre. 
Da ließ ihr Gott einen Bart wachsen, worüber der Vater so ergrimmte, daß er die 
Tochter kreuzigen ließ. So erscheint sie auch auf den Bildern, mit einer Krone auf 
dem Haupte, bärtig, im langen, bis zu den Füßen herabhängenden Gewände ans Kreuz 
genagelt. Diese vielfach variierte Sage ist also nicht sehr alt und an sie schloß sich 
eine zweite: Ein armes Geigerlein wandte sich um Hilfe an die Heilige für seine in 
Not befindliche Familie und spielte ihr seine schönsten Weisen. Da warf ihm die 
Heilige einen ihrer goldenen Schuhe herab. Als dieser bd dem Geiger entdeckt wurde, 
glaubte man, er habe ihn gestohlen und wollte ihn hängen. Da erbat er sich als letzte 
Gnade, noch einmal vor der Kümmernis geigen zu dürfen, die ihm nun, zum Zeugnis, 
daß er unschuldig, auch den zweiten goldenen Schuh herniederwarf. So oder ähnlich 
hat die Kümmemissage eine weite Verbreitung. 

In Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, Fngland, Belgien, Niederdeutschland, 
Bayern, der Schweiz, in Tirol und Salzburg wird die Kümmernis, wenn auch unter ver- 
schiedenen Namen, verehrt. S. Wilgefortis, S. Comeria (woraus Kümmernis entstanden 
sein soll), Ohnkummer, Outkomern, Liberata, Combre, Regenfladis, S. Hülpe usw. sind 
die Namen für die gleiche, bärtige, mit langem Gewände bekleidete gekreuzigte Jung- 
frau. Die Lösung des Rätsels ist einfach: Die Kümmernisbilder sind entstanden aus 
den alten romanischen bekleideten und mit einer Krone versehenen Christusbildern, die 
den Heiland noch lebend am Kreuze darstellen. Ei-st seit dem 13. Jahrhundert erscheint 
der Heiland fast nackt und mit der Dornenkrone auf dem Haupte, ganz verschieden 
von den alten bekleideten Kreuzesbildem, aus denen, unverstanden, später die Kümmernis- 
bilder wurden. Damit ist die Sache aufgeklärt, die selbst 1727 dem Bollandisten, dem 
Jesuiten P. Cuper, welcher dem Kümmerniskultus nachspüi*te, so viel Kopfzerbrechen 
machte, daß er (unter Liberata, Acta Sanctorum V, p. 55, 20. Juli) schreibt: De sancta 
in titulo proposita acturus vaslum ingredior labyrinthum . . . . ut mihi vix ullum ex eo 
exitum promittere possim. Was die mit den Kümmernisbildem verknüpfte hübsche Sage 
von dem Geiger und dem Schuh betri^, so erfährt diese eine Aufklärung durch das 
wohl tausend Jahr alte, im Mittelalter hoch verehrte Bild des Gekreuzigten im Dome 
zu Lucca, welches unter der Bezeichnung Volto santo bekannt ist Auch hier ist der 
mit einer Krone geschmückte aus Zedemholz geschnitzte Heiland mit langem Gewände 
dargestellt, der Schuh des rechten Fußes ist gelöst und 'wird von einem darunter stehenden 
Kelche aufgenommen. Auch an dieses Kreuzbild heftete sich die Sage vom Geiger i). 

^) Ich verweise für mehr auf folgende Literatur: Schöppner, Sagenbuch der bayerischen Lande, 
1852, I, S. 426. — Panzer, II, S. 420. — Sighardt, Von München nach Landshut, 1859, S. 12. — 
Wolfgang Menzel, Christliche Symbolik, 1854, S. 110, 528, 535. — Ph. Schäfer, Histor.-kritische 
Abhandlung über den Hülfensberg im Eichsfelde, Heiligenstadt 1853. — H. Waldmann, Über den 
thüringischen Gott Stuffo, Heiligenstadt 1857. — Weinhold in Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde, IX, 
S. 322. — Huber, Fromme Sagen aus Salzburg, S. 80. — G. Schnür er. Der Kultus der h. Wilge- 
fortis in Freiburg (Schweiz), Freiburger Geschichtsblätter, IX, S. 74 (1893). — Derselbe, Die 
Kümmemisbilder, Jahresbericht des NeiJßer Kunst- und Altertumsvereins 1903, S. 21. — M. Höfler, 
Volksmedizin in Oberbayem, S. 18. — Sehr viel Stoff, namentlich über Kümmemisbilder mit Abbil- 
dungen im Kalender 1864, S. 49; 1865, S. 115; 1866, S. 121; 1867, S. 112 u. 1872, S. 104. 



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16 Die h. Kämmei'Dis. S. Christoph. Kakukalülla. Richildis. 

Durch Wallfahrer ist dann der berühmte Volto santo samt seiner Geigerlegende 
nach Norden über die Alpen biß an die Nordsee und nach England verbreitet worden, 
wo man die alten mit langer Bekleidung imd Krone versehenen romanischen Christus- 
bilder als Kümmemisbilder ansah. Nicht nur Wallfahi'er waren es, welche Nachbildungen 
des Volto Santo verbreiteten, noch weit mehr wirkten dafür die Lucchesen selbst, die 
den Volto santo sogar auf ihren Münzen und Siegeln anbringen ließen. Lucca war im 
Mittelalter berühmt durch seine kunstvolle Seiden- und Tuchweberei, durch die Her- 
stellung des Goldbrokates, Stoffe, die von da über die Alpen gingen ; die Luccheser Kunst- 
weber und Kaufleute nahmen aber die Verehrung des heimatlichen Heiligtums mit nach 
Norden, wo sie in Paris, Brügge, London selbst S. Vult- Kapellen errichteten. Handel 
und Kult gingen Hand in Hand und trugen in mittelalterlicher Zeit zur weiten Ver- 
breitung der heute noch verehrten, zur Volksheiligen gewordenen Kümmernis bei. 

Ein echter Volksheiliger, bei dem man an keine historische Person anknüpfen kann 
und der nm- in der Legende existiert, ist der Christusträger, der h. Christophorus, der 
auch zu den 14 Nothelfem gezählt wird und dessen Bildnis, riesengroß, man noch häufig 
außen an den Kirchen (Füssen, Tölz usw.) angemalt sieht, wie er das Christkind durch 
das Meer trägt, zuweilen begleitet von der Frage: 

S. Christoph trug Christum 
Und Christus die ganze Welt, 
Nun rate, wo Christoph 
Seinen Fuß hingestellt? 

Bis in das neunte Jahrhundert reicht die Legende der Heiligen und schon im zehnten 
wurde sie poetisch bearbeitet, Gott selbst läßt ihn Christus zu den Heiden tragen, der 
schwer, wie die ganze Welt, auf den Schultern des Riesen lastete. Die Legende hat 
viele Wandlungen und Änderungen durchgemacht und Christophorus selbst stand einst 
höher im Ansehen als heute, namentlich im 15. und 16. Jahrhundert und auch als großer 
Pestheiliger hatte er Ansehen. Die bildende Kunst bemächtigte sich seiner und heute 
sind es vor allem seine an die Kii'chen gemalten Bilder, welche das Volk — mit unklaren 
Vorstellungen über seine Funktionen — auf ihn hinweisen i). 

Von weiblichen Heiligen kommen außer der Kümmernis noch einige andere in 
Betracht, die von der Kirche nicht anerkannt sind. Da ist die vom Volke geschaffene 
h. Kakukabilla, Cutubilla, Kakukilla, Kukakille, die gegen Feldmäuse hilft und mit 
der h. Gerti-ud, welche als Attribut eine Maus besitzt, verwechselt wird. Die Kakuka- 
billa besitzt ein Altarbild in der Klosterkirche zu Adelberg in Württemberg und sie ist 
selbst durch ein Mißverständnis, durch allmähliche Umwandlung aus Colum Cille ent- 
standen. Dieses ist der keltische Name des h. Columba, welcher im sechsten Jahrhundert 
Abt der schottischen Insel Jona war 2). 

Auch die nicht kanonisierte Richildis ist zur Volksheiligen geworden. Sie liegt 
im Benediktinerkloster Hohenwart zwischen Augsburg und Abensberg begraben, wo 
Tausende bei ihrem Grabe, Heilung von Krankheiten und Trost im Unglück erflehend, 
zusammenströmen. Man sammelte aus ihrer Gruft Erde, warf sie auf Äcker und Häuser, 
um sie vor Hagel und Blitz zu bewahren und „der fromme Glaube wurde stets belohnt". 
Viele Wallfahi'er ki'ochen dm-ch ein enges Loch bei ihrem Grabe im Vertrauen auf die 
Heilige, welche so von Steinleiden befreite 3). 

^) Vgl. K. Richter, Der deutsche S. Christoph. Eine historische Untersuchung. Berlin 1896. 
*) Zeitschr. d. Vor. f. VolkslNunde I, S. 444; II, S. 199 und VIII, S. 341. 
•) Kalender IbbO, S. 46. 



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Wunderheilongen u. Suggestion. 17 

So steht das Volk zu seineD Heiligen. Der Glaube ist felsenfest und es fragt sich 
nur noch, wie er begründet ist 

Gegenüber den tausenden und abertausenden von dankerfüllten Tafeln, welche die 
Wallfahitskirchen schmücken und in oft rührender Weise den Heiligen bekennen, wie 
die Weihenden sich durch Heilungen beglückt fühlen, daß deren Fürbitte bei Gott ge- 
holfen und ein Wunder au ihnen geschehen sei, düi*fcn wir uns nicht einfach ablehnend 
verhalten und alles in das Bereich der Selbsttäuschung oder Fabel verweisen. Wir 
glauben weder an die Fürbitte noch an die Wunder und haben als Student auch das 
Lied von der Freifrau von Droste - Vischering gesungen, die 1844 zum heiligen Rock von 
Trier wallfahrtete und dort, trotzdem sie auf allen vieren kroch, „das Laufen wieder- 
kriegte^. Das sind die Anschauungen der Menge; aber trotzdem liegt etwas wahres in 
diesen Wunderheilungen, das wir begi-eifen lernen, wenn wir psychische Einwii*kungen 
auf Kranke in Betracht ziehen. „Psychische Einflüsse können, indem sie quälende 
Symptome beseitigen und die Widerstandskraft des Organismus erhöhen, auch die 
Heilung herbeiführen", sagt eine medizinische Autorität, wie Prof. Möbius. Es ist ganz 
unnötig, die Wunder bei Heilungen anzunehmen, wenn wir bei vielen Fällen den psy- 
chischen, suggestiven Faktor ei*wägen. Dr. med. Höfler erläutert in dieser Beziehung ^): 
„Funktionsstörungen lassen sich manchmal rasch beseitigen und erscheinen dann als 
Wunder, um so eher, je uuerwaiteter die Beseitigung geschehen war, d. h. je weniger 
Kenntnis man von der Ui-sache der Störung hatte. Daß manchmal Funktionsstörungen 
auch durch nervöse oder psychische Mittel ausgeglichen werden können, ist mir nicht 
zweifelhaft. Stelle man sich vor, welchen psychischen, suggestiven Einfluß die von 100, 
ja 1000 Pilgern besuchte, glänzend erleuchtete Kapelle auf das Gemüt der Gläubigen, 
unterstützt durch die Verkündigung und Ausläutung der erfolgten Wunderheilungen 
machen mußte! Sollte der Kleinmütige, oft in seinen Hoffnungen getäuschte. Mutlose 
und Verzagte nicht wieder neu sich beleben und neuen Mut schöpfen können, nachdem 
alles nm ihn herum vorher ratlos dastand?" 

Ganz unendlich viel größer ist aber die Zahl derjenigen, denen keine Hilfe trotz 
wertvoller Weihegaben zu teil wird. Sie ziehen Nieten in der großen Lotterie und von 
den Nieten ist dann so wenig die Rede als von den vielen wertlosen kritischen Tagen 
des Wetterpropheten Falb, die sein Ansehen aber nicht im geringsten verminderten. 
Er hatte sein fadenscheiniges wissenschaftliches Mäntelchen um und konnte bei allen 
Nieten doch auch Zufallstreffer aufweisen. Das genügte der Menge, wie die einzelnen 
Heilungen der Heiligen, die deren Ruhm und Zulauf erhöhten. Half aber S. Leonhard 
oder S. Blasius nicht, so blieben ja genug andere Heilige übrig, an die man sich wenden 
konnte und bei denen man einen Versuch machte. Man kann es oft genug beim Land- 
volke hören, wohin dieser oder jener sich schon um Hilfe gewendet habe: zum Arzt auf 
dem Lande, zum Professor in der Stadt, zum Naturdoktor, zum h. Wolf gang und zum 
•h. Valentin — bis jetzt leider ohne Erfolg. Zu verdenken ist das dem armen Leidenden 
nicht, gleichviel ob er den höchsten oder niedrigsten Kreisen angehört, wir bedauern 
seine Krankheit und seine Anschauung, aber wu- spotten nicht über ihn. 

*) Beitr. zur Anthrop. u. Urgesch. Bayerns IX, S. 119. 



Andre«, Votive und Weibegaben. 



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WaUfahrtskapellen und heilige Quellen. 

. Wii* müsBen einen Blick werfen auf die Stätten, an denen das gläubige Volk seine 
Opfer niederlegt, auf die Wallfahitskapellen und die meist bei ihnen befindlichen Quellen. 
Ihre Zahl ist eine sehr bedeutende und man kann manchmal von einer zur anderen hin- 
überschauen, ihr Ruf als Heilstätten ist ein verschieden großer, oft der Mode unterworfen, 
während andere durch die Jahrhunderte hindurch sich als gleichbleibende Gnadenorte 
ihren Ruhm bis auf den heutigen Tag erhalten haben, wie das vor allen an der Spitze 
stehende Altötting. Sehr oft liegen sie abseits von den Heerstraßen, fem von den 
Dörfern, auf kleinen Hügeln, in tiefen Tälern, auf hohen Bergen, weit hinaus schauend 
in das Land, umgeben von uralten Bäumen, in ihrer verwitterten Gestalt und Bauart 
ein malerisches Bild darbietend, falls nicht schonungslose Restaurationen das schöne alte 
Bild vernichtet haben. Noch findet man alte Holzkirchlein im Blockbau errichtet mit 
Schindeldach, sehr kleinen Fenstern und winzigem Glockentürmchen. Je älter diese Bauten 
sind, desto sicherer kann man annehmen, daß sie m*sprüngliche Seelsorgs- und Tauf- 
kirchen waren. Mit der Zeit wurden sie für die wachsende Zahl der Gemeindeangehörigen 
oder Wallfahrer zu klein und eng, sie traten ihi-e RoUe an größere Neubauten ab und 
sanken zu unscheinbaren Totenkapellen oder Opferkapellen herab, an denen aber die 
Überlieferung des Volkes haftete, wohin es sich „verlobte", wohin es seine Opfer brachte. 
Und in diesen kleinen Kapellen und Wallfahrtskirchlein muß man die Opfergaben suchen. 
Gering ist gewöhnlich in ihnen der Schmuck des Altars, geringwertig das Altarbild, es 
sei denn, daß wie bei einzelnen ihr Ruhm und die von ihnen ausgehenden Wunder so 
groß wurden, daß kostbare Schenkungen und Opfer stattfanden, die Schatzkammer sich 
mit Geschmeide, Gold, Silber, Edelsteinen füllte, und eine überladen prächtige Aus- 
schmückung ei'f olgte. Bei den kleinen alten Wallfahrtskirchen ersetzen aber die sich 
stets erneuernden Opfergaben der Wallfahrer den anderweitigen Kirchenschmuck; alles 
ist oft voll davon, die Wände reichen nicht mehr aus, die Votivbilder aufzunehmen, 
selbst die Balkendecke wii'd damit benagelt und wenn die Kirche einen Umgang hat, 
so ist auch dieser damit erfüllt, alle Zeugnis davon ablegend, wie viele Heilungen an 
der Gnadenstätte durch die Jahi'hunderte erfolgten, denn bis in das 16. Jahrhundert 
reichen diese erhaltenen ,, Tafeln" zurück. Und neben den Votivbildern die Masse der 
übrigen „Opfer", die uns näher beschäftigen werden, im bunten Durcheinander Zöpfe 
und Zähne, eiserne Ketten, Ba*ücken, Stelzbeine, Kieuze, Rosenkränze, Bruchbänder, Kinder- 
kleidchen, Harnsteine, Messer und gesprungene Pistolen, Hämmer, Wachsbilder von 
Menschen und Gliedern in überwiegender Zahl, eiserne Figuren groß und klein, mächtige 
Kerzen, kleine offene Briefe mit Anliegen an die Heiligen, gedruckte und gestickte 
Tafein mit „Maria hilf" oder „Maria hat geholfen", modei-ne Photograi)hien oder Bunt- 
drucke, Heilige dai-stellend, roh aus Holz geschnitzte menschliche Glieder und Eingeweide, 



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Privatkapellen. Krambaden bei den Kapellen. 19 

tönerne Köpfe, silberne Körperteile und menscblicbe Figuren, verstaubte künstlicbe 
Blumen — kurz, eine Mannigfaltigkeit, die erstaunen macbt und die nicht immer leicht 
in ihren Einzelheiten zu deuten ist, alle aber gläubig und in heißem Flehen geopfei-t, 
oft unter Tränen und in inbrünstigem Gebet. Ist auch nicht alles, was ich hier an- 
geführt habe, gleichzeitig und nebeneinander in jeder Wallfahrtskapelle zu finden, doch 
stets vieles davon zugleich, hier mehr, dort minder und die Aufzählung ist keineswegs 
vollständig. 

Manchmal gerät ein solches Kirchlein in Vergessenheit und wird kaum noch oder 
selten besucht, während andere neue dafür in Aufnahme kommen. Das Bedüifnis nach 
Wallfahrtskapellen ist beim bayerischen und tirolischen Volke ein recht großes und wo 
ihm nicht genug vorhanden zu sein scheinen, da erbaut es sich selbst welche. Daher 
gibt es viele Privatkapellen im Besitze von Bauern, die mehr oder minder bei den Um- 
wohnern in Ansehen stehen, sobald sie die kirchliche Weihe erhalten haben. Ich be- 
suchte z. B. die Kapelle des Baueni Ilinterlohner über Ach an der Salzach (Ober- 
österreich), welche sich eines großen Zulaufes erfreut, schon als Wallfahrtsort gilt und, 
trotzdem sie erst 1840 enichtet wurde, mit vielen Votivgegenständen gefüllt ist. Selbst 
Kinder beteiligten sich an der Erbauung von Kapellen. „Des Hueters Söhnlein*^ erbaute 
nämlich in Amsham ein Hüttlein in Form einer Ku*che zu Ehren des heiligen Sebastian, 
dem viel Volk, hoch und nieder, zuströmte, um dort Heilung Von Gebrechen zu finden. 
Dagegen hatten doch die geistlichen Räte zu Passau Bedenken und ließen 1643 das 
Kirchlein zerstören i). Auch die vielbesuchte Wallfahrtskapelle Langenbach (Pfarrei 
Deining) in der Oberpfalz ist am Ende des 17. Jahrhunderts von einem Hirten in Ober- 
buchfeld mit Namen Johann Brand, mühselig enichtet worden. Sie entstand durch 
ein Gelübde, das der bekümmerte Vater zur Jungfrau Maria tat, als eines seiner Kinder 
gelähmt wurde. Er schleppte selbst die schweren Steine zu den Grundmauern der Kirche 
herbei und als andere fromme Leute sein Werk wachsen sahen, da halfen sie weiter 
zum Ausbau der Wallfahrtskirche^). 

Still und friedlich liegen meist die kleinen Wallfahrtskirchen in der Einsamkeit da. 
Kein Mensch ist darinnen, wenn man einti'itt; meistens sind sie offen oder mit einem 
inneren Gitter abgeschlossen, so daß der Gläubige sie überschauen und im Vorräume 
seine Andacht verrichten kann. Dort hängt er seine Opfergaben an das Gitter. Wenn 
aber der Tag des Heiligen kommt, dem die Kapelle gewidmet ist, dann wird es lebhaft 
in der Umgegend von heranziehenden Wallfahrern, deren Zahl bei berühmten Guaden- 
stätten sich in die Tausende beläuft. Dann entsteht an solchen Orten eine förmliche 
kleine Stadt von E[rambuden aller Art, die an viel besuchten Gnadenstätten (Altötting, 
Absam, Birkenstein und andere) auch das ganze Jahr hindm'ch offen sind. Was des 
Wallfahrers Herz wünscht, findet er dort zum Verkauf ausgelegt: Wachskerzen und Wachs- 
votive der mannigfachsten Art, Rosenkränze in den verachiedensten Fonnen, Heiligen- 
medaillen und Kreuze in Metall, Blech, Elfenbein oder Ebenholz, Sieben - Schmei*zen- 
Zeichen und Fünf -Wunden-Zeichen, Brudei-schaftsringe, Weihwasserkessel, Lorettoglöckchen, 
Glasherzen und Josephigürtel, geschnitzte Toteuköpfe* mit oder ohne Bild Jesu, der 
Heiligenbilder unendliche Schar, spottbillig oder sehr teuer in den verschiedensten 
graphischen Manieren ausgeführt, mit oder ohne katechetischen Text, Buchzeichen mit 
Bibeltexten, religiöse Glückwunschkarten, Wallfahi-ts- und Gnadenbildchen, Missions- 



*) Kalender 1877. S. 54 Anmerkung. 
«) Kalender 1886. S. 86. 



3* 



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20 Krambuden. Eiisenbahn zum HimmeL Geistliches Lotteriespiel. 

Schriften, Gebetszettel und fromme Gedichte, Skapuliere und Bußgürtel (Cilicien) aus 
Zinkdi*aht oder Roßhaar, auch Geißeln aus Schnur, sogen. Disciplinen, die das Stück 
1 Mark kosten. Dann der Bücher und Heiligengeschichten große Zahl. Auch die Lourdes- 
spezialitäten beginnen an solchen Stätten mit der Ausbreitung des Lourdcskultus sich 
zu mehren: Lourdesmedaillen mit französischer Inschrift, Statuen der Lourdes-Madonua, 
„Bernadettes", Lourdes-Lämpchen füi' die sich an bayerischen und tirolischen Wallfahiiis- 
stätten mehrenden Lourdesgrotten , Lourdessegen zum Aussticken. Auch kann man 
„Ewige Anbetungsuhren" und „Herz-Jesu-tJhren" erwerben, das sind runde Pappscheiben, 
auf welchen in Farbendruck das Altarsaki-ament oder das blutende Herz Jesu mit der 
Dornenki'one abgebildet ist Dazu am Rande die Tagesstunden und ein drehbarer 
Zeiger zur Feststellung der Andachtsstunden und „100 Tage Ablaß einmal täglich**. — 
Femer die verschiedenen Segenschilde (Herz Jesuschild, Marienschild, Antoniusschild usw.), 
das sind Medaillons, die an Haus- und Zimmei-türen angebracht werden. Besonders 
hervorheben will ich auch ein paar Drucksachen, welche zeigen, wie die religiösen Be- 
dürfnisse in ganz moderne Formen gegossen werden und die Gestalt von Eisenbahn- 
fahrkaiten oder Glückslotterien annehmen. 

Im Wallfahilsorte Birkenstein unter dem Wendelstein erstand ich für 10 Pfennig 
am Peter- und Paulstage 1903 ein 7cm langes und SVgCi^i breites Papierpäckchen, 
darauf eine Lokomotive, „Eisenbahn zum Himmel" und „Billet in's Paradies" ge- 
druckt war. Beim öfEnen entwickelte sich ein schwarz und rot bedruckter Bogen, 
welcher in der Art eines Bädecker, aber in frommen Ennahnuugen, die Eisenbahnfahrt 
zum Himmel schildert. Da wiid der Preis angegeben, ist die Rede von Eilzügen und 
gewöhnlichen Zügen, erfähit man, wie man das Zollhaus passieren muß, um gerade in 
den Himmel gelangen zu können, indem man Demut, Gehorsam und Gebet in den 
Reisekoffer legt, auch ein Rezept, um Krankheiten auf der Reise zu vermeiden, befindet 
sich dabei: „Nimm Wurzeln des Glaubens, giiine Blätter der HofEnung, Veilchen der 
Demut, Holz des Kreuzes usw., binde alles in ein Bündel mit dem Faden der Ergebung, 
gib es in das Gefäß des Gebetes und lasse es am Feuer der Liebe sieden." Unter den 
erläuternden Bemerkungen hebe ich hervor: Vergnügungszüge gehen nicht ab. Kleine 
Kinder zahlen nichts, wenn sie nur im Schöße der katholischen Kirche sich befinden. 
Passagiere werden gebeten, kein anderes Gepäck mitzunehmen als gute Werke, wenn 
sie nicht den Zug versäumen oder auf der vorletzten Station (Fegefeuer) einen unlieb- 
samen Aufenthalt nehmen wollen usw. 

Dieses „Billet in's Paradies" findet viele Liebhaber und nicht minder eifrig sind 
die Spieler im „Geistlichen Glückshafen, die Seelen aus dem Fegefeuer zu er- 
lösen". Ich fand diese geistliche Lotterie, einen gi'oßen bedruckten Bogen in ver- 
schiedenen Wallfahrtskirchen angeschlagen, dabei ein Kästchen, welches die Nummern, 
die zum Spiele gehören, enthält. In Mariahilf über Vilsbiburg ti-ug der blecherne 
Nummemkasten die schriftliche Bemerkung: „Es wird ersucht, diese Nummern der lieben 
armen Seelen im Fegefeuer wegen nicht zu entwenden." Leider hat man das nicht be- 
achtet; nicht eine Nummer war mehr im Kästchen und ich konnte dort nicht spielen, 
das gelang mir aber in S. Zeno bei Reichenhall, wo auch der „Geistliche Glückshafen" 
angeschlagen ist Ich zog No. 42 „für die Seelen der Soldaten, welche im Streite wider 
die Feinde der hl. Kii-che umgekommen sind". Solcher Nummera enthält der Glücks- 
hafen 61. Zm* Erläuterung enthält der Bogen folgendes in fetter Schrift: „Der selige 
Johannes von Alvarus, da er die heiligsten Wunden unseres Herrn Jesu Christi anbetete, 
für die Seelen im Fegefeuer, sah, daß er durch dieses Mittel eine so große Anzahl der- 



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üeiligenbilder zum YerschlnckeD. Geistliche Spielkarten. 



21 



Fig. 1. 



selben erlöste, daß solche in den Himmel flogen, wie die Funken eines brennenden 
Feuerofens. Man bete gewöhnlich fünf Vaterunser und fünf Ave Maria, oder ver- 
richte einige gute Werke nach seiner Andacht." 

Aufgefallen war mir bei diesem geistlichen Glückshafen aus neuer Zeit (gedruckt 
zu Schi'obenhausen in Oberbayem), daß No. 38 lautet: „Für die Seelen, welche in der 
Sklaverei gestorben sind**, was offenbar auf eine Zeit hiydeutet, als Christen noch in 
der Sklaverei der Türken schmachteten, daß daher der Glückshafen aus alter Zeit 
stammen müsse. Dieses fand ich bestätigt, als ich in mühevollem Aufstieg zum Magda- 
lenenkii'chlein im Ridnaun (1450 m), westlich von Sterzing in Tirol, emporwanderte. Dort 
hing ein alter, dem 17. Jahrhundert angehöriger Druck mit grober Holzschnittabbildung 
der armen Seelen im Fegefeuer, „cum licentia Superioi-um gedruckt zu Augsburg bei 
Boas Ulrich d. Älteren, Formschneider und Briefmahler, I^aden auf der Barfüßer Brücke". 
Da hatte ich das Urbild des geistlichen Glückshafens 
und No. 37 lautet dort: „Vor die Seelen der Soldaten, 
welche ihr Leben im Türkenkiiege eingebüßt haben" *). 

Ich erwähne hier noch, als verkäuflich in den 
Krambuden der Wallfahrtskirchen, kleine Heiligen- 
bilder, die bei Krankheiten verschluckt wer- 
den, um dm*ch die besondere dem betrefEendeu 
Heiligen innewohnende Kraft die Heilung herbei- 
zuführen. Zu Mariazeil in Steiermark werden der- 
artige verkauft, welche das Gnadenbild der dortigen 
Muttergottes zeigen. Es sind Abdrücke von einem 
alten Holzstocke, auf dem mehrere der ungefähr 
2 cm im Geviert enthaltenden Bildchen vereinigt 
sind. Man schneidet sie je nach Bedai*f mit der 
Schere ab und verschluckt sie. (Fig. 1.) 

Geistliche Spielkarten fand ich allerdings 
nicht mehr in den Ki-ambuden bei den Wallfahrts- 
kapellen, aber noch ziemlich häufig in den kleinen 
Kapellen Tirols, wo sie in Lederbeutelchen bei den 
Heiligenbildern hängen. Sie dienen nicht zum Spielen, sondern zum Ziehen eines guten 
Rates, der unter der Flagge einer Spielkarte segelt. Es sind alte Di-ucke, die Karten- 
blättchen 7 X 41/2 cni groß und der Titel lautet: „Geistliches Karten Spihl zu verdienst- 
licher Zeitvertreibung in 32 Blättern bestehend und zu Trost der armen Seelen in Druck 
gegeben. Augsburg bei Johann Stötter." Die Einteilung ist nach der deutschen Karte 
(Eicheln, Herzen, Laub, Schellen) und jedes Blatt schließt mit der Anweisung, wie viele 
Vater Unser oder Ave Maria für eine arme Seele zu beten sind. 

Heilige Quellen. Unvollständig würde diese Skizze bleiben, wollte ich nicht 
die heiligen Quellen erwähnen, die mit vielen Wallfahrtskapellen verbunden sind und an 
denen auch, wie in den Kii-cheu, Opfergaben niedergelegt werden. Es tritt in vielen 
Fällen klar zu Tage, daß der Kultus der Quellen ein älterer ist, als jener, der jetzt in 
den Wallfahilskirchen geübt wird, die bei oder sehr oft sich über ihnen erheben. Die 
Quelle, die man sich in heidnischer Zeit als den Sitz eines höheren Wesens dachte, zog 




Papier-Heiligenbilder aus Marizaell 
zum Verschlucken. (Natürl. Größe.) 



^) Daß solche geistliche Glückshafen auch sonst noch in Tirol verbreitet sind, ersehen wir aus 
Zeitschr. für österr. Volkskunde 1902, S. 187. 



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22 Alte Quellenverehrung. Opfer für Quellen u. Seen. 

die Gläubigen an, die von ihrem Wasser Heilung erhofften und dafür Gaben der mannig- 
fachsten Art dai'brachten, früher, wie heute noch. Die Spuren der alten Quellen- 
verehi-ung, die nicht nur bei allen europäischen Völkern, sondern auch bei vielen Natur- 
völkern sich finden, sind auch bei den Germanen vielfach nachweisbar^). Das frisch 
sprudelnde und erquickende Naß allein schon fordert zu einer dankbaren Betrachtung 
auf und trat Heilki*aft, wie bei vielen Quellen, noch hinzu, so war damit schon der erste 
Schritt zur Verehrung getan, während bei anderen Quellen ihr mythischer Ursprung 
dazu aufforderte. Die Wassergeister, von denen die Sagen noch heute so vielfach be- 
richten, waren teils böser, strafender Art, teils gut gesinnt und namentlich an letztere 
knüpfte der Kultus an, wie im griechischen Altertum an Quellen des Asklepios, eine 
Verehrung, die bei den Neugriechen an den Agiasmata genannten Quellen noch bis 
zum heutigen Tage sich fortgeerbt hat und zur Erbauung von Kiipellen und Nieder- 
legung von Weihegaben führte 2). 

Was die alten Deutschen betrifft, so ist die sicherste Urkunde für deren Quellen- 
verehi'ung der elfte Pai*agraph im Indiculus superstitionum et paganiarum aus dem 
8. Jahrhundert, welche lautet de fontibus sacrificiorum und die Opferquellen betrifft, 
heilige Stätten, an denen man Kulthandlungen verrichtete und denen man heilende 
Kräfte zuschrieb. 'Zahh*eich sind die Verbote der christlichen Missionare gegen den 
tief eingewurzelten Quellenkultus, der erst dadm*ch ausgerottet oder umgefoimt wm'de, 
daß man die Quellen in den christlichen Dienst nahm und bei oder über ihnen Kapellen 
errichtete s) , wobei aber auch noch in christlicher Zeit die Opfer nach heidnischer Art 
eine Zeitlang fortwucherten, bis sie ganz christliche Formen annahmen. Die Natur- 
mythen traten zurück, der Glaube an die Wassergebter schwand, aber Wunder, von 
christlichen Heiligen vollführt, traten an ihre Stelle, Heilige wurden zu Patronen der 
Quellen und zu deren Schutze entstanden über ihnen Kapellen, wo die Opfer nieder- 
gelegt werden, wenn man sie nicht an die Umfriedigungen und Gitter der Quellen 
hängt. Unmittelbar in die Quellen geworfene Opfer kann ich für die Gegenwart nicht 
mehr nachweisen, aber daß sie vorhanden waren, dafür spricht mancherlei. Wenn am 
Chiistabend in Tirol und im Salzburgischen die Elemente gefüttert wurden, man Mehl 
in die Luft, Speise ins Feuer warf und in die Ei-de vergrub, dann erhielt auch der 
Brunnen sein Teil*) und auch in Bayeni kennt man einige Sagen, die von Opfer an 
Seen berichten. In der ehemaligen Gi-uftkirche in München wurde zur Sühne des 
Walchensees alle Tage eine heilige Messe gelesen, alle Jahre ein goldener Ring geweiht und 
in den Walchensee geworfen. Es heiTschte allgemein der Glaube, daß, würde das Felsen- 
bett des Sees bersten, das ganze Bayerland ein Raub der Fluten würde. Ahnliches 
verlautete vom Ammersee, aus dem eine Stimme einem Taucher zurief: ergründest Du 
mich, so schlucke ich Dich. Von da an wurde alle Jahre am See eine Messe gelesen 
und ein goldener Ring hineingeworfen, damit er nicht austrete und das Bayerland über- 
schwemme *). 

Neben Wachsaugen und frischen Sträußen sah ich an der Odilicnquelle über Frei- 
burg i. B. auch kleine Wachslichter geopfert, nach uralt heidnischem Brauche, schon in 



*) Karl Weinhold, Die Verehrung der Quellen in Deatschland. Abhandlungen der Akademie 
der WisseDBchaften zu Berlin 1898. 

•) Schmidt, Volksleben der Neugriechen, S. 79, wo viele Beispiele aufgeführt sind. 

■) Pfannenschmid, Das Weihwasser, S. 89. 

*) J. E. Waldfreund in der Zeitschr. f. deutsche Mythologie III, S. 534. 

*) Panzer I, S. 22 und II, S. 237. 



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Quellenopfer. Verwandlung der Quellen in Lourdesgrotten. 



23 



Karls d. Qr. Capitulare von 789 verpÖDt, wo es sich um die Beleuchtung von Quellen 
und Bäumen handelt Das alles sind Fortsetzungen der alten in die Quelle geworfenen 
Opfer, die ja auch lebende in heidnischer Zeit waren. Allgemein ist noch die Schmückung 
der Quellen mit Blumengewinden und Sträußen, wie überhaupt auf deren Verzierung 
viel gegeben wird. Es ist in bezug auf die Ausschmückung der Quellen sogar neuer- 
dings ein gewisser Aufschwung zu bemerken, seit die Madonna von Lourdes ihren Einzug 
auch beim süddeutschen katholischen Volke hielt Ich werde wiederholt dai*auf verweisen 
müssen, wie dieser Kultus im Zunehmen begriffen ist, wie Lourdesgrotten überall ent- 
stehen und die alten Heilquellen in Lourdesquellen umgetauft werden. Aus der Brünnl- 
Kapelle zu Allersdorf bei Abensberg in Niederbayem, einem viel besuchten Wallfahrts- 
orte, ist die seit langer Zeit dort verehi-te deutsche Muttergottesstatue entfernt worden 
und nun steht eine französische Lourdesgrotte an der Stelle des alten deutschen Quellen- 
heiligtums. Und wie in Bayern zeigt sich auch in Tirol eine zunehmende Vennehrung 

Fig. 2. 




Die heiligen Drei Brunnen bei Trafoi in Tirol. 

der Lourdesgrotten. Gegenüber dem Denkstein Oswalds von Wolkenstein, des Minne- 
sängers, steht zu Brixen auf dem Domhofe jetzt eine Lourdesgrotte, behangen mit allerlei 
Blumen, sehr minderwertigen Lithographien und Heiligenbildern: bei den Franziskanern 
in Bozen sieht es auch nicht schöner aus und ich konnte dort beobachten, wie mau sorg- 
fältig die verstopften eisernen Röhren der Lourdesquelle ausbesserte, damit sie in Ordnung 
wären, weil am nächsten Tage der Besuch des Bischofs von Trient in Aussicht stand, ja, 
in der Pfarrkii'che zu Gries, wo das in einem KeUer gefundene Gnadenbild Unserer lieben 
Frau im Keller verehrt wird, hat man, sozusagen, dieses zugunsten der neuen fi*anzösischen 
Madonna beraubt. Jener sind die vielen alten silbernen Votive, die Herzen und Glieder 
unter Glas und Rahmen schon in alter Zeit geweiht worden. Man hat sie aber doi*t 
entfernt und bei der neuen Lourdesmadonua aufgehängt, die allenthalben die deutschen 
Marien verdrängt oder doch sehr in den Schatten stellt. Ich glaube kaum, daß ein 
Mensch von Geschmack und geschichtlicher Bildung lange zu wählen braucht, wenn er 
eine mildstreuge, gekrönte deutsche Maria mit dem Christuskinde in alter Form und 



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24 Trafoi. Heilige QueUen innerhalb der Kirchen. 

Gewandung auf der einen Seite siebt und auf der anderen die süßliche französisch moderne 
Lourdesfigur. 

Nicht selten findet man, daß die beilsamen Quellen in der Art gefaßt werden, daß 
ihr Wasser durch eine oder mehrere Heiligen Statuen hindurch geführt wird und aus 
Röhren dann deren Brust entströmt Ein ausgezeichnetes Beispiel dieser Art bietet 
Ti-afoi (ad ti-es fontes) in Tirol (siehe Fig, 2 auf voriger Seite). Dort stehen die drei 
Statuen des Heilands, der Mutter Maria und des b, Jobannes, jede mit einer Eisenröhre 
in der Brust, aus welcher das berühmte Wasser quillt, welches so viele Leiden beseitigt 
Nun handelt es sich allerdings nicht, wie der Name besagt, um drei verschiedene Quellen, 
denn alle drei Röhren werden aus einem, hinter den Heiligen befindlichen Trog gespeist 
Aber der Name zu dem heiligen Brunnen und die danach benannte Wallfahrt ist sehr alt ^). 

Schon Weinhold 2) hat darauf hingewiesen, daß bei vielen heiligen Quellen diese 
innerhalb der Kapellen und Kirchen liegen und ich kann aus unserem Gebiete durch 
eigene Anschauung deren Zahl noch sehr vermehren. Es ist dieses ein sehr wesentlicher 
Zug und Zeugnis dafür, daß die Quelle der ui*sprüugliche Yerehrungsgegenstand war, und 
das Kirchengebäude ihr erst, als schützendes Dach gleichsam, später nachfolgte. Die 
erste derartige Quelle sah ich zu Biscbofsmais im bayerischen Walde, wo sich unter der 
dort befindlichen ältesten runden Kapelle des h. Hermann in der Grundmauer ein Aus- 
schnitt befindet, an welchem die Quelle zu Tage tritt, dabei ein blechernes Schöpf gefäß 
an einer Kette. Am Lorenz- und Bartholomäustage (10. und 24. August), wenn hier 
viele Hunderte von Wallfahrern zusammenströmen, wird das Wasser getrunken, man 
wäscht sich damit, denn es heilt Augenweh und Kopfschmerzen. Unter dem Hochaltar 
der S. Oswaldkirche in Passau (Augustinerprobstei) rinnt eine vielbenutzte heilkräftige 
Quelle. Li der Sakristei der Wallfahrtskirche Neuku-chen beim heiligen Blut befindet 
sich der heilsame „Kcckbrunnen^ (althochdeutsch quöc, f lisch, lebendig), in den man 
einst freventlich das Guadenbild der h. Maria hineingewoi*fen haben soll, doch sprang es 
stets wieder heraus. Den Brunnen, dessen Wasser emporgepumpt wird, benutzen Lahme 
und Kranke heute noch vielfach. Auch zu Weihenlinden bei Aibling in Oberbayern 
fand ich den Gnadenbrunnen innerhalb einer an die Wallfahitskirche angebauten Rund- 
kapelle. Das heilsame Wasser wird hier in eine große kupferne Schale gepumpt, neben 
der ein Blechgefäß zum Trinken hängt, über der Schale ist das wundertätige Marien- 
bild von Wcihenlinden abgemalt, rings umgeben von Darstellungen Tauber, Lahmer, 
Blinder, Sünder, Epileptischer mit entsprechenden Inschriften, denen allen die Quelle 
empfohlen wii-d. Einige Stunden südöstlich von Ilallein im Salzburgischen liegt in einem 
stillen Talkessel, die Taugl genannt, einsam ein kleines S. Koloman geweihtes Wallfahrts- 
kirchlein. Der Altar enthält ein viereckiges, durch einen Deckel geschlossenes Loch, bei 
dessen Öffnung man die hier hindurchfließende Heilquelle erblickt Endlich erwähne 
ich das Klingen- oder Fieberbrünnel bei Reisbach im Vilstale, Niederbayem, das seit 
alters her für heilkräftig gilt. Dorthin verlegt die Sage den Märtyrertod der h. Wolfsindis. 
Erst im Jahre 1816 ist über dieser Quelle eine Kirche erbaut worden und den Hoch- 
altar stellte man unmittelbar über die Quelle, die, unterii'discb fortgeleitet, außerhalb der 
Kirche in einem steinernen Becken wieder zutage tritt Zahlreiche dort befindliche 
Votivtafeln beziehen sich auf die Heilung von Augenleiden durch die Quelle, mit 
deren Wasser Leidende sich vertrauensvoll waschen. 



») Zingerle, Sagen aus Tirol 1859, S. 108. 
*) a. a. 0., S. 38. 



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Nymphenburger „Quelle". Quellenheilige. 



25 



Daß besoudere ohemiscbc Beschaffeuheit bei den meisten dieser Quellen Ursache 
der heilenden Wirkung sei, läßt sich nicht behaupten; in den meisten Fällen handelt es 
sich nur um einfaches frisches Quell wasser und die durch dessen Gebrauch, innerlich oder 
durch Waschen, ei'sti-obte Heilung ist, wenn vorhanden, auf anderem Gebiete zu suchen. 
Man kann es deutlich an der sog. Quelle in der Magdalenenkapelle des Nymphen- 
burger Parkes sehen, wohin am Tage der Heiligen (22. Juli) die Münchener scharen- 
weise hinauspilgem , dort die Messe hören und mit dem Wasser, das in einer Schale 
unter der Statue der Heiligen rinnt, die wehen Augen waschen, Heilung erhoffend und 
findend. Die im Geschmacke der Zeit 1725 erbaute Kapelle steht aber keineswegs über 
einer natürlichen Quelle; das Wasser ist aus den Teichen Nymphenbm-gs künstlich herbei- 
geführt und wird nui- im Sommer laufen gelassen. Aber die Vorstellung von einer 
ku-chlichen Heilquelle genügt, um die 
zahbeiche Benutzung herbeizuführen. ^' 

An die Stelle der altheidnischen 
Quellengeister traten im Verlaufe der 
Zeit die christlichen Heiligen, die durch 
ein Wunder, durch Berührungen mit ihrem 
Wander- oder Abtstabe heilkräftige 
Quellen erweckten. S. Ulrich, S. Wolf- 
gang, S. Leonhard, S. Veit sind die am 
häufigsten genannten Quellenheiligen. 
Dem h. „Lienhart" sind namentlich in 
Kärnten viele Quellen geweiht: die 
Schwefelquelle im Lavanttale, die seinen 
Namen trägt, das. Kaltbad S. Leonhai'd 
bei Feldkirchen, S. Leonhard mit warmen 
Teichen bei Villaoh u. a. Der h. tJhich 
(f 4. Juli 973) war Bischof von Augs- 
burg und die vielen Ulrichsquellen und 
Ullerbome in Bayern und Schwaben 
werden durch Sagen mit ihm in Ver- 
bindung gebracht*). 

Die Heilkraft der bei den Wall- 
fahrtskirchen gelegenen Quellen ist teils 
eine allgemeine, sich auf verschiedene 
Krankheiten erstreckende, teils ist sie auf 
besondere Krankheiten beschränkt. Die 
Wallfahrer waschen sich an Ort und Stelle 
mit dem Wasser, trinken davon und 

nehmen ganze Flaschen voll mit nach Hause. Dafür hat sich sogar stellenweise ein 
besonderer Flaschenhandel entwickelt. Bei der heilkräftigen Quelle an der alten S. Wolf- 
gangskapelle am Abersee in Oberösterreich werden die hier abgebildeten 12 cm hohen 
Flaschen aus grünem oder weißem Glase mit dem eingeprägten Bilde des HeiUgen viel 
erkauft, damit die Wallfahrer sie zur Füllung benutzen können. Der Handel damit ist 
recht schwunghaft (Fig. 3). 




Flasche für S. Wolfgangswasser von S. Wolfgang 
am Abersee. ("/^ Größe.) J 



*) Darüber vgl. K. Weinhold in der Zeitschrift d. Vereins für Volkskunde V, S. 417. 
Andree, Votive und Weihegmben. 4 



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26 Wirkungen der Heiligen Quellen. 

Von den Liicienquellen und Ottilienquellen, die hauptsächlich bei Augenleiden auf- 
gesucht werden, soll an anderer Stelle die Rede sein. Doch sind auch Quellen, die unter 
dem Schutze anderer Heiligen stehen, für Augenleiden gut Ich besuchte die Wieskapelle 
(Marienkapello) bei Rottalmünster in Niederbayem, wo der heilkräftige Strahl aus dem 
Herzen der hier aufgestellten Muttergottes sprudelt, der sogar nach auswärts für Augen- 
leiden versendet wird. Gleiches ist der Fall mit der Augenquelle von S. Wolfgang auf 
dem Falkenstein bei S. Gilgen in Oberösterreich, von wo alljährlich viele tausend Flaschen 
mit Augenwasser fortgetragen werden i). 

Andere Quellen sind besonders zur Beseitigung der Zahnschmerzen geeignet, so die 
Valentinsquelle in Haselbach unfern Braunau in Oberösterreich ^) und vor allem der 
Amorbrunnen bei Amorbach, nach dem gleichnamigen Heiligen benannt, an dessen Tage 
(17. August) hierher gewallfahrtet wird. Die dabei befindliche alte Kapelle trug die 
aus dem Jahre 1552 stammende Inschrift, welche die Befreiung eines Benediktiners 
Namens Columban von Zahnschmerzen meldete: 

Wenn schwere Krankheit umbringt dein Herz 

Und leidest gar große Schmerz: 

Warumh gibst dem Arzt so große Gaben 

Und laßt fahren die göttlichen Gnaden V 

Schau, allhier S. Amorshmnn entspringt, 

Welcher die vorige Gesundheit wiederbringt. 

So du beschrien bist und deine Glieder verdorren wollen, 

Wasche dich mit dieser heylsam Brunnquellen. 

Wenn du meynst aus großem Zahnweh muss ich vergehen 

Mit diesem Wasser wasche deine Zahn. 

Denn bald Krankheit aus sondrer Kraft 

Heylet Sanct Amor mit gegenwärtigem Safft'). 

Wo kopflose Heilige, wie S. Dionysius und S. Alban, die Quellenpatrone sind, da 
wird das Wasser gegen Kopfschmerzen verwendet, wie bei S. Alban zu Taubenbach, 
wo die Schrifttafel, renoviert 1864, besagt: „Wandrer, ruhe hier und bedenke, wie das 
Wasser aus diesem Gnadenbrunnen ein Mittel ist gegen Kopfschmerzen, Augen weh. 
Frais und Gliedersucht, wasche Dich damit, vertraue auf Gott, gelobe ihm, den Weg 
der Sünde zu verlassen, so wird durch des h. Albaui Fürbitt auch Dir, wie vielen, Hilfe 
von Gott werden." 

Selbst für Heilung der Stummen kommt eine Quelle in Betracht Sie heißt zum 
heiligen Brunnen und liegt im kleinen Labertale westlich von Türkenfeld, Landgericht 
Rottenburg in Niederbayern. Als am 1. September 1662 Melchior Bauer durch einen 
Stm'z die Sprache verloren hatte und elf Wochen stumm blieb, wandte er sich an das 
Muttergottesbild der Quelle, durch deren Kraft er die Sprache wieder erhielt Dadurch 
wurde die Quelle berühmt, wie die vielen dort befindlichen Votivtafeln beweisen und 
noch heute wird sie viel besucht*). 



*) Dürlinger, histor.-statist. Handbuch der Erzdiözese Salzburg, Band I, 1861. Huber, 
Fromme Sagen aus Salzburg, S. 103. 

«) Mitt. d. Anthropol. Ges. in Wien XXXI, S. 57. 
•) Kalender 1849, S. 33. 
*) Kalender 1866, S. 73. 



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Wallfahrten. 

Die gewöhnliche Form, wie heute die Weihegaben dargebracht werden, ist eine 
sehr einfache. Der BetrefEende hängt sein Wachsvotiv an das Standbild des Heiligen, 
an das Gitter, welches vor einem Gnadenbilde angebracht ist, an den Altar oder an die 
Wand daneben, er legt das Täf eichen mit „Maria hilf" oder „Maria hat geholfen" zu 
Füßen der Muttergottes hin, verrichtet sein Gebet und entfernt sich gläubigen Sinnes 
in der Hoffnung auf Erfüllung seiner Bitte oder dankbaren Gemütes für eine erwiesene 
Gnade. Die Kirche lehrt in dieser Beziehung, daß nur jener auf Erfolg hoffen dürfe, 
der im Vertrauen und mit reinem Gewissen unter andächtigem Gebete die Opfer 
darbringe. 

Die Überbringung von Weihegaben an den Ort des Gelübdes findet auch unter 
Wallfahrten statt, die der einzelne oder ganze Gemeinden und Körperschaften ausführen. 
Oft auch sind diese Wallfahrten der Brüderschaften, Rosenkranzvereine, des dritten oder 
weltlichen Ordens vom h. Franziskus, der Jünglings- \md Jungfrauenbunde zur Verehrung 
des Hei*zens Jesu und Maiiä usw. unter Leitung von Geistlichen reine Betfahrten; aber 
auch ganze Gemeinden ziehen mit ihrer Gabe zur Gnadenstätte. Und diese Wallfahrten 
und Prozessionen finden noch häufig genug und regelmäßig statt. Es ist noch jetzt so, 
wie vor 300 Jahren es der bayerische Geschichtsschi-eiber Aventin von seinen Landsleuten 
berichtet: „Das Bayrisch Volck ist geistlich schlecht und gerecht, gehet, laufft gern 
Kirchförten, hat auch viel Kirchfart" 

Bei solchen „verlobten Wallfahrten" kommt das Moment der Askese noch heute 
oft genug zum Ausdruck, wenn es auch lange nicht mehr jene tief eingreifende Rolle 
spielt, wie im Mittelalter. Entsagung, Kasteiung des Leibes, Unterdrückung aller fleisch- 
lichen Gelüste soll die reinen, geistigen Eigenschaften stärken; die Abkehr vom L-dischen, 
das Bußetun führt zur höheren Reinheit und Frömmigkeit, das Trauern in Sack und 
Asche, die Versagung des Essens, des Beischlafs, das Wandern im härenen Gewände, 
die Annahme wunderlicher Körperstellungen, das alles ist teilweise noch vorhanden oder 
in Rudimenten zu erkennen. Immer aber geschieht es in der Vorstellung, daß damit 
eine Gott und den Heiligen wohlgefällige Handlung ausgeübt werde. Alles aber ist nur 
abgeschwächt gegenüber den Geißelungen und Bußübungen, gegenüber jenen oft fürchter- 
lichen Qualen, die das Mittelalter kannte und die in anderen Religionen (Islam) noch 
heute eine Rolle spielen. Eine Verdünnung und Abschwächung ist heute auf dem Ge- 
biete der Kulthandlungen überhaupt vielfach zu bemerken; wir sehen sie bei den Votiven 
selbst, nicht minder bei den Wallfahiten, wiewohl heute noch hunderttausende katholischer 
Christen berühmte Gnadeustätten aufsuchen. Sehr richtig bemerkt iu dieser Beziehung 
Heinrich Schurtz^): „Die Sitte der großen Wallfahilen ist deshalb merkwürdig, weil sie 

*) Urgeschichte der Kultur. Leipzig 1900, S. 589. 



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Kulturbedeutung der Wallfahrten. 



überall dort entsteht, wo rein geistige Religionen niedere Kultformen aus älterer Zeit 
übernommen und wohl gar mit Bewußtsein fortgebildet haben. Die Gottheiten primitiver 
Glaubensform sind an den Ort gebunden, während man in der höheren überall verehren 
kann; aber die Lokalkultc halten sich auch im Christentum, im Islam und Buddhismus 

mit wunderbarer Zähig- 
Fig. 4. keit, sie treiben neue 

Schößlinge von größter 
Lebenskraft. Nur dem 
Protestantismus ist der 
Bruch mit dieser niederen 
Art des Kultus gelungen, 
vielleicht nur deshalb, weil 
zur Zeit seiner Entstehung 
an die Stelle der religiösen 
Wanderschaften, die für 
die Kultur wertlos ge- 
worden waren , andere 
Arten des Völkei-verkehrs 
zu treten begannen. Zu 
manchen Zeiten sind da- 
gegen die Wallfahrten 
ein großes, unschätzbares 
Bindemittel der Völker 
und Kultui'en gewesen. 
Indem Mohamed die naive 
Verehrung des alten Me- 
teoriten in Mekka und 
die herkömmlichen Wall- 
fahrten der Araber dort- 
hin in sein Religions- 
gebäude aufnahm, schuf 
er seinem Glauben einen 
Mittelpunkt und gewisser- 
maßen ein lebendiges 
Herz, das die Blutströme 
des Organismus an sich 
zieht und wieder in die 
fernsten Glieder entläßt. 
Im Mittelalter haben die 
Pilgerfahrten nach Rom 
ein Gefühl des Zusammen- 
hanges der christlichen 
Welt rege erhalten, das 
zweifellos heilsam auch für den Aufschwung des Kulturlebens gewesen ist Für die neue 
Zeit gilt das nicht mehr; da es gerade der Kultur ferner stehende Elemente eines Volkes 
zu sein pflegen, die eine Wallfahrt als eine Art Buße geloben, so kann aus einer großen 
Vereinigung dieser Elemente nicht eben viel Ei-freuliches entspringen. Was bedeuten 




BüJßerkreuze in Maria Piain bei Salzbui'g. 



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Schleppen der Holzkreuze. 29 

beute für die Kultur die ungeheuren Pilgerscharen, die sich jährlich nach Lourdes, nach 
Maria Einsiedeln oder nach Loretto wälzen, wenn wir sie auch nur mit der kleinsten 
Wanderversammlung wissenschaftlicher Vereine oder selbst mit den Massen vergleichen» 
die bei Gelegenheit irgend einer Kunst- oder Gewerbeausstellung zusammenströmen?^ 

Wie unter körperlichen Anstrengungen in der verschiedensten Form die Wall- 
fahrten ausgeübt und die Weihegaben überbracht werden, kann man heute noch genügend 
beobachten. Mit ausgespannten Armen, wie der Gekreuzigte, fastend, barfuß, auf den 
Knien rutschend, werden sie unternommen. Nicht aus dem Sinn kommt mir ein etwa 
fünfzigjähriger, den mittleren Ständen angehörender Mann, der in guten Kleidern, ein 
großes Kreuz schleppend, stieren Blickes und mit kummervollem Gesichte auf den Knien 
im Umgange der Gnadenkapelle zu Altötting umherrutschte, immer und immer wieder 
auf den Steinplatten des Bodens, bis er seine Weihegabe, das rohe Ilolzkreuz, ablieferte. 
Derartige einfache Holzkreuze sind oft in großer Menge in den Kapellen und Kii'chen 
(siehe Fig. 4 auf voriger Seite) niedergelegt und ihr Tragen, „das Ki*euz auf sich 
nehmen", ist ein alter Brauch. Als 1591 Thomas Ertcl von Halleubach schwer erkrankte, 
verlobte er sich, wenn genesen, nackt und mit dem Kreuze dreimal um den Altar S. Leon- 
hards zu Inchenhofen zu gehen i). Solche Kreuze sind oft sehr schwer. In dem Um- 
gänge von Weihenlinden bei Aibling maß ich ein altes, ganz roh aus Baumstämmen 
angefertigtes Kreuz, das 372™ lang ist und von einem Büßer hierher geschleppt wurde; 
es sollte in seiner Größe eine Nachbildung des Kreuzes Christi sein. 

Als in den achtziger Jahi*en des vorigen Jahrhunderts die Bauern zu Lend im Salz- 
burgischen an einem Sonntagabend schwer untereinander rauften, wurde einer zu Boden 
gestreckt und fiel dabei so unglücklich auf den Kopf, daß er bald darauf starb. Der 
Täter wurde freilich vom Totschlag freigesprochen, aber er nahm den Fall sich tief zu 
Gemüte und erlegte sich als Buße auf, ein sehr schweres, roh gezimmertes Holzkreuz, 
das ein kräftiger Mann nicht frei vom Boden zu heben vermochte, auf den Knien nach 
dem weit entfernten Wallfahrtsort Ettenberg bei Schellenberg in Bayern zu schleppen. 
Nur nachts benutzte er die Landsti*aße, tagsüber ruhte er in einem Walde an der Straße, 
um in der nächsten Nacht sein Bußwerk fortzusetzen. So gebrauchte er zwölf Nächte, 
um an das Ziel zu gelangen, wo er das schwere Kreuz niederlegte. Daß solche Kreuze 
jetzt gewöhnlich nachts zum Wallfahrtsorte gebracht werden, bestätigte einer der Priester 
eines solchen Wallf ahi-tsortes , der dort seit langen Jahren weilt, aber nur ein einziges 
Mal fiüh gegen vier Uhr einen Büßer sein Kreuz den Berg hinaufschleppen sah. Und 
an jener Wallfahrtsstätte sind viele Kreuze niedergelegt 2). 

Wie öehr es darauf ankommt, daß der Köi-per Qual erdulde und die Überbringung 
des Votivs unter künstlich erschwerten Umständen ausgeführt wii'd, erkennen wir aus 
einem vom Jahre 1446 in der Synopsis Mii*aculorum mitgeteilten Falle. Walter Perg- 
mann von Rühlsperg hatte ein geisteskrankes Weib, wegen dessen Heilung er sich an 
S. Leonhard wendete; er gelobt eine sechs Pfund schwere eiserne Kette und eine 
eiserne Figur auf bloßem Leibe nach Inchenhofen zu tragen. Da nun das Weib ge- 
sund wurde, so begann er die Ausführung der Wallfahrt, trägt aber die eiserne 
Figur, die ihm auf dem bloßen Leibe zu schwer wird, in einem Sack auf dem 
Rücken. Er betrügt also gleichsam den Heiligen, doch empfindet er Reue darüber, be- 
ginnt die Wallfahrt diesmal wie ursprünglich gelobt, von neuem und schleppt das Eisen- 



•) S. Leonbardus, Blatt 12. 
") Mündlicher Bericht. 



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30 



Büßerqualen» Tragen eiserner Ketten. 



opfer auf dem bloßen Leibe zur Gnadenstätte, wo er am 17. Februar, nach fünftägiger 
Reisequal, anlangt. 

Noch heute ist die Überlieferung an solche Bößerqualen und das Tragen eiserner 
Ketten lebendig und wir können wenigstens an einem lebenden Beispiele einen solchen 
Selbstquäler hier vorführen. Das ist der „Jochei", welcher eigentlich Joachim Hasen- 
knopf heißt und der, heute ein etwa siebenzigj ähriger Mann, in Obersalzberg bei Berchtes- 
gaden kettenbeladen Tag und Nacht umherwandelt (Fig. 5). Der Jochei war ursprünglich 
Bergknappe und lebte zu Amberg in Bayern. Da, so erzählen die Leute, ereilte ihn das 
Geschick — aber in welcher Art, das wissen sie nicht Es war um das Jahr 1869, als 



Fig. 5. 





Jochei, der Büßer von Obersalzberg bei Berchtesgaden. 
Gezeichnet im Frühjahr 1904. 



er sein Büßerleben begann; um einer Frauensperson willen sagen die einen, oder weil 
er einen umgebracht, sagen die anderen, was aber wohl nicht zutrifft. Seit jener Zeit 
läuft er in seiner Heimat so umher, wie er hier abgebildet ist. Bart und Haupthaar 
berühren gewöhnlich kein Schermesser; er wäscht sich nicht und stan-t von Schmutz 
und Ungeziefer; die Kleidung ist zerlumpt und alles, was er besitzt, trägt er in einem 
Rucksack bei sich. Nie aber wird er ohne ein Ki'uzifix im Ai*me gesehen. Sein Haupt- 
kennzeichen aber ist die mehrfach um den Leib geschlungene schwere Eisenkette mit 
7 cm laugen Gliedern, die man leicht sehen kann, da sein Hemd vor der Brust meistens 
offen steht. So wandelt er umher und ven-ichtet die niedrigsten Arbeiten für die Bauern, 
träort Mist u. dgl. Hält dabei aber stets das Kruzifix im Arme. Nie schläft er in einem 



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Jochei, der Büßer. Knieratschen. 31 

Bett; nachts sitzt er bei irgend einem Bauern auf einem Stuhle oder der Ofenbank. 
Erhebt er sich früh, dann sieht man, wie er sein Tagewerk damit beginnt, daß er seine 
Knie gegen eine Mauer, gegen den Brunnen vor dem Hause stößt und dabei die Arme 
hoch in die Luft reckt, dann geht er zur Kirche und verweilt in Andacht vor jedem 
Wegkreuze. Was all dem zugrunde liegt, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen: 
religiöse Wahnvorstellungen oder selbst auferlegte Buße. Da er durch solches Gebahi'en 
öfEentliches Ärgernis erregte, wui'de schon vor etwa zehn Jahren Jochei von selten der 
Behörden einmal gereinigt; man nahm ihm dabei seine Ketten ab, die, wie man erzählte, 
tief ins Fleisch eingewachsen waren. Diese Reinigungen sind wiederholt ausgeführt 
worden, so noch im Frühjahr 1904. Die Ketten saßen tief in der Muskulatur und 
wiegen 36 Pfund; er läßt sie aber nicht von sich und führt sein altes Büßerleben fort, 
wie eine mittelalterliche Erecheinung in die neue Zeit hereinragend. 

Ein anderer, noch heute vielfach geübter Brauch der Selbstpeinigung ist das 
Knierutschen bei religiösen Bußübungen; namentlich die erwähnten großen Holzkreuze 
werden auf solche Ai-t zu den Gnadenstätten hin befördert Das Knierutschen ist ein 
uralter Brauch, der auch im römischen Heidentum bekannt war und aus diesem in den 
niederen christlichen Kult überging. Die Scala santa beim Lateran in Rom, welche die 
Treppe vom Hause des Pilatus in Jerusalem gewesen sein soll und auf deren Maimor- 
stufen noch die Stellen angedeutet sind, wo einst Christi Blutstropfen hinfielen, als er 
mit der Doiiienkrone vor Pilatus geführt wurde, sie darf nur knierutschend eratiegen 
werden, seit schon tausend Jahren, seit sie hier aufgebaut wurde. Und an der Stelle, 
wo jetzt die breite Marmortreppe zu Santa Maiia in Aracoeli heraufführt, stand einst 
eine andere Treppe, die hinaufging zum Tempel des Jupiter Capitolinus. Kein Geringerer 
als Julius Cäsar rutschte sie auf den Knien hinauf bei seiner Rückkehr aus dem Feld- 
zuge gegen Scipio und Cato i). Nicht nur die Großen taten solches , auch aus den 
niederen gläubigen Volksmassen ist es bezeugt, wie aus einer Stelle bei Juvenal ^) hervor- 
geht, wo er von der Bußübung einer römischen Mati'one spricht: 

Superbi 
Totum regis agrum nuda ac tremebunda cruentis 
Erepet genibus. 

Die blutenden Knie der Rutscher sind ja ein Zeichen, daß das Gelübde auch im 
vollen Maße ausgefühi-t wurde. Es kommt das ja noch jetzt vor, während bei den Männern 
das alte „ganz nackt" sich zu verloben, selbstverständlich heute ausgeschlossen ist 

Als im Jahre 1591 das Töchterlein der ApoUonia Schwaigerin schwer gestüi'zt war, 
da gelobte die betrübte Mutter „mit bloßen Knien" um S. Leonhards Altar zu Lichen- 
hofen zu gehen und als, 1592, Katharina Trosiin von Handzell ein ganzes Jahr lang 
übergroße Schmerzen im Anne hatte, „verlobt sie sich derhalben mit einem wächsin 
liecht vmb den Kopf allher (Inchenhofen) und mit blossen Knien vmb den Altar zu 
gehen". In beiden Fällen trat Hilfe ein 3). 

Ganz nackt gingen die Männer häufig genug, wenn sie ein bestimmtes Gelübde 
ausfühi'en wollten. In den Mirakelbüchem ist dieses sehr oft verzeichnet und danach 
muß es weit verbreitete Sitte gewesen sein. Hier einige Beispiele: Leonhard Scheinaver 
von Gundelstorf verlobte sich 1588 „nacket und mit 1 pfiind wachs" nach Inchenhofen. 



') Dien Cassius XIV, 21. 

«) Sat. VII, 525. 

*•) S. Leonhardus, BlaU 28 und 85. 



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32 



Wallfahrten „ganz nackt*^ und in Kreuzesstellung. 



Fig. 6. 



LeoDhard Eürl von Walschhoven „ist in schwerer Krankheit gelegen, verlobt sich nackendt 
und mit 1 Kreuzer im Stock, ist alsbald frisch vnd gesund worden" (1589). Oft geht 
der Ehemann, wenn die Frau krank daniederliegt, um sie gesund zu machen, nach 
Inohenhofen zu S. Leonhard. Aber auch aus anderen Ursachen, als Krankheit; ein Haus- 
besitzer gelobt nackt nach Inchenhofen zu wallfahrten, wenn während eines großen 
Dorf blandes sein Haus verschont bleibt. „Nach solchem gelübd durch Fürbitt des 
h. Nothelfers S. Leonhards sein Haus behüet worden" (15901). Verstärkt wird das 
Nacktgehen noch dadurch, daß der Wallfahrer die Stellung Christi am Ki*euze annimmt 
und so die Wallfahrt ausführt Für sein Weib Barbara, welches mit Zwillingen in argen 
Kindsnöten liegt, verspricht Andre Müller von Seekii'chon sich mit einer Kirchfahi*t zu 
S. Wolf gang „nackend und mit ausgespannten Armen". Das Weib kommt glücklich 
nieder und er führt 1518 die Wallfahrt in der beschriebenen Weise aus*). 

Wie so oft eine Abschwächung der Ge- 
lübde eintrat und statt schwieriger Formen 
bequemere angenommen wurden, so läßt sich 
das auch hier nachweisen. Das unbequeme 
Wallfahrten mit ausgespannten Armen ließ sich 
ersetzen durch eine eiserne Figur, die in dieser 
Stellung angefertigt und dem Heiligen geweiht 
wurde. Beweis dessen die hier abgebildete 10 cm 
hohe Eisenügur mit wagerecht ausgespannten 
Armen, welche bei unseren Ausgrabungen bei der 
S. Leonhardskirche in Aigen zutage kam. Die 
Armhaltung ist ganz entschieden beabsichtigt, 
da sonst die Arme in gewöhnlicher Stellung 
oder betend ausgeführt sind (Fig. 6). 

Noch ist die jetzt verschwundene Art, die 
Wallfahrten nackt auszuführen, in der Erinne- 
rung des Volkes geblieben und selbst im Volks- 
liede wird sie, wenn auch in humoristischer 
Weise, geschildet. In einem Salzbm'ger Volks- 
Opfer-Eisenmännchen in Kreuzigungsstellung. iiede3) wird eine Bauemwallfahrt beschrieben. 

Es ist Regenwetter. Zum Schutze rafft ein 
Bauernweib die Röcke über dem Kopfe zu- 
sammen und entblößt dabei allzusehr ihre Unterhälfte. Sie wird dessen erst gewahr, als 
die Wallfahrer lachen und ruft ergrimmt dem hinter ihr gehenden Manne zu, weshalb 
er sie nicht gewarnt habe. 

Drauf sagt da Bauar: Thua nit a so! 
I hän wol g'segn hi, 
Hän g'moant, du hast di so valobt, 
Was woaß denn weiter i? 

Eine Bußverschärfuug war auch die Wallfahrt „in Wolle", was wir gewöhnlich mit 
„in härenem Gewände" bezeichnen. Es kommt dieses wollene Bußgewand entweder 
allein, oder mit anderen Bußarten zusammen vor. Reichaits von Lampertshofen Eheweib 




Ausgegraben bei S. Leonhard in Aigen 1903. 
Va natürl. Größe. 



») S. Leonhardus, Blatt 1, 5, 24. 

«) S. Wolfgang 89. 

") M. V. Süß, Salzburger VolksHeder 1860, S. 114. 



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Wallfahrten „in Wolle", Erbetteln der Zehnrng u. Fasten. 33 

koimte 1511 von den Geburt sweheki nicht erlöst werden, bis ihr Ehemann gen Inohen- 
hofen „in wullen Kleidern vnd Parfuß, mit Wasser vnd Brot andächtig gewallfahrtet, 
won^ttf sie erledigt vnd eines frischen Kinds sanfEtiglichen nieder komen" 1). Und: 
„Anna Lonerin von Minster hat in jrer geburt 13 tag nit erlöst kinden werden, da ver- 
lobt sy sich mit 1 vierliug wachs in dem Almosen znsamblen, auch mit bloßen Knieen 
vmb den Altar veredendt, mit einem brinnenden Hecht vnd vuUig auch dazu bai*fueß 
zugehn, ist endüich erfrewt worden" (1590 2). 

Man sieht an diesem Beispiel schon eine Anzahl Verschärfungen neben dem wollenen 
Kleide. „In dem Almosen zu sammeln'^ bedeutet nämlich, daß das Geld für die 
Opfergabe erbettelt werden müsse, da diese hierdurch eine besondere Kraft erhält. 
Und dieses Zusammenbetteln kommt oft genug vor. Der Ott Steinmetz von Annaberg 
hatte 1507 seine hochschwangere Frau arg geprügelt, empfand darüber Reue und gelobte 
eine Kirchfahrt zu S. Wolf gang am Abersee, bei welcher er seinen Unterhalt erbetteln 
will. Letzteres unterläßt er aber „seyttenmale er sich deß Betteln geschämbt, auß eignem 
Seckel gezöhrt". Da erkrankte das unterdessen geborene Band; er empfand abermals 
Reue und machte ein neues, nunmehr auch ausgeführtes Gelübde „mit AUmüse zu 
raisen** '). Als 1592 das Kind des Georg Grasser zu Scheyrn in Krämpfen niederfällt, 
so daß man glaubt, es sei vom bösen Geiste besessen, verlobt sich der Vater mit einem 
Pfunde Wachs „dasselbig in allmosen zu samblen". Hat geholfen*). 

Verschärft wurden die Wallfahrten weiter dadurch, daß sie mit Fasten verknüpft 
wurden und mancher glaubte durch eine Häufung von Kasteiungen und Bußen besondere 
Gnaden zu erlangen. So wii'd aus dem Jahre 1518 berichtet, daß Andre Laittersteiger 
von Küchel so schwer verwundet worden war, daß man „Lunge und Leber von außen 
sehen konnte**. Er ist aber trotzdem gesund geworden, nachdem er sich, begleitet von 
ein Paar guten Freunden „in Wasser und Brot, baar Fuß vnd mit einem wächsin Bild" 
zu S. Wolfgang nach Abersee verlobt hatte. Als der Sohn der Elisabeth Wolff von 
Trospurg schwer an der Pest damiederlag, da wallfahrtete die Mutter zu S. Wolfgang 
„in Wasser vnd Brot, barfuß, mit einem brennenden Licht*', worauf der Jüngling 
genaß 1542 0. 

Die harten Bußen und Kasteiungen, die sich die Wallfahrer bei der Darbringung 
ihrer Opfergaben auferlegen und von denen hier Beispiele angeführt wurden, entstanden 
wohl in Anlehnung und Nachahmung an die Büß- und Bittfahrten, Bedefahrten, welche 
schon im frühen Mittelalter Totschlägern und anderen Sündern im Sühneverfahren auferlegt 
wurden •). Diese galten allerdings dem Seelenheile des Entleibten, nicht der eigenen 
Seele des Wallfahrers, wie in unseren Fällen. Aber die äußeren Ei*scheinungen, die auf- 
erlegten Kasteiungen sind sich hier und da gleich. Sehr häufig hat solche Pilgerfahrt 
imbeschuht unter Beobachtung von Fasten und Bußhandlungen zu geschehen, in Ketten 
oder auch nackt. Rom, als Sitz des kirchlichen Oberhauptes, Palästina, das reliquien- 
reiche Aachen und das im Mittelalter wegen seines heiligen Blutes berühmte Wilsnack 
in der Priegnitz waren gewöhnliche Ziele. Die oben angeführten Formen der Buße 
kommen alle in den Urkunden über Sühneverfahren vor und müssen als Parallelen 



*) Synopsis, S. 161. 
') S. Leonhardus, Blatt 31. 
») S. Wolfgang 15. 
*) S. Leonhardus, Blatt 21. 
*) S. Wolfgang 28, 52. 

•) Frauenstädt, Blutrache und Totschlagsühne 1881, S. 157 fE. 
Andree, Votive und Weihegaben. 



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34 Buiifahrten. 

gelteD. Übet» mancherlei, was die Ausfühning der Wallfahrt betrifft, finden wir da 
nähere Auskunft, als die Mii*akelbücher angeben. In diesen heißt es z. B. nur, die 
Kirchfahrt solle „nackt^ ausgefühii; werden. Ein von Marie Eysn mitgeteilter Salz- 
burgischer Sühnevertrag von 1550 bestimmt näheres, daß „der Täter soldt haben ain 
lainnas Tuech vmb das gesäß, vnd sonst an dem gantzen leib soll er nahkt vnd ploß 
geen" ^). 

Im Sühneverfahren sind solche Bußfahrten im Anfange des 16. Jahrhunderts ein- 
gegangen, weil das Verfahren selbst sich überlebt hatte und eine neue Rechtspflege 
platzgriff; der Niedergang ü-ifft nm* zufällig mit der Refoimation zusammen. Bei den 
Wallfahrten hielt sich die gleiche Form aber noch bis ins 17. Jahrhundert und in Über- 
lebseln bis auf den heutigen Tag. 



») Zeitschr. f. österr. Volkskunde 1897, S. 73. 



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Schutzpatrone der Haustiere. 

Unter gleichen Umständen und Bedürfnissen entwickelt sich bei sehr verschiedenen 
und räumlich weit voneinander getrennten Völkern gleiches in Sitte und Brauch, ohne 
daß gerade an eine Entlehnung oder an einen Zusammenhang zu denken ist. So mag 
es auch bei der Parallele sein, die sich zwischen der Verehrung der ViehpatroDC in 
Bayern und den altrömischen Palilien ergibt, die allerdings sehr schlagend ist. Pales, 
eine altitalische Feldgottheit, hatte die Herden vor Raubtieren imd Seuchen zu schützen. 
Das am 21. April ihr zu Ehren gefeierte Fest war ein Entsündigungsfcst für die Herden 
imd Hirten, eine sogenannte lustratio, die wir auch als altrömische Leonhardifeier 
bezeichnen können. Sie ist von Ovid') ganz dramatisch geschildert worden. Von den 
Vestalinnen bereitete Asche aus Kälbern diente an jenem Tage zur Reinigung der Hirten 
und herangetriebenen Herden; man flehte im Tempel zur Göttin, die Herde nicht entgelten 
zu lassen, was der Hirt verschuldet hatte, man nahm einen in reines Wasser getauchten 
Lorbeerzweig und besprengte die Tiei*e damit, dann erfolgte die Anrufung der Pales: 

„Schenke Gedeihn, o GöttiDi wie dem Vieh, so den Hütern des Viehes; 

Fem, von den Ställen verscheucht, bleibe mir jegliche Not! 
Halte mir Krankheit fem und gesiu^ laß Menschen und Herden. 

Halt auch die schützende Schar wachender Hunde gesund, 
Gib, daß ich ebensoviel beimtreib, als am Morgen ich austrieb. 

Spare den Gram mir, dem Wolf je »u entringen ein Vließ. 
Strotzende Euter berühre die Hand; Geld trage der Käse; 

Klar aus dem Weidengeflecht tropfe die Molke herab. 
Schenke Gewähr dem Gebet und 'wir bringen dir, Herrin der Hirten, 

Pales, mit jeglichem; Jahr, mächtige Kuchen zum Danke." 

Das ist nur ein Ausschnitt aus der Ovidischen Schilderung der Palilien, aber die hier 
vorgetragenen Wünsche des römischen Hirten sind die gleichen, wie die des bayerischen 
Bauern an St. Leonhard oder St Koloman gerichteten, denen man freilich keine Kuchen, 
wohl aber Wachskerzen, eiserne Opfertiere oder Geld darbringt 

An die Stelle der Pales und anderer römischer der Viehzucht vorstehender Gott- 
heiten sind in Italien verschiedene Heilige getreten, die auch in Deutschland als Schützer 
der Herden genannt werden. Vor allem ist es dort S. Antonius der Abt, so zubenannt 
zum Unterschiede vom h. Antonius von Padua. Er war in der Mitte des dritten Jahr- 
hunderts in der Thebais geboren und soll 105 Jahre alt geworden sein; sein Tag ist 
der 17. Januar und die Schweine stehen unter seinem besonderen Schutze, weshalb er 
in Tirol der „Fackentoni" heißt ») und in Italien Antonio del porco genannt und mit 
einem Schwein zu Füßen abgebildet wird. Überall waren seine Mönche als vorzügliche 
Schweinezüchter bekannt In Würzburg besaßen die Antoniter schon im zwölften Jahr- 
hundert den Hof von Altenberg und die Antoniuskapelle daselbst Sie hatten das Piivi- 



») Festkalender IV, S. 721 ff. 

•) Fack, m. Ferkel. Schm eller I, S. 689. 

6* 



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36 Antonias, der Abt and die Schweine. ADtoniasbrot. 

legium, ihre Schweine mit einem Glöckchen am Halse frei umherlaufen zu lassen i). 
Auch in Neapel liefen die Schweine, welche die Mönche im Kloster neben seiner Kii'che 
hielten und die Schweine des h. Anton hießen, früher mit Glöckchen versehen in der 
Stadt umher, bis dieses verboten wurde. Die Einsegnung der Haustiere findet aber dort 
alljährlich am 17. Januar noch statt, wobei früher die königlichen Hof wagen, um den 
Glanz des Festes zu erhöhen, dreimal um die Kirche herumfuhren*). 

In Rom liegt die Kirche dieses Heiligen am Esquilin, unweit von S. Maria Maggiore 
und dort werden gleichfalls am 17. Januar die Haustiere der Stadt von den Priestern 
eingesegnet. Wer ein Tier zur Weihe bringt, erhält ein kleines Bild des Heiligen, das 
zur Abwehr von Unglücksfällen an die Stalltür genagelt wird 3). Wie es bei diesen 
Einsegnungen vor hundert Jahren zuging, darüber haben wir eine lebhafte Beschreibung 
der Gräfin Elisa von der Recke, die in den Jahren 1804 bis 1806 Italien bereiste*). 
Sie schreibt: „Wir fuhren zur Kirche des Heiligen, konnten aber kaum noch durch die 
Straßen kommen, so gedrängt voll waren sie von Pferden, Maultieren, Eseln, Kühen, 
Schafen, Ziegen und Hunden, die alle nach dem Orte der Weihe hinzogen und 
Schwänze, Köpfe und Hälse mit bunten Bändern und anderem Flitter geziert hatten. 
Eine ungeheure Menge war auf dem großen freien Platze vor der Kirche versammelt 
imd gab dem Ganzen das Ansehen eines Viehmarktes. An der Türe stand der segnende 
Priester in der Amtskleidung mit einem Wedel in der Hand, den er in eine große Kufe 
mit Weihwasser tauchte und ohne Unterlaß die herzukommenden Tiere damit besprengte, 
wobei er sein Käppchen abnahm und jedesmal murmelte: Per intercessionem beati 
Antonii Abbatis haec auimalia liberantur a malis, in nomine patris et filii et Spiritus 
sancti. Amen. Der arme Priester strengte sich mit seinem Segnen so übermäßig an, 
daß er ganz erschöpft war. Der Reiter, Fuhrmann oder Treiber des Tieres gab immer 
ein Stück Geld, mehr oder weniger, je nach Willen oder Vermögen, und erhielt dafür 
ein Bild des Heiligen und ein kleines metallenes Kreuz" s). 

. Diese auf Italien bezüglichen Vorgänge führen wir nur deshalb hier ausführlich 
an, weil wir gleich die nämlichen Viehsegnungen aus Deutschland zu erwähnen haben, 
wenn auch bei uns andere Heilige S. Antons Stelle vertreten. Aber ganz ausgeschlossen 
ist er nicht; so ist er in Tii'ol noch Viehpatron, besonders für die Schweine^). Ich fand 
ihn auch auf dem Giersberg über Kii'chzai-ten im Breisgau verehi-t, wo er das Patronat 
der Wallfahrtskirche mit der h. Maria teilt, und ein Votivbild mit zwei Schweinen zeigte, 
daß man auch dort auf seine Hilfe für diese Tiere rechnet. Das Antoniusbrot, 
für das in manchen Kirchen in einem besonderen Opferstock gesammelt wird, hat auch 
Bezug auf sein Viehpatronat. Einen Tronc pour le pain de St. Antoine sah' ich in der 
bekannten und viel besuchten Wallfahrtskirche zu Drei Ähren bei Kolmar in den Vogesen. 
Die im Laufe des Jahres in diesem Opfei'stoeke angesammelte Geldsumme wird zum 



*) Niedermeyeri Kunstgeschichte Würzburgs, S. 118. 

.*) Trede 111, S. 104. 

•) Nork, Der Festkalender. Stuttgart 1847.. S. 98. 

*) Tagebuch einer Reise durch einen Teil Deutschlands und durch Italien. Leipzig 1Ö15—1817. 
Band II, S. 245. 

^ Mit den Spaniern ist das Einsegnen der Tiere nach Amerika gelangt. A. Beaumont 
schildert (in der Zeitschrift The Royal , Septemberheft 1902) the quaint ceremony at Cuzco in Peru, 
when domestic animals of all kinds are blessed in the church.. Die Abbildung zeigt, ^ie in der 
festlich geschmückten Kirche Kühe, Schweine, Ziegen, Schafe mit ihren indianischen Führern vor 
dem Hochaltar der Klosterkirche eingesegnet werden. 

") J. von Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. S. 180. 



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S. Cornelias YiehpatroiL Der Viehschelm. 37 

Ankaufe von Getreide benutzt, aus dem kleine, apfelgroße Antoniusbrote gebacken werden. 
Diese verkauft die Kirche am Tage des Heiligen an die Landleute der Umgegend, welche 
sie ihrem Vieh zu fressen geben, das dadurch vor Krankheiten bewahrt bleiben soll. 

In der Bretagne liegt ähnliches vor und hier ist der h. Cornelius Viehpatron. 
Er verdankt dieses wohl einer volksetymologischen Angleichung, daß er protecteur des 
b^tes a comcs wurde. Einer freundlichen Zuschrift verdanke ich über ihn folgende 
Nachrichten. Zu Camac ist sein Bildnis über der Tür seiner Kirche in Stein ausgehauen; 
er ist in voller Bischofstracht dai-gestellt und neben ihm zwei Ochsen. Dorthin begeben 
sich die Landleute der Umgegend, trinken aus der Quelle des Heiligen bei der Kirche 
und waschen sich damit, weil es wunderwirkende Heilkraft besitzt; sie schütten das 
Wasser auch über die Häupter ihrer dorthin getriebenen kranken Ochsen, damit sie- 
durch die Fürbitte des Heiligen gesunden. Dafür empfängt aber S. Cornelius auch seine 
Opfer in Gestalt lebender Kühe, die man allerdings nicht mehr schlachtet, sondern zum 
Besten der Kirche verkauft. Die Stricke, mit denen diese Ochsen zur Kirche getrieben 
wm'den, verkauft man gleichfalls, denn es herrscht der Glaube, daß Vieh, welches mit 
ihnen künftig befestigt oder geleitet werde, von aller Krankheit verschont bleibe. 

Sorge um sein Vieh, seinen besten Besitzstand, ist bei dem Bauein natürlich; es ist 
ihm oft mehr ans Herz gewachsen als seine Familie, und er verkehrt voller Liebe und 
Anhänglichkeit mit seinen Pferden und Rindern. Ein Weib, wenn es gestorben istj 
bekommt er schon wieder, aber der Schaden, den ein gefallenes Stück Vieh verursacht, 
ist bleibend. So ist die Anschauung beim deutschen Bauer in Nord und Süd und am 
häßlichsten kommt sie in dem Spniche zum Ausdruck: „Weibersterben, kein Verderben 
— Vieh verrecken, großer Schrecken*^. 

Daher auch die Angst des Bauern vor Viehseuchen, von denen er ganz merk- 
würdige Vorstellungen hat, und sein Hilfesuchen bei jenen Heiligen, deren besondere 
Fürbitte für das Vieh erprobt ist. In den Vorstellungen des bayerischen Bauern betrachtet 
man die häufig aufeinander folgenden Viehseuchen als veinirsacht durch ein besonders 
scheußliches Wesen, den Viehschelm. Von ihm heißt es: 

„Der Viehschelm ist ein Stier, aber nur zur vorderen Hälfte leibig, in der Mitte 
geht er aus und schlenzt die leere Haut hintnach. Wenn er sich zeigt, da entsteht eine 
Sucht unterm Vieh und kommt ein großes Sterben über dasselbige. Am Ende der 
dreißiger Jahre, als der ganze Gäu herum vom Lungenbrand schreckbar heimgesucht 
worden und in den mehrsten Ställen bald kein Vieh mehr stand, da, kurz zuvor, haben 
manche Leute den Viehschelm deutlich gesehen, schreien aber ihrer noch viel mehr 
gehört" 1). Rinderpest, Lungenseuche, Milzbrand wurden dem Viehschelm zugeschrieben 
und manche Gegend genau bezeichnet, wo er, scheußlichen Gestank hinterlassend, hauste, 
z. B. am Schleimserjoch bei der Hinterriß*). Was Wunder, wenn der Bauer, dem 
seine beste Habe dahinstarb, zu übeiirdischen Mächten seine Zuflucht nahm, nicht nur, 
wenn das Unglück schon vorhanden, sondern auch vorbeugend und durch reiche Weihe- 
gaben die Heiligen sich günstig stimmend. 

Zahlreich sind die Schutzpatrone des Viehes in Deutschland und zum Teil wurden 
sie weit früher als solche verehrt als S. Leonhard , welcher heute der größte Viehpatron 
ist Da ist St. Georg älter, aber er steht jenem nach, wie dies schon der Lungauer 
Spruch besagt: „Fürs große Vieh hilft der h. Leonhard, fürs kleine tuts der Thomas- 

*) V. Leoprechting, 1855, S. 75. „Schelm" ist ein altes Wort, bedeutet gefallenes Vieh, Aas 
überhaupt. Der Milzbrand heißt „gelber Schelm". Seh melier II, S. 412. 
•) Hof 1er, Volksmedizin in Oberbayern, S. 28. 



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38 Schutzheilige des Viehes. 

taler Jrig (Georg) a." Da kommt ferner S. Martin in Betracht; eines großen Rufea, 
wenn auch in beschränkter Gegend, in der bayenschen Holbertau, erfreut sich S. Castu- 
lus (26. März), der auf dem Kasselberge bei Fahlenbach verehrt wird. Ein besonderer 
Hirtenbund läßt in seiner Wallfahrtskirche Bundesmessen für das Gedeihen des Viehes 
lesen und auf zahlreichen Votivtafeln sehen wir den Heiligen als Beschützer des Viehes 
dargestellt^). In der Oberpfalz tritt dann der h. Sebastian an seine Stelle, dem in 
seiner Kapelle auf malerischem Felskegel bei Breitenbrunn die Bauern Anliegen wegen 
ihres ki*anken Viehes bittend vortragen *). Ein sehr angesehener Schutzpatron des Viehes 
ist in Bayeni, Salzburg, Ober- und Niederösten-eich bis nach Ungarn auch S. Koloman, 
sein Tag ist der 13. Oktober; in der abgelegenen Taugl im Salzburgischen wird er in 
seiner Kirche hesondera als Viehpatron verehit, wie zahlreiche darauf bezügliche Votiv- 
tafeln melden 5). Neben ihm tritt in Bayeni und Tirol S. Wendelin als Viehpatron 
auf, aber mehr für das Kleinvieh. An seinem Tage (20. Oktober) wird er in den Dörfern 
an der Lauterach als Schinnherr der Haustiere, namentlich der Pferde, verehrt Man 
pflegte fi-üher dort am Tage des Heiligen das Vieh jeder Gemarkung auf einer Wiese 
zusammenzutreiben, worauf der Pfarrer es einsegnete. Auch im nördlichen Franken jura 
ist S. Wendelin der Beschützer des Viehstandes und findet am 20. Oktober eine Wall- 
fahrt statt zur Wcndelinskirche in Neudorf am Weißmain. In Vorarlberg ist S. Theodul, 
im Vintschgau der h. Rochus, in Obersteiermark S. Patricius der Schutzherr des 
Viehes, während in den slawischen Gegenden Kärntens und in Krain S. Vitus an deren 
Stelle tritt, freilich mischt sich überall neben ihnen S. Leonhard ein. Aber älter als er, 
welcher in diesem Fache mehr als Emporkömmling, wenn auch ein mächtiger, zu gelten 
hat, ist S. Wolf gang, in dessen Mirakelbüchem die Viehheilungen eine Rolle spielen. 
Seine Kirchen (Thaining, St Gangwolf) sind älter als die der in der Gegenwart an- 
gerufenen Viehheiligen; „auch wird das Vieh um seine Kirchen herumgeführt und aus- 
geweihl"*). Weiter nach Osten hin tritt S. Stefan als Patron der Rosse auf. Ihm zu 
Ehren finden noch Unoritte statt, auf die ich zurückkomme. 

In einer nur beschränkten Gegend wird auch eine weibliche Heilige als Patronin 
des Viehes und Fürbitterin bei Viehseuchen schon seit Beginn des 16. Jahrhunderts 
verehiij. Es ist aber nur eine Volksheilige, nämlich Gunthild zu Biberach bei Plank- 
stetten. Ihre Statue steht in der dortigen Filialkirche auf der einen Seite des Hoch- 
altars, sie hat starken Zuspruch und erhält viele Opfer. Der Pfaner von Plankstetten 
war aber vor fünfzig Jahren über die Heiligkeit dieser Gunthildis im Unklai*en und wandte 
sich in seinen Zweifeln an das bischöfliche Geueralvikariat in Eichstätt. Dieses ließ die 
Echtheit der Legende. unentschieden, verbot aber das Messelesen, gestattete jedoch die 
Verehrung der Gunthild, soweit eine solche bestand. So ist dem Volke diese Schutz- 
patronin des Viehes erhalten geblieben*). 

Mit dieser flüchtigen Aufzählung ist aber keineswegs die Zahl derjenigen Heiligen 
erschöpft, denen der süddeutsche Land mann sein Vieh anbefiehlt Wir müssen sie ver- 
lassen, um dem gi'ößten und mächtigsten unter ihnen, dessen Kultus auch am charakte- 
ristischsten sich entwickelt hat, S. Leonhard, uns ausführlicher zuwenden zu können. 



») Kalender 1894, S. 46. 

•) Bavaria II, S. 308. 

^) G. Deppiach, Gesch. des h. Colonianni, Wien 1734, S. 152, 195. 

♦) V. Leoprechting, S. 118. 

6) Pastoralblatt des Bistums Eichstätt 1855, S. 135. 



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Der heilige Leonhard. 

Professor Sepp nennt S. Leonhard den „altbayerischen Herrgott '^, und in der 
Tat genießt unter dem Landvolke kein anderer Heiliger eine so hohe Verehrung und 
ein so großes Vertrauen wie dieser. Er wird unter den Heiligen nur von der Jungfrau 
Maria übertroffen, aber er folgt gleich hinter ihr und zahlreich sind die Kapellen und 
Kirchen, die ihm geweiht sind, die sich auch über die Nachbarländer erstrecken und 
hinabreichen bis ans Adriatische Meer. Und doch ist S. Leonhard kein heimischer 
Heiliger, kein deutscher Landsmann; er ist aus der Fremde zu uns gekommen, war ein 
fränkischer Edelmann. Er lebte, wie die Legende berichtet, zur Zeit des Fi*ankenkönigs 
Chlodwig I., wurde vom Bischof Remigius in Rheims getauft, führte einen sehr gott- 
seligen Wandel, gründete das Kloster Noblac (Nobilacum) bei Limoges und stai*b am 
6. November 559 als Abt Die vielen Wunder, die er gewirkt, und die besondere^Tätig- 
keit, die er auf verschiedenen Gebieten ausübte, von denen die Legende berichtet, lassen 
sich in ihren Nachwirkungen und darin, „wofür er gut ist*^, noch heute erkennen; sie 
sollen an den betreffenden Stellen angeführt werden. Seine Verehrung in Deutschland, 
zunächst bei Frauken imd Alemannen, wurde durch die Cisterzienser verbreitet und 
frühzeitig entstanden Stätten seiner Verehrung, zu denen das gläubige Volk in Massen 
herbeiströmte, wo dieser Heilige von Hoch und Niedrig in den verschiedensten Fällen 
als Fürbitter angerufen wird. Zahllos sind seine Abbildungen nicht nur in seinen Kirchen 
und Kapellen, sondern auch auf Seitenaltären in Kirchen, die anderen Heiligen geweiht 
sind. Man sieht ihn auf Bildstöckeln, an den bunt bemalten Häusern in den Alpen und 
auf den sogenannten Leonhardstafeln an den Almwegen. Die größeren Darstellungen 
in den Kii-chen zeigen etwas Stereotypes in der Auffassung und bringen gewöhnlich die 
gesamte Tätigkeit des großen Nothelfera zur Anschauung. Als typisch geben wir hier 
die Abbildung (Tafel H) des Altarbildes von S. Leonhai-d bei Schellenberg, Berchtes- 
gadener Gegend. Oben sehen wir die von Engeln umschwebte Muttergottes, zu der sich, 
fürbittend, S. Leonhard wendet. Er ist barhaupt, in Mönchstracht, hinter ihm sein Abtstab, 
ein Engel hält die Abtkrone über ihn, ein anderer die Ketten, sein Attribut. Unten im 
Mittelgrund das Kirchlein S. Leonhard und ringsum die Gruppen der Hilfesuchenden. 
Links ein Mann mit dem kranken Arm in der Binde imd ein Blinder, vor ihnen ein von 
zwei Männern gehaltener Tobsüchtiger, in der Mitte Bauer und Bäuerin für ihr krankes 
Pferd um Genesung flehend. Rechts eine Mutter mit einem kranken Kinde auf den 
Armen, hinter ihr am Rande ein Taubstummer, das Glöcklein schwingend, mit dem diese 
in früherer Zeit ausgingen, endlich ganz rechts ein Gefesselter, um Befreiung den 
Heiligen bittend i). 



^) Ähnlich das Altarbild der S. Leonhardskircbe bei Grödig im Salzburgischen, welches die 
Ursache der früher blühenden Wallfahrten dorthin wurde. Dürlinger, historisch - statisfcischeB 
Handbuch der Erzdiözese Salzburg, 1861 und Huber, Fromme Sagen aus Salzburg, 1880, S. 86. 



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S. Leonhard in Kundl u. in Tamsweg. Der Name des Heiligen. 



Wer des Heiligen eigentümlichstes Standbild sehen will, der soll sich nach Kundl, 
südlich von Kufstein in Tirol, begeben. In einem halben Stündchen erreicht man von 
der Bahnstation das einsam in Wiesen gelegene alte gotische Leomhardskirchlein, das 
der schrecklichen Restauration in der Barockzeit entging und jeden Kenner freudig über- 
raschen wird. Von dem m*sprünglich romanischen Bau sind in den Grundlagen und an 
zwei Pfeilern noch Reste vorhanden mit Bären und [Fabeltieren. Erbaut wurde das 
Kirchlein von Kaiser Heinrich H. und ein Papst, Benedikt VHL, weihte es im Jahre 
1020 ein, als er auf der Durchreise nach Bamberg hier vorüberkam. Ganz so wie zu 
Aigen am Inn besteht auch hier die Sage, daß ein Steinbild S. Leonhards auf dem 
Flusse hierher geschwommen sei, über welchem der Kaiser die Kirche erbaute *). Dieses 
Steinbild ist fi'eilich nicht mehr vorhanden, aber ein anderes recht merkwürdiges, hier 
abgebildetes (Fig. 7), fast lebensgroßes und ziemlich roh gearbeitetes überraschte mich. 
Es steht zu ebener Erde bei einem Seitenaltar und ist bemalt Der Heilige hält ein 



Fig. 7. 



Buch in der Linken, auf dessen Rückseite die Jahreszahl 1481 
_ steht. Kette und Hufeisen umgürten ihn. Das Auszeichnende, 

JEm aber spätere Zutat, ist die große Menge von Weihegeschenken, 

JMffl^^ ^^^ ^^^ Heiligen wie eine Girlande um Hals und Oberkörper 

^^C^^^3L geschlungen sind, meistens Wachsvotive, Kühe, Kälber, Pferde, 

Schafe, Arme, Beine und Herzen. Wunderlich genug schaut 
er aus und man begi'eift, wie das gläubige Volk sich gerade 
zu dieser Statue hingezogen fühlt. Da erzählt man sich denn 
auch, einst sei ein altes kurzsichtiges Bauernweib zur Beichte 
hierhergegangen und habe die Statue für den Priester an- 
gesehen, dem sie ihre Sünden bekannt Gefragt, ob sie mit 
dem Beichtvater zufrieden sei, antwortete sie: „Ach ja, aber 
grad so viel a stader (schweigsamer) Herr ist er.*^ 

Zuweilen sind S. Leonhai'ds Statuen mirakulös, wie das 
Gnadenbild in seiner Kirche am Schwarzenberg bei Tamsweg 
im Salzburgischen 2). Dargestellt wird S. Leonhard gewöhnlich 
in Mönchskleidung, mit dem Abtstabe, barhaupt und mit einer 
Kette in der Hand. In jüngeren Abbildungen treten ihm 
Pferde und Rinder zur Seite. Kennzeichnend für den Heiligen 
sind ferner seine alten Beziehungen zum Eisen, das ihm 
nicht nur in natura, sondern in Gestalt von Menschen- und 
Tierfiguren, eisernem Ackergerät, Hufeisen, Ketten, Nägeln dargebracht wurde und noch 
wird, wovon noch die Rede sein soll. 

S. Leonhards Name ist vielfach im Sprachgebrauch zu allerlei Bezeichnungen ver- 
wendet worden, wobei mundartlich die Formen wechseln. Lienhard (Lionel, Lehart) 
ist in Bayern allgemein; in Schwaben hört man Leart, in Franken Lehart, in Böhmen 
Lejhoatte, Lejhord usw. Mau kennt die Lienhardsfahrten, die Lienhardstruhen, die Lien- 

*) Der Pilger durch Tirol. Beschreibung der Wallfahrtsorte. Innsbruck 1846, S. 129. 

') Es ist ein ziemlich roh aus Holz geschnitztes, an der Rückseite verkohltes Bild, das auf einem 
Aste aus Karwendelholz (Wacholder) steht. Dieser Ast stammt von einem Baume, auf den sich die 
Statue des Heiligen dreimal aus einer verschlossenen Kiste, die ii) der Miohaelsklrohe stand, geflüchtet 
hatte — ein Zeichen, daß S. Leonhard für sich eine eigene Kirche haben wolle, die ihm auch 1428 
erbaut wurde. Dort steht nun das alte Holzbild, zu dem Tausende wallfahrten und bei dem Zeichen 
und Wunder geschehen. Ig. v. Krüsinger, Lungau, Salzburg 1853. Huher, Fromme Sagen aus 
Salzburg, 1880, S. 82. 




Steinerne Statue S. Leonhards 

in Kundl (Tirol) mit Votiven 

behangen. 



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S. Leooliard als Entbinder und MenBchenarzt. 41 

hardstage (Sonntage des Juli, an denen die Feste der Leonhardskirchen in Ober- und 
Niederbayern gefeiert werden) und nennt selbst profane Brunnenstatuen Lenel, Lienel. 
Als Taufname ist Leonbard (Lebnert, Hartl usw.) sehr verbreitet. 

Die Verehrung und Beliebtheit S. Leonhards hängt auch mit der Vielseitigkeit 
seiner Funktionen zusammen. Gar manches, was seiner Tätigkeit und seinem Einflüsse 
noch heute zugeschrieben wird, läßt sich schon in der Legende nachweisen; in seiner 
französischen Heimat bewährte er sich als Helfer bei schwierigen Entbindungen 
und durch seine mildtätige Fürsorge für Gefangene. Wir können daher sein Schutz- 
patronat bei Entbindungen und für Gefangene als seine ältesten Funktionen ansprechen. 
Die Legende berichtet: König Chlodwig jagte, begleitet von seiner hochschwangeren 
Gemahlin, in einem Walde, wobei letztere plötzlich von Geburtswehen befallen wurde. 
Die Geburt war schwer und die Königin rang in der Wildnis mit dem Tode. Da 
kam zufällig der h. Leonhard vorbei und der König wandte sich um Fürbitte an den 
frommen Mann, der seine Hände zu Gott erhob und dadurch „die Königin mit einem 
holdseligen und frischen Kinde erfrevte** *). So kam S. Leonhard dazu, Patron der 
Wöchnerinnen zu werden und welches weiter dazu führte, daß die Frauen, welche 
unfruchtbar waren, sich an ihn um Nachkommenschaft wendeten und in diesem Sinne 
ihre Weihegaben darbrachten. Der Wunsch, durch S. Leonhards Fürbitte Nachkommen- 
schaft zu erzielen, tritt wiederholt an ihn heran und Beispiele dafür biingen die Mirakel- 
bücher. Allerdings sind andere Heilige in diesem Fache stärker gewesen 2). 

Die Tätigkeit S. Leonhards für Wöchnerinnen und Unfruchtbare ist heute aller- 
dings mehr in den Hintergrund getreten. Dieses kann auch von seiner Schutzherrlich- 
keit über die Gefangenen gesagt werden, die weiter unten besonders betrachtet werden 
soll, denn die Zeit ist vorüber, daß der Heilige so ohne weiteres die Gefangenen befreien 
konnte. Der „himmlische Leibmedikus", wie tinser Heiliger in den mit dem vierzehnten 
Jahrhundert beginnenden, auf ihn bezüglichen Mirakelbüchem genannt wird, war zuerst 
ein Menschenarzt, auf seine Fürbitte weichen die mannigfachsten Ki*ankheiten. Es ist 
für die Geschichte der Medizin sehr wertvoll, diese im einzelnen kennen zu lernen, und 
in mühevoller Art hat M. Höfler alle jene Krankheiten aus den Mirakelbüchem zu- 
sammengestellt und erläutert, in denen der Heilige geholfen, sowie die verschiedenen 
Opfergaben, die ihm von den Geheilten geweiht wm'den*). Es sind 42 Rubriken vom 
Scheintod bis zu den Eingeweidewürmern, die hier fachmännisch behandelt werden und 
in denen man ein Bild der Krankheiten des Mittelalters entwickelt findet, verquickt mit 
Wundertaten, die im guten Glauben niedergeschrieben sind, gleich nachdem sie sich 
ereignet hatten. Geschahen solche Heilungen in den Leonhardskirchen selbst, wie es 
öfter vorkam, so wurden die Wallfahrer durch Glockengeläut zusammengerufen und 
ihnen das neu geschehene Wunder verkündigt. 



*) Synopsis, S. 20. 

') Der Wunsch um männliche Nachkommenschaft mit Gelübde verbunden ist uralt, wie Hanna 
schon den Herrn Zebaoth um einen Sohn bittet, den sie ihm weihen will (1. Samuelis I, 11). Frau 
LauSenhuber in Schwaz war unfruchtbar, schon alt und durfte auf keine Leibeserben mehr hoffen. 
Da verlobte sie sich 1554 mit ihrem Manne zu S. Wolfgang am Abersee auf einer Kirchfahrt. „Wann 
sie Gott und der h. Nothelffer erhören würde und jhnen eine männliche Frucht verleihen, wollte sie 
solche dem lieben Heiligen zu Ehren auch Wolfgang nennen. Nach diesem Gelübd ist die Fraw 
innerhalb viertzehn Tagen schwanger worden vnnd hemachher, wie sie begert, eines Sohnes genösen. 
Diesen jhrem Gelübdt gemäß Wolfgang taufen lassen." S. Wolfgang 150. 

•) Höfler II, S. 52—88. 

Andree, Votlre and Weihagaben. Q 



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42 Verbreitung der Leonhardskirchen. S. Leonhard = Fro? 

Die Hauptwirksamkeit des Heiligen erstreckte sich also in der älteren Zeit auf die 
Heilung von kranken Menschen und die Fürsorge für Gefangene und Wöchnerinnen. 
Dabei aber erfüllte er im Nebenamte gleichsam noch eine ganze Anzahl anderer Funk- 
tionen: er schaffte verirrte Menschen oder Tiere herbei, brachte gestohlene Sachen dem 
rechtmäßigen Eigentümer zurück, er war „Wind- imd Wettermacher", er schützte vor 
Schauer und Hagelschlag; er half in Rechtshändeln, bei Ehrverletzung, bei teuflischer 
Anfechtung, Angst vor Verzauberung oder Hexen, er stiftete zwischen Uneinigen Frieden, 
half bei Feuersbrunst, erledigte amae Seelen aus den Banden der Sünde usw., wofür 
die Mirakelbücher ausgiebige Beläge darbieten. Von all diesem ist aber heute weniger 
die Rede, wenn es auch noch vorkommt, daß S. Leonhard in den angeführten Sachen 
um seine Fürbitte angegangen wird und ihm deshalb Gaben geopfert werden. Vor- 
herrschend ist er Schutzpatron des Viehes geworden und der Ackerbau wird seiner 
besonderen Gunst empfohlen. 

Es ist nur natürlich, daß der Kultus eines so mächtigen und beliebten Heiligen 
eine weite Verbreitung finden mußte, trotzdem er bei uns keineswegs zu den ältesten 
Heiligen gehört und seine süddeutschen Kirchen meist erst im zwölften Jahrhundert 
erscheinen (1020 Kundl in Tirol, 1122 Grödig bei Salzburg, 1184 Kreut in Bayern; das 
durch den Leonhardkult so berühmte Inchenhofen erst 1289). In Frankreich finden wir 
die älteste, noch auf den Heiligen selbst zurückgehende Kirche zu Noblac im Departe- 
ment Haut Vienne. In seiner Heimat sind ihm keineswegs sehr viele Gotteshäuser 
geweiht, da der Schwerpunkt seiner Verehrung sich ostwärts verschob. Vereinzelt sind 
die Leonhardskirchen am Rhein, in Westfalen, Belgien, Elsaß-Lothringen, Frankfurt am 
Main. Sie mehren sich im württembergischen und bayerischen Schwaben und werden 
am dichtesten in Ober- und I^iederbayem, wo des Heiligen Kultus in der höchsten Blüte 
steht. Mit den bayerischen Ansiedlern, die in die Ostmark wanderten, drang die Leonhai'ds- 
verehrung weiter vor. In Böhmen sind ihm zwölf Kirchen geweiht, im Salzburgischeu 
18 Kirchen und Kapellen, in Kärnten 30, in Krain 40, in Niederösterreich 9, in Steier- 
mark ist, abgesehen von vielen anderen Kirchen und Kapellen, in Murau eine berühmte 
Leonhardskii'che ; bei Nabresina, in der Nähe von Triest, erreichen sie das Adriatische 
Meer mit den Ruinen der dortigen auf alter prähistorischer Stätte erbauten Kapelle i). 

So christlich nun der spät über den Rhein gekommene Ö. Leonhard auch ist, so 
läßt sich doch nicht leugnen, daß man in seinen Funktionen, sowie in seinem Kultus 
maiiches zu erkennen vermag, was heidnische Anklänge zeigt und dadurch ist es auch 
gekommen, daß man mehrfach versucht hat, ihn auf ehie heidnische germanische Gott- 
heit zurückzuführen. 

S. Leonhard = Freyr-Fro? Karl Weinhold hat einmal gesagt: „Die Zeit ist 
vorüber, in der manche deutsche Mythologen jeden Kirchenheiligen darauf hin unter- 
suchten, welcher germanische Heidengott sich unter seinen Gewändern versteckt habe" *). 
Auch Jahn s) meint, welche germanische Gottheit durch den h. Leonhard vertreten werde, 
sei eine müssige Frage und er spottet dann über die Art der bisher versuchten Er- 
klärungen. Ich kann mich dem nur anschließen, um so mehr, als bis jetzt fortgesetzt 

*) Das ist nur eine ungefähre, unvollständige Aufzählung der Verbreitung der Leonhardskirchen. 
Vergl. dazu Höfler I, S. 110. — Peez in den Mitt. der Wiener Anthrop. Ges. XXII, S. 198. — Zeitschr. 
für österr. Volkskunde 1898, S. 116 und 207. — Die Hciligenpatronate in der Erzdiözese Salzburg. 
1895, S. 47. — von Reinsberg-Düringsfeld, Festkalender aus Böhmen unter 6. November. 

«) Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde V, S. 416. 

*) Ulrich Jahn, Die deutschen Opfergebräuche, S. 53. 



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S. Leonhard = Fro? 43 

das Gleichnis Fro = S. Leonhard in wissenschaftlichen wie populären Schriften fort- 
dauert, als ob es eine ganz sichere, kaum noch des Beweises bedürftige Sache sei. 

Mir scheint, daß die Anregung zu dieser Fro-Erbschaft S. Leonhai'ds von J. W. Wolf 
ausgeht, der doch sonst ziemlich vorsichtig ist und meint, es sei besser zu wenig als zu 
viel zu tun, wo es sich um die Beziehungen christlicher Heiligen zu germanischen Göttern 
handle. Auf die Leonhardsumritte eingehend, sagt er ^): „Wie es scheint, ritt nian bei 
dem Feste des Gottes (Fro) um die Wette und dreimal um sein Bild herum, wenigstens 
scheint eine ältere belgische Sitte auf diesem heidnischen Anstrich zeigenden Gebrauch 
zu fußen. '^ liier „scheint*^ alles zu sein und die angezogene belgische Sitte bezieht 
sich keineswegs auf S. Leonhard, sondern auf S. Guido in Anderlecht bei Brüssel (siehe 
weiter unten bei den Umritten). Auch hindert dieses Wolf nicht anderwäil/S 2) S. Stephan 
an die Stelle Fros zu setzen, weil diesem die Pferde heilig waren. Auch M, Höfler hat 
in seinen verschiedenen Schriften ^) nachdrücklich betont, daß S. Leonhard an Fros oder 
Wodans Stelle getreten sei, eine Anschauung, der auch Peez*) beipflichtet. Am weitesten 
ist der um die Volkskunde Bayerns verdiente Hauptmann Arnold gegangen s). Von der 
Tölzer Leouhardifahrt redend, erörtert er, daß der Berg, wo die Isar durch das Hoch- 
gebirge bricht, eine alte Kultusstätte gewesen zu sein scheine. „Hier flammten die 
Feuer weit hinein in das Tal imd herab zu Ehren Fros, des lebenzeugenden Sonnen- 
gottes. Obschon sein Gedenken spurlos im Volke erloschen, hat sich der Brauch seiner 
Ehi-ung und seines Dienstes, wenn auch gänzlich umgestaltet, erhalten, mag auch frommer 
Unverstand diesen Zusammenhang in Abrede zu stellen vei'suchen.'^ Das sind Worte, 
aber keine Beweise. Und wie weit die mythologischen und heidnischen Phantasien des 
Verfassers gehen, kann man aus seinen näheren Schilderungen der Tölzer Leonhardi- 
fahrt ersehen. Da erinnern ihn die bemalten Leonhardstruhen an Freyers Wolken- 
schifi Skidbladnir; der zuweilen als Rumpffigur auf den Wagen abgebildete S. Leon- 
hard „kann als Nachhall hermesartiger Darstellungen" gelten; dem Blau-weiß der 
bayerischen Farben könnte man natur-mythische Beziehung unterlegen, denn auf dem 
blauen Äther segelt das weiße WolkenschifE; die Messingscheiben und Zieraten am 
PferdegeschiiT können keltischen Bronzeschmuck als Modell gehabt haben und was 
derlei mehr ist 

Einen Beweis, der wirklich zwingend wäre für den Zusammenhang zwischen Fro 
und S. Leonhard, vermögen wir bei den angeführten Schriftstellern nirgends zu finden. 
Und gerade bei S. Leonhard wird, trotz seiner hervorragenden Stellung, der Nachweis 
um so schwieriger, als es sich bei ihm um einen Heiligen handelt, der erst verhältnis- 
mäßig spät über den Rhein zu uns gekommen ist. Nm» auf die alten Heiligen, die 
schon zur Zeit der Bekehrung der Germanen verehit wurden, können die heidnischen 
Götter ganz oder teilweise übergegangen sein, wenn letztere nämlich dem Volke noch 
bekannt waren und bis zum Siege des Christentums verehrt wurden. Die später, nach 
Absetzung der alten Götter, aufti'etenden Heiligen können aber keinen Anspruch mehr 
auf heidnische Zutaten, oder doch nur in geringem Grade erheben. Und insofern als 
es sich um die Überti-agung der Einwirkung Fros, als Gottes der Fruchtbarkeit, auf die 
Vermehrung des Viehes und der Feldfrüchte auf S. Leonhard handelt, muß daiauf hin- 

») J. W. Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie 1852, II, S. 406. 

«) Beitrage I, S. 124. 

•) Z. B. Volksmedizin in Oberbayem, München 1893, S. 15 (Fro) und IT, S. 89 (Wodan). 

*) Mitteilungen d. Wiener Anthropol. Ges. XXIIT, S. 197. 

^) Zweite Beilage der Allgemeinen Zeitung 21. Nov. 1883 unter «. 

6* 



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44 S. Leonhard Schutzpatron der Gefangenen. 

gewiesen werden, daß dieser in ganz anderen Eigenschaften zu uns kam und erst sehr 
spät Schutzpatron des Viehes wurde. 

S. Leonhard als Patron der Gefangenen. In der Legende des Heiligen wird 
berichtet, wie ein Graf von Limousin eine große und schwere Kette anfertigen ließ, die 
den Namen Maura führte. An sie sollten die Übeltäter angeschmiedet im Freien bei 
Wind und Wetter, bei Sonnenhitze und Frost aushai-ren, so daß es für eine der schwersten 
Strafen galt, an die Kette Mam*a gelegt zu werden. Diese Sti-afe erlitt auch ein Gott 
und S. Leonhai'd ergebener Mann, der in seiner Qual den Heiligen um Hilfe anrief. 
Da erschien ihm dieser in weißer Gewandung, tröstete ihn und sagte, er möge die Kette 
beherzt aufnehmen und sie in die Kirche tragen. So schwer sie auch war, so leicht 
ei*schien sie dem Gefangenen. Er war plötzlich frei und hing die Kette am Grabe des 
Heiligen auf i). Die Legende berichtet feraer eine andere Geschichte: Ein Ritter Martel 
von Baqueville in Frankreich, welcher im 13. Jahi-hundert lebte, war in die Gefangen- 
schaft der Türken geraten, wo er in harter Sklaverei lebte und sein volles Vertrauen 
auf S. Leonhard wendete, in der Hoffnung, durch ihn befreit zu werden. Li wunderbarer 
Weise fand er sich nach einem innigen Gebete eines Morgens, noch mit Ketten schwer 
belastet, nach Baqueville versetzt Aus Dank gegen seinen Befreier ließ er S. Leonhard 
Fig 3 eine Kapelle erbauen, in der er zum ewigen Andenken seine Ketten 

aufhing. In seinem Heimatlande Frankreich galt S. Leonhard so seit 
alters als Patron der unschuldigen Gefangenen, die er auf Anrufung 
befreit. St. Lienard lie et delie sagt man mit Anspielung auf die 
Ketten. In der Pfarrkirche zu Mellerai bei Mont-mirail in der 
Diözese von Chartres hing früher an der Wand beim Altar des 
h. Leonhard eine Kette, mit welcher sich die Kirchenbesucher um- 
gürteten, wenn man die Evangelien las 2). Die Darstellung des 
Heiligen mit den Ketten ist in Frankreich, von wo sein Kultus 
Mittelalterlicher Blei- ausging, schon im Mittelalter vorhanden; Beweis dessen ist ein 

^ ^j ™o • ' 1- • T» *^ bleierner Jeton , welcher zusammen mit anderen auf Patrozinien 
aus der Seme bei Paris. . . ' . -r* . 

bezüglichen in der Seine bei Paids gefunden wurden, darauf ist 

S. Leonhard mit zwei Gefangenen dargestellt, denen er die Ketten löst (Fig. 8 •). 

In allen älteren Abbildungen des Heiligen erscheint er wesentlich in seiner Be- 
ziehung zu den Gefangenen. Mittelalterliche Gemälde im Münchener Nationalmuseum 
zeigen ihn, wie er tröstend und lösend zu den im Kerker angeschmiedeten Gefangenen 
herantritt und das hier (siehe Fig. 9 auf folgender Seite) wiedergegebene Titelbild 
des aus dem Jahre 1593 stammenden Mirakelbuches zeigt ihn gleichfalls in solcher 
Eigenschaft. Der Heilige legt tröstend seinen Arm um einen vor ihm knienden ketten- 
beladenen Gefangenen; über ihm hängen die Opfergaben, die man ihm dargebracht hat: 
Beine, Hände, Hufeisen, eine Pflugschar, Ketten. Die später so häufigen Abbildungen 
von Pferden, Rindeni und anderen Haustieren fehlen hier ganz. 

Ob nun die Vorstellung vom Zusammenhange des h. Leonhard mit der Gefangenen- 
befreiung und den Ketten allein von Frankreich ausging und so nach Deutschland 
übernommen wurde, wo ebenfalls die Kette das Attribut des Heiligen ist, ist schwer zu 
beweisen, da jedenfalls auch auderwäils und sehr frühe die Opferung von Ketten vor- 

*) Synopsie, S. 20. 
«) Melusine IV, S. 509. 

') A. Forgeais, Numismatique des corporations parisiens d'apres des plombes historiös trouves 
dans la Seine. Paris 1874. Nach Melusine I, S. 139. 




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S. Leonhard und die GefaDgenenketten. 



45 



kommt, auch bei anderen Heiligen sich nachweisen YtkQt Amandas, Apostel der Belgier, 
im 7. Jahrhundeii», war auch ein Befreier der unschuldigen Gefangenen und trägt eine 
Kette als Attribut In der Kirche San Pietro in vinculis in Rom wird eine alte Kette 
aufbewahrt, welche der Kirche ihren Namen gab; man hält sie für dieselbe, mit welcher 
der h. Petrus in dem Tullianum oder dem Gefängnis des Servius gefesselt war. Oft 
genug ist, in Beziehung zu den Fesseln des h, Leonhai'd, das Gelübde der Chatten 
angeführt worden, von dem Tacitus, Germania 31, spricht Jeder der Tapfersten hatte 
einen eiserneu Ring, gleichsam als Fessel, den er so lange trug, bis er sich durch Er- 
legung eines Feindes davon befreit 



Fig. 9. 

S. LEONARDVS. 
fo(ßorr&(c2l(mcc^tigburd)mttu|vnb^cbit«5r&ton0 



hüTHI brf ^onrmdßttTtf^wB sü 3ni-iKAt<J^ tftttUfcf c h^t t 



hatte. Wie auch ein eiserner Ring, 
gleich den Ketten, getragen wurde, 
werden wir gleich sehen. 

Die eisernen Ketten von Ge- 
fangenen, oft mit Schloß und 
Fuß- oder Armring versehen, dann 
kleinere, leichtere Ketten, Nach- 
bildungen solcher von Holz oder 
Wachst), die wir als Votive in 
den Leonhardskirchen noch auf- 
gehängt finden und die früher in 
weit größerer Menge vorhanden 
waren, sind von zweierlei Art Die 
einen sind die Ketten von Ge- 
fangenen, die durch des h. Leon- 
hard Fürbitte aus der Gefangen- 
schaft befreit wurden und als 
Dankgeschenk in seiner Kirche 
niedergelegt wurden; die anderen 
Ketten und gleichbedeutenden 
eisernen Ringe dagegen Zeichen, 
daß der Träger sich freiwillig in 
die Gefangenschaft S. Leonhards 
begab, um durch ihn eine Gnade, 
Befreiung von Krankheit oder der- 
gleichen, zu erlangen. 

Was zuerst die Befreiung un- 
schuldiger Gefangener betrifft, so 
sind die Berichte darüber sehr zahlreich und eingehend. Wenn der Heilige auf Anrufen 
eingriff, so fielen ihnen die Ketten von selbst ab, die verschlossenen Gefängnistüren 
öffneten sich und die Befreiten hingen ihre Ketten an seinem Altare auf. Wenn nötig, 
überbringt der Heilige in eigener Person den Schlüssel, mit denen sie ihre Ketten 
öffnen; die sichersten Gefängnisse, wenn auch von hundert Soldaten bewacht, er- 
schließen sich, wenn es der Heilige wilP). 

*) Häufig finden sich hölzerne Fesseln und Ketten in der S. Leonhardskirche zu Heiligenstadt 
bei Friedburg in Oberösterreich. Die Ketten sind kunstvoll aus einem Stück Holz geschnitzt. Zahl- 
reiche Ketten hangen auch in der S. Leonhardskirche zu Kundl in Tirol. 

•) Synopsis, S. 39, 41. 




Titelblatt des S.'Leonhard-Mirakelbuohs'von Inchenhofen 1593. 



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46 S. Leonhard Befreier der Gefaogenen. 

Denjenigen, welche nicht an solche Wundertätigkeit des Heiligen glaubten, gab 
solches Anlaß zu Spott und so wird auch S. Leonhard in einem protestantischen Spott- 
gedicht*) als Gefangenenbefreier vorgeführt Ein Baseler fragt da: 

Myn bruder lyt gefangen an frembden Orten 
Und ist verschlossen inn eym stareken huß, 
Köndet ir mir nit sagen, wie man ihm halffe uß? 

Worauf die Antwort lautet: 

Darumb solt du S. Lienhart anrüffen und bäten, 
So wird er ihn uß der gefencknus errätten. 

Das hat der Heilige denn auch, laut den Mirakelbüchem, in reichem Maße bewirkt, ge- 
wöhnlich nur dann, wenn er von der Unschuld des ihn Anrufenden überzeugt war. Zum 
Beispiel: Aus unbekannter Ursache saß die Witwe des Georg von Truchseß, geborene 
Gräfin von ötting, lange Zeit im Gefängnis, wie es scheint ohne Ketten. In ihrer Not 
ruft sie S. Leonhard an, der sie, 1538, in wunderbarer Weise befreit. Um ihre Dank- 
bai-keit zu beweisen, wallfahitete sie nach Inchenhofen und schenkte dem Gotteshaus: 
ein Meßgewand, zwei Levitenröcke mit Zubehör von rotem Begmosin -Atlas und grünem 
Samt, ihr Halsgoschmeide und den goldenen Siegelring, den sie in der Gefangenschaft 
getragen ^), Im Jahre 1365 lag ein Jäger, aus üblem Verdacht, wie es in der Schilderung 
heißt, zu Burghausen an drei großen eisernen Ketten an einen schweren Stein gefesselt 
Da gelobt er, daß er alljährlich „pilgi-amsweiß" zu S. Leonhai-d wallfahrten wolle, wenn 
der Heilige ihn befreie. Er findet darauf ein nur fingerlanges Messerlein, zerschneidet 
mit diesem die schweren eisernen Ketten und ist frei. „Gestalt er dann deren aine 
sarapt dem Messerlein zu glaubwürdiger Zeugnuß" nach Inchenhofen brachte »). Kaspar 
Nöllenberger von Ainhausen machte 1592 einen Selbstmordversuch, wurde aber noch 
zeitig genug vom Stricke befreit, „hernach auch noch ein Zeitlang an einer Kötten ver- 
wart In solcher gefenknus hat er die Kötten vnd band zu bringen S. Leonhard ver- 
haissen vnd verlobt" *). Auch recht zweifelhafte Fälle, bei denen die Frage erlaubt ist, 
ob es sich um die Befreiung eines Schuldigen handelt, kommen vor. Im Jahre 1384 
wird Berthold Fischer von Weilham, „weilen er falsche würffei, andere zu betrügen im 
spilcn einführte", verurteilt, an den Händen und Füßen gebunden und von der Brücke 
in den Lech geworfen. In seiner Not ruft er den h. Leonhard an, die Fesseln lösen 
sich, er schwimmt und Herzog Stephan schenkt ihm das Leben*). 

Ein schlagendes Beispiel, das zur Zeit Kaiser Heinrichs HI. spielt, erzählt auch die 
Zimmersche Chronik. In Böhmen lagen verschiedene Gefangene. „Es hatten die eisen, 
in denen die gefangen so lang enthalten worden, etlichen die Hend, auch etlichen die 
Füeß abgefault." Da fand eine gi-oße Wallfahrt zu „Sant Lienhart statt, so ain Kii'chen 
auf dem Schwarzwaldt bei dem closter Ethenhain- Munster hat". Dahin verlobten sich 
die elenden Gefangenen; sie vollführen den weiten Weg von Böhmen nach dem Schwarz- 
wald. „Und damit diese wunderzaichen in ewigkeit nit vergessen, ließen sie sich alle 
mit iren wappen in ain auf schlag würken, denen etliche die Ketten an Füeßen, etlichen 
au armen oder an leiben hingen, nachdem dann ain jeglicher gefangen u. eingeschmiedt 



») Von Hans Rute, Basel 1532. Vgl. Alemannia von Birlinger III, S. 60. 

*) Geiß im Oberbayer. Archiv XXI, S. 91. 

») Synopsis, S. 38. 

*) S. Leonardus, Blatt 75. 

*) Synopsis, S. 55. 



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Freiwillige Gefangene S. Leonhards. Schatzpatron der Geisteskranken. 47 

gelegen war." Dieser „gewürkt aufschlagt ist erst 1525, wie der Chronist hinzufügt, 
im Bauernaufstände verbrannt worden 1). 

So, wie S. Leonhard aus der Gefangenschaft befreit und die Ketten der Gefesselten 
zerbricht, so befreit er auch von Krankheiten und Gebrechen, falls sich der Betreffende 
freiwillig zu seinem Gefangenen erklärt und als Zeichen dieser Gefangenschaft 
eine eiserne Kette oder eisernen Ring trägt, die, nach erfolgter Heilung, dem Heiligen 
als Dankvotiv dargebracht werden. Der Kranke gelobt, die Kette oder den Ring eine 
bestimmte Zeit zu ti-agen, an Hals, Leib, Fuß, Arm, so daß er jedenfalls die Bürde stets 
fühlt und sieht und dadurch an seine geistige Gefangenschaft, an sein Gelübde dem 
Heiligen gegenüber erinnert wird. Der Martha Hörlin von Teufelslachen, die schon 
zwei Jahre lang schwer krank gelegen, erschien der h. Leonhard und sagte ihr: sie 
möge sich in seiner Kirche zu Inchenhofen zwei eiserne Ringe um beide Füße schlagen 
lassen und so lange ti-agen, bis sie wieder gesund sei. Aber sie dürfe mit niemandem 
darüber reden und nachher solle sie die beiden Ringe nebst einer wächserneu Weibs- 
ügur opfern, das solle sie auch von der Kanzel dort verkündigen lassen. So geschehen 
am 17. Oktober 1590 nach erlangter Gesundheit der Hörlin ä). Wiederholt findet man 
auch, daß andere für einen Kranken eintreten, der etwa zu schwach ist, Ketten oder 
eiserne Leibringe zu tragen. Die Zeit des Tragens ist z. B. in den folgenden Fällen 
bestimmt: Georg Eder von Arischlag verlobt sich 1590 schwer krank „mit eynem eysen 
ring vmb halß ein gantzes Jar des treven Nothelfers S. Leonhards gefangener zu sein". — 
Die kranke Anna Baderin von Unterehi*enbach verlobt sich „mit einem eysen gürtel 
vnd zweien vmb die Füeß ein gantzes Jar zu ti'agen*^ (1591 ^). Noch weiter ging im 
Jahre 1512 Matthias Roß wach ter von Hadern, den der Schlag getroffen hatte. „Verlobt 
endtlich ein Wallfahrt gen Inchenhofen, ein eysene Hand, ein eysenen Ring als S. Leon- 
hards Gefangener sein Lebtag vmb den Halß, an Hand vnd Füßen aber ein gantzes 
Jahr zu tragen", worauf schleunige Besserung erfolgte*). 

Ein eiserner Leibring kam bei unseren Ausgi*abungen bei S. Leonhard in Aigen 
zutage. Er mißt 20 cm im Durchmesser, das flache nur 3 mm starke Eisen ist lV2<^ii^ 
hoch. Außer solchen massiven Ringen kommen auch andere, aus Draht geflochtene und 
sehr lange vor, die vielfach um den Körper gewunden werden mußten. So hielt 1602 
Wolf Stadelmayr von Oberhausen das Feuer, welches schon sein Nachbai'haus ergriffen 
hatte, von seinem Hause dadurch ab, daß er sich in S. Leonhards Gefangenschaft begibt, 
„durch Glübd eines eysenen Rings auß trad 45 Ein lang*^ ^). 

In früheren Jahrhunderten, als die Behandlung der Geisteski'anken oft eine sehr 
bai'barische war und man sich ihrer, zumal wenn sie tobsüchtig waren, nicht anders zu 
entledigen wußte, als sie in Ketten zu legen, wurden letztere, falls Heilung eintrat, 
gleichfalls dem h. Leonhai'd als Dankvotive dargebracht, denn er wai* auch der Schutz- 
patron der Geisteskranken. „Die Geisteski'anken wui-den vor den Altar des h. Leon- 
hard gesetzt oder gefesselt um den Altar geführt, wobei einmal ein Tobsüchtiger wie 
vom Blitze geti'offen niederstürzte, was selbstverständlich vom Volke als Tat des Heiligen 
angesehen wurde; der vom Teufel Besessene, bzw. der Teufel, der in ihm steckte, 
wurde von der Heiligkeit des Ortes so „ertattert und gescheucht", daß er aus dem 



*) A. Birlinger, Aus Schwaben I, S. 53. 
*) S. Leonardus, Blatt 10. 
») S. Leonardus, Blatt 13, 58. 
^) Synopsis, S. 121. 
^) Synopsis, S. 129. 



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Eiserne Gefangene S. Leonhards. Wachsketten and Leibringe. 



Kranken fulir*^ i). Die Ketten der geheilten Geisteskranken wurden dann neben den 
anderen Ketten der Leonhardsgefangenen niedergelegt'). Hatte man dem Geisteski-anken 
die Leonhardskette umgelegt, so war er dem Heiligen verpflichtet Der Mann der 
geisteskianken Elisabeth Kappler von Elkertzhausen verlobt diese 1510 „einen eysemen 
Ring am Halß, als S. Leonhard verpflichtet, all ihr Lebzeit zu ti*ageu, worauf sich alles 
zur Besserung geschickt*^ ^). 

Auf einen befreiten Gefangenen deutet auch die merkwürdige eiserne Votivfigur, 
die hier Tafel HI, Fig. 3, abgebildet ist und aus einer niederbayerischen Leonhardskirche 
stammt. Sie stellt einen Mann vor, der ziemlich roh geschmiedet, aber bei 34 cm Höhe 
schon zu den größeren eiseraen Votivfiguren zu rechneu ist Der Kopf ist rund mit Augen, 
Nase und Mund in einfachster Andeutung; vor dem walzenförmigen Körper sind die 
Fig. 10. Arme betend erhoben. Als Gefangener ist die Figur gekenn- 

zeichnet dm-ch die Kette, welche am rechten Beine und rechten 
Arme mit je einem Ringe angeschmiedet ist und durch die 
merkwürdige breite Halski*ause. Auch diese Kragen wurden im 
17. Jahrhundert häufig von Gefangenen geti-ageu und solche, aus 
Holz, mit eisernen Reifen beschlagen, bemalt und von 60 bis 
62cm Durchmesser, haben sich erhalten*). 

Ein schönes Seitenstück zu dieser Figur eines Gefangeneu 
S. Leonhards bildet ein Exemplar im Museum Ferdiuaudeum zu 
Innsbruck, das aus dem Nonsberge in Südtirol stammen soll. 
Die sitzende, kettenbelastete eiserne Figur ist etwa 30cm hoch; 
der hölzerne Sitz und die Holzsäule, an welche sie gefesselt ist, 
sind spätere Zutaten. Sie ist roh geschmiedet, das Gesicht wenig 
ausgebildet; die Hände sind betend erhoben. Arme, Füße und 
Hals sind gefesselt (Tafel HI, Fig. 4). 

Nicht selten findet sich eine Abschwächung der eisernen 
Ketten und Ringe. Es muß doch sehr lästig gewesen sein, sie 
auf dem bloßen Körper mitzuschleppen, zumal wenn es sich um 
ein ganzes Jahr oder gar um die ganze Lebenszeit handelte. 
Man verfiel daher auf einen Ausweg und da dem Heiligen das 
Wachs auch ein liebes Opfer war, so wählte man dieses als 
den leichteren und bequemeren Stoff für die Anfertigung der 
die Gefängnishaft symbolisierenden Ringe und Ketten. Anna 
Khinhausen verlobt sich 1588 mit „ein wächsin Kötten" wegen 
Krankheit und Katharina Vinscliin, die sehr verschwollen ge- 
wesen, verlobt sich 1591 „mit 1 vierling wachs darauß sy ain Gürtel um den Leib 
gemacht" ^). 

Eine weitere Abschwächung des Gelübdes, einen eisernen Ring um den Leib zu 
tragen, können wir an der abgebildeten kleineu Eisenfigur (Fig. 10) erkennen, die 
bei unseren Ausgrabungen in Aigen an der Leonhardskirche zutage kam. Sie ist 



Opfer-Eisenmännchen mit 
Leibring. Ausgrabung bei 
S. Leonhard zu Aigen am 
Inn 1903. % natürl. Größe. 



») Höfler I, S. 72. 
«) Synopsis, S. 69. 
*) Synopsis, S. 74. 

*) K. A. Bierdimpfl, Die Sammlung der Folter-, Straf- und Bußinstrumente des bayerischen 
Nationalmuseums 1882, S. 43. 

*) S. Leonardus, Blatt 27, 54. 



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S. Wolfgaog als Gefangenenbefreier. Asylrecht S. Leonhards. 49 

nur 11cm hoch, ohne Arme, mit plump ausgeführtem Kopfe, hat aber eiuen eisemeD 
Riug um den Leib. Offenbar wurde sie S. Leonhard einst stellvei-tretcnd für denjenigen 
geweiht, der sich ihm als Gefangener mit einem eisernen Leibring verlobt hatte, dem 
aber wohl die Ei*f üllung mit der Zeit lästig wurde und der nun zu diesem versöhnenden 
Auskunftsmittel griff. 

Das sind also die Gefangenen des h. Leonhard, teils befreite, teils solche, die frei- 
willig seine Gefangenschaft aufsuchten. Indessen er hat dieses nicht allein gekonnt und 
andere Heilige haben ganz das gleiche besorgt, auch ihnen verlobten sich die Kranken, 
Ketten und Ringe aus Eisen zu ti-agen, auch durch sie wurden aus dem Gefängnis 
Unschuldige befreit Und hier ist es wieder S. Wolfgang, der, wie so oft, das gleiche 
vollbringt wie S. Leonhard. 

Martin Schneider von Felden war sehr krank, da hat er sich zu einer Kirchfahrt 
zu S. Wolfgang am Abersee „vnnd zu solcher einen eysenen Ring umb die Weichen zu 
tragen verlobt Ist wiederumben gei-ad vnd gesund worden" i). Eine durch S. Wolf- 
gang im Jahre 1517 bewirkte merkwürdige Gefangenenbefreiung ist die folgende. Ein 
Dr. Joh. Storr lag fünfeinhalb Jahr als unschuldiger Gefangener zu Breslau in einem 
finstem Tuim. Mit schweren Ketten war er am Hals, beiden Händen und Füßen an- 
geschmiedet Es ging ihm recht schlecht; kaum konnte er noch essen und des Ungeziefers 
konnte er sich nicht mehr erwehren. In dieser Not befahl er sich S. Wolfgang und 
versprach ihm bei Wasser und Brot barhaupt zu seinem Gotteshaus am Aberaee zu wall- 
fahrten, falls er ihn erlöse. Dann gi'iff der Gefangene an seine Ketten. „Von stund 
an seind jhm die vier Eysen, alsbald er die beiührt, an Händen und Füßen auffgangen, 
vnd das am Hals hat er mit einem kleinen Nagel auffgethan." Durch einen kühnen 
Sprung, bei dem Dr. Storr den Heiligen anruft, entkommt er aus dem zehn Klafter 
hohen Tunn unverletzt und beginnt nun die weite Wallfahrt ins Salzkammergut „Hat 
die Eysen mit sich angebracht", heißt es im Berichte*). 

Auch anderweitig ti-ifft man noch in Wallfahrtskirchen ex voto dargebrachte Ketten 
befreiter Gefangener. Sehr schwere sah ich in einem Winkel der Marienkirche zu Drei 
Ähren (Elsaß). Von der Wallfahrtskirche zum heiligen Blute in Wilsnack (Fiiegnitz) 
hat sich eine eiserne Schließkette aus der Zeit vor der Reformation erhalten, die im 
mäi'kischen Provinzialmuseum in Berlin aufbewahit wird und bei der man deutlich 
sieht, wie die Handfesseln durchschnitten sind. Und als Gefangene eines Heiligen er- 
klären sich auch Neugi-iechen. Die Kyprier weihen ihre Kinder oder sich selbst bei 
schweren Krankheiten einem Heiligen : zum Zeichen des dienstlichen Verhältnisses zu dem- 
selben legt man sich gewöhnlich eine aus seiner Kirche genommene Kette um den Hals 3). 

Im Zusammenhange mit S. Leonhards Eigenschaft als Schutzpati'on der Gefangenen 
stehen die Asylrechte, welche seine Kultstätten besaßen. Der geschichtlich nachweis- 
bare Beginn der Freistätten fällt zusammen mit der Ausbreitung des Christentums unter 
den Deutschen. Schon seit Konstantin d. Gr. war das Recht der Fürsprache für Ver- 
brecher, dessen sich im römischen Reiche die Priester, besonders die Vestalinnen bedienten, 
sowie die geheiligte Zuflucht der Tempel auf den Klerus und die Kii'che übergegangen. 
Konzilienbeschlüsse des 6. bis 9. Jahrhundeits verboten, einen an den Altar des Hen-u 
geflüchteten Missetäter der Bestrafung halber von dort zu entfernen und die päpstliche 
Gewalt erstreckte im Laufe der Zeit das Asyh'echt der Kirche auf Klöster, Kirchhöfe, 

») S. Wolfgang, S. 134. 

«) S. Wolfgang, S. 93—96. 

*) B. Schmidt, Volksleben der Neugriechen, S. 75. 

Andree, Votire nnd Weihegaben. 7 



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50 Asylrecht S. Leonhards. S. Leonhard, Schutzpatron der Haustiere. 

Altäre, Kreuze und andere dem kirchlichen Dienste geweihte Gegenstände^). So finden 
wir denn auch bei S. Leonhard dieses Asylrecht wiederholt in den Mirakelbüchcrn betont; 
es wurde 1406 auf den ganzen Ort Inchenhofen ausgedehnt. „Würde ein Übeltäter 
außer den drei Fällen Totschlag, Notzucht und Diebstahl sich dort in eines Bürgers 
Haus flüchten, so soll er daselbst Frieden haben.^ Selbst ein Totschläger sollte Frieden 
finden, wenn ein £iu wohner vor des Gerichtes Ankunft dem Flüchtigen forthelfen konnte^). 
Auch solche vom Asylrecht Gebrauch machende und zu S. Leonhard geflüchtete Gefangene 
weihten ihre Ketten dem Heiligen. 

S. Leonhard als Schutzpatron der Haustiere. Wie M. Höfler zuerst 
hervorgehoben hat 3), ist S. Leonhard keineswegs anfänglich Patron gegen Viehkrank- 
heiten gewesen; er war ein Ai*zt der Menschen und verhältnismäßig spät ist er Schutz- 
pati'on der Haustiere geworden, dann aber so nachdrücklich, daß diese Eigenschaft alle 
übrigen in den Hintergrund gedrängt hat. Sie ist es auch gewesen, daß er bei einem 
viehzüchtenden und ackerbautreibenden Volke zu den höchsten Ehren gelangen konnte, 
dem am zahlreichsten geopfert wurde und bei dessen Kirchen die ausgeprägtesten kii'ch- 
lichen Feste in Gestalt der Leonhardsfahrten und Leonhardsumritte stattfinden. Wie hoch 
man ihn schätzt in seiner Eigenschaft als Behüter des lieben Viehes, kennzeichnet eine weit 
verbreitete Anekdote. Eine Bäueiin, die in der Großstadt zum ersten Male die in Pomp 
und Pracht einherwandelnde Fronleichnamsprozession sah, fragt einen Nebenstehenden, was 
das zu bedeuten habe, worauf dieser: „Unser Herrgott ist gestorben und da ist heute das 
Begräbnis." Die Bäuerin aber meinte, nun müsse ein neuer Herrgott an die Reibe kommen 
und sagte: „Wenns nur der h. Leonhard wird, der versteht doch etwas vom Vieh!" 

In der Synopsis erscheint S. Leonhard zuerst im Jahre 1422 in seiner Eigenschaft 
als Viehpatron*), von wo an zahlreiche Viehheilungen und die Bewahnmg des Viehes 
vor Seuchen durch seine Fürbitte verzeichnet sind. Häufiger werden in den Mirakel- 
bücheiTi die Votive für die Gesundung des kranken Viehes aber ei-st im 17. Jahrhundert 
und von da an scheint der Heilige erst der rechte, kräftige Schutzpatron für die Tiere 
zu werden. „Stockblinde" Pferde werden durch ihn sehend, Rindvieh wird vor Seuchen 
bewahrt, ein Jahr lang verlaufene Pferde werden durch ihn wieder erlangt, solche, die 
sich schwer verletzten, geheilt usw. Die Votive dafüi* bestehen gleichzeitig nebeneinander 
in wächsernen und eisernen Rossen und Kühen ^). Ein eisenies Kühleiu wird schon im 
Jahre 1512 erwähnt, dargebracht von Magdalena Fränkin von Raitershaim, deren Kuh 
an einem Apfel zu ersticken drohte, welcher ihr im Halse stecken geblieben war*^). Und 
so daueiii auch noch heute die verschiedensten Opfer in Sachen des Viehes bei S. Leon- 
hard an, von denen an dieser Stelle noch eine ungewöhnliche besondere Form hervor- 
gehoben werden soll, die sich zu Ramsach im Zillertale findet. Dort gehen am 6. November 
die Jungfrauen mit aufgelösten Haaren in die Leonhardskirche zum Taufbecken und 
benetzen mit dem geweihten Wasser ihre Haare: dadurch glauben sie das Vieh vor 
drohender Seuche zu bewahren^). Wie aber erklärt sich der Zusammenhang zwischen 
dieser Sitte und den Viehseuchen? 



*) P. Frauenstädt, Blutrache und Totschlagsübne, 1881, S. 53. 

*) Geiß im Oberbayer. Archiv XXI, S. 86. 

») Höfler I, S. n2. 

*) Synopsis, S. 88. 

*) Synopsis, S. 92, 93. 

•) Synopsis, S. 90. 

^) L, V. Hörmann, Das Tiroler Bauornjahr. Innsbruck 1899, S. 204. 



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S. Leonhard als Zähmer der Tiere. S. Leonhard und die Hirten. 51 

Wenn S. Leonhard erst vergleichsweise spät Schutzpatron des Viehes wurde, so 
kann der von Alexander Peez gemachte Versuch, die alten Leonhardikapellen gleichsam 
als Schutzwälle gegen die von Osten her einbrechende Rinderpest hinzustellen, nicht 
geglückt sein. „Vom Standpunkte der Kriegswissenschaft aus'^, erörtert er, daß die 
Leonhai'dskapellen und Kirchen in Karaten, Krain, Steiermark, Niederösterreich in Fluß- 
lälem und an Pässen zur Abwehr gegen Viehseuchen erbaut wurden. Diese Kapellen 
sind aber meist älter als das Auftreten S. Leonhards als Viehpatron, und das Haupt- 
gebiet der Verehrung S. Leonhards liegt keineswegs im Osten, an den Grenzen seines 
Kultus, sondern in Bayern und Nachbarschaft, wo ihm weitaus die meisten Kii'chen und 
Kapellen geweiht sind^). 

Bei Beschreibung der Leonhardsumritte und der Schilderung verschiedener Weihe- 
gaben werden wir sehen, wie sich die Verehrung S. Leonhards als Schutzpation des 
Viehes äußert. Hier will ich noch erwähnen, daß der Heilige natürlich auch von den 
Hirten besonders verehrt wurde und daß diese, welche Körperschaften bildeten, sich mit 
Wallfahrten und Spenden alljährlich an ihn wendeten. War es doch nach deren Glauben 
S. Leonhard, welchem wir die Zähmung der Tiere verdanken: 

S. Leonhard sey dieser Mann, 
Der also miltreioh zogethan, 
Dem Vieh, den Küh, den Bossen, 
Sein Hand hat offt ersprossen: 
Deswegen hie zur Dankbarkeit 
Auch nach verwichener Sommerzeit 
Noch jährlich gar vil Hüeter 
Ihm opffer jhre Güeter*). 

Darum lebt S. Leonhaid auch in den Hii*tensprüchen fort. In Ober- und Nieder- 
bayern, in Ober- und Niederösterreich gehen die Hirten zu Mai*tini (auch dieser Heilige 
ist Schutzpatron des Viehes) in die Bauernhöfe und überreichen mit einem Segensspruche 
eine Birkeninite, mit welcher im nächsten Frühjahre die Herde zum ersten Male wieder 
ausgetrieben werden soll. Mai'ie Eysn hat in Hallein und Salzburg verschiedene solcher 
Hirtensprüche aufgezeichnet*), in denen der h. Leonhard als Behüter des Viehes vor- 
kommt. 

Der heilige Leonhard und Patrici werden kommen mit ihren Ruten, 

Sie werden das Vieh schön behüten, 

Sie werden es treiben zu Wasser und zu Land, 

Zu Haus und Hof. 

Und in einem IIalter-(Hirten-)Segen heißt es: 

Gott wird Euch geben Glück und Segen 

In Haus imd Stall 

Und überall 

Bei Kuh und Kälber, bei Schaf und Schwein, 

Das soll Euer seliger Hartl (Leonhard) sein. 

Daß bei so hohem Ansehen , welches unser Heiliger genießt, Volkslied und Volks- 
spruch von ihm reden, ist nur natüi'lich. So wii'd er auch in dem bekannten, oft 
gesungenen Liede von der Pinzgauer Wallfahrt gefeiert: 



^) A. Peez, Tierseuchen und Leonhardskirchen in den Ostalpen. Mitt. der Wiener Anthropol. 
Ges. XXm, S. 498. 

*) Synopsis, S. 88. 

•) Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde VIII, S. 337. 

7* 



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52 S. Leonhard im Volksliede. S. Leonhardsgebete u. Viehsegen. 

Heilöga S. Leanhart, dea *8 Vieh Slls kuriart. 
Mäch, daß uns hoia koan Rindl nit ki*epiart ; 
D' Ochsn Band ja thoia, dös woaßt ja von eh, 
Gelobt sei dö Christi und d' Salome^). 

Und ein Bauernspruch aus Oberbayern, in Gebetform vorgetragen, lautet: 

0, heiliger Sankt Leonhard, 

Mach d' Flechsen gut, mach d' Hufen hart. 

Verzeih dem Viech die Sünden, 

Die da an unserm Mensohenleib, 

An deinem Tag tust finden. 

Wenn man sich in den Krambuden umsieht, die allerlei weltliche und geistliche 
Dinge beim Leonhardifeste feilhalten, kann man auch das ged nickte Gebet des heil. 

Leonhards um Gottes Segen über das Vieh für ein 
paar Pfennig kaufen 2), worin der Betende namentlich den 
Heiligen um Schutz gegen Viehseuchen anfleht und gelobt, 
das Vieh gut zu behandeln und von ihm einen ver- 
nünftigen Gebrauch zu machen. Angehängt sind Ermah- 
nungen und Regeln, wie Herren, Knechte und Mägde mit 
dem Vieh umgehen, wie sie es gut füttern, reinlich halten 
und wie man den Aberglauben aus den Viehställen ver- 
bannen und nicht glauben solle, daß Hexen die Milch der 
Kühe wegzaubern könnten. Weiter sind in solchen Buden 
kleine Blechtafeln mit dem Bilde des Heiligen 
käuflich. Der Bauer nagelt sie an seine Stalltür und 
glaubt nun, daß sein Vieh im kommenden Jahre vor Un- 
Blechtäf eichen mit S. Leonhard glück und Krankheit geschützt sei. Aber auch an den 

Pferdeställen vornehmer Leute in der Stadt kann man 



Fig. 11. 




zum Annageln an Stalltüren. 



diese schützenden Blcchtäf eichen finden 3) (Fig. 11). 



Salome (Alt) war die Geliebte des Salz- 
Durch ihre Erwähnung können wir auf 



») M. V. Süß, Salzburger Volkslieder, 1860, S. 106. 
burger Fürsterzbischofs Wolf Dietrich im 16. Jahrhundert, 
die Entstehungszeit des Liedes schließen. 

*) Druck und Verlag von J. Lützenberger in Altötting. 

') Das ist auch im römischen Heidentum so gewesen, nur daß man dort statt S. Leonhard das 
Bild der Viehgöttin Epona an die Krippen der Ställe anmalte (Juvenal, Sat. VIII, S. 157). 



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Leonhardiritte. 

Ob die heute noch im vollen Glänze stattfindenden, weit verbreiteten Umritte und 
Umfahrten zu Ehren des h. Leonhai-d, wobei Tierbilder geopfert werden, an die Stelle 
alter Sühnopfer und das Abschlachten lebender Tiere getreten ist, wie einige kurzweg 
behauptet, aber nicht bewiesen haben, wage ich nicht zu entscheiden. Der Zusammen- 
hang zwischen dem Tieropfer und dem heutigen Opfer der eisernen Rössel ist nicht 
erbracht S. Leonhard wurde erst sehr spät Schutzpati'on der Haustiere, als von lebenden 
Tieropfern nur noch schwache Überreste vorhanden waren. 

Die Leonhardsfahrten, meist am Tage des Heiligen, 6. November, ausgeführt, sind 
vorherrschend in Altbayem, wenn sie auch über andere Gegenden sich erstrecken und 
ganz ähnliche Festlichkeiten auf andere Schutzpatrone des Viehes, auf S. Eoloman, 
S. Georg, S. Martin, S. Wolf gang, S. Willibald, S. Stefan, S. Guido u. a. ausgedehnt 
werden. Gleiche Funktionen eines Heiligen führen zu gleichen ihm zu Ehren veranstal- 
teten Feierlichkeiten und so ist es hier der Schutz der Haustiere, welcher zur Darbringung 
gleicher Opfer und damit verknüpfter Feste führt Ich kann nicht nachweisen, wann 
die Leonhardifahrten aufgekommen sind, sie sind aber alter religiöser Brauch; viele sind 
aber erst in neuer Zeit entstanden, da, wo eine Leonhardskirche vorhanden war und 
man andere Leonhardsfahrten nachahmte. Stets ist mit diesen Festen ein feierlicher 
Gottesdienst verbunden. Berittene und Wagen ziehen in der Regel dreimal betend um 
die Kii'che herum, worauf die Einsegnung der Tiere, meist Pferde, durch den Geist- 
lichen ei-folgt Letzteres ist aber nicht überall der Fall. 

Ehe ich auf Einzelheiten eingehe und die wichtigsten Leonhardsfahrten anführe, 
will ich ein Gesamtbild geben, das allerdings öi-tlichen Abänderungen unterliegt Ich 
kann dieses aber nicht besser tun, als mit den vor mehr als viei*zig Jahren nieder- 
geschriebenen Worten von Felix Dahn i). Schon am Vorabend kommen die Bauern zur 
Vesper, jeder mit zwei Rossen, reiten dreimal um die Kirche, beten einen Rosenkranz 
und ziehen nach einem nochmaligen Umritt nach Hause. Am Festtage kommen die 
Leute schon in aller Frühe auf Leiterwagen gefahren, die mit Kränzen, Fahnen, .Bändern 
und Gewinden von Laub und Tannen festlich geschmückt sind; auch die vorgespannten 
vier schönen Pferde prangen im besten GeschÜT, Mähnen und Schweif sind mit Bändern 
durchflochten und ihr Lenker hat Hut und Geißel mit Strauß und Schleife geschmückt 
Wohlhäbige Bauern besitzen für diese Fahrt besondere gebaute Wagen, sog. Leonhards- 
truhen, bunt und zierlich, meist blau, bemalt mit den Herzen Jesu und Maria oder dem 
Bilde des h. Leonhard. Diese Ti*uhen, deren man oft über 50 bei solchen Festen zählt, 
fassen 20 bis 30 Personen und werden von Von-eitem geleitet. Alle diese Gespanne 
umfahren die Kapelle, die Mädchen singen fromme Lieder, die Burschen macheu mit 



Bavaria I, S. 384. 



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54 Leonhardifahrteu. 

ihren lustrumeuten iu kui*zen ÄDhalten vor der offeuen KircheDtür Musik. Nach der 
letzten Messe fahren die ehrsamen Bauern mit Weib und Kind nach Hause; das junge 
Volk beginnt aber erst die zweite Hälfte des Festes zu feiern, denn bei der Kapelle 
stehen Krambuden, Bierhütten, Kochherde, Tanzboden und hier wird nun fi-öhlich gelebt 
und die Festlichkeit dann im Wirtshause fleißig fortgesetzt Bei diesem Feste ver- 
sammeln sich oft über tausend Menschen Soweit F. Dahn. 

Diese Leonhardifahrten und -Umritte sind ursprünglich ein Art Wallfahrt, bei 
welcher der Viehbesilzer, in erster Linie der Besitzer von Pferden, sich des Segens der 
Kii'che für seine wertvollen Tiere versichern will, die dadurch für das kommende Jahr 
von Unglücksfällen und Krankheiten verschont bleiben sollen. Dabei bringt man reich- 
liche Opfer an Geld, läßt Messen lesen und spendet die auf die Tiere bezüglichen 
Weihegaben. Früher sind kranke und lahme Pferde bei den Leonhardifahrten mit- 
geführt worden, in der Hoffnung, daß sie durch die Einsegnung gesundeten und fanden 
die Hufeisenspenden statt, von denen ich besonders rede. Ersteres kommt jetzt wohl kaum 
noch vor; dagegen ist ein Prunken und Prahlen mit schönen Pferden an die Stelle 
gelreten, neben der Mutterstute wird das Füllen mitgeführt, es ist, als ob eine Pferde- 
schau stattfände, wiewohl die kirchliche Feier auch nicht vernachlässigt wird. Dazu die 
geputzten Menschen, die reich geschmückten Wagen mit den schönen vier Rossen, 
allerlei Vergnügungen und Freuden — kurz, die weltliche Festlichkeit kommt vollauf 
zu ihrem Rechte. In den entlegenen Gegenden zeigen die Leonhardifahrten wohl noch 
ihre ursprüngliche Einfachheit, je näher an München heran, desto mehr beginnt der 
weltliche Teil hervorzutreten; massenhaft sti-ömt die Einwohnerschaft der Hauptstadt 
herzu, dicht gefüllt fahren die Eisenbahnzüge heran und man betrachtet die Umritte, 
bei deren Ausgestaltung sich immer mehr Äußerlichkeiten entwickeln, wie eine Art 
Schauspiel. Das hat schon wiederholt die Bedenken mancher Seelsorger erregt; so 
schreibt ein katholischer Geistlicher i): „Wie die Mutter ihr Kind zur Kirche bringt, 
dasselbe Gott aufopfei*t und für dasselbe Gott bittet, ebenso haben die Leute ihre ge- 
sunden und ki-anken Tiere mitgeführt zur Kirche des h. Leonhard und dieselben dem 
Schutze des Heiligen empfohlen. — Allein diese Fahiien haben nur so lange einen Wert 
und eine Billigung, als sie die charakteristischen Merkmale des WaUfahitens an sich 
tragen. — Die Leonhardsfahrten sind aber von dem ursprünglichen Geiste der Andacht 
und des Vertrauens vielfach abgewichen. Bei vielen Teilnehmern ist aus dem kirchlichen 
Feste ein weltliches Spektakelstück geworden. Einst brachte man kranke Tiere, führte 
sie unter Gebet um die Kirche, pflegte dort der Andacht und gab ein Opfer. Heut- 
zutage kommen nur solche Pferde, Wagen und Kutschen, die man zur Schau ausstellen 
will. Einige beten; andere aber wollen nur sehen und gesehen werden. Um sich be- 
merkbar zu machen, knallen sie vor dem Gotteshause mit der Peitsche oder lassen gar 
die Musikanten blasen, während in der Kirche gottesdienstliche Verhandlungen sind. 
Manche bekommen das Innere gar nicht zu Gesicht; denn sie müssen ja essen, trinken 
— oder wie soll mans heißen? Daß die unvermeidlichen Krämer mit ihren Buden 
nicht fehlen, vereteht sich von selbst. Und endlich, wenn die Paare heimziehen, wartet 
ihrer in den benachbarten Wirtshäusern Tanzmusik." 

Ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu erheben, gebe ich im folgenden eine Über- 
sicht über die Verbreitung der Leonhardsritte und Schilderung der wichtigsten, nament- 
lich auf das Opfera der eisernen Tiere bezüglichen Gebräuche. 



») Kalender 1860, S. 519. 



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Leonhardifahrten. Tölz. Benediktbeuern. 55 

Oberbayem. Die Leonhardifahi-t in Tölz am 6. November ist die größte und 
bekannteste. Der Besuch dieses Festes ist seit Jahren so stark, daß die bayerische 
Staatsbahn von München aus regelmäßig Sondei*züge einlegt, die von Tausenden benutzt 
werden. An der Stelle, wo jetzt die kettenumspannte Leonhardskapelle auf dem 
Ealvarienbergc über Tölz in das Isartal hinabschaut, soll ein heiliger Baum gestanden 
haben, der eine alte Kultstätte bezeichnete; die dort entstandene, von den Tölzer Zimmer- 
leuten errichtete Kapelle ist aber erst 1722 vom Freysinger Fürstbischof geweiht worden. 
Auf dem Altai'e steht das hölzerne Bild S. Leonhards, dai*über die schmerzensreiche 
Muttergottes. Früher fuhren die Bauern beliebig zu der Kapelle hinauf und um diese 
herum. Seit 1862, wo die Leonhardifahrt reorganisiert wurde, ist aber eine bestimmte 
Ordnung eingef ühii;. Da diese Tölzer Fahrt sehr oft beschrieben und abgebildet wurde, 
so gebe ich hier nur einen kurzen Umriß, der sich auf die letzten Jahre bezieht, wo 
über 200 Pferde im Zuge erschienen. In diesem fahren die Geistlichkeit und der Stadt- 
magistrat, geleitet von bayerischen Postillionen, voran. Gewöhnlich ist jeder Wagen mit 
vier Pferden bespannt und von Reitern in gi-aueu Joppen, mit Federn und Sträußen 
am Hut, begleitet Sie tragen geschmückte Wacholdcrgei-ten als Reitpeitschen. Der 
Bauer, Besitzer des Wagens, lenkt diesen auf dem Sattelpferde gewöhnlich selbst Viele 
der Wagen, Leonharditruhen, sind bemalt, auf blauer Grundfarbe sieht man verschiedene 
Gemälde und Inschriften, fromme Sprüche und auf der Vordei-seite erscheint das Bild 
des h. Leonhard. Tannengi-ün und Buxbaum schmücken die Wagen, in welchen die 
Geschlechter getrennt sitzen, hier ein Wagen voll fiischer Dirnen in der kleidsamen 
Landestracht, dort einer voll bekränzter, weißgekleideter kleiner Mädchen, um einen 
hölzernen Obelisken herum, welcher als „Leonhardnagel" bezeichnet wird. So in den 
letzten Jahren; in allen früheren Beschreibungen der Tölzer Leonhardifahit fehlt dieser 
auffallende Nagel. So geht es von Krankenheil aus über die Isarbrücke, dann den 
Kalvarienberg hinauf zur Leonhardskapelle. Die Wagen fähigen in schöner Ordnung auf, 
nun beginnen das Hochamt und die religiöse Feier. Nach beendigtem Amte erfolgt 
abermalige Umfahrt, Einsegnung durch die Geistlichkeit und nun tritt die weltliche 
Fröhlichkeit in ihr Recht, bis im nächsten Jahre S. Leonhard seine Verehrer wieder 
dort oben um sich versammelt Vertreten sind, außer Tölz, gewöhnlich noch die Ort- 
schaften Gaißach, Sauersberg, Stallau, Buchberg, Sondoi-shof, Abrain, Ellbach, von der 
Eich, Greiling, Ai*zbach, Reigersbeuern , Fiusterwald u. a. mit Festwagen und Reitern 
in schmucker Volkstracht. Den Schluß des Zuges bildete in den letzten Jahren der 
„lebende Rosenkranz", kleine als Engel gedachte weißgekleidete Mädchen unter tannen- 
grünem Baldachin. 

Die Leonhardifahrt zu Benediktbeuern ist erst in der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts aufgekommen und steht ganz unter dem Einflüsse theati*alischen Ge- 
pränges. Im Jahre 1903 nahmen 32 Viergespanne an dem Zuge teil, in dem Geistlich- 
keit und Gemeindevorstand vertreten waren. Aljer der h. Leonhard kam zu kurz, denn 
die Schaustücke auf den Wagen beschäftigten sich wenig mit ihm. Man sah: ein Stück 
Loisach bei Kochel, über die ein Wagen mit einer Fürstlichkeit fuhr, eine Nachbildung 
des ganzen Klosters; Flößer bei der Zusammenstellung eines Floßes beschäftigt, Holz- 
arbeiter bei der Arbeit, Wildschützen u. dgl, so daß man sich fragen mußte, wo bleibt 
der ursprüngliche Zweck? 

Mehr biblischen Charakter zeigt die Fahrt im Pfarrdorf Schnaitsee, welche um 
die dortige Leonhardskirche herumgeht, und bei der 1903 etwa 130 Pferde erschienen. 
Auf den Wagen sah man die h. Notburga, den Abschied des jungen Tobias, die 



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56 Leonhardifahrten in Oberbayem. 

b. Elisabeth, Jesus begegnet seiner betrübten Mutter, Veronika reicht Jesu das Sohweiß- 
tuch, den Tod des h. Josef u. dgl. 

Die übrigen mir bekannt gewordenen Leonhardsfahrten kann ich, um Wieder- 
holungen zu veraieiden, hier nur ganz kurz anführen. Fast allen ist der dreimalige 
XJmiitt der Kirchen oder Kapellen und die Einsegnung der Pferde durch die Geist- 
lichen gemeinsam. 

In Siegertsbrunn, PfaiTci Hohenbrunn im Landgericht München rechts der Isai-, 
steht ein Leonhardskirchlein, dessen Hochaltar die Jungfrau Maria zeigt, neben der rechts 
ein Papst kniet, welcher ein Rind hält, links S. Leonhai'd mit einem Pferde und einem 
Gefangenen. Hier findet am Kirchweihtage, dem zweiten Sonntag im Juli, der Umritt 
statt Daß aber auch des Todestages des h. Leonhard gedacht wird, sieht man daraus, 
daß am 6. November in Siegeiisbrunn Viehmarkt ist 

Fischhausen am Schliersee mit freistehender schöner Leonhard skii'che , deren 
Hochaltar mit dem Bilde des Heiligen geziert ist Umzug mit Roß und Wagen am 
letzten Sonntage des Monats Juli. 

Allerheiligen bei Oberwamgau unter dem Taubeuberge im Landgericht Miesbach. 
Das Hauptbild der einsam stehenden Kirche zeigt die 14 Nothelfer; vor ihnen steht 
aber auf dem Altar der h. Leonhard. Der Umritt, am ersten Samstag im Juli, wird 
von Jahr zu Jahr gei'inger. 1903 erschienen nur noch etwa zehn Reiter und vier Wagen. 
Es findet kein Hochamt statt, sondern nur ein Rosenkranz wird gebetet 

Reichersdorf, Filiale der Pfarrei Neükirchen, Landgericht Miesbach. Kirchon- 
patrone sind die Jungfi*au Maria und S. Leonhard, au dessen Tage die Umritte statt- 
finden, bei welchen „fi'üher viele Heilungen kranker Tiere stattgefunden haben" ^). 

S. Leonhard bei Feggenbauern, Gericht Wolfratshausen , am Sonntage nach 
Maria ^lagdalena (22. Juli). 

Auch in Harmating, Gericht Wolf ratshausen , wird die Umfahrt am 22. Juli um 
die dortige Leouhardskapellc ausgeführt 

S. Leonhard am Forst, nahe bei Wessobrunn, Umritt am 6. November. 

Bauernbach bei Weilheim, dem Starnberger See zu, mit alter Leonhard skirche, 
die am 6. November 1903 noch von 22 Reitern umritten wurde. Es werden immer 
weniger, sagte uns die 81jährige Meßncrin und geopfei-t werde nur Geld. Daß aber 
früher hier auch eiserne Kühe und Pferde geopfert wurden, bezeugen noch vier oder 
fünf Stück, die als Zeugen vergangener Tage in der Kirche stehen. 

Herrnhausen, Filiale der Pfarrei Bauersberg, Gericht Wolf ratshausen, am 6. No- 
vember Umritt um die kleine Leonhardskirche. 

In Rommelberg (Römerberg), Bezirksamt Wasserburg, findet sogar zweimaliger 
Umritt um die dortige Leonhardikirche im Jahre statt Der ei'ste am Ostersonntage 
nach der Predigt, der zweite am 6. November. 

Zu Straucharting bei Sauerlach liegt eine am Ende des 17. Jahrhunderts ent- 
standene Privatkapelle, der h. Mutter Anna und S. Leonhard gewidmet, welche allmählich 
Wallfahrtskapelle w^urde und bei der die Leonhardsfahrten am Annatage abgehalten 
werden. Der Gottesdienst wird hier im Freien gehalten, da die Kapelle die Zahl der 
Erschienenen nicht faßt. 

Kreuth unter dem Leonhardsstein , im Landgericht Tegernsee, hat eine sehi* alte 



») Kalender 1860, S. 115. 



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Leonhardiritte in Oberbayem. 57 

Leonhardkirche, in welcher das Bildnis des Heiligen, ein Bruststück, die Stelle des Altar- 
blattes einnimmt. Umritt am 6. November. 

In Niederseeon, nördlich vom Chiemsee, wird der Leonhardiritt am 6. November 
in sehr feierlicher Weise ausgeführt, wobei schon Festwagen in der Art wie zu Tölz und 
Benediktbeuem erscheinen. 

Einfacher gestalten sich die Leonhardiritte in der Umgegend von Aibling und 
Rosenheim, von wo aus ich in ein paar Tagen eine ganze Anzahl Leonhardikirchen be- 
suchen und dort Erkimdigungen einziehen konnte. 

Ein Stündchen von Aibling liegt Willing an der Maugfall, wo seit 1691 regel- 
mäßig das Leonhardsfest am 6. November abgehalten wird. Die Reiter erscheinen in 
alter Weise einzeln schon in der Morgendämmerung und führen den dreimaligen Umritt 
um die Kii'che aus; Einsegnung der Pferde findet hier nicht statt; ebensowenig ein fest- 
liches Gepränge. Man kann hier noch die m*sprüngliche Form der Ritte erkennen. 

Von der Station Dcttendorf der Feilnbacher elektrischen Bahn stieg ich dann 
bergauf nach dem Dörfchen Kematen, das zur Pfarrei Irschenberg gehört Die Kirche 
i^t dem h. Martin geweiht, den auch das Altarbild dai*stellt, aber neben ihm steht die 
Statue S. Leonhards. Zu dieser nahm mau schon 1732 seine Zuflucht, wenn Viehseuchen 
herrschten, wie auf einer der zahlreichen Votivtafeln, welche die Kirche schmücken, zu 
einsehen. Am 6. November Umzug mit Pferden und Wagen. „Es werden derer immer 
weniger'^, sagte man mir in Kematen. Im Jahre 1858 lag doi*t am 6. November der 
Schnee schon so hoch, daß nur sechs Reiter und ein Schlitten erschienen waren. 1903 
ritten etwa vierzig Reiter und fuhren sechs Wagen. 

Südlich von Kematen liegt Lippertskirchen, wo gleichfalls ein Leonhardiritt am 
6. November stattfindet 

Dann wandte ich mich nach Weihen linden im Fiachlande, nordwestlich von 
Aibling, zur Pfarrei Höpling gehörig. Hier ist eine Walifahrtskii-che mit wundertätigem 
Marienbilde und Gnadenbininnen. Auch S. Leonhard hat dort einen Altar. Umritt 
früher am Sonntage nach Maria Magdalena (22. Juli), zu dem sich die Bauern aus den 
Tälern des Inn, der Mangfall und Glon einstellen. Der Ritt ist jetzt auf den 6. November 
verlegt worden. 

Über Rosenheim am rechten Innufer abwäii» fahrend kam ich nach einstündiger 
Fahrt nach einer an der Innleiten einsam liegenden kleinen Leonhardskapelle mit heil- 
kräftigem Brünnlein. Von da steigt man am Hange aufwäils nach Leonhardspfunzen, 
dessen stattliche Leonhardskirche weit in das Land hinausschaut. Umritt am 6. November, 
aber auch in abnehmender Zahl. Im Jahre 1903 ritten noch 60 Reiter. 

Dann zog ich den Inn aufwärts gegen Kuf stein zu und hier, nicht fern von der 
Tiroler Grenze, liegt in schöner Berggegend am rechten Ufer Nußdorf mit alter 
gotischer Leonhardskirche, die sich durch ihre Kettenumspannung auszeichnet. Ritt am 
G. November. Festwagen erscheinen hier nicht 

Anderweitige Umritte in Oberbayern finden noch statt in Niederheining bei Laufen 
an der Salzach, zu Innzell an der Traun, zu Untor-Ditfurt bei Traunstein, zu Dietrams- 
zell bei Ilolzkirchen, womit aber die Zahl der oberbayerischen Leouhardifahrten und 
Umritte keineswegs erschöpft ist. 

Mehr oder minder ist bei den bisher angeführten Leonhardifahiiien das Festgepränge 
in den Vordergrund gerückt und die ursprüngliche Idee, daß es sich dabei um ein 
Opfer für den Heiligen als Schutzpatron der Tiere handele, in den Hintergi'und geti*eten. 
Man gibt Geld in den Opfei-stock; aber kranke Tiere werden S. Leonhard nicht mehr 

Andree, Votive und Weihegaben. 3 



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58 ^^^ eisernen Opfertiere za Aigen. 

zugeführt; er sieht Dur eine Auswahl schöner Rosse, kaum, daß hier und da noch ein 
wäobsernes Rößlein für ihn abfällt In Oberbayem ist mir kein Ort bekannt, wo dem 
Heiligen noch eiseiue Tiere geopfert werden, selbst da, wo er einst der gewaltigste Eisen- 
herr war, in Inchenhofen, wo Tausende von Zentnern Eisen bei ihm lagerten, ist kein 
Eisentierlein mehr zu finden i). 

Inchenhofen im Landgericht Aichach, nordöstlich von Augsburg, besaß die älteste 
und bedeutendste Leonhardifahrt. Schon 1289 wird dort eine Leonhardskapelle erwähnt» 
die bald erweitert werden mußte, da sie die Masse der zuströmenden Gläubigen nicht 
zu fassen vermochte. Die jetzige Kirche stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts^). 
Auf Wunsch der Geistlichkeit sind die gi-oßen Züge von Wagen und Reitern, welche 
früher S. Leonhard in Inchenhofen aufsuchten, jetzt unterblieben, dagegen erscheinen 
sog. Kreuzzüge mit Kreuzen und Fahnen in großer Zalil und am 6. November sind oft 
über 5000 Wallfahrer doi*t vereinigt 

Niederbayem. Ist in Inchenhofen kein eiserner Viehbestand mehr vorhanden, so 
konnten wir uns noch zu Aigen am Inn am Anblicke von weit über 1000 eiserner 
Pferde xmd Kühe erfi-euen, die doi-t am Leonhardsfeste beim Umritte geopfert werden. 
Die schöne große, etwas abseits vom Dorfe liegende S. Leonhardskirche war ursprünglich 
ein im 12. Jahrhundert erbautes romanisches Gotteshaus, von dem noch ein Teil als 
südliches Seitenschiff und der Turm mit Satteldach erhalten ist Sonst ist eine neue 
gotische Kirche mit hohem Turm daraus geworden und eine Mauer umgibt den jetzt 
nicht mehr zu Begräbniszwecken benutzten Friedhof. Die Entstehung dieses berühmten 
Wallfahi-tsoiles ist mit einer frommen Sage verknüpft Fischer fingen ein im Inn 
schwimmendes schwarzes hölzernes Bild auf, das sie wieder in den Strom warfen. Aber 
8o oft sie dieses auch wiederholten, stets schwamm das Bildnis wieder ans Ufer, als ob 
es dort landen wollte. Das wurde als Wunder angesehen, Menschen strömten herbei 
und der Burgherr des Schlosses Katzenberg erkannte in der Statue den heiligen Leon- 
hard. Ihm erbaute er zu Aigen die erste Kirche, auf deren Hochaltoi* das Wunderbild 
zu stehen kam. Hinter dem Ilochaliar hängen viele eiserne Weihegaben: mächtige 
Sensen, eine vergoldete mit der Jahreszahl 1721, Ketten, eine gewaltige Kröte aus 
Scluniedeeisen, Pflugeisen, große Ringe, Nägel, eiserne menschliche Körpqrteile, Trensen, 
llaiul- und Fußschellen von Gefangenen; es ist noch so, wie Panzer 5) vor einem halben 
Jahrhundert es schildert Die eigentlichen „Opfertiere" aber, die eisernen Rössel, 
Kühe usw. befinden sich in der „Schatzkammer", wo sie bei dem Feste gegen geringes 
Entgelt (5 Pfennig das Stück) ausgeliehen werden und wohin sie alle wieder zurück- 
kehren. Der Bauer leiht sich dort die Tierbilder, legt sie in seinen Hut, dann wandert 
in langer, dichtgedrängter Reihe einer nach dem anderen um den Hoclialur und wirft 
sie am Schlüsse der Umwanderung in Körbe. Diese werden dann vom Meßner in die 
Schatzkammer zurückgebracht, von wo die Eisentiere aufs neue ihren Rundgang machen. 
Was den Umritt betrifft, so findet er nur am Leonhardstage bei großem Zudrange von 
Tausenden statt Dreimal geht es herum um die Kirche und in älterer Zeit ritten sogar, 
wie Panzer berichtet, die Weiber mit Die Rosse empfingen vor der Kirche den Segen. 
In den achtziger Jahren sollen die Umritte eine Zeitlang unterblieben sein; sie sind aber 
jetzt wieder in Blüte. Die Bauern aus dem Rottal, dem Inn- und Hausruckviertel 

*) Eine kleine eiserne Menschenfi^ur und ein eisernes kleines Rössel, beide ausgej^raben, vertreten 
heute in der Sakristei den einstigen Eisenreichtum S, Leonbards'zu Inchenhofen. 
«) E. Geiß, im Oberbayer. Archiv XXI, S. 76 ff. 
») II, S. 33. 



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Kirchenordnung für die Opfergaben zu Aigen von 1529. 59 

kommen nach altem Herkommen an den ^drei goldenen Samstagen'^, am Leonhards- und 
GeorgBtag nach Aigen mit Wagen, zu Pferde oder zu Fuß, laut betend die Straße 
entlang ziehend. Am ersten der drei goldenen Samstage erscheinen die ^minderen^ 
Leute, Tagelöhner u. dgl^ am zweiten die Söhne, Töchter und Dienstboten (Ehehalteu) 
der Bauern und am dritten diese selbst mit den Weibern in flottem Gespann. An 
allen diesen Tagen und zu Georgi wird das Rösselopfer dargebracht, Umritt aber ist 
nur am Leonhardstage. Ich will noch erwähnen, daß selbst in bezug auf die eisemen 
Opferüere eine Art Mode bei den Bauern in Aigen Platz gegrijSen hat Die Votive 
sind sämtlich Eigentum der Kirche, wenn sie auch ui*sprünglich von einzelnen Wall- 
fahrern dargebracht wurden und sich zu einer gewaltigen Menge ansammelten. Neue 
werden weder gefertigt noch hinzugebracht. Die älteren sind viel roher, massiver und 
schwerer als die jüngeren, bei denen man die Herstellung aus gewalztem Eisen erkennt, 
die weit mehr auch dem wirklichen Rosse oder der wirklichen Kuh gleichen, als die 
älteren roh geschmiedeten. Die älteren sind daher bei dem Baueim außer Km*s gesetzt; 
er entleiht sie nicht mehr für Opferzwecke, sondern entrichtet seine fünf Pfennige für 
jedes Stück von den neueren Tierfiguren, deren er so viele nimmt und um den Altar 
trägt, als er lebende Rosse oder Kühe zu Hause besitzt. 

Schon früh haben die bayeiischen Fürsten die Bedeutung der Aigener Leonhardi- 
wallfahrten erkannt und dafür Sorge getragen, daß dabei alles in Ordnung zuging, die 
bedeutenden dort zusammenströmenden Opfergaben auch wirklich der Kirche zu gute 
kamen und ordentlich verwaltet wurden. Zeugnis dafür ist das vom Jahre 1529 
stammende Stiftsbuch im Pfarrarchiv zu Aigen, eine Pergamenturkunde von 24 Blättern 1)1 
ausgestellt vom Herzoge Ernst als Administi-ator des Stifts Passau. Nach Anführung 
des Titels fähi-t die Einleitung fort: 

„Bekhennen vnd thuen khund offennlich Nachdem in vnsern vnd vnsers StifEts 

Fieckhen zu sand Leonnhard jm Aigen bisher ettlich vill Jai*e vnd Zeit ain 

Ansechliche vnd Tapffe Wallfai*t vnd Zuegang Zu sand Leouhard Gotzhaus 

doselbst gewesen, vill mercklicher wunderzaichen durch den lieben sand leonu- 

harten den christgelaubigen Mennschen beschehenn, vnnd deshalben durch Reich 

gab, vnd AUmuesen der finimen leyt, Ain grosser Gotzbi-att gefallen, Domit aber 

khonnftighlich derselb vnnd der frumen Christen gab vnd AUmuesen Gott dem 

Allmechtigen zu lob, seiner werden muetter Marie, dem lieben Notthellfer sand 

leonuharden vnnd Allem himellischen hör zu Ereun vnnd diennstperkait Angelegt 

vnd khert werde, So habenn Wir, mit zeittiger vorbetrachttung, genuegsamer 

unndter Rieht, vnnd nach Rathe vnnser geystlichen vnd welltlichen Räthe, 

nachuoUgend Ordnung vnd Satzung furgenomen, vnd wollen das Es Allso hin- 

furou statt gehallten vnd vollzogen vnd dowider nicht gehanndelt werde." 

Nach dieser Einleitung folgt in 36 Paragraphen die genaue Anordnung, wie die 

Geldeinnahmen und Verrechnung usw. durch den bischöflichen Pfleger in Riedenburg, 

den Pfarrer, die (drei) Zechpröbst und den „gemainen PfaiTmenig" besorgt und geprüft 

und beaufsichtigt werden solle. Die für unsere Zwecke wichtigsten sind die folgenden: 

9. 
Es soll von Neuem ain Thruhen gemacht, vnd geordnet werden, dorein alle 
gefeil, an Gellt, Chlaineten vnd was GoUd, sylber, oder dergleuchen ist. Auch 



') Herrn Pfarrer L Irringer in Aigen bin ich für die Abschrift dieses Stiftsbuches zu großem 
Danke verpflichtet. 

8* 



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60 Kirchenordnung für die Opfergaben zu Aigen von 1529. 

das, 80 aus Annderm Gotßbrath gelöst wirdet, Von stundaa vnd so palld Es 
geboDu wirdet, gelegt werdeon. 
Die Nummer 12 bestimmt für diese „Thruhen" vier vnnderschiedliohe Schlüssel, je 
einen für den Pfleger, Pfarrer, Zechpröbst und dy von der gemain. 

14. 
Hinfuron sollen Alle gefell vnd Gotzbrat, Es sey gollt, Silber, klainat, klaider, 
wachs, öll, jnnXslied, flachs, tuech, woU, khas, hennen, Air, schmaltz, nichts Aus- 
genomen wie das dohin khumbt, treulich Empfangen bewart vnd an welichem 
Tag vnd wieuill des gewesen. Ordentlich geschrieben werden, dauon Niemand, 
weder Pfarrer noch Zech-Bröbsten, Ichts nemen. Sounder auffs vlcussigist betreuet 
geschätzt, ge wegen oder zellt vnnd auffs höchst verkhaufft werdenn. 

17. 
Dergleychen suUen Auch bei yedem Item in der Rechnung Traid, klainen 
diennsten, von Gennsen, hennen, khas, harb (Hanf) oder Anndcrs dergleuchen 
dient, Auch vnnderschiedlich geschrieben vnd ob gellt dai*fur genomcn, dafselbig 
gellt in Rechnung angezaigt, oder wo Es noch verhauuden, das Alles vleylsig 
vnd vnnderschiedlich beschrieben werdenn. 

20. 
Es soll Auch in derselbigen Rechnung ob Jemand Eysenn, Wachs, klayder, 
klainater, oder was derselbigen Sachen wer, dem Gotzhaus geben mit vorbehall- 
tuug, vrab Ain Suma gellts, zulösenn vnd das sy gelöst werden, das soll auch 
vnnderschiedlich wer Es gebenn, wie es widerumb gelöst. Alles aigenntlich vleifsig 
vnd vnnderschiedlich Beschriben werdenn. 

21. 

Allso suUen auch Hennen, Genns, Air, khas, puter, schmalz, geti-aid, hanif, 

flachs, Eisenn, woU, gewurckht garnu, schlair, Gnrttl portenn, klaider, hämisch, 

kläinat vnd Alles sonnderwar vnd vleifsig in Rechnung vnderschiedlich beschrieben, 

Angezaigt vnd veiTechnet werdenn, was des verkhaufft, vnd Noch verhannden. 

24. 

Nachdem Aber der PfaiTer bisher den diytten Pfennig Aus dem grossen 
Saud Leonhards stockh gehabt, so soll jme dassclb noch voUgen. Aber nach 
dem Auf serhalb des sonnst der kiriohen gefeilt, umb abgelöst Eysenn, wachs, 
oder wer aus Anndacht sonnderlich sand leonhart, geben will, jn ain Anndern 
Stockh gelegt wurdet, der geuennt ist der Zyunsstockh, wellen wir, das angezaigt 
gellt, so jn denselben stockh gelegt, Allain der Kiiichen beleyben vnndt voll- 
genn solle. 

27. 

Wir wellen auch, das dy klainen gefell baider Gotzhewseron Alls khas, putter, 
Schmalltz, Huener, gennfs, Air vnd dergleuchen, Nit getaillt, sonnder den gotz- 
hewseren, durch die Zechbröbst, Empfanngen vnd Erberlich ven*echeut werden. 

28. 
Wir vergönnen vnd lassen zue, das man den kiiichenferttem, vnd welche 
des Gotzhaufs Eysenn khue vnd Ros khauffen wellen, das pfundt vmb zwen 
khreutzer, oder aber vmb Acht weifs pfennig, zukhauffen geb, doch das solch 
gellt von stundan jn den zyunsstockh gelegt, vnd sonnst Niemandt geanntbort 
werde. 



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Die Eisengaben für S. Leonhard. 61 

29. 
Es sollen Auch, alle die so der Eimdten zu sannd leouuhard Eysenn vaill 
habeun, Anndem ortten steen, mit jrcn vailln Eysenn dann Nach ainer Ord- 
nung, bey Einannder, vor der khiiichhof Mauer. 

30. 
Wer von dem Gotzhaus Eysenn oder Wachs Lösenn oder khauffen will, dem 
soll man Es zuelassen, doch das Er das gellt ju das zinfsstöckhl bezall, vnd das 
Eysen oder wachs wider bey der khirichen lafsen, vnd nit dauon tragenn. 
Wir sehen aus dieser Kirchenordnung, wie reich und mannigfaltig die zu S. Leon- 
hard gcopf ei-ten Gaben waren : Kleinode, Gold, Silber, Eisen, Wachs, Kleider, öl, Unschlitt, 
Flachs, Hanf, Tuch, Wolle, Käse, Schmalz, Butter, Getreide, Gürtelborten, gewirktes 
Garn, Gänse, Hühner und Eier werden aufgeführt. Von Umritten um die Kirche, wenn 
sie damals schon üblich, ist nichts erwähnt, dagegen sind nach § 28 die eisernen Kühe 
und Rößlein besonders beachtet, sie wurden das Pfund um zwei Kreuzer oder acht 
Weißpfennige von selten der Kirche an die Wallfahrer verkauft; die Eisenhändler 
(§ 29), welche zu Aigen ihren Markt zur Wallfahrtszeit hielten, mußten an der Kirchhofs- 
mauer an besonderer Stelle stehen. Wir erkennen hier die uralte Verbindung der Messen 
mit dem Gottesdienste; wo des Kultus wegen die Menge zusammenströmte, da fand der 
Handel seine Rechnung, Nürnberg verdankt der Verehrung des h. Sebaldus das Empor- 
blühen seiner Mäi'kte, Zurzach in der Schweiz jener der h. Verena, in Durham in Eng- 
land hält man den S. Cutberths-Markt ab, Mekka wurde wegen der Kaaba ein Haudels- 
mittelpunkt für einen großen Teil der mohammedanischen Welt. 

Wenn wir auch über den Eisenumsatz bei S. Leonhard keine genauen Angaben 
besitzen, so muß er doch bei den Beziehungen des Heiligen zu diesem Metall nicht 
unbeti*ächtlich gewesen sein. Auch die Kiiche selbst verkaufte Eisen (§ 30). Dieses 
mußte aber, wenn es seinen Zweck als Opfer erfüllt hatte, der Kii*che verbleiben und 
dui-fte nicht hin weggetragen werden. Es ist gerade so wie heute, wo die eisernen Opfer- 
tiere nominell verkauft, eigentlich gegen Geld geliehen, aber nachdem, wenn sie opfernd 
um den Altar getragen, wieder an die Kirche abgeliefert wurden. S. Leonhard galt 
geradezu als der große Eisenherr, dem das früher viel wertvollere Metall in großer 
Menge, nicht nur in natura, sondern auch zu Opfergaben umgestaltet zufloß, worauf, als 
eine bekannte Sache, Sebastian Frank in seinen Sprichwörtern hinweist: „Er ist seines 
Weines so mild, als S. Leonhard seines Eisens, der gibt's keinem, man stehle ihm's denn." 
Massenhaft wurde es an seine Guadeustätte geschleppt Z. B. im Jahre 1610 hatte 
Margarethe Glyamin aus Augsburg durch Versehen etwas Giftiges genossen und litt 
große Schmerzen. Aber es ist ihr kein Schaden entstanden, „weilen sie von jhrem 
getreven Haußwirth mit 43 Pfund Eisen (zu S. Leonhard in Inchenhofen) verlobt 
worden" i). Eisengaben rufen fast immer die Hilfe S. Leonhards herbei. Sie macheu 
auch Stumme wieder redend. Als 1589 die Barbara Waltermayerin zu Memmingen so 
geprügelt wurde, „daß sy nit mehr hat reden künden, indem verlobts der Mann mit 
einer schineysen, dieselbe allher (Inchenhofen) zu tragen, ist entlich nach dem gelübd 
zu Hand redend worden" 2). Eisen war in alter Zeit so gut wie Geld und diente als 
Tauschmittel, war gleich Wachs der Kirche willkommen. Wenn man es in natura, als 
„Schieneisen" opfei-te, schleppte man es selbst zur Wallf ahiistätte , um daraus ein 



*) Synopsis, Blatt 103. 
*) S. Leonardus, S. 72. 



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62 Wettrennen zu Neukirchen. Die Eisenopfertiere von Oanacker. 

RöJSlein, einen Arm, einen FnJS zu machen. Die Wallfahrer führten auch den ^Schieu- 
hammer^ bei sich, um das geldvertretende, früher viel wertvollere Eisen zu zerkleinem, 
es gleichsam in Kleingeld umsetzen zu können ^). Es erinnert dieses an den alten Barren- 
verkehr, wie er in Asien noch üblich ist, wo vom Silberban*en (China, Hinterindien) 
Stücke mit Meißel und Hammer abgeschlagen, gewogen und als Scheidemünze veraus- 
gabt werden. 

In Neukirchen, Landgericht Amsdorf , besitzt S. Leonhard in der Marienkirche 
einen Altar. Deshalb findet dort seit Beginn des 18. Jahrhunderts am 6. November 
feierlicher Umritt statt Man hält dort ein Wettrennen mit Landpferden, bei dem keine 
auswärtigen Rosse zugelassen werden und wobei die Kirche die kleinen Gewinne bestreitet. 
Der Sägemüller von Arnsdorf stiftet den höchsten Preis, einen stattlichen Hahn. Als 
er eines Tages sich dessen weigerte, krepierten ihm zur Strafe sämtliche Hühner*). Aus 
Niederbayern sind noch Leonhaidiritte zu erwähnen von Figelsdorf in der Hollertau und 
Julbach bei Simbach am Lin. In Julbach werden noch eiserne Tierfiguren am 6. November 
geopfert, aber recht dünne Blechgeschöpfe, die heute noch vom Schmied hergestellt 
werden. 

Wiederholt waren wir in Ganacker bei Landau an der Isar, wo das Rößlopfer 
noch in alter Weise stattfindet und von uns mitgemacht wurde. Die ehedem dort aus- 
geführten Umritte sind seit langer Zeit abgekommen, so daß man in Ganacker selbst 
nur eine dunkle Vorstellung davon hat Im ganzen ist heute noch der Vorgang ähnlich, 
wie ihn Panzer vor 50 Jahren schildert '). Er ist der einzige, welcher über das entlegene 
Ganacker bisher aus eigener Erfahrung berichtete. Die kettenumspannte Kirche des Ortes 
ist dem heiligen Leonhard gewidmet und sie ist heute noch im Besitze von mindestens 
1000 Stück eiserner Rößl, Kühe, Schweine usw., die für gewöhnlich in der kleinen 
Friedhofskapelle in einer großen Kiste aufbewahrt werden. Eiserne Menschenfiguren 
sind nicht darunter. Die Leouhardifeier wird an zwei Sonntagen nach dem Feste des 
Heiligen abgehalten und erfreut sich eines gi-oßen Besuchs. Reiter und Wagen erscheinen 
dabei nicht, dagegen ist das Rößlopfer die Hauptsache ,' doch wird auch Butter dar- 
gebracht und 1903 wurden 500 Messen und viele Ämter „eingeschrieben". Der Verlauf 
der Opferung vollzieht sich folgendermaßen : An den Festtagen ist die sogenannte Leon- 
hardstür, die gegen Süden liegt, geöffnet Neben ihr steht eine für diesen Tag dort in 
eine Nische gesetzte meterhohe Statue des Heiligen tnit einem aus alten Silbeimünzen 
gebildeten Kreuz um den Hals. Zu Füßen des Standbildes steht ein gi'ünbemalter, 
großer, von vier Füßen getragener Kasten und in diesem liegen, dicht übereinander auf- 
gestapelt, in wirrem Durcheinander die eisernen Pferdcheu und Kühe, sehr wenig andere 
Tiergestalten, Schweine und Kröten (Fig. 12); die Vögel und die künstliche eiserne 
Hand, von der Panzer berichtet, haben wir nicht mehr gesehen. Gesucht zum Opfer 
werden heute nur noch Rössl und Kühe. Es war ein Vorgang von bleibendem Ein- 
drucke, wie die große Masse der angelangten Wallfahrer, Männer und Weiber, an den 
Figurentisch heranti-at und prüfend unter den Tierbildern Auswahl hielt; freilich fehlte 
es auch nicht an kritischen Bemerkungen über die eisernen Gestalten, aber im ganzen 
herrschte fi'ommgläubiger Sinn und ernste Beachtung altüberkommener Sitte. So viel 
Rosse und Kühe der Bauer daheim im Stalle hat, so viel Eisenfiguren wählte er, legte 
sie in seinen Hut, schritt dann durch die Sakristeitür in die Kirche, kniete vor dem 

») Höfler I, S. 125. 
•) Kalender 1866, S. 112. 
•) Panzer U, S. 36, 



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Fig. 12, 




Eiserne Opfertiere vor S. Leonhard in Ganacker. Photographiert am 7. November 1903 von Marie Andree-Eysn. 



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64 Leonhardiritte in Schwaben, Oberpfalz, Österreich. 

Hochaltar, verrichtete dort seiu Gebet uud ging nun mit seinen Votivfigaren um den 
Altar herum. Dann warf er Geld in den Opferstock und schüttete die Tiere klirrend 
wieder in eine Kiste. So verbleiben sie der Kirche und können im nächsten Jahre dem 
gleichen Zwecke dienen. 

Schwaben und Neubnrg. Hier sind die Umritte schon weit seltener als in Ober- 
und Niederbayern. 

Billenhausen, Landgericht Krumbach, mit einer 1423 erbauten Leonhardskirche. 
Auf dem Altarbilde sieht man den Heiligen von Hilfesuchenden umringt: Blinde 
mit dem Stabe, Taubstumme mit Glocken in der Hand, Mütter mit kranken Kindern 
und im Hintergrunde weidendes Vieh. Als im Jahre 1816 hier beim Umritte ein Bauer 
mit dem Pferde unglücklich stürzte, wurde der Ritt eingestellt. 

Balzhausen im Mindeltale mit 1724 erbauter Leonhardskapelle , deren Hochaltar 
die Statue des Heiligen mit zwei knienden Hirten und Pferden zeigt Umritt am 
6. November. 

Weißenhorn an der Roth, östlich von Ulm. Umritt und Pferdesegnung am 
6. November. 

Eine vielbesuchte Leonhardsfeier mit Umritt hatte einst auch die Stadt Lauingen 
an der Donau, wo bei der Süftuugskirche der Hirtenbrüdei-schaft die Pferdebesitzer von 
nah und fern erschienen und den Umritt abhielten, bis er 1827 verboten wurde. S. Leon- 
hard steht dort in großem Ansehen wegen seiner Hilfe bei Viehseuchen. Als 1797 die 
Gegend durch eine große Viehseuche schwer litt, hielt man am 17. Mai einen Bittgang 
zu S. Leonhard, wobei sämtliches angetriebene Vieh mit dem Sanktissimum eingesegnet 
wurde, „welches ein schauerlicher Anblick war, indem das gar jämmerlich zusammen- 
schrie ^ ^). 

In Württemberg ist S. Leonhard gleichfalls ein beliebter Heiliger, dem in den 
katholischen Teilen zu Ehren die Umritte abgehalten wurden. „Die gewöhnliche Sitte, wie 
sie in Blaichen im Günztale vor 50 Jahren (etwa 1820) stattfand, wiederholt sich allent- 
halbeu. Die Pferdebesitzer erschienen mit den gefüllten Getreideopfersäcken zu Pferde 
bei der Kapelle oder Kirche. Nach geleerten Säcken und geschehener Benediktiou ging 
es oft auf großen Umwegen dem heimatlichen Hause zu, leider mit Wettreiten und 
allerlei Unfug. In Habertsweiler, lliltafingcn war der „Leardsritt" ebenfalls üblich. Im 
Markte Thanuhausen an der Mindel findet der Ritt heute (1874) noch statt zu der 
S. Leonhardskapelle am Wege nach Dinkelscherben" 2). 

Oberpfialz. Hier ist die Pferdezucht weit geringer als in Oberbayeru, daher sind 
die Leonhardsritte auch weniger häufig. Ein solcher findet statt am 6. November am 
„Haubrünl" bei Roding und zu Martini um Velburg. Die Pferde werden kirchlich 
gesegnet. Die Kirchen liegen meistens außerhalb der Orte und schließen durch eine 
Ringmauer grünen Rasen ein. „Sicher liegt hier heidnischer Gebrauch zugrunde", 
meint Schönwerth *). 

Nach Österreioh greifen die Leonhardiritte mit dem Kultus des Heiligen nach den 
verschiedenen an Bayern angrenzenden Kronländem über. 

Zu S. Leonhard bei Neuern in Böhmen findet der Ritt am Ostermontage statt 
und hier wurden früher auch eiserne Tiere und werden Hufeisen noch heute geopfert. 
Nach dem Umritte erfolgen die Geldspenden; die Bauern aus Böhmen opfern einen 

*) Sepp, Religion der alten Deutschen, S. 269. 

*) A. Birlinger, Aus Schwaben I, S. 29. 

^) Schönwerth, Aus der Oberpfalz I, S. 324. 



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Leonhardif eiern in Tirol und E&mten. 65 

Silbergulden, die Bayern einen Tlialer. Jedes Stück Opfergeld wii-d zu Hause au den 
Körper des Viehes gedrückt, wobei man es dreimal umdreht und vor dem Einwerfen in 
den Opferstock wird das Geldstück geküßt i). 

Im Salzburgischen kennt man Umritte zu Maria Pichl bei Oberndorf an der Salzach 
am zweiten Sonntage im Mai um die Leonhardskirche und zu Unter -Eching in der 
gleichen Gegend, wo am selben Tage etwa 30 Reiter den Umritt ausführen; ferner zu 
St Georgen am rechten Salzachufer und zu Irrsdorf bei Straßwalchen. 

Auch in Tirol ritten, wo S. Leonhard als Patron des Viehes galt, früher in 
manchen Gegenden die Burschen dreimal um seine Kirche und am 6. November fand 
Einsegnung des Viehes statt ^). 

Die Opferung der eisernen Tierfiguren zu S. Leonhard hat auch in Kärnten den 
gleichen Charakter wie zu Aigen und Ganacker in Bayern, wenn auch ohne Umritt. 
Ein Bericht 8) lautet: „Es werden geopfert eiserne Gespanne, Ochsen, Pferde und Kühe 
(Kröten bemerkte ich nie), und zwar in folgender Weise: Am Feste des h. Leonhard 
(6. November) stellen sich zu Gmünd zwei Zechpröbste zu einem außerhalb des Kom- 
muniongitters befindlichen Tische. Bei diesem befindet sich ein Kasten, in dem die 
verschiedenen eisernen Figuren aufbewahrt sind. Die Wallfahrer gehen zum Tische, 
geben ein Geldstück, auch Wolle u. dgl. und bitten um ein Pferd. Mit dem erhaltenen 
eisernen Tiere gehen sie hinter dem Hochaltar herum und zwar von der Evangelien- 
auf die Epistelseite und legen, öfter mit einer abermaligen Geldspende, das eiserne 
Opfertier nieder, welches wieder abgeholt und von einem anderen Opfernden dann um 
den Altar getragen wird. Manche Wallfahi*er machen den Umzug auf den Knien. 
Dabei bitten sie und danken sie für den Schutz Gottes für ihr Ilab und Gut. Ja, noch 
mehr! und dieses ist das häufigere: Der Bauer wählt die eiserne Figur und opfert mit 
Rücksicht auf einen beabsichtigten Vieh hau del, in Ei'wai-tung eines vorteilhaften Ge- 
schäftes und im felsenfesten Vertrauen, daß der h. Leonhard, als Schutzpatron der Haus- 
tiere, ihm bei dem Handel behilflich sein werde. Die Absicht des Opfernden ist nicht, 
wie man vielleicht annehmen könnte, füi* eine bereits empfangene Wohltat zu danken, 
vielmehr opfert der Waller um Gnade zu erhalten für seinen Viehstand im allgemeinen, 
Ochsengespanne und Kühe, oder nur für einen bestimmten Teil desselben, z. B. Schweine 
oder Schafe. Danach richten sich auch die Geldopfcr. Nicht selten will der Pilger 
vom Schöpfer auch die Genesung erkrankter Menschen und Tiere ei*flehen, was auf eine 
sehr zeremonielle Ai*t geschieht. Hat der Bauer z. B. ein sehr schwer krankes, seinem 
Ende entgegengehendes Stück Vieh, so pilgert er, wenn irgend möglich, in Person zu 
S. Leonhai'd und nur, wenn er durchaus nicht abkommen kann, läßt er sich durch einen 
Vertrauensmann vertreten. In der Kirche ersucht er den „Kirchenhammerer" um das 
ganze Opfer, d. h. von jeder Tiergattung ein Stück, das er in seinen Hut legt, geht 
zum Leonhardialtar, zündet auf dessen Stufe beideraeits eine Kerze an und richtet ein 
inniges Gebet an Gott. Dann rutscht er auf den Knien, die Tiere im Hut haltend, 
um den Hochaltar und gibt an dessen Epistelseite die Tiere wieder ab. Eine feste 
Taxe für das Opfeni gibt es nicht, doch gibt niemand für das „ganze Opfer" weniger 
als 40 Kreuzer." 



») Zeitsohr. f. österr. Volkskunde 1899, S. 72. 
*) J. V. Zingerle, Sitten des Tiroler Volkes*, S. 179. 

*) Briefe des Pfarrers OttoPuchta zu Gmünd im Liesertal vom 26. Mai und 13. Juni 1900 
an Dr. W. Hein, aus dem Nachlaß des letzteren. 

Andre e, Yotive und Weihegaben. 9 



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66 S. Stefan. S. Wolfgang. S. Eoloman. 



Umritte bei Kirchen anderer Heiligen. 

Nach dieser, immerhin nicht vollständigen Aufführung der verschiedenen Leonhards- 
fahrten, will ich auf diejenigen Heiligen eingehen, denen zu Ehren ganz gleiche 
Feste und Wallfahrten veranstaltet werden in ihrer Eigenschaft als Schutzpati'on des 
Hausviehes. 

Die Verehrung von S. Stefan, des ersten ungarischen Königs (f 1038), der zu 
großer Heiligkeit gelangte, ist von Osten her in die deutschen Lande gekommen, über 
Wien donauaufwärts. Bei den rossetummelnden Magyaren wurde er Schutzhen* der 
Pferde, dem zu Ehren Umritte stattfanden. So um die 1638 von Maximilian L erbaute 
S. Stefankirche zu München, die bis ins 19. Jahrhundert andauerten und noch bis 1850 
von den Münchener Droschkenkutschern am 2. September, dem Tage des Heiligen, um- 
fahren wurden. Die Pferde sollten dadurch vor Erkranken und Unglücksfällen geschützt 
werden und in älterer Zeit erschienen dabei sogar die Pferde des Hofes. Zu Schwand 
bei Braunau in Oberösterreich finden noch heute die Umritte am Stefanstage statt; im 
Jahre 1901 waren es jedoch nur noch 24 Reiter. — In Ejrain sind diese Umzüge zu 
S. Stefan (slovenisch Dobrawa) bei Asp in der Nähe von Veldes am Stefanstage üblich, 
wobei die Pferde eingesegnet werden; in Kärnten bei S. Stefan zu Faak bei Villach 
am 2. Januar in gleicher Weise i). 

Bis nach Württemberg hinein erstreckt sich der Einfluß des ungarischen Pferde- 
beschützers, denn zu Backnang wurden an seinem Tage alle Pferde möglichst rasch 
hinausgeritten, um sie vor dem Einflüsse der Hexen zu schützen^). 

Wie S. Leonhard im h. Wolf gang (31. Oktober; er war seit 968 Bischof von 
Regensburg und wird mit einem Beile abgebildet) in vieler Beziehung einen Wett- 
bewerber hat, so auch bei den Umritten und Pferdeweihen. Bei Ochsenfurt am Main 
liegt eine 1463 erbaute S. Wolfgangskapelle, wohin am Tage der Kirch weihe, dem dritten 
Pfingsttage, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die Bauern aus der Umgegend ihre 
Pferde brachten, dreimal um die Kapelle ritten und dann von dem unter der Haupttür 
mit dem Weihwedel stehenden Priester den Segen über die Tiere erhielten, damit sie 
im kommenden Jahre vor Krankheiten und Unglück bewahrt bleiben möchten. Noch 
jetzt siod an der Kapelle viele Ringe vorhanden, welche zum Anbinden der Pferde 
dienten. Zahh-eiche Hufeisen wurden und werden auch jetzt noch aufgehängt; auch 
Pferdefüße in Wachs werden noch geopfert s). 

Sehr wichtig ist in seiner Eigenschaft als Tjerpati'on auch S. Koloman, bei dessen 
Kapellen noch Umritte und Viehsegnungen stattfinden. In S. Kolomau bei Stetten am 
Chiemsee, zu S. Koloman am Wagingersee und au anderen Orten werden sie erwähnt *). 
Ähnliches über Umritte bei S. Koloman berichtet E. Meier aus Schwaben ^). Im 
Kolomanswalde bei Böhmerkh-ch stand bis zum Jahre 1799 die jetzt abgebrochene Kapelle 
dieses Schutzheiligen der Pferde, bei der am Pfingstmontage 400 bis 500 Pferde zu- 
sammengebracht und dreimal um die Kapelle geritten wurden. An diesem Tage machten 
sieben bis zehn Gemeinden eine Wallfahrt dahin; ein PfaiTheiT von Böhnierkirch hielt 



») Peez in Mitteil. d. Wiener Anthropol. Ges. XXII I, S. 196. 
*=) E. Meier, Sagen aus Schwaben 1852, II, S. 466. 
'*) J. B. Mehler, Der heilige Wolfgang, Regensburg 1894, S. 294. 
*) Sepp in der Beilage der Allgemeinen Zeitung, 20. März 1882. 
*) Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus hJchwaben II, S. 41J>. 



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S. Eoloman. 8. Georg. 67 

Predigt und Hochamt, wobei das Haupt des h. Eoloman vor die Eirchtür auf einem 
Tuch gestellt wurde, bei dem die Vorübergehenden opferten. 

Bei Hohenschwangau besuohte ich die S. Kolomanskapelle, welche einsam zwischen 
Wiesen und Feldern in der Ebene liegt und an Stelle einer älteren Kapelle errichtet 
wurde, von der manche Teile in die neuere übertragen wurden. Die Inschrift über der 
Vorhalle lautet: „S. Colomanus, Martyr, huiu» templi patronus. Anno 1714." Dort wird 
am 13. Oktober, dem Tage des Heiligen, die Viehsegnung unternommen ^), wobei nicht 
nur Pferde, sondern auch das Rindvieh der Umgegend angetrieben wird. Letzteres 
ist hervorzuheben, da es sich sonst überall nur um die Segnung der Pferde handelt 
Herr Anton Mayr, Bürgermeister von Schwangau, gibt darüber brieflich am 8. August 
1903 folgende Auskunft: y^Das Vieh wird nicht um die Kirche herum getrieben, sondern 
nur um dieselbe herum versammelt, desgleichen die weidenden Pferde. Aber etwa 
30 Pferde werden von den 14- bis 18jährigen Burschen bestiegen, die nach erfolgter 
Einsegnung zunächst einmal um die Kirche und dann im Galopp nach Schwangau reiten. 
Preise sind hierbei nicht ausgesetzt und es handelt sich nur um die Ehre, als der erste 
am Ziele anzulangen. In früherer Zeit wurde die Einsegnung viel ausführlicher vor- 
genommen und es erschienen dazu alle Pferde aus einem Umkreise von drei Stunden, 
In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhundeits hat der damalige Pfarrer diese Einsegnung 
aufgehoben; aber 1884 führte sie jedoch Pfarrer Walter wieder ein. Eingesegnet werden 
alle zugeführten Pferde und das gesamte angetriebene Weidevieh*)." 

Es folgt S. Georg. Der berühmteste Ritt findet am Ostermontage von dem ober- 
bayeiischen Städtchen Traunstein nach dem nördlich von dieser Stadt auf einem Hügel 
gelegenen Kirchlein von Ettendorf statt, welches im Jahre 1841 sein tausendjähriges 
Jubiläum feierte. Das Patrozinium hat dort aber nicht etwa S. Georg, sondern der 
h. Vitus, neben dem noch S. Anna und S. Leonhard der Kii'che vorstehen. Möglich, 
daß ursprünglich an den letzteren sich die hier ausgeübte Pferdesegnung anknüpfte und 
der Unuitt erst später auf S. Georg übertragen und Georgii'itt getauft wurde. Der 
Tradition nach findet er seit mehr als 200 Jahren statt Am Ende des 18. Jahrhunderts 
unterblieb er ganz; unruhige Zeiten und selbst ein Verbot von oben, das in dem Ritte 
eine Maskerade erblickte, ausgeführt nach dem Vorbilde des Georgirittes bei Schloß Stain. 
Erst seit im Jahre 1890 ein Georgiverein in Ti*aunstein gegründet wurde, kam wieder 
Zug in die Sache, wenn auch der Chai'akter ländlicher Einfachheit verloren ging und 
ein Schaugepränge von mittelalterlichen Trachten nach Art historischer Festzüge, beein- 
flußt von Münchener Künstlern, an die Stelle des alten Bauernrittes trat, der nun als 
Anhängsel des pomphaften Schaugepräges jetzt den Schluß macht Ich gebe hier die 
Schilderung des Zuges vom Jahre 1899, der sich dadurch auszeichnete, daß eine besonders 
prächtige Standarte, die S. Georg zu ti-agen hat, eingeweiht wui*de. 

Schon vor Beginn des Festzuges ist der breite Hauptplatz Traunsteins mit Menschen 
gefüllt, die aus der Feme herbeieilten ; es herrscht ein buntes Treiben, Ritter und Reisige 
sprengen herbei, vom Huf schlage der zahlreichen Rosse erdröhnt das Pflaster, überall 
erscheinen neue, bunte Gruppen von Reitern. Gegen 10 Uhr ertönen feierliche Melodien 
und von der Weißbräuhausgasse aus bricht sich der Ritt Bahn, an der Spitze in Frack 

*) Wie dieser Heilige zum Patron der Haustiere wurde, ist mir nicht klar. Er war ein Schotte, 
welcher auf der Wallfahrt nach Jerusalem begriffen, 1012 in Stockerau bei Wien von den Einwohnern 
als angeblicher Spion ergriffen und erhängt wurde. Sein Körper hing zwei Jahre lang unverwest an 
einem Baume und hat im Kloster Melk an der Donau seine Buhestätte gefunden. 

*) Vgl. dazu auch G. Deppisch, Gesch. d. h. Colomanni, Wien 1734, S. 158. 

9* 



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68 Georgiritte. S. Eligius. Opfer in Reit. 

und Zylinderhut der Voi*Btand des S. Georgsvereins, der alles leitet Zwei bayerische 
Postillione hoch zu Pferde und in Gala mit blauweißeu Fahnen folgen, dann der Musik- 
wagen und eine Gruppe Landsknechte mit Trommler und Pfeifer in mittelalterlicher 
Tracht; weiter auf Schimmeln weißgekleidete, goldbeflügelte Engel mit Kronen auf dem 
Haupte, darauf würdig die ganze im vollen Ornate zu Pferde folgende hohe Geistlichkeit 
und hinter ihr der Mittel- und Glanzpunkt des Zuges, S. Georg im goldschimmemden 
Panzer, behelmt, mit rotem Mantel, die Standarte in der Faust, eine prächtige Mannes- 
erscheinung auf schönem, schwerem Gaule, begleitet von römischen Rittern. In seinem 
Kutschwagen, in Zylinderhut und Frack, folgt der rechtskundige Bürgenneister von 
Traunstein mit Beigeordneten, der Veteranenverein, andere Vereine und Deputationen, dann 
die Reiter aus den Gemeinden Traunstein, Haslach, Erlstätt, Nußdorf, Kammer und 
Sun-berg mit ihren Standarten, alles in allem über 200 Pferde. So geht es im farben- 
prächtigen Zuge hinauf zu dem schön gelegenen Etterdorfer Kirohleiu, das umi*itten wird 
und wo hoch vom Pferde herab der Stadtpfarrer die Rosse der vorüberreitenden Bauern 
mit dem Weihwasser besprengt und einsegnet. 

Deutlich erkennt man aus dieser Beschreibung, wie der theatralische Festzug 
heute das Hauptstück der Feier bildet, deren alter Kern davor in den Hintergrund 
gerückt ist. 

Auch noch an anderen Orten wird S. Georg als Schutzpatron des Viehes mit Um- 
ritten verehrt, so zu S. Georgen nordwestlich von Oberndorf an der Salzach, zu Pötzmes 
und namentlich, am 24. Mai, von den Bauern aus der Umgegend des Schlosses Stein an 
der Traun, wo sie sich versammeln und paarweise nach S. Georg an der Traun reiten. 
Mähnen und Schwänze ihrer Pferde sind mit langen gebleichten Haufsträhnen durch- 
flochten, einzelne mit bunten Bändei-n und künstlichen Blumen geschmückt. So geht 
der Zug zu dem Georgkirchlein, wo Pfarrgottesdienst mit Hochamt und Predigt statt- 
findet und eine Reliquie des h. Georg zum Küssen dargereicht wird. Dann findet die 
Benediktion der Pferde statt 

Dem h. Willibald zu Ehren hält man den Umritt bei seiner Kirche zu Jesewang 
und in Lengenfeld bei Velburg zieht der Dorfpfarrer auf Martini hoch zu Roß mit 
der Monstranz nach der Mai*tinikapelie , die von allen Pferdebesitzem dreimal umritten 
wirdi), da dieser Heilige auch zu den Schutzpatronen des Viehes gehört Ein solcher 
ist auch S. Eligius, der, als Patron der Hufschmiede, mit den Pferden in Verbindung 
steht und der auch in einem Umritte gefeiert wurde. „Der Umritt, welcher alljähiiich 
im Juni bei der Luikapelle bei Mühlheim an der Donau stattfand, darf mit Sicherheit 
als heidnischer Gebrauch betrachtet werden", sagt J. W. Wolf ^), ohne dafür Beweise 
anzuführen. Mühlheim liegt im württembergischen Schwarzwaldkreis. 

In dem kleinen, eine Stunde von Kitzbühel in Tirol entfernten Dorfe Reit wird 
am Sylvester tage das Kirchenpatronfest gefeiert und hierbei findet auch ein Opfern 
von Tierfiguren statt, das ganz wie bei den ähnlichen Leohhardsfesteu erfolgt Die 
zahlreich herbeigeströmten Bauern entleihen gegen den Beti-ag von einem bis zwei 
Kreuzern das Stück aus dem großen vorhandenen Vorrate von geschnitzten, hölzernen 
Tierfiguren (Kühe, Kälber, Pferde, Schafe, Schweine, Hühner usw.) so viel Stücke, als 
ihnen nötig dünkt Diese kinderspielartigen Figuren tragen sie auf einen Seitenaltar, 
wo sie zugleich ihre Andacht verrichten. Von Zeit zu Zeit kommt der Meßner und 



*) Sepp, a. a. 0. 

*) Beiträge zur deutsoben Mythologie I, S. 91. 



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Pfingstritt in Anderlecht (Belgien). 69 

trägt die geopferten Figuren wieder in die Sakristei ziu'ück, wo sie durch neu ankommende 
Wallfahi-er wieder auf den Altar getragen werden ^). 

Die gleichen Vorstellungen und Gebräuche finden wir auch in anderen katholischen 
Ländern, wenn auch der Heilige wechselt So ist in Belgien der h. Guido (f 1012) 
Patron des Viehes, dem zu Ehren alljährlich am Pfingstsonntage ein Umritt in der 
Brüsseler Vorstadt Anderlecht stattfindet, der ganz unseren Leouhardsritten gleicht Auf 
buutgeschmückten Pferden kommen die Bauern, umreiten die beflaggte Kirche des 
Heiligen und lassen ihre Pferde von dem vor der Kirchentür stehenden PfaiTer ein- 
segnen. Anschläge an der Kirche bezeichnen den Heiligen als Protecteur de la commune 
et protecteur special du betail, qu^il presei-ve de la dysenterie et des maladies conta- 
gieuses. Die Reiter schwingen beim Umritt um die Kirche kleine dreieckige Fähnchen, 
auf welchen in vlamischer Sprache die Inschrift steht: St. Wion, patroon tegen den 
rooden loop (Rotlauf) en siekte van 't vee tot Anderlecht 2). 

*) Briefliche Mitteilung des Herrn Dr. J. Traunsteiner in Kitzbühel. 
«) Trede III, S. 401. 



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Kettenumspannte Kirchen. 

Ein auffallendes Kennzeichen vieler, aber keineswegs aller Leonhardskirchen sind 
die mächtigen Eisenketteu, mit denen sie umspannt sind. Diese Ketten aus oft sehr 
starken, zuweilen auch dünnen Gliedern, ziehen sich gewöhnlich im oberen Drittel der Kirchen- 
fenster rings um das Gebäude und sind durch eiserne Klammern festgehalten. Es sind 
früher gewiß weit mehr Kirchen und Kapellen imserer Heiligen mit solchen umspannt 
gewesen, denn es sind Fälle bekannt, wo sie entfernt wurden. So hat man die Kette 
der Leonhardskirche auf dem Drevenikberge bei der Station Pöltschach in Kärnten als 
altes Eisen verkauft '), andere Ketten, so die in Ganacker, waren zeitweilig entfernt, sind 
„. dann später aber wieder an Ort und Stelle 

gebracht worden. 

So weit sie mir durch den Augen- 
schein oder die Literatur bekannt geworden 
sind, gebe ich hier eine Aufzählung der 
ketteuumspannten Kirchen, die gewiß noch 
der Ergänzung bedarf. 

Die kleine Leonhardskapelle auf dem 
Kalvarienberge bei Tölz ist mit eiserner 
Kette umspannt (Fig. 13). Von ihr geht 
folgende Sage: Bei einer Leonhardsfahrt 
wurde einem Bauer durch den Lärm der 
Menschenmenge sein Viergespann scheu 
imd rannte mit ihm und dem Wagen voll 
andächtig Betender die steile Höhe nach 
der Isar zu abwärts. Alles schien ver- 
loren. In dieser Not gelobte der Bauer 
dem h. Leonhard eine Eisenkette zu stiften, 
so groß, daß sie seine ganze Kapelle um- 
spannen könne. Da kam alles mit dem 
Leben davon und der Bauer ließ die schmiedeeiserne Kette anfertigen, die heute noch 
zu sehen ist*). 

Die Kette um die Leonhardskirche zu Ganacker bei Landau an der Isar (siehe 
Fig. 14 a. f. S.) ist aus starken gleichmäßigen Gliedern gefügt und umzieht die ganze 
Kirche samt dem Tunn im oberen Drittel der hohen gotischen Kirchenfenster. Der 
Lehrer dort hat sie gemessen und 98Vam lang gefunden. Diese Kette, so erzählte man 

») Peez in den Mitt. d. Wiener Anthropol. Ges. XXIII, S. 200. 
«) Kalender 1862, S. 119. 




"•;iw,i^,*-^=--" 



Die kettenumspannte S. Leonhardskapelle auf dem 
Kalvarienberge in Tölz. 



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Kettenumspannte Eirohen. 



71 



mir in Ganaoker, soll im Beginne des 19. Jahrhunderts von Franzosen nach Landau 
verschleppt worden sein, kam aber später wieder an Ort und Stelle, worauf eine Inschrift- 
tafel in der Turmhalle deutet: „Diese Kette konnte im Jahre 1828 wieder aufgehoben 
werden und zwar durch milde Beiträge des hochwürdigen Herrn Viucenz Siegler, Dekan 
und Pfarrer zu Pilfing, der ganzen Pfarrgemeinde sowie vieler Auswärtiger." Die Sage, 
welche ich über die Kette hörte, ist ganz ähnlich der eben aus Tölz mitgeteilten. Die 
alte von Landau nach Ganacker führende Straße, deren Verlauf man neben der neuen 
noch erkennt, war früher sehr schlecht und morastig. Ln ihr blieb einst ein Fuhi*mann mit 
Wagen und Pferden stecken, so daß er nicht vor- noch rückwärts konnte. Da verlobte er 
sich S. Leonhards Kirche in Ganacker eine Kette zu stiften, welche das ganze Gotteshaus 
umspannen sollte. Da konnte er wieder weitci'fahren und er hat sein Gelübde erfüllt. 

Zu Nussdorf am Inn, da, wo dieser nördlich von Kuf stein aus Tirol nach 
Bayern fließt, steht eine schmucke Leonhardskirche. Auch diese ist mit einer eisernen 
Kette umspannt, deren Glieder aber gegenüber jenen der Ketten zu Ganacker und Tölz 
recht dünn und langgestreckt erscheinen. „. - . 

Diese Kette soll aus den Stallketten der 
kranken Rosse zusammengeschmiedet sein, 
die man dem Heiligen verlobt hat^). 

Die romanische Kirche zu ToUbath, 
nordöstlich von Ingolstadt, ist von einer 
eisernen Kette umspannt^). 

Inchenhof en, eine Hauptstätte der 
Verehrung S. Leonhards, war einst sehr 
kettenreich, aber von einer die ganze Kirche 
umspannenden Kette habe ich nichts ge- 
hört. Doch der alte Mirakelbuchschreiber ') 
ist erstaunt über „sovil inn- und ausser 
der Kirche in großer Anzahl herumb- 
hangender Ketten". Das ergibt sich auch 
aus den Abbildungen. Nach dem Titel- 
kupfer der Synopsis von 1659 hingen die 
Ketten unter dem Kirchendache zwischen 
den Fenstern herab, doch muß von da an 
ihre Zahl sich gemehrt haben, denn auf 
einem hundert Jahre späteren Titelkupfer*) 
hängen solche Ketten auch noch unter den Kirchenfeustern, so daß die ganze Kirche damit 
wie garniert eracheint. Und da an den hier abgebildeten Ketten stets unten ein Ring 
angebracht ist, so handelt es sich augenscheinlich um Fesseln und Ketten von Gefangenen, 
wie sie auch innerhalb der Kirche als Weihegaben hingen. 

In Württemberg kennen wir die ketten umspannte Leonhardskirche zu Lau p heim 
und hier haben wir auch eine Überlieferung, wie die Kette entstanden sein soll. Bei 




Die kettenumspannie S. Leonhardskirche zu Ganacker 
in Niederbayern. 



») Bavaria I, S. 384. 

•) Oberbayer. Archiv 1844, Band V, Tafel V. In dem von Panzer herrührenden Text ist die 
Kette nicht erwähnt, auch nicht gesagt, wann dies Kirchlein geweiht ist, auf der Abbildung ist aber 
die Kette deutlich zu sehen. 

») Synopsis, S. 231. 

*) Liebs- und Wundervolle Gnaden-Ketten, Augsburg 1752. 



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72 Kettenumspannte Eirohen. 

einem „Viehsterbei", wo besonders die Rosse drauf gingen, hatte man angefangen, die 
Hufeisen abzureißen, um sie dem Viehpatron als Weihgeschenk darzubringen. Da «Her 
Wahrscheinlichkeit nach die Geschenke sich häuften, soll der Beschluß gefaßt worden 
sein, eine große Kette zu schmieden und damit die Kirche zu umziehen. Andere Kapellen 
in Schwaben hingen innerhalb voll Ketten, wie dieses in Horb der Fall wai*. In 
Hüfingen bei Donaueschingen ist eine Gottesackerkapelle, wo eine Kette um die ganze 
Kapelle außerhalb des Daches geht und wo auch zwei Hufeisen angenagelt sind^). 

Westlich von Saalfelden im Salzburgischen liegt die Oiiachaft Leogang. Die alte 
Kirche ist S. Leonhard geweiht und mit eiserner Kette umgeben, von der die Sage 
meldet: ^Die Weiber des Tales vieler in den Krieg ausgezogener Männer sollen sie als 
Dankopfer verlobt haben, wenn ihre Männer lebend zurückkämen. Alle kehrten zurück 
bis auf einen, dessen Weib das Gelübde nicht getan hatte 2)." 

Schwierig und steil ist der Aufstieg zu der Kirche S. Leonhard ostwärts über 
Brixen im Mittelgebirge. Sie liegt 1099 m hoch und bietet einen heiTÜchen Blick in 
die Gegend. Diese schon 1194 eingeweihte Kirche ist mit einer teilweise doppelten Kette 
umzogen, deren einzelne Glieder 16 cm lang sind. Der Umfang der Kirche beträgt 
130 Schritt. Früher, so sagte man uns dort, sei jedes Jahr ein neues Glied an die 
Kette angeschmiedet worden, das müsse aber schon vor langer Zeit gewesen sein 8)^ 

Auch bei Achenkirch am Nordende des Achensees in Tirol liegt eine ketten- 
umspannte Leonhardskirche. 

Oberhalb Friesach in Kärnten im Mittelgebirge liegt „in der Höll" eine Kirche, 
welche der heiligen Maria, S. Rochus und S. Leonhard geweiht ist. Sie ist mit einer 
Kette umspannt, deren Glieder fußlang sind, nicht zu stark, „so daß jedes Glied aus 
einem Hufeisen geschmiedet sein mag". Von dieser Kette geht die Sage, daß die Türken 
einst die ursprünglich hier vorhandene Kette zerhieben, worauf sie von einer pestartigen 
Krankheit überfallen wurden. Zur Sühne für ihren Frevel stifteten sie eine silberne 
Kette, worauf die Pest aufhörte. Die silberne Kette aber soll in der Sparkasse zu 
Klagenfuii» liegen*). 

Zwischen St. Veit und Feldkirchen in Kärnten liegt eine Leonhardskii'che, die von 
einer Kette umgürtet ist, welche aus den Hufeisen gefallener Rosse geschmiedet sein solP). 

Auch in Unterki-ain ist eine Leonhardskapelle von einer Kette umgürtet; sie befindet 
sich in Samitsch bei Tschernembel und in Steiermark ist die Leonhardskirche bei 
Oberburg von einer Kette umzogen«). 

So finden wir kettenumspannte Leonhardskirchen in Krain, Kärnten, Steiermark, 
Salzburg, Tirol und Bayern, in einem abgerundeten Gebiete, wo der Heilige als Schutz- 
patron des Viehes verehi-t wird imd ihm die Ketten von Pferden dargebracht werden, 
nicht minder aber, wie an anderer Stelle schon gezeigt wurde, die Ketten von befreiten 
Gefangenen und massenhaft anderes Eisen. Nach den mitgeteilten Sagen sind die 
kirchenumspannenden Ketten entstanden in der Ausführung von Gelübden, für Errettung 



*) A. Birlinger, Aus Schwaben, I, S. 60. 

•) Hub er, Fromme Sagen aus Salzburg 1880, S. 84. 

•) Panzer II, S. 393 und Zingerle, Sitten des Tiroler Volks S. 178 erwähnen auch diese 
Sage mit dem Zusätze, daß die Welt untergehe, wenn die Kette dreimal um die Kirche herumreiche. 
Ihre Angabe, daß jedes Kettenglied einen Fuß lang sei, ist stark übertrieben. 

*) Peez in Mitteil. d. Anthrop. Ges. in Wien XXIII, S. 200. 

*) Peez am gleichen Orte. 

•) Peez a. a. 0., S. 202. 



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Bedeutung der kirohenum spannenden Ketten. 73 

aaB Lebensgefahr (Tölz, Ganacker, Leogang), als Sühne für ausgebrochene Pest (Friesach) 
und endlich aus den Ketten oder Hufeisen kranker oder gefallener Pferde (Nußdorf, 
St Veit). 

Ich erachte diese letztere Sage für jene, welche den Kern der Wahrheit in sich birgt 
und uns zui* Erklärung für die vereinzelt dastehende Erscheinung der kettenumspannten 
Kirchen führt In gewaltiger Menge wurden die Ketten der Pferde und befreiten 
Gefangenen bei dem Eisenherm S. Leonhard aufgehäuft Wir haben gesehen, daß 
S. Leonhard in Inchenhofen an seiner Außenwand vollständig mit Ketten gleichsam 
überzogen war und im Innern hatten sich auch in Menge eiserne Ketten aiif gehäuft, die 
schließlich lästig werden mußten und kaum Platz fanden, da immer und immer wieder 
Ketten- und Eisenopfer erfolgten. Wollte man das „alte Eisen" nicht vergraben, wie 
es auch geschehen ist, so lag es nahe, die Kette zu einer gewaltigen Yotivkette zusammen- 
zuschmieden und diese als prangendes Zeugnis der vielen durch die Fürbitte S. Leon- 
hards erzielten Heilungen und als sichtbares Zeichen des großen in ihn gesetzten 
Vertrauens in Gestalt einer mächtigen Kette rings um die Kirche zu spannen. Nicht 
ausgeschlossen ist dabei, daß auch ein Einzelner eine solche Riesenkette weihte, denn es 
ist ein Zug, der bei der Darbringung aller Votive sich zeigt, daß Übertreibungen statt- 
finden, wie die kleinen Wachskei*zen sich allmählich zu Riesenkerzen auswuchsen. 

Ich glaube, diese Erklärung ist einfacher und natürlicher als die bisher versuchten, 
wobei ich auch die in der Legende vorkommende Kette Maura, von der ich au anderer 
Stelle spreche, außer acht gelassen habe. 

Man hat in sehr geistreicher Weise, mit viel mythologischem Rüstzeug für die 
Erklärung der Earchenketten ins gi*aue klassische oder germanische Heidentum zui'ück- 
gegiiften. Diese Erklärungen widei-sprechen einander und erscheinen mir zu weit her- 
geholt Felix Liebrecht greift für die Erklärung der Ketten am weitesten zurück'). 
Sie stellen ihm die Vereinigung des Gotteshauses mit dem darin wohnenden Heiligen* 
dar, so wie die Bürger von Ephesos ein sieben Stadien langes Seil von ihrer Stadtmauer 
bis zum Tempel der Artemis führten und dadurch ihre Stadt der Göttin als Weihe- 
geschenk übergaben. Für spätere Zeiten beruft er sich auf bretonische Lieder, wo sehr 
lange, dreimal die Kirche umspannende Wachsgürtel Gott geweiht wurden, deren Enden 
am Altar oder vor dem Kruzifix angezündet wurden. Unterblieb dann die Fortführung 
bis zum Altar, so war nur der Wachsgürtel um die Kirche übrig. Analog denkt sich 
liebrecht die dargebrachten Ketten der Leonhardskirchen. 

Simrock dagegen*) knüpft an den berühmten deutschen Zwergkönig Laurin an, 
der sich im Tiroler Hochgebirge einen Rosengarten als irdisches Paradies geziert hat, 
das mit einem Seidenfaden gehegt wird. Wer diese heilige Umfriedigung bricht, der büßt 
es mit der rechten Hand und dem linken Fuß. Jene heiligen Schnüre sollen nun auf 
die Kirche übergegangen sein, wo sie zu den eisernen Leonhardsketten wurden! 

Endlich Quitzmann^) und ihm sind manche andere gefolgt. Für ihn ist S. Leon- 
hard an die Stelle des heidnischen Gottes Fro getreten oder wenigstens ein Hauptteil 
seines Kultus. Denn wie Fro, so schreibt Quitzmann, nach dem nordischen Mythus 
die Gefangenen aus Ketten befreit, so wird S. Leonhard als Beschirmer der Gefangenen 
verehrt, wogegen der Gerettete eine Zeitlang einen oder drei eiserne Ringe trägt oder 



») Zur Volkskunde, S. 309. 

«) Deutsche Mythologie*, 1887, S. 433 u. 615. 

■) Die heidnische Religion der Bainvaren 1860, S. 92. 

Andree, VoÜTe und Weihegaben. 2q 



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74 



Unfeisenopfer. 



seine Ketten selbst zur Kirche des Schutzheiligen bringt und dort als Wahrzeichen seiner 
Befreiung aufhängt, ,, weshalb die Leonhardskirchen meist mit eisernen Ketten um- 
zogen sind^. 

Keineswegs „meist" und die Ketten, welche die Gefangenen zu den Füßen des 
Heiligen niederlegen, was übrigens auch bei anderen Heiligen der Fall ist, sind anderer 
Art, als jene, welche die Leonhardskirchen umspannen. 

Ich glaube, das Seil zum Tempel der Artemis in Ephesos, den Seidenfaden um den 
Tiroler Rosengarten und Fro, die sich doch untereinander nicht vereinigen lassen, kann 
man füglich zugunsten einer einfachen und natürlichen Erklärung der kirohenumspannenden 
Eisenketten, wie ich sie zu geben versuchte, künftig beiseite lassen. 



Hufeisenopfer. 

Es kann nicht wundernehmen, daß beim Kultus eines Heiligen, wie S. Leonhard, 
dem die Pferde anbefohlen werden, auch die Hufeisen eine Rolle spielen. Sind sie 
doch auch im Aberglauben von hoher Bedeutung. Mau findet daher die Hufeisen nicht 
nur unmittelbar zwischen den Votivgaben aufgehängt, sondern vielfach an die Kirohen- 



Fig. 16. 




Fig. 15. türeu angenagelt und nichts setzte 

uns mehr in Erstaunen, als Hun- 
derte von Hufeisen, die zum Vor- 
schein kamen, als wir bei der 
Leonhardskirche zu Aigen die 
neben dem alten Turm vergrabe- 
nen eisernen Votivgaben wieder 
zutage beförderten. Sie waren von 
verschiedener Form und gehörten 
verschiedenen Jahrhunderten an. 
Oft sieht mau es den als Votiv- 
Kleines Opfer - Huf eisen aus gaben aufgehängten Hufeisen an, 
Egling. Sammlung des daß sie nicht wirklich gebrauchte 
historischen Vereins für Ober- ^aren, sondera besonders zum 
bayem. Natürl. Größe. Zwecke des Opfers hergestellt 
wurden. Solche sind kleiner, schön gearbeitet, verzieit, ver- 
silbert oder auch ganz aus Silber hergestellt und dann auf 
einer Unterlage von schwarzem Samt befestigt Manchmal 
sind diese Votivhuf eisen sehr klein, wie z. B. ein aus Egling 
stammendes Exemplar in der Sammlune: des historischen o iv u eisen an er irc en ur 
^_ . ^ ^, , /T^. , -X , o ^ vö^ S» Leonhard über Brixen 

Verems für Oberbayem (rig. 15), das nur 3 X oVaCm 

groß ist, sechs Nagellöcher hat und die Form des 17. Jahr- 
hundeils zeigt. Auf den ersten Blick erkennt man, daß es sich um eine besondere 
Gruppe von Votivhuf eisen handelt, wenn man die fünf Stück erblickt, welche an der 
Tür der oben erwähnten kettenumspannten Leonhai'dskirche zu Brixen angebracht sind 
(Fig. 16). An ein größeres, etwa 30 cm langes Hufeisen schließen sich vier von gewöhn- 
licher Größe au. Die Gruppe stammt, wie mii* der dortige Geistliche sagte, aus der Zeit, 
als noch keine Eisenbahn durch das Eisacktal führte und dort unten ein Lastwagen nach 
dem andern vom Brenner ab- und aufwärts sich drängte. Die Postleute von Brixen 
stiegen alljährlich in feierlicher Prozession zu S. Leonhard hinauf und opferten bei 




in Tirol 



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Hafeisenopfer. 



75 



Fig. 17. 



solcher Gelegenheit dem Patron der Pferde die Huf eisengruppe. Die Eisen tragen die 
Marke MP und sind schön und sauber geschmiedet 

Bei weitem häufiger aber ist die Zahl jener Hufeisen, die schon von Pferden 
getragen worden waren und die nun unter den Votiven aufgehängt oder, sofern Doch 
Platz dafür vorhanden, an den Eirchentüren angenagelt wurden. J. Blau, der den 
Leonhardsritt um die Leonhardskirche bei Neuem in Böhmen beschreibt i), erzählt: 
„Hohle Schläge ertönen. Wir eilen zur großen Eirchentür, um die sich eine bunte 
Menge drängt Erstaunt sehen wir, wie ein junger Mann ein Hufeisen an dieselbe 
nagelt Es wurde beim scharfen Ritt um den Berg verloren. Damit es dem heimat- 
lichen Stalle Segen bringe, wird es nun hier geopfert Die beiden Türflügel sind mit 
Hufeisen verschiedener Größe förmlich gepanzert^ An der Leonhardskirche zu Ganacker 
fanden wir (wie Fig. 17 zeigt), noch fünf Hufeisen angenagelt, Zeugen dafür, daß hier 
einst ähnliche Sitte stattfand. Drei Hufeisen sind 
auch auf die Tür der Leonhardskirche genagelt, 
die zwischen St Veit und Feldkirchen in Kärnten 
liegt, und die von gefallenen Pferden herrühren 
sollen *). 

Die Erklärungen für das Annageln der Huf- 
eisen an die Eirchentür oder das Darbringen als 
Votiv sind zwar verschieden, doch kommen sie 
wesentlich darauf hinaus, daß es sich um die 
Heilung erkrankter oder verletzter Pferde handelt 
und hierbei werden auch andere Heilige, nicht 
bloß S. Leonhard, berücksichtigt Wegen ihrer 
vielen Hufeisen war die S. Leonhardskirche bei 
Schellenberg (Berchtesgaden) bekannt, von der 
der Volkswitz sagt: 

Die Berchtesgadener muß man preisen, 

Sie fressen die Rössel bis aufs Elisen, 

Und aus dem Eisen haben sie's Opfer gemacht. 

Dort aber hört man erzählen, daß die Pferde am 
Leonhardstage mit neuen Eisen versehen würden, 
die alten opferte man alsdann, damit im kommenden 
Jahre das Roß vor Krankheit bewahrt bleiben 
möge. In den Mirakelbüchern wird die Opferung von Hufeisen für erkrankte Pferde 
öfter erwähnt Als 1600 ein dem Hans Fischaber zu Pupling gehöriges Füllen den Fuß 
bricht, verlobt er sich mit dem Hufeisen vom gebrochenen Fuß zu S. Leonhard in 
Inchenhofen löid die Heilung erfolgte^). Von anderen Heiligen ist hier S. Sebastian 
zu nennen, der auch ein Schutzpatron des Viehes ist Zu seiner Kirche in Breitenbrunn 
in der Oberpfalz wallfahrtet der Bauer von weit her, wenn er ein Gebrest im Stalle hat 
und nagelt ein Hufeisen des kranken Pferdes ex voto an die Kirchen tür ^). Auch der 
heilige G^ngolf war dafür gut Zu seinem Brunnen bei Neudenau in Baden brachte man 
früher die kranken Rosse, wusch sie mit dem Wasser und nagelte ein Hufeisen an die 

1) Zeitschrift für österr. Volkskunde 1899, S. 72. 

^ Peez in MitteiL der Wiener Anthrop. Ges. XXllI, S. 200. 

•) Synopsis, S. 91. 

*) Bavaria II, 8. 308. 

10* 




Eirchentür von S. Leonhard in Ganaoker 
mit Hufeisen. 



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76 Hufeisenopfer. 

Eapellentür. Von dem Heilsbom bei Heilsberg in Thüringen wii*d erzählt, daß er von 
dem beinkranken Rosse des b. Bonifaz ausgescban-t worden sei, welches duroh das 
Wasser des entspringenden Borns geheilt worden sei. Zum Andenken sei das Hufeisen 
des ' Pferdes an die Kirchtür genagelt worden ^). Und in anderen Ländern ist es die 
gleiche Vorstellung, daß das Hufeisen des kranken Pferdes, dem Heiligen dargebracht, 
Heilung bewirke. An der Kirche des h. Eligius nahe am Mercato zu Neapel werden die 
Hufeisen kranker Rosse an die Mauer befestigt^). 

Indessen auch andere Ursachen als Krankheit der Pferde fühlten zur Darbringung 
der Hufeisen. Die sieben Pferde des Leonhard Mittelhamer zu Seelhof en gerieten 1569 
bei einer Feuersbininst in die Gefahr, zu ersticken. Da verlobte sich der Besitzer mit 
42 Hufeisen zu S. Leonhard in Lichenhofen und die Pferde entkamen unvei-sehrt aus 
dem Brande 3). 

Es kommt auch vor, und dieses ist in Tirol oft der Fall, daß die Hufeisen an die 
Türen der Leonhardikirchen nur angemalt sind. Bei Meran wird dieses damit erklärt, 
daß Ritter, die vor alten Zeiten eine Reise unternahmen, ein Hufeisen dem Heiligen 
opferten und an die Kirchtür anschlugen. Er war früher Patron der Reisenden*). 

*) Weinhold, Die Verehrung der Quellen in Deutschland. Abhandl. der Berliner Akademie 
der Wissenschaften 1898, S. 63. 
*) Trede III, S. 104. 
») Synopsis, S. 125. 
*) J. y. Zingerle, Sitten des Tiroler Volkes. Innsbruck 1871, S. 178, 179. 



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Waohsopfer. 



Es unterliegt wohl kaam einem Zweifel, daß der Gebrauch der Wachskerzen in 
der christlichen Kirche aus dem heidnischen Rom übernommen wurde, wofüi* allein schon 
bewebkräftig ist, daß anfangs die christliche Eii'che gegen diese Sitte eiferte. Wenn 
man in Rom nach vollendeter Ernte die Saturnalien feierte, bei denen man sich der 
glücklichen Zeit erinnerte, in welcher Satumus regiert hatte, wenn der Ruf erklang: Jo 
bona Satumalia, man sich ausgelassener Lust hingab nnd gegenseitig beschenkte, dann 
gehörten zu diesen Geschenken auch Wachslichter und Honigkuchen, die seit alters her 
einander gesellt sind. Das Wachslicht auch quod a tenebrosa vita quasi ad lucem editi 
sumus, wie Macrobius deutet >).' Die zu Geschenken bestimmten Wachsbilder, sigillaria, 
hatten die Bedeutung symbolischer Opfergaben, die stellvertretend für das eigene Leben 
gelten sollten. Plinius*) sagt, daß es allgemein Sitte gewesen sei, vor den Götter- 
bildern Lichter zu brennen, und als unter Konstantin der Sieg des Christentums ent- 
schieden war, da ging dieser Brauch auf die christliche Kirche über; wie zur Zeit des 
Heidentums brannten Lampen und Lichter in den zu Kii'chen umgewandelten Tempeln 
weiter. Aber es erhoben sich auch Stimmen dagegen. Lactantius, der Lehrer Kon- 
stantins, rief aus: „Sie zünden Gott Lichter an, als ob er im Dunkeln säße^, während 
später der Kirchenlehrer Hieronymus die Sache wieder zu entschuldigen weiß: Blud 
(das Lichteranzünden) fiebat idolis et idcirco detestandum est; hoc fit martyribus et 
idcirco recipiendum est^). Von Konzilien ist dann später neben dem Opfern von Tieren 
und Früchten, den zur Heilung aufgehängten künstlichen Gliedern usw. auch das An- 
zünden von Lichtem in den Kirchen untersagt: luminaiia, candelas, ceriolos incendere^). 

Immer mehr benutzte die Kirche Wachslichter und deren Verbrauch bei verschiedenen 
Gelegenheiten nahm zu, so daß es sich von selbst nötig machte, mehr Wachs herbei- 
zuschaffen. Wenn die Kirche einen Knecht freiließ, so erfolgte dieser Akt im Gottes- 
hause; der Freizulassende hatte eine Tafel umhängen, auf welcher die Manumissio bemerkt 
war und man brannte dabei Wachskerzen. Die Freilassung erfolgte aber nicht, ohne 
daß der Befreite nunmehr „wachspflichtig^ (wachszinsig , wachseigen) gemacht wurde; 
er hatte forthin der Kirche Wachs für die Herstellung von Kerzen zu lief ein. So schon 
in vorkarolingischer Zeit*). 

Bedeutend waren auch die Wachsgaben an die Kirche, die im mittelalterlichen 
Sühneverfahren zu leisten waren. Obwohl im späteren Mittelalter der Totschlag nicht 

') Sat. I, S. 7. 
•) Naturgesch. 34, S. 3. 

•) Hieronymus II, S. 2 nach Trede II, S. 121. 

*) Friedberg, Aus deutsohen Baßbüchern, S. 63; Gaspari, Homilia de sacrileg. p. 1 7, zitiert 
nach Saupe, Indiculus S. 11. 

*) Grimm, Rechtsaltertümer* I, S. 462, 436. 



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78 Wachsleistungen an die Eirohe. 

mehr zu den Privatdelikten gerechnet wurde, vielmehr als eine schwere Verletzung der 
öffentlichen Ordnung mit Todesstrafe bedroht wurde, eröffnete dennoch das geltende 
Recht dem Täter die Möglichkeit, durch Vergleich mit der Familie sich der strafrecht- 
lichen Folge zu entziehen. An die Stelle der Strafe traten die vom Täter im Sühne- 
vertrage übernommenen Leistungen^). Diese Leistungen bestanden in erster Linie in 
Geld (Wergeid); allein damit war die Sache nicht abgetan, da auch die Kirche zur 
Sühne für den begangenen Fi'evel eine Reihe kostspieliger Leistungen verlangte, die 
dem Kreise frommer Werke angehörten" und unter dem Namen der „Seelgeräte" den 
Zweck verfolgten, die Seele des Getöteten den Qualen des Fegefeuers zu entreißen. 
Neben Stiftungen für die Kirche, Seelenmessen und Pilgerfahrten spielten dabei die 
Wachsspenden eine Rolle. Das Wachs war bei den zahlreichen Messen nötig und für 
die würdige Beleuchtung dabei hatte der Täter zu sorgen. Ln Jahre 1473 legte man 
einem Totschläger im Eichstättischen folgendes auf: „zu hilff vnd trost ein begengknüß 
zu Erlingßhouen mit einer gesungenen Vigil vnd gesungen seelambt vnd vier gesprochen 
seeUnessen begeen lassen — — £r soll auch acht tag vor solcher begengknüß sechs 
Pfund wachs geben und antwurten zu der obuermelten pfaiTkirchen, darauß man Kerzen 
machen, die dann bei der begengknüß vigil vnd messen brinnen und fürtter bey der 
Kirchen bleyben sollen" 2). Und ähnliches wird in vielen anderen Urkunden ') berichtet 
Eine Salzburgische von 1550, die Marie Eysn mitgeteilt hat*), sagt: „Weiter begert 
der beleidigt Tail, das der priester sold haben Ain sei Ambt, dapey soll der Täter 
khnien mit denn vier männem, dergleichen pej dem Hoch Ambt, der Täter soll haben 
ain prinnende wags kheii;zen vngefähr pej einem halben pfundt, die vier männer aine 
mit einem Fierdung (Vierling Wachs)." Oft auch wurden dem Totschläger die Bestel- 
lung von Waudelkerzen an die Kirche auferlegt „Czwu wandelkerzen von Sechs 
pfunden iczliche von dreyen pfunden", heißt es in einer Jauerschen Urkunde von 1507^). 
Wie gewaltig groß die Anzahl der in den Sühneverträgen dem Täter auferlegten Wachs- 
kerzen sein konnte, wird aus einem Memminger Schiedsspruch von 1458 ersichtlich, in 
welchem 20 Messen und dazu 400 Wachskerzen erwähnt werden«). Da die Täter an 
den heiligen entsühnenden Handlungen in der Kirche pei*sönlich in Büßererscheinung 
teilnehmen mußten, wobei sie die Kerze brennend zu halten hatten, so war diese vor 
den Kerzen der anderen bei der Messe erschienenen Männer dadurch ausgezeichnet, daß 
sie in der Mitte abgebrochen war 7). Wie schon oben bemerkt, spendete mau aber 
ursprünglich den Kirchen das Wachs roh und die Kirche selbst ließ daraus die Kerzen 
hei*stellen. Das Gewicht des Wachses wird nach Vierlingen und Pfunden angegeben, 
öfter auch nach „Stein^ (lapis). Das ist ein sehr alter Gewichtsausdruck. Schon in 
einer Urkunde von 1182 verschrieb der Pommemherzog Boguslav der Michaelskirche zu 
Bamberg de cera pondus, quod vulgariter lapis cerae dicitui*. Ein bis drei Stein Wachs 
wai-en die gewöhnliche bestimmte Gabe; der Stein hatte 16 Pfund ^). 

Trotz ursprünglicher entgegenstehender Verbote hatten die Wachskerzen sich im 

^) P. Frauenstädt, Blutrache und Totschlagsühne im deutschen Mittelalter, Leipzig 1881. 
*) 0. Bieder, Totsohlagsühne im Hocbstift Eiohstätt I (1892), S. 50. 

') Für Schlesien teilt Frauenetädt a. a. 0., S. 189, 215, 216 solche mit, in welchen entweder 
rohes Wachs oder Kerzen zu den Sühnegaben gehören. 
*) Zeitschrift für österr. Volkskunde 1897, S. 73. 

^) Frauenstädt a. a. 0., S. 224. Wandel hier im Sinne von reparatio. 
•) Rieder a. a. 0. II (1893), S. 6, Anmerkung. 
Rieder a. a. 0. I (1892), S. 66. 
») Rieder a. a. 0. III (1899), S. 17. 



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WaohsBtrafen. Verlangen der Heiligen nach Wachs. Waohszieher. 79 

GottesdieDBte siegreich durchgeniDgen, die in ungezählter Menge, in der verschiedensten 
Größe, haashoch oder wie ein kleiner Finger groß, heute wie früher in den Kirchen 
brennen und, neben zahllosen Wachsfiguren, als Weihegaben dargebracht werden. Es 
ist erstaunlich, zu lesen, in welchen Mengen das Wachs namentlich in den Mirakel- 
büchern aufgeführt wird, als Eingänge für Verlöbnisse an die Kirche und die Heiligen. 
Nicht nur rohes Wachs, nach Pfunden geopfert, sondern mehr noch in Gestalt von Kerzen, 
von großen menschlichen Figuren, Fatschen-(Wickel-)Kindem bis zwölf Pfund schwer, von 
kranken Körperteilen in natürlicher Größe oder kleiner Nachbildung, von Augen, einfach 
und doppelt. Armen, Beinen, Händen, Herzen, Lungen, Kröten, von allen Haustieren, 
von Männern und Frauen in alter und neuer Tracht Kinder werden häufig in Wachs 
abgewogen und dieses geopfert. Das Wachs ließ sich leicht wieder verwenden, ein- 
schmelzen \^nd zu Kerzen umformen, wie es heute noch geschieht So nahm es die 
Kirche als Opfergabe neben Geld am liebsten, ja sie hatte besondere Wachsstrafen. 
Zum besten der Pfarrkirche pflegten Brautleute (in Bayern), welche nicht rechtzeitig 
zur bestimmten Trauungsstunde erschienen und den Geistlichen auf sich warten ließen, 
um ein halbes, ein bis zwei Pfund Wachs gestraft zu werden^). 

Daß bei dem starken Wachsbedürfnis der Kirche auch die Heiligen selbst sich 
dafür verwendeten, daß genügende Spenden des beliebten Stoffes eingingen, darf nicht 
wundernehmen. Sie forderten unmittelbar dazu auf, wenn wir den Mirakelbüchern Glauben 
schenken. 1591 ist das Haus der Barbara Brünnerin von Ffaffendorf in Gefahr, bei einer 
Überschwemmung fortgerissen zu werden, da erscheint ihr S. Leonhard, ^sprechend, sy 
solle sich mit 1 halben pfund wachs allheer (nach Inchenhofen) verloben, welches, nach- 
dem sy es gethan, ist das Wasser abgeloffen". Andreas Schreyer von Stumpffenbach 
wii'd 1590 in einer Mergelgrube verschüttet; als er dort „unter dem Kot" liegt, erscheint 
ihm S. Leonhard, „sprechend, er solle jme um seine Kirche ein pfund wachs bringen", 
worauf er erlöst wurde 2). Und wie S. Leonhard sich Wachs wünscht, so tut S. Wolf- 
gang das gleiche, wie folgende Geschichte aus dem Jahre 1550 beweist Bernhard von 
Kerschham bei Braunau hatte sich auf dem Eise ein Bein gebrochen. In seinem Schmerze 
erschien ihm S. Wolf gang und ermahnte ihn: „Du hast in deiner Truhen einen wäch- 
sinen Kerzenstock. Nimb denselbigen mit Dir vnd opffere den meinem Gottshauß im 
Gebürg aufE, alsdann sollest du ohne einzige Menschlich HülfE durch mein bey Gott Für- 
bitt frisch vnd gesund werden"*). 

Das Gewerbe der Wachszieher (auch Wachsler genannt) war bei dem großen 
Wachsbedai*fe ehemals ein verbreiteteres und einträglicheres als heute. Aber jetzt noch 
ist es in Süddeutschland vergesellschaftet mit der Tjebzelterei (Honigkuchenbäckerei) und 
Metbrauerei; alle drei beruhen ja auf dem Erzeugnisse der Biene. Ich verweise hier auf 
die bekannte Firma Mathias Ebenböck in der Seudlingerstiaße in München *), wo in dem 
alten Hause Met gebraut, Lebzelten gebacken imd das Wachs zu Kerzen, Wachsstöcken 
und Votivfignren in den verschiedensten, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden Fonnen 
(Modeln) gestaltet wird. Es sind kunstgeschichtlich wertvolle Gebilde darunter, welche 
über alte Trachten erwünschte und genaue Auskünfte geben. Die Formen für die Leb- 
kuchen wie die Votivgegenstände wurden von denselben Leuten hergestellt. Ebenböck 



») Schmeller II, S. 837. 
*) S. Leonhardus, Blatt 22 u. 39. 
•) S. Wolfgang, S. 109. 

*) M. Ebenböck, Das Lebzeltergewerbe. Zeitschrift des Münchener Altertumsvereins. N. F., 
8. Jahrg., München 1897, S. 23. 



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80 IWe Wacliszieher. Die Wachskerzen. 

berichtet (er selbst wurde 1837 noch als LebzelterlehrllDg freigesprochen), daß die Model- 
Formstecher auch Lebzeltergesellen waren, welche ^auf die Stöhi-" gingen, d. h. von Werk- 
stätte zu Werkstätte zogen und Hausarbeit übernahmen. ^Manche leisteten sehr Schönes 
und Gutes, ohne recht zeichnen zu können." Gleiches gilt von den „Zwickern", den 
Wachsverzierem, so genannt, weil die Verzierung der Wachskerzen und anderer Wachs- 
sachen fast ausschließlich mit Zwickzängelchen hergestellt wurde i)« 

Sehr schöne Wachsvotive liefeni auch heute noch nach den alten Modeln ver- 
schiedene Wachszieher in Karaten. Das Geschäft von Adalbert Defner in Millstatt 
besteht seit einigen hundert Jahren und besitzt Formen von 1717. Franz Egger in 
Spittal an der Drau ist Inhaber eines über 200 Jahre alten Geschäftes. Schon im 16. Jahr- 
hundert war Martin Speich der Besitzer einer Wachszieherei zu Gmünd in Karaten, 
deren Geschichte sich durch die ganze Zeit nachweisen läßt, bis zu dem gegenwärtigen 
Inhaber Hubert Rudiferia, welcher 1891 das Geschäft überaahm. Zu Eisenstadt im 
westlichen Ungarn, au der österreichischen Grenze, hat die Wachszieherfiima Franz 
Rasz wohlbegründeten Ruf und zum Teil alte Fonnen. Sie liefert aus Wachs: Häuser, 
Köpfe, Ohren, Beine, Brüste, Kiefer, Pferde, Kühe, Lämmer, Schweine, Frauen und 
Männer ä). 

Die Modeln der Wachszieher sind aus Pflaumen-, Nußbaum- oder Birnbaumholz 
gefei-tigt, die alten, oft wurmstichigen sind die schönsten, neuere reichen nicht an sie 
heran. Auch die Güte des verwendeten StofEes ist in neuer Zeit stark zurückgegangen. 
Nicht nui*, daß hier und da ein StofE angewendet wird, der äußerlich wohl wie weißes 
Wachs aussieht, aber mehr Stearin oder dergleichen als Wachs enthält, sondera man 
fertigt die Weihegaben jetzt durchgängig dünn und hohl, so daß sie leicht zerbrechen. 
Die alten waren massiv und hielten, wenn man sie nicht einschmolz, lange aus. 

In älterer Zeit, als noch nicht überall Formen zu Gebote standen, sind die Votive 
wohl häufig aus freier Hand geformt worden, wie es in Kevelaer noch jetzt geschieht. 
Auf die Selbstverfertigung in alter Zeit weist auch der heute noch bei den Appenzeller 
Frauen bestehende Brauch hin, daß sie die für Einsiedelu bestimmten Votive selbst in 
roh geschnitzte Fonnen gestalten, in welche sie das Wachs hineindiücken. Aber nur die 
Vorderseite erhalten sie auf diese Weise, die Rückseite bleibt hohl und ungeformt. 

Unter den Weihegaben aus Wachs nahmen die Kerzen den ersten und wichtigsten 
Platz ein. Sie sind mannigfacher Art und zu mannigfachen Zwecken gewidmet, nicht nur 
zum Prunke und zur Erhöhung der Feierlichkeit; sie sollen auch daran erinnern, daß Christus 
das Licht der Welt ist, daß die ersten Christen zur Zeit ihrer Verfolgung nächtlich oder 
in unterirdischen Räumen ihren Gottesdienst abhalten mußten und was dergleichen sym- 
bolische Erklärungen mehi* sind. 

Nicht nur der einzelne weihte seine Kerze, auch Städte, Herrschaften, Dorfgemeinden, 
Zünfte brachten große Wachskerzen infolge eines Gelübdes und unterhielten sie brennend. 
In Inchenhofen z. B. voran die churfürstliche Haupt- und Residenzstadt München. Dort 
brannten beim heiligen Leonhard 26 große Kerzen das ganze Jahr hinduroh, darunter 
eine solche der 300 dorthin wallfahrtenden Hirten '). 

^) Näheres über die Wachsfabrikation, wo auch die Verfertigung der Osterkerzen und das 
Ziehen der Wachsstöcke behandelt ist, bei G. P. F. Thon, Der Wohlunterrichtete Wachs fabrikant, 
Ilmenau 1828. 

') Die Nachrichten über die Wachszieher in Kärnten und Ungarn stammen aus dem Nachlasse 
des verstorbenen Dr. W. Hein. 

•) Synopsis, S. 235. 



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Riesenwaohskerzen. 81 

Will man solchen Reichtum an Kerzen, die von Gemeinden gestiftet wurden und 
alljährlich brannten, kennen lernen, so braucht man bloß das „Wachsgewölbe" des Bene- 
diktinerklosters Andeohs am Amraersee zu besuchen. Dort stehen etwa 250 Stück solcher 
außer Gebrauch gesetzter Riesenkerzen auf Gestellen beisammen, sorgfältig aufbewahrt, 
denn eingeschmolzen dürfen sie nicht werden. Viele sind bemalt und mit Widmungs- 
tafehi veraehen; die älteste datierte von 1588 ist von der Gemeinde Hiltei-fing gestiftet. 
Doch sind wohl noch ältere, im Laufe der Zeit ganz schwarz gewordene dabei, bei denen 
das Datum verwischt ist. Li früherer Zeit brachten alljährlich 328 Gemeinden in feier- 
licher Wallfahrt an bestimmten Tagen Wachskei*zen nach Andechs; jetzt ist deren Zahl 
auf 173 herabgegangen i). 

Manchmal ereignete es sich, daß einzelne oder Gemeinden vergaßen, die gespendete 
Kerze zu erneuern. Als 1615 das Dorf Petershausen bei Freising durch die Fürbitte 
S. Leonhards in Lichenhofen von einer großen Feuersbruust errettet wurde, gelobte die 
Gemeinde, dem Heiligen alle Jahre eine brennende Kei-ze zu opfern. Das Gelübde kam 
mit der Zeit in Vergessenheit und erst als 1657 das ganze Dorf vom Feuer verzehrt 
wurde, erinnerte man sich wieder des Gelübdes und fand sich nun alljährlich wieder mit 
einer brennenden Kerze ein '). Solche Kerzen sind oft sehr groß und schwer und schön 
geschmückt mit Blumen und Malerei, mit Inschiiften und Heiligenbildern. Nicht weniger 
als 70 Pfund wog die Wachskerze, welche 1713 die Stadt Molk dem dort begrabenen 
S. Koloman weihte, um von der Pest befreit zu bleiben, die damals in den österreichischen 
Landen ihre Opfer fordei*te'). Und billig waren und sind solche Riesenkerzen nicht 
Diejenige ziemlich neue, welche die Münchener Familie von Miller am Altar der Gnaden- 
mutter in Andechs aufgestellt hat, kostete, wie man mir dort sagte, 1000 Mark. Manch- 
mal löste man den Wachswert durch eine Opfergabe ab und stellte dafür eine hölzerne 
bemalte Kerze auf. Eine solche, etwa 3 m hoch, sah ich zu Inchenhof en. Sie erzählt ihre 
Geschichte: „Heiliger Leonhard bitt für die Pfarrei Hohenkauns. Diese Kerze war ur- 
sprünglich von Wachs und verlobt 1799 wegen großen Viehfalls. Sie wurde in der Säcu- 
larisation fortgeschafft und ungefähr 1826 wieder erneuei*t und, nachdem sie zerbrochen 
war, 1856 in jetziger Form hier aufgerichtet" (Folgt Abbildung des h. Leonhard mit Pferd, 
Ochs und Gefangenenkette.) Darunter: Renoviert zum 100. Wallfahrtstag 22. Mai 1899. 

Von anderen Riesenkerzen berichtet die Gülden Gnadenverfassung von Maria Piain. 
1674 opferte Joachim Ulrich Gi-af Törring dort eine gelbe Wachskerze 150 Pfund schwer 
und 1711 läßt am 15 Jänner L. B. de Rohling durch zwei Zugwerker eine große weiße 
136 Pfund wiegende Wachskerze nach genanntem Kloster bringen. 

Wie Palissaden stehen nebeneinander die Riesenkerzen, welche der schwarzen 
Muttergottes von Altötting geopfert wurden (Tafel III, Fig. 5), aber sie reichen nicht 
heran an jene Wandelkerze, die 1512 in Regensburg brannte und so groß war, daß man, 
um sie anzünden zu können, eine zwölf stufige Leiter anschaffen mußte*). 

Die gewaltigste aller Kerzen hatte ich Gelegenheit auf dem Bogenberge an der 
Donau bei Straubing zu bewundem, der eine hervoiTagende Kultstätte mit einem weit und 
breit verehrten wundertätigen Maiienbilde trägt. Nach der Chronik des Klosters Ober- 
altaich ist das Marienbild „im Jahre 1104, als Graf Asvinus (von Bogen) auf seiner festen 
Burg Bogenberg Hof hielt, auf der DoDau dem Fluß zuwider heraufschwimmend an- 

*) Das Büchlein vom h. Berg Andechs. Selbstverlag des Klosters 1901, S. 111. 
*) Oberbayer. Archiv XXI, S. 92. 

•) G. Deppisch, Geschichte des h. Colomanni, Wien 1734, S. 205. 
*) Höfler, II, S. 72. 
Andree, Votive und Weibegabeu. U 



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82 I^e Kerze auf dem Bogenberg. Waohsstöoke. 

kommen und bat auf einem Steinfelsen so lang Stand halten, bis es von Inwobnern er- 
sehen und dem Grafen aller Verlauf mit Verwunderung angedeutet worden". Asvin 
befahl sofort, daß das Wunderbild aus dem Wasser ans Land gebracht und in der Ka- 
pelle mit höchster Ehr und Andacht eingesetzt wurde ^). 

Dort steht das Marienbild noch über dem Hochaltar, aber nicht mehr in seiner ur- 
sprünglichen Art, denn man hat es für passend erachtet, die Statue mit einem gold- 
gestickten Mantel zu bekleiden, wodm*ch der geöffnete schwangere Leib verdeckt wird. 
Das Bildnis ist aus Stein und etwa IVaiii hoch, ist bemalt und trägt eine Krone. Die 
über den Mantel herabhängenden Haare sind goldblond, das Gewand ist blau mit Rosen 
besetzt, der Mantel rot mit Weizenähren, die vom Mantel halb bedeckten Hände liegen 
auf dem gesegneten Leibe. Unter dem Herzen ist eine länglich viereckige mit Strahlen 
umgebene Öffnung, in welcher das Christuskind aufrecht steht. Dabei ist der Name 
Gottes in elf Sprachen geschrieben, auch Allah fehlt nicht Das Bild steht jetzt sehr hoch 
und die angegebenen Einzelheiten lassen sich, wenn man vor dem Altare steht, nicht er- 
kennen ; sie sind aber auf einer älteren Abbildung erhalten ^). 

Der h. Maria mit dem Weizenährenmantel auf dem Bogenberge ist nun die gewal- 
tige, alle Jahre durch eine neue ersetzte Wachskerze gewidmet, die alles übertrifft, was 
ich von Riesenkerzen gesehen habe. Zahlreiche Wallfahrten ganzer Gemeinden finden 
vom 3. Mai bis 7. September dorthin statt, unter ihnen i'agt aber die feierliche Pro- 
zession hervor, welche die Gemeinde Holzkirchen (zugleich mit Fürstenzeil) am Pfingst- 
sonntage unternimmt, ein sehenswertes Schauspiel, das auch schon auf Ansichtspostkarten 
verewigt ist. Der stärkste Mann jener Gemeinde trug die 11 m hohe, mit 76 Pfund 
Wachs überzogene, eine Kerze dai*stellende Stange in senkrechter Haltung den stellen- 
weise steilen Berg zur Marienkirche empor. Manchmal vermag er das Stuck nicht zu 
bewältigen und muß abgelöst werden. Ihn begleitet die Gemeinde und eine Schar weiß- 
gekleideter, blumenbekränzter Mädchen^). 

Bei den meisten Wallfahrtskirchen sitzen zur Zeit, wenn die Wallfahrten stattfinden, 
auch die sogenannten „Kerzelweiber^, welche die von den Wachsziehem bezogenen 
kleinen und größeren Wachskerzen an die Wallfahrer verkaufen. Auch die Krambuden 
bei den Wallfahrtskirchen sind reichlich damit versehen ; das sieht man überall in Bayern, 
Tirol, dem Salzburgischen usw. Daneben spielen die Wachsstöcke eine Rolle, welche 
oft künstlich und schön geformt bei den Wachsziehem hergestellt werden. Sie sind ge- 
wöhnlich weiß oder rot, oft bemalt, mit künstlichen oder aus Wachs gefoimten Blumen 
geschmückt Sie dienen auch als Geschenke und stehen in den Glasschränken im guten 
Zimmer neben Poi*zellantassen oder Silberzeug und sind von sehr verschiedener Größe, 
bald spiralig zu einer Kugel aufgewunden, sogenannte Schnecken, bald wie eine Krone 
oder ein Gebetbuch oder eine flache Tasche gestaltet. Auch Heiligenfiguren in Wachs 
oder Papier setzt man in sie ein, so daß sie sich immer mehr vom eigentlichen Gebrauchs- 
gegenstande entfernen und zu bloßen Zierstücken werden. Solche Wachsstöcke opfert 
man der Kirche seltener, der gewöhnlich einfachere dargebracht werden. 



») Kalender 1847, S. 46. 

*) Zimmermanns Chur Bayer. Geistl. Kalender, IV. Teil, Straubmg 1752 bei Seite 200. Abbil- 
dungen der Muttergottes im Weizenährenkleide und solche mit geöffnetem Leibe, darin das Cbristus- 
kind zu sehen, sind nicht selten. Im Berliner Museum befindet sich ein Bild der alten Kölner Schule, 
auf dem das Ohristkind der Jungfrau Maria von Strahlen umgeben auf den Leib gemalt ist. 

•) In der Bavaria I, S. 1000 wird gesagt, daß die Kerze „über 50 FuU hoch" sei. Das war in 
der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Danach ist die Kerze jetzt kleiner. 



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Wachsstöcke, Kerzenopfer und „HimmelBBchlüssel''. Maria Lichtmeß. «8S^ 

Die Waohsstöcke werden neben Lichtem namentlich von Frauen vor den Altären 
am Allerseelentage auf besonderen eisernen Gestellen, Lichtständem, angezündet, die oft 
für eine große Anzahl Lichter Platz bieten und zuweilen sehr schöne schjniedeeiserne 
Arbeit aufweisen. Wachsstöcke und Lichter heißen dann Seelenlichter, da sie an das Fort- 
leben der Seelen Verstorbener erinnern sollen, sie brennen zur Labsal der armen Seelen 
im Fegefeuer. „Das ewige Licht leuchtet ihnen." Auch zur Errettung schwer Erkrankter 
brennt man sie vor den Heiligenbildern, oder Kranke zünden sie selbst an. Hans Lorentz 
aus Oberbacheren gelobt eine Vierling -Wachskerze bei S. Leonhard in Inchenhofen 
täglich zu brennen, wegen seiner Armschmerzen. 1590 1). 

Die Abbildung Taf. IV, Fig. 6 zeigt den schmiedeeisernen Lichtständer der Pfarr- 
kirche (Johannes dem Täufer geweiht) zu Dingolfing in Niederbayem, den ich gleich 
nach Allerseelen photographieren ließ; er trägt drei große weiße und eine rote Kerze, 
dahinter steht ein Tisch mit roten und weißen Wachsstöcken in verechiedener Form. 
Der Lichtständer steht neben dem Allerseelenaltar, unter dessen Altarbild (Kreuzbild) 
sich ein kleines Relief befindet, die armen Seelen im Fegefeuer darstellend. Danach 
sind also diese Lichter und Wachsstöcke als Opfer für die armen Seelen aufzufassen. 
Eine zweite Abbildung (Taf. IV, Fig. 7) führt uns einen hölzernen Kerzenständer aus 
gotischer Zeit vor, der sich im bayerischen Nationalmuseum befindet 

Wachs und Geld waren der Kirche die erwünschtesten Opfergaben und so wurden 
beide auch in Verbindung miteinander dargebracht Als im Jahre 1646 Agnes Freydlin 
von Leymering „gi-ausam von den Franzosen geplagt" wurde, da erschien ihr S. Leon- 
hard und vermahnte sie, „ein Vierling Wachs mit daran gestecktem Pfennig in sein 
Gotteshaus zu verloben, so werden die Franzosen abweichen '', was denn auch geschehen*). 
Und die gleiche Art der Darbringung war in München noch im 19. Jahrhundert in Ge- 
brauch, wie die Abbildung des Himmelsschlüssels (Taf. IV, Fig. 8) zeigt; ein finger- 
dicker zusammengewundener Wachsdraht, in dessen runde Öffnung ein großes Geldstück 
befestigt und in Ki'ankheitsfällen geopfert wurde. Auch das heidnische Altertum verfuhr 
schon in gleicher Weise, opferte Geld und Wachs zusammen. Personen, die der Statue 
des Pelichos Befreiung vom Fieber zu danken hatten, klebten Silbermünzen mit Wachs 
an deren Schenkel, ein Brauch, der bei Neugriechen sich erhalten hat, wie Newton auf 
der Insel Rhodos beobachtete, wo am Osterfeste in der Kirche des Klosters Zambika 
das Volk den Heiligenbildern Goldmünzen mit Wachs anklebte '). 

Der Bauer bedarf aber auch zu Hause der Wachskerzen zu mancherlei frommen 
Zwecken das ganze Jahr hindurch, imd diese Kerzen erfüllen erst dann ihren Zweck, 
wenn sie die kirchliche Weihe erhalten haben. 

Maria Lichtmeß, das Fest der Kerzenweihe, findet am 2. Februar in den katho- 
lischen Kirchen statt und dann erfolgt die Einsegnung der Wachslichter mit folgender 
Formel: „Wir bitten dich, o Herr, durch die Anrufung deines heiligen Namens und 
durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau Maria, deren Fest wir heute f eieni, du wollest 
heiligen diese Lichter zum Segen des Menschen, zu seinem Heil an Leib und Seele*).** 



>) Leonhardua, Blatt 82. 

*) Synopsis, 8. 103. 

') Schmidt, Volksleben der Neugrieohen , S. 73. Newton, Travels and Disooveries I, p. 187. 

*) In München wurde am 2. Februar 1904 die Benedictio candelaram im Dome durch den Erz- 
bischof Yorgenommen. Nach erfolgter Weihe traten seine Assistenten, dann die Mitglieder des Metro- 
politankapitels, sowie der Dompfarrklems an die Stufen des Erzbischof sitzes , um aus der Hand des 
Oberhirten je ein brennendes Wachslicht zu empfangen. Mit diesem wurde dann der feierliche Umgang 

II* 



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84 Liohtmeßkerzen. Kerzenaberglaube. S. Biasius. 

Eß hat sich bei der Wachsweihe manches jetzt verflacht, soferu es die Verwendung 
der geweihten Kerze zu religiösen Zwecken im Hause betiifEt Altbayerisch ging es oder 
geht es noch dabei folgendermaßen zu: Der Haushen* trägt bei dem Ruf der Ilochamts- 
glocke die ^icke „Hauskei'ze" zur Weihe, welche „das Licht der Welt'^, den Heiland, 
versinnbildlicht und die auch am Sterbebette brennt oder hinter dem Sarge hergetragen 
wurde. Die Bäuerin ordnet das Lichtmeß wachs in einem Korbe, der dann vor den Hoch- 
altar getragen wird, wo es der Priester weiht. Von diesem Lichtmeßwachs erhalten dann 
die Töchter Wachsstöcke, die Knaben eine Anzahl „Pfennigkerzeln'^. Letztere brennen 
dann beim samstäglichen Hausrosenkranz am Tage und in der Woche Allerseelen, wenn 
man für die Vei*storbenen betet und im Advent unter dem Rorateamt^). 

Die Lichtmeßkerzen dienen aber im Hause auch noch zu anderen Zwecken in Bayern, 
Salzburg, Steiermark, Tirol usw. Bei schwerem Unwetter zündet man die geweihte Hauskerze 
namentlich in der Nacht an, denn Gewitter, besonders Hagel während der Nacht, kommen 
nie von Gott, sondei*n stets von bösen Gewalten. Neben solchen an Lichtmeß geweihten 
Kerzen gibt es aber auch noch andere, besondere Schauer- oder Gewitterkerzen von 
schwarzer Farbe, die man z. B. in Altötting kaufen kann. Der in der Kirche gCAveihte 
rote Wachsstock der Frauen dient besonders dazu, um Hand, Fuß und Geräte der Wöch- 
nerin gewunden zu werden, damit aller Zauber von Mutter und Kind fem bleibe 2). 
Einzelne Kirchen und Klöster besaßen besondere Wachsarten mit wunderbaren Eigen- 
schaften und gaben solche ab. So erhielten die Wallfahrer im Kloster Dießen am Ammer- 
see, wo man die h. Mechtildis verehrte, geweihtes „Mechtildenwachs^, das zum Schutze 
gegen Gewitter und Hagelschlag aufbewahrt wurde*). 

Mannigfach ist auch der Aberglaube, der mit dem geweihten Wachs und den ge- 
weihten Kerzen vom Volke getrieben wird*), und ich will hier nur jenen erwähnen, daß 
ein an der Kirche angestellter Geistlicher sterbe, wenn eine Altarkerze von selbst erlischt. 
Das glaubte schon Luther als Vorzeichen betrachten zu müssen. Er schreibt am 23. Januar 
1527 seinem Freunde Wenzel Link, daß im Magdeburger Dome am Feste der Beschnei- 
dung Christi plötzlich alle Kerzen und Lampen erloschen seien, ausgenommen jene vor 
dem AUerheiligsten. Ein Windzug könne das unmöglich getan haben. Beim Tode des 
Erzbiflchofs Ernst (1513) sei auch die große Kerze erloschen, herabgefallen und zer- 
brochen. Luther fügt hinzu: Dens videbit. Signa multa fiunt non inita futura^). 

Noch stehen die Kerzen mit einem Heiligen in Verbindung, an dessen Tage sie 
von besonderer Wirksamkeit sind. Das ist der h. Biasius, der zu den vierzehn Not- 
helfern gezählt wird. Sein Tag ist der 3. Februar und er wird dargestellt mit zwei ge- 
kreuzten Kerzen in der Hand. Nach der Legende war er Bischof von Sebaste in Armenien ; 
313 erlitt er den Mäi-tyrei-tod. Da er dem Sohne einer Witwe, der an einer im Halse 
steckenden Gräte zu ersticken drohte, durch Gebet half, wurde er Patron der Kehlkopf- 
und Halsleidenden und daher stammt auch der Brauch, daß am 3. Febiiiar den Hals- 
leidenden unter Vorhaltung zweier gekreuzter Kerzen der Hals gesegnet wird, damit er 
das kommende Jahr von Schmerzen frei bleibe, was man „anblasein" oder in Tirol ^bla- 



duroh die Eirohe gehalten. Von den Andächtigen waren viele Wachskerzen zur Weihe mitgebracht 
worden. 

Vgl. J. Schlicht, Altbayernland und Altbayemvolk, Augsburg 1886, S. 61. 

») Bavaria I, S. 366. v. Leopreohting, S. 158. 

») Kalender 1897, S. 42. 

*) Vgl. Wuttke, Deutscher Volksaberglaube», § 412, 449, 607, 563. 

*) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde II, S. 208. 



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„Anblaseln^. Blasiuabrot. Wachsopfer von Kevelaer. 85 

ßigen" neunt Das ist natürlich Volksetymologie mit Anlehnung an Blasius. Der Brauch 
ist allgemein von Osterreich bis in die Schweiz, wo er im katholischen Kanton Glarus 
noch vorkommt 1). Die Worte, welche der Geistliche beim. Blasein spricht, lauten: Per 
intercessionem S. Blasii liberet te omnipotens Dens ab omni malo gutturis. 

An manchen Orten, so auf dem Blasienberge bei Innsbruck, werden am 3. Februar 
nach dem ^Einblasigen^ Brötchen in Stangenform unentgeltlich an das Volk verteilt zum 
Schutze gegen Halsweh. Leidet jemand daran, so braucht et einfach ein Stückchen vom 
Blasiusbrote abzubeißen und zu verzehren, um geheilt zu werden. Die länglichen Brötchen 
sind zu diesem Zwecke mit fünf bis sechs Einkerbimgen versehen ^). 

So nehmen die Kerzen unter den Spenden und Weihegaben aus Wachs den ersten 
Rang ein. Mannigfaltiger aber sind die aus den verschiedensten Beweggründen dar- 
gebrachten Votive geformter Art, der Körperteile, Tiere, Häuser usw., die oft in gewal- 
tigen Mengen sich in den Kirchen ansammeln , bis sie entfernt und eingeschmolzen 
werden. 

Wenn auch aus dem von mir gezogenen geographischen Rahmen herausfallend, will 
ich doch die Wachsopfer von Kevelaer in der Rheinprovitiz hier erwähnen, da sie in 
Form ganz abweichend von den süddeutschen und durch Heinrich Heines schönes 
Gedicht „Die Wallfahrt nach Kevelaer'^ allgemein bekannt sind. Groß ist dort der Zu- 
lauf zur wundertätigen Mutter Gottes und i 

Die kranken Leute bringen 
Ihr dar als Opferspend' 
Aus Wachs gebildete Glieder, 
Viel wächserne Fuß' und Hand'. 

Und wer eine Wachshand opfert, 
Dem heilt an der Hand die Wund', 
Und wer einen Wachsfuß opfert, 
Dem wird der Fuß gesund. 

Diese in Kevelaer bei den Wachsziehern käuflichen Opfer sind alle aus gelbem, 
weichem, honigduftendem Wachs hergestellt und was den Stoff betrifft, tadellos. Dagegen 
ist die Formung, aus freier Hand, die urtümlichste, die ich gesehen habe. Schon 
P. Ascherson hat auf den an prähistorische Gebilde mahnenden Charakter dieser Keve- 
laerer Wachsvotive hingewiesen '). Da sie ohne Formen hergestellt werden, so sind die 
einzelnen Stücke auch verschieden und nicht gleichartig wie die süddeutschen in der 
Form gegossenen. Die ganzen Körper bestehen aus einer dünnen Wachsscheibe, auf die 
runde Augen, Nase und Mund eingedrückt sind. Der Körper selbst ist nur eine Wachs- 
stange mit einigen als dürftige Verzierung eingepreßten kleinen Kreisen. Eine Biegung 
des Stangenendes nach vom deutet den Fuß an; Länge 24cm. Die Hände und Köpfe 
oder Gesichter sind gleichfalls dünne Wachsscheiben, auf denen einige Striche die Finger, 
einige Eindiücke die Gesichtsteile andeuten. Die Wachszähne sind kleine eckige Wachs- 
stückchen, Brustkörbe werden dm*ch ein gebogenes Wachsstück dargestellt; was als 
^Vieh" dort verkauft wird, vermag ich nicht zu entziffern — es sieht aus wie die Nach- 
bildung eines Knochens auf einem Wachsstiel (Taf. V, Fig. 9 bis 14). 



*) Schweizerisches Archiv für Volkskunde IV, S. 263. 

•) L. V, Hörmann, Das Tiroler Bauemjahr, Innsbruck 1899, S. 196. 

°) Verhandlungen der Berliner Anthropol. Gesellschaft 1874, S. 184. 



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Verbreitung, Technik und Alter der eisernen 

Opferflguren. 

Das Verbreitungsgebiet der- eisernen Votivfiguren, seien es nun Menschen- oder 
Tiergestalten, erscheint als ein geographiscli zusammenhängendes, vom westlichen Ungarn 
an bis nach Schwaben und Elsaß hineinreichendes. Es ist wesentlich auf den bayerischen 
Stamm beschränkt, mit dessen ethnographischer Ausdehnung es sich etwa deckt Ein 
Übergreifen, das leicht kenntlich als vom Grundstocke ausgehend sich kennzeichnet, 
findet in die fi'änkischen und allemannischen Gebiete statt Aber auch' weiter nach 
Westen und Nordwesten hin , bis nach Belgien, sind mii* eiserne Votivfiguren in Verbin- 
dung mit dem Leonhardskultus bekannt geworden, doch gestehe ich, daß für diese west- 
lichen Gegenden meine Kenntnisse zu mangelhaft sind, um hier ein abschließendes Urteil 
abgeben zu können. Mit Steiermark, Kärnten und Südtirol scheinen die eisernen Yotiv- 
figm-en ihre Grenze im Süden zu erreichen; ein Übergreifen nach dem slawischen Krain 
ist mir nicht bekannt 

Die eisernen Votivfiguren sind überall in der Abnahme begriffen, schon deshalb, 
weil sie nur noch ausnahmsweise heute an wenigen, unten aufzuführenden Orten her- 
gestellt werden. Daß sie früher häufiger geopfert wurden, wissen wir nicht nur aus 
den Beschreibungen, sondern erkennen wir auch daran, daß hier und da sich in manchen 
Wallfahrtskirchen noch einzelne übrig gebliebene Exemplare als Überbleibsel ehemaligen 
Reichtums finden. Die bequemeren Wachsvotive haben sie ersetzt 

Oberbayern besitzt heute keine Stätte mehr, wo eiserne Tier- oder Menschen- 
figuren geopfert werden; wie reichlich sie aber einst hier waren, darüber braucht bloß 
auf das über Inchenhofen Gesagte hingewiesen zu werden. Zerstreut finden wir noch als 
Reste älterer Opfer die eisernen Figuren in einzelnen Kirchen und Kapellen Oberbayems. 
So in der Böttbergkapelle unter dem Taubenberge; das Weilheimer Museum besitzt ein 
paar eiserne Tierfiguren typischer Art, die von Bauern bach (in der Gegend von Tutzing 
am Stamberger See) stammen. In der Leonhardskirche daselbst fanden wir 1904 nur 
noch vier bis fünf Rössel und Kühe, die Überreste einstigen Reichtums, aber man opfert 
dort nur Geld, kein Eisentier mehr. Eiserne Votivtiere sollen in der S. Bartholomäus 
und S. Leonhard geweihten Kii'che zu Sufferloh bei Holzkirchen vorkommen *). Dagegen 
hat Niedorbayern noch die an Eisenvotiven überreichen Stätten von Aigen und 
Ganacker, deren mit den Eisenopfern verknüpften Leonhardifeste wir geschildert haben 
(S. 62). Dazu kommt noch Jnlbach bei Simbach am Inn. 

Nach Nordosten hin läßt sich die Ausbreitung von Bayern nach Böhmen leicht 
verfolgen, da nur in deutsch-böhmischen Gegenden diese Votive, meist an den Leonhards- 



») Höfler, Wald- und Baumkult 1892, S. 59. 



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Yerbreitung der eisernen Opferfigureu. Böhmen, Franken. 87 

kult geknüpft, vorkommeD, in Ortschaften, die fast alle sehr nahe der bayerischen Grenze 
liegen. Auch sind die Tieriigaren (Menschenfiguren aus Eisen kenne ich doi*t nicht) 
den bayerischen so gleich, wie ein Ei dem andern, auch die Art der Opferung ist die 
gleiche. Daß ein anderer Heiliger hier und da an S. Leonhards Stelle tritt, kann bei 
der gegenseitigen Stellvertretung der Heiligen nicht auffallen. So knüpft gleich die 
älteste Erwähnung in Böhmen, aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, an 
S. Martin an i). 

„In Wasserau (soll Wscherau heißen), einem (deutschen) Städtchen des Pilsener 
Ei*eises, besteht der Gebrauch, alljährlich am Martinstage, am Eingange der dem 
h. Martin geweihten Kapelle, den Wallfahrern Gebilde von allerlei Haustieren zu ver- 
kaufen oder gegen Erlag von einigen Kreuzern zu borgen, welche diese auf dem Altar 
des Heiligen in der Absicht opfern, damit er die Erhaltung der bildlich geopferten Tiere 
bei Gott erbitte. Der Leib dieser Tiere ist aus Eisenblech, sehr roh und ungeschickt 
geschnitten, die Füße der Quadrupeden sind mit zwei Nieten an den Leib befestigt, 
auseinandergebogen, damit das Bild stehen kann. Nach alten Rechnungen der Kirche, 
in deren Kasse diese Opfergelder einfließen, betrugen letztere bis 50 Gulden bei jedem 
Martinsfeste, woraus, da für ein Opferbild nur ein Groschen bezahlt wurde, sich auf den 
häufigen Gebrauch schließen läßt." 

Ist es in Wscherau S. Martin, dem die eisernen Opfertiere dargebracht werden^ 
so tritt in Unter -Wuldau , einem deutschen Städtchen im Bud weiser Kreise, nahe der 
bayerischen Grenze, S. Leonhard in sein Recht In seiner dortigen Kiiche werden ihm 
an seinem Tage eiserne Kühe, Schafe und Schweine geopfci*t, die sich in nichts von 
den aus Bayern bekannten unterscheiden^). 

Vollständig den' bayerischen Charakter ti'ägt auch die S. Leonhardsverehrung zu 
Neuem in Böhmen, gleichfalls an der bayenschen Grenze. Die westlich von der Stadt 
auf einem Hügel gelegene Leonhardskirche gehört zum Dorfe Kohlheim, bei welchem 
am Ostermontage früh auch ein Umritt stattfindet. Nachmittags findet das Opfern der 
eisernen Haustiere statt, der Pferde, Ziegen, Schafe und Rinder, deren noch eine große 
Menge in der Kirche vorhanden. Es sind nur alte Stücke, denn neue werden nicht 
mehr gefertigt '). 

Vom bayerischen Hauptgebiete aus besitzen die eisernen Votive auch Ausstrahlungen 
nach Norden und Nordwesten, wohin sie offenbar mit dem Leonhardskultns gelangten. 
Da ist zunächst der Fund von Feuchtwangen in Oberfranken, nahe an der württem- 
bergischen Grenze, zu erwähnen. Eine Viertelstunde von dieser Stadt soll eine Leonhards- 
kapelle gestanden haben, von welcher noch der Leonhardsberg den Namen trägt. Bei 
zufälligen Nachgrabungen an diesem Orte traf man auf eine gepflasterte Stelle, auf der 
viele rohe eiserne Tierfiguren, Pferdchen und eine kleine eiserne Meuschenfigur gefunden 
wurden, ganz gleich den sonst verbreiteten eisernen Votiven*). Noch weiter nördlich 
führt uns der Fund von Uutermansfeld bei Meiningen, wo 1858 beim Abbruche eines 
Hauses ein llVjcm hohes Eisenmännchen gefunden wurde, völlig gleich den sonst be- 



>) Kaiina von Jätenstein, Böhmische Opferplätze, S. 136—141, angeführt nach Nork, Fest- 
kalender, S. 680. 

*) Richly in Zeitschr. f. österr. Volkskunde VIT, S. 57 und Tafel I. 

«) Zu Neuem vgl. Hein in Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde IX, S. 326 und Blau in Zeitschr. f. 
österr. Volkskunde V, S. 70. 

*) Sechster Jahresbericht des histor. Vereins im Rezatkreis für 1835. Die Figuren sind wieder 
abgebildet im Arch. f. Anthropol. XXI, Tafel V, Fi^. 2 bis 6. 



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88 



Verbreitung der eisernen Opferfiguren, Schwaben, Elsaß, Belgien. 



kannten. Es stammt wahrscheinlich aus der alten abgebrochenen Martiuikirche , in 
welcher S. Leonhard einen Altar besaß. Beim Abbruche dieser Kirche im Jahre 1609 
wurden in dem dazu gehörigen Beinhause eiserne Männlein samt anderen Bildern von 
Eisen gefunden, gewiß Opfer für S. Leonhard ^). 

Zeugnisse für die weitere Ausstrahlung nach Westen, nach Württemberg, besitzt 
die Stuttgarter Altei-tumssammlung von zwei Orten. Eiserne Tier- und Menscheofiguren 
außerhalb der S. Ulrichskirche von Stockheim, Oberamt Brackenheira, gefunden und aus 
einer Leonhardskirche in Pflaumbach, Oberamt Neresheim, eiseiiie Männlein in bittender 
Haltung, eisernes Vieh und Kröten. In der Rochuskapelle zu Ridhausen hängen schmiede- 
eiserne Kröten "). 

Daß im Elsaß eiserne Kröten bei Frauenleiden geopfert werden, soll später gezeigt 
werden. Von da aus ist es aber ein weiter Sprung, um wieder auf eiserae Votive zu 
stoßen, bis nach Belgien hin; hier aber treten sie in eiuer Art auf, die mit den 
bayerischen die größte Ähnlichkeit hat und sind an S. Leonhard geknüpft Die große 
Kluft, die zwischen Bayern und Belgien liegt, ist doch bei der Gleichai-tigkeit des Kultus 
und der Weihegaben zu auffallend, als daß nicht Zwischenglieder vorhanden sein sollten, 
■p. -g wenn auch heute verloren. Sie sind mir 

aber unbekannt 

In Belgien ist es die dem h. Leon- 
hard geweihte Kirche von Huyssingen, wo 
die eisernen Figuren, ganz in der Art wie 
es in Algen oder Ganacker der Fall ist, 
geopfert werden. Ein Bericht 3) sagt: „An 
der Tür der Kirche befindet sich ein Be- 
hälter, der mit Votivgaben gefüllt ist, die 
fast alle aus Schmiedeeisen bestehen, einige 
wenige sind aus Eisenblech geschnitten. 
Die meisten stellen kleine menschliche 
Figuren dar, doch findet man auch Arme 
und Beine, sowie Tierfiguren.. Wer nun den h. Leonhard anrufen will, nimmt aus dem 
Behälter eine der Figuren, die dem Wunsche entspricht, den er in seinem Gebete 
anbringen will, wobei er die Figur oder das aus Eisen hergestellte Glied an die be- 
treffende kranke Stelle seines Köi-pers hält Nachdem er in der Kii'che gebetet, geht 
er um dieselbe herum, um auch hier verschiedenen Plätzen seine Verehrung zu be- 
zeugen, so namentlich einem großen, an der Kirchen wand befindlichen Kruzifix. Nach- 
dem er auch hier gebetet, legt er die Votivgabe wieder in den Behälter, aus welchem 
er sie genommen." Die Abbildung zeigt fünf dieser kleinen eisernen Figüi'chen. Mund, 
Augen, Nase, die Zwischenräume der Finger sind vom Schmiede durch Vei-tiefungen 
im Eisen hergestellt und dann mit Kreide eingerieben, damit sie besser hervortreten 
(Fig. 18). 

Wünschenswerte Ergänzungen hierzu verdanke ich dem bekannten viamischen Volks- 
kundigen A. de Cook in Deuderlceuw, der mir schreibt: „Nach Huyssingen geht man 

*) G. Jacob, Eisenfigur in der Sammlung des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins 
zu Meiningen. Arch. f. Anthropol. XXI, S. 208. 

*) Birlinger, Aus Schwaben I, S. 28G (1874). 

") Bulletin de Folklore 1898, Tome III, S. 63. Von mir wiedergegeben im Globus, 
Bd. 75, S. 114. 




Eiserne Votivfiguren aus Huyssingen (Belgien). 



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Verbreitung der eisernen Opferfiguren in Österreich. 89 

wegen Lahmheit der MeDSchen und Tiere wallfahi*ten. In einem Faß liegen in der 
Kirche allerlei Figuren aus Flacheisen, welche Menschen, Beine, Arme, Füße vorstellen; 
auch ganze Pferde, Schweine, Kühe, Hunde, oder Teile von diesen Tieren. Ehe der 
Wallfahrer seinen Umgang beginnt, nimmt er sich in der Kii'che einen eisernen Menschen 
oder ein Tier, je nachdem er um die Genesung eines lahmen Menschen oder Tieres 
bittet, oder auch nur den betreffenden Köi-perteil, dessen Lahmheit behoben werden soll, 
und mit diesem in der Hand legt er den Bittweg ab." 

Soviel über das Vorkommen der eisernen Figuren im Osten, Norden und Westen 
von Bayern. Anschließend an letzteres liegt aber noch ein Hauptgebiet in den deutsch- 
österreichischen Kronländem, in Niederösterreich, Salzburg, Kärnten, Steiermark und 
Tirol. Aus diesem Kronlande finde ich die eisernen Figuren, aber ohne nähere Be- 
schreibung, abgebildet aus Lienz >) und eine ganz abgelegene Gegend, schon auf wälschem 
Boden, enthüllen uns die im Museum Ferdinandeum zu Innsbruck befindlichen Exemplare. 
Sie wurden bei einem Antiquar in Bozen erworben und sollen aus dem Nonsberge Süd- 
tirols stammen. Es sind dieses drei eiserne Kühe, vier menschliche Gestalten und ein 
sehr merkwüi'diger Gefangener S. Leonhards in Ketten (Taf. HI, Fig. 4 u. Taf. VIH, 
Fig. 24), alle in ihrer Ausfühiiiug den typischen bayerischen Eisenfiguren entsprechend. 

Im Salzburgischen sind die eisernen Figuren bekannt aus der Georgskapelle bei 
Salfelden. Dort ist der h. Georg Beschützer des Viehes, zu dem viele Wallfahrer sich 
wenden, namentlich wenn im Sommer die „Palfenmessen" gelesen werden 2). 

Oberösterreich ist verti^ten durch eiserne Tiere zu Valeutinshaft bei Munder- 
tiug, wo sie S. Georg geopfert werden. 

Für Niederösterreich ist mir bisher nur ein Ort bekannt, wo die eisernen 
Yotivtiere vorkommen. Es ist die dem h. Agidius geweihte Kapelle von Schwarzensee, 
Bezirk Pottenstein. In der Sakristei befindet sich ein Korb mit 75 Figuren, welche 
Kinder, Pferde, Schafe, Schweine vorstellen. Die Tiere sind ganz so geschmiedet, 
wie jene in Bayern und werden seit uralter Zeit am 1. September geopfert Dieser 
Tag und daß sie dem h. Agidius geweiht werden, steht ganz vereinzelt da. Mit dem 
h. Leonhard haben sie nichts zu tun. Eine Statue dieses Heiligen ist erst kürzlich in 
die Kirche versetzt worden 3). Aus der Sammlung des Herrn Dr. Frischauf in Eggen- 
burg sind mir 22 vom Schwarzensee stammende eiserne Figuren bekannt geworden. Sie 
sind aus dickem Eisen geschmiedet, Beine und Ilörner durchgesteckt, die Schwänze zu- 
weilen gedreht. — Die ganze Technik nicht abweichend von den bayerischen Formen. 

Steiermark ist reich an eisernen Opfertieren. Das loanneum in Graz besitzt eine 
große Anzahl eiserner Schweine, Pferde, Rinder, Schafe*). Dr. F. S. Pichler hat die- 
selben Tiere aus S. Oswald in Birkfeld (nördliches Steiermark) abgebildet*). Die 
Funktionen S. Leonhai*ds als Viehpatron versieht S. Wolfgang in der ihm geweihten 
kleinen Kirche bei Deutsch -Landsberg. Thomas Schlegel 6) sah dort 20 rohe Rinder- 
figuren, einige Pferde, zehn Schweine und drei Menschenfigui'en auf dem Altare stehen. 
£1* berichtet, daß den am Tage des Heiligen zusammenströmenden Bauern der Geistliche 



») MitteiL Wiener Anthropol. Ges. XXIII, S. 179, Fig. 174 bis 177. 

') Egger, Beschreibung von Zell im Pinzgau. Salzburg 1855. — Haber, Fromme Segen aus 
Salzburg 1880, S. 72. 

») W. Hein, Eiserne Weibefiguren in Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. IX, S. 324. 
*) Mitteil. d. Wiener Anthropol. Ges. XXV, S. 63, Fig. 112 bis 137. 
*) Berichte und Mitteilungen des Altertumsvereins zu Wien 1872, Bd. Xu, S. 50. 
•) Illustrierte Zeitung 1887, S. 72 und Archiv f. Anthropol. XXI, S. HO, Tafel V, Fig. 5 bis 8. 
Andree, Yotive und Weihegaben. 10 



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90 Verbreitung der eisernen Opferfiguren in Österreich -Ungarn. Alter derselben. 

vom Altar aus die Wunder S. WolfgangB erzählt und die am Altar aufgestellten eisernen 
Opfertiere segnet Der Pilger,' welcher ein Anliegen hat, ergreift eines der gesegneten 
Gebilde, wandelt im stillen Gebete um den Altar und stellt es mit einer kleinen Münse 
wieder an seinen Platz. Manche Bauern, denen ein Haustier erkrankt ist, bringen dessen 
eisernes Abbild auch an Wochen- oder Sonntagen dar. Femer werden die eisernen 
Opfertiere in Steiermark ei*wähnt von Schüßlerbrunn auf dem Hochlantsch und Maria 
Rehkogel in Frauenberg im Rennfelde bei Brück an der Mur^). 

Kärnten besitzt die am schönsten gearbeiteten eisernen Tierfiguren, unter denen 
namentlich die sehr langhömigen Rinder auffallen, wie sie die ungarische Rasse zeigt 
Peez hat ein der h. Maria, dem h. Rochus und dem h. Lconhard geweihtes, ketten- 
umspanntes Kirchlein oberhalb Friesach geschildert, hinter dessen Altar er noch einen 
eisernen Arm, zwei kleine menschliche Gestalten, ein Tier fand, alles alt, roh und durch 
die Zeit und den Gebrauch verkümmert^). In der S* Wolfgangkapelle am Millstätter 
See wurden früher auch eiserne Schweine geopfert'). 

Das nordwestliche Ungarn hat in seinen an Niederösterreich und das nördliche 
Steiermark angrenzenden Teilen eine rein deutsche Bevölkerung, bei der wir auch die 
eisernen Opf eitlere wiedei-finden. Nach dem Berichte von J. R. Bunker^) kamen sie 
früher vor in Rattersdorf, zwischen Lockenhaus und Guus, und auf dem Vitusberge bei 
Güns. Nordwestlich von der eben genannten Stadt, hart an der niederösterreichischen 
Grenze, liegt bei Kogel der Ort Pilgersdorf, wo bis 1880* eiserne Opfertiere am Oswalds- 
und Florianstage dargebracht wurden, bis der Pfarrer Emmerich Fritzer es verbot Es 
waren Figuren von Männern, Weibern, Kindern aus massivem Eisen oder Blech, dann 
Kühe, Pferde, langhömige Ochsen, Schweine, Schafe, welche jetzt den Wachsfiguren ge- 
wichen sind. Auch hier waren die Eisenfiguren Eigentum der Kirche, welche sie zu 
zwei bis sechs Kreuzern das Stück an die Opfernden auslieh, die sie auf dem Altar 
niederlegten. Wenn ein Familienglied oder Haustier bei den Bauern der dortigen 
Gegend erkrankte, so gelobte der Hausherr die Wallfahrt nach Pilgersdorf und das 
Darbringen des eisernen Opfers im Falle der Genesung. 

Was das Alter der eisernen Menschen- und Tierfiguren betrifft, die wir 
an den verschiedenen Kultstätten kennen gelernt haben, so ist es im allgemeinen oft 
überschätzt worden. Jedenfalls handelt es sich bei den erhaltenen Figuren um eine nach 
Jahrhunderten auseinander liegende Entstehungszeit; wir besitzen solche, die bis in das 
Mittelalter zurückreichen und neue, die noch vereinzelt hier und da angefertigt werden. 
Alle über einen Kamm zu scheren, geht durchaus nicht an, das verlangt schon die sehr 
vei-schiedene Technik der Herstellung, die, wenn auch fast durchweg sehr geringe, aber 
verschiedene künstlerische Gestaltung, welche meist durch die Fertigkeit des Schmiedes 
bedingte Abstufungen zeigt. Es kommen ganz roh gearbeitete Menschen und Tiere vor 
neben solchen, die davon Zeugnis ablegen, daß der Schmied sich Mühe gab, sie natur- 
wahr zu gestalten. 

Die Figuren sind stets geschmiedet, jüngere aus Blech geschnitten, aber 
niemals gegossen. Um ihre Herstellung wandte sich das Volk an den Dorfschmied, der 
ja überall eine geheimnisvolle Stellung einnimmt und mit Wunderkräften versehen ist, 
wie Hephästos oder Wieland der Schmied. In Sagen, Märchen und Aberglauben ist er 

») Mitteü. d. Wiener Anthropol. Ges. XXX, S. 186. 

«) Daselbst XXIII, 8. 200. 

») Daselbst XXXI, S. [119]. 

*) Mitteü. d. Wiener Anthropol. Ges. XXX, S. [185], Fig. 16 bis 20. 



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Technik der eisernen Opferfigaren. Verfall der Eisenfigaren. 91 

mit besonderen Eigensohaften ausgerüstet; er heilt auch, ist Kursohmied, an den das 
Volk sich oft lieber als an den Arzt wendet. Er war der rechte Mann, die Weihe- 
geschenke herzustellen, die das Volk bittend oder dankend dem Heiligen darbringen 
wollte. Die Eunstansprüche , die man an ihn stellte, waren ja nicht groß und so 
hämmerte er seine Figuren, von denen man zuweilen kaum weiß, was sie eigentlich 
vorstellen sollen. Doch lassen sich immerhin beim Betrachten großer Mengen von Eisen- 
figuren — ich habe tausende gesehen und durch die Hände geben lassen — vei*schiedene 
Perioden unterscheiden. Das künstlerische Können und die aufgewendete Mühe beim 
Ausschmieden war sehr verschieden; am schönsten sind die Figuren von Mensch und 
Tier aus Kärnten, wo der Schmied sich am meisten Mühe gab und die charakteristischen 
Werke sofort das gut in seiner Eigenart beobachtete Tier erkennen lassen. Die anderen 
Länder stehen zurück und fast alle auf gleicher Stufe. Es waren ja nur geringe Mittel, 
mit denen der Dorfschmied arbeitete: ein Stück Eisen, Hammer, Zange und Amboß ge- 
nfigten, selten wendete er den Meißel zu einigen Eindrücken und Verzierungen an. 
War auch eine durch Jahrzehnte und Jahrhunderte foi*tgesetzte Überlieferung vorhanden, 
so arbeiteten die Schmiede doch auch nach ihrem individuellen Geschmack und so lassen 
sich denn innerhalb großer Massen von Eisentieren solche Unterschiede leicht feststellen. 

Die ältesten sind schwerer, meist auch größer als die jüngeren, und recht roh und 
einfach aus einem starken Eisenstab herausgeschmiedet, alles fest zusammengeschweißt, 
so daß man keine trennenden Stellen an der Figur bemerkt Langte einmal das Eben 
nicht, so kamen häufig Kopf oder Schwanz zu kurz oder wurden noch durch ein übrig 
gebliebenes Stückchen Eisen nur angedeutet Der Körper ist bei diesen alten Figuren 
meistens viereckig, wie die ursprüngliche Eisenstange war, aus der man ihn schmiedete. 
Es treten dann jüngere Formen auf, bei denen der Schmied sich seine Arbeit erleichterte. 
Er schlug da, wo die Beine am Körper sitzen sollen, Löcher durch den Körper und 
steckte gebogene dicke Drähte hindurch, welche nun die Beine darstellten oder er nietete 
die Beine an« Einen besonderen Typus bilden die jüngeren, aber immerhin noch einige 
Jahrhunderte alten Tierfiguren, meistens Kühe, die von den Aigener Schmieden ange- 
fertigt und an die Wallfahrer verkauft wurden i) (Taf. XXIX, Fig. 124). Diese sind es, 
die von den Wallfahrern allein von d^r Kirche entliehen und geopfert werden, während 
die massiven alten und rostigen Rössel und Kühe ganz aus der Mode gekommen sind. Die 
letzte Stufe unter den eisernen Tierfiguren nehmen die einfach aus dünnem Blech heraus- 
geschnittenen, silhouettenartigen Tiere ein, bei welchen auch zuweilen bewegliche Beine 
vorkommen. Es ist das schon der völlige Verfall, das fast fabrikmäßige Gebahren der 
Gegenwart, denn nur noch solche Blech wäre (Taf. XXXII, Fig. 136) wird heute gefertigt 
und an wenigen Orten, da man überall zum Opfern die alten, im Besitze der Earchen be- 
findlichen Figuren benutzt Der Schmied in Julbach bei Sinibach am Inn schneidet heute 
noch fünf Sorten Tiere, Ochsen, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine, aus dünnem Eisenblech. 
Wie mag S. Leonhard diese Verschlechterung anschauen und das. neue Zeug mit den 
gewichtigen alten Tieren vergleichen! Die Kunst, die Eisenfiguren zu schmieden, ist 
verfallen und es gibt wohl nur noch wenige Orte, wo sie heute hergestellt werden. In 
der Nähe des kärntnerischen Badeortes S. Georgen am Längsce sollen sie noch gefertigt 
werden; auch ein Schmied im Binatale, Gegend von Vilsbiburg, fertigte vor 30 Jahren 
noch eiserne Tierfiguren. 

Schwierig ist die Frage nach dem Alter und ersten Auftreten der eisernen 



») Kalender 1876, S. 101. 

12* 



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92 



Alter der eisernen Opferfigaren. 



Tierbilder bei den Opferungen. Sie kommen in den Mirakelbücbern wohl vereinzelt vor 
dem 17. Jahrhundert vor, werden dann aber und zumal als S. Leonhard zum Schutz- 
patron der Haustiere geworden war, häufiger. Datierte habe ich nur zweimal gefunden, 
beide aus dem 18. Jahrhundert. In der kleinen Yotivsammlung des bayerischen .National- 
museums zeigt eine Kuh die eingeschlagene Jahreszahl 1738 und bei S. Leonhard in 
Ganacker befindet sich die hier abgebildete Gruppe einer Stute mit Füllen (Fig. 19), 
die auf einer Platte aufgenietet ist, was bei den Tierfiguren nur selten vorkommt. Auf 
der Platte stehen die Buchstaben INRI und H. M., wohl der Name des Stifters und 
die Jahreszahl 1729. 

Nach meinen Beobachtungen gehen die Tierfiguren nicht über das spätere Mittel- 
alter zurück. So urtümlich und roh die Formen der Tiere auch sind, geben sie doch 
keinen Beweis füi- ein höheres Alter oder gar für unmittelbare Anknüpfung an prä- 
historische Vorgänger. Man stelle einem gewöhnlichen Dorfschmiede heute die Aufgabe, 



Fig. 19. 




aus einem Stücke Eisen ein Rößlein zu 
foi*men und er bringt auch kein anderes 
Gebilde zustande als unsere Opferfiguren. Die 
von Negern geschmiedeten eisernen ,Kühe, 
welche Speke und Grant oder Stanley in 
Uganda in Innerafrika fanden, sehen auch 
nicht anders aus. Es liegen nur die An* 
fange einer Kunst vor. Daher stimmt auch 
die Ableitung unserer Eisentiere von den 
prähistorischen Tierbildnissen nicht, seien 
sie nun in Ton oder Bronze ausgeführt. 
M. Ilöf ler 1) nimmt sogar ti*aditionellen Über- 
gang aus der prähistorischen Zeit . an und 
verweist auf den Judenburger (eigentlich 
Strettweger) Wagen im Grrazer Museum, 
dessen in Bronze gegossenen Figuren 
Datiertes eisernes Rössel mit FüUen zu S. Leon- aber ungleich besser und feiner gearbeitet 
hard in Ganacker. Va natürl. Größe. • j «x i j« i_ i . :• . 

sind ») , als die rohen schmiedeeisernen 

Pferde- und Menschenfiguren unserer Votive. Auch Richly hat bei den eisernen 
Opfertieren prähistorische Vorbilder angenommen 3). 

Gewiß, die Ähnlichkeit ist vorhanden, aber die gleiche primitive Kunst führte hier 
wie da zu der gleichen Ausgestaltung und ohne genügenden Beweis, ohne Feststellung 
des Zusammenhanges zwischen beiden ist es sicherer, auf selbständige Entstehung in 
beiden Fällen zu bestehen. Noch weit mehr Übereinstimmung mit unseren Votiven als 
die I'iguren des Strettweger Wagens zeigen die bronzenen Stierbilder der Hallstättzeit, 
die nach S. Reinach, ohne Anlehnung an den Orient, urem'opäische Kunst darstellen^), 
deren Ursprung aber M. Hoernes mit weit mehr Recht aus dem Orient ableitet^). 

*) Volksmedizin in Oberbayern, S. 17. 

*) Beste Abbildung bei M. Much, Sammlung von Abbildungen vorgeschichtlicher Funde aas 
den Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie, Wien 1889, Tafel XLI. 

*) Zeitscbr. f. österr. Volkskunde 1901, S. 58. 

*) S. Kein ach, La sculpture en Europe avant les influences greco-romaina in L'Antbropologie VII. 
Namenthch die S. 175 — 177 und 181 abgebildeten Bronzen sind zum Vergleiche heranzuziehen. 

*) M. Hoernes, Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa, S. 440. Zu verweisen ist auf 
Tafel XV mit den rohen Pferdefiguren. ' 



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„Eiserner Begtand.-' 93 

Einen Irrtum will ich hier berichtigen, der sich wiederholt da findet, wo von den 
eisernen Kühen die Rede ist. Man hat sie mit der Vacca ferrea in Zusammenhang ge- 
bracht und als ein Symbol des eisernen Bestandes von Haustieren betrachtet, sie 
soll sogar als ein äußeres Merkmal dieser Rechtssitte in den böhmischen Bauemhäusem 
aufgestellt worden sein *). Der eiserne Bestand betrifft jedoch lebendes Vieh, das von 
dem Hofherm oder von dem Gutspächter beständig erhalten werden mußte. Ging ein 
Stück davon ab, so mußte es sofort durch ein anderes Stück ersetzt werden. „Eisern 
Vieh stirbt nicht", hieß es*). 



*) C. Zibrt, Das bohmisohe Bauemhaas auf der Jubiläumsausstellang in Prag 1896, S. 9. Die 
dort Fig. 6 abgebildete Kuh ist aber zweifellos eine eiserne Opferkah. 

•) Grimm, Rechtsaltertümer* II, S. 131. Riohly in der Zeitschr. f. österr. Volkskunde VII, 
S. 59, weist gleichfalls darauf hin, daß eine Verwechselung zwischen dem eisernen Bestände und den. 
Opferkühen vorliege. 



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Menschliche Opferfiguren. 

Geldwert und Form der Opfergaben sind bei deren Darbriugung gewöhnlich aus- 
schlaggebend, um den gewünschten Zweck zu erreichen. Sie können aber eine Steigerung 
erfahren, wenn ein Abbild des opfernden Menschen, gleichviel aus welchem Stoffe, dem 
Heiligen dargebracht wird und das Bild an die Stelle des Bittenden tritt, der sich damit 
identifiziert Daher ganze Menschenfiguren, wenige Centimeter hoch bis lebensgroß. Je 
wertvoller nun der Stoff war, aus dem das Abbild geformt wurde, desto wohlgefälliger 
mußte die Gabe dem Heiligen oder der Kirche sein, je größer und schwerer, desto besser. 
Meist konnten diese Weihegabeu aus Gold, Silber, Eisen, Wachs wieder zur Verwendung 
kommen, zum Nutzen der Kirche und der Heiligen. So kam es, daß man ganze Menschen 
abwog und in entsprechender Menge in Eisen oder Wachs darbrachte, aber auch einzelne 
Körperteile. Man übertrieb die durchschnittlich mäßig großen Yotive und ließ sie bis 
zur Lebensgröße anwachsen, wie ja auch die Wachskerzen vom kleinen Lichte bis zu 
haushohen Gebilden sich entwickelten. Die gleiche Vorstellung herrschte auch beim Ge- 
loben von Tierfiguren, Ackergeräten, Ketten und anderen Dingen. Es kommen da riesige 
Kröten, gewaltige Sensen, hundeil Meter lange Ketten vor. Je größer, schwerer, wert- 
voller das Votiv, desto wirksamer. Ich glaube dieser Beweggrund genügt und man 
braucht bei der Opferung ganzer Menschenfiguren, zumal es sich ja um die eigene Person 
handelt, nicht gleich an einen überlebenden Rest von Menschenopfera zu denken, wie 
das wohl auch geschehen ist 

Die Fälle, daß Kinder in Wachs oder Metall abgewogen und die so bestimmte 
Menge als Votivgabe dargebracht wurde, sind sehr häufig und lassen sich früh nach- 
weisen. Als dem Kaiser Karl IV. ein Sohn geboren wurde, wollte er aus Dankbarkeit 
hierfür zur heiligen Jungfrau nach Aachen wallfahrten. Er fand es dann aber bequemer, 
eine Opfergabe für den neugeborenen Sohn dorthin zu senden und befahl, diesen in einer 
Wiege mit Gold auf zuwägen. Der Knabe wog 16 Mark Goldes und diese schickte der 
Kaiser nach Aachen*). 

Im fünfzehnten Jahrhundert mehren sich diese Fälle, wo die Kinder in Wachs ab- 
gewogen werden, der Gabe der ärmeren Leute, während der Kaiser seinen Sohn in Gold 
abwog. Als im Jahre 1441 die seit einem vollen Jahre schwangere Frau des Wolfart 
Schauer zu Regensburg noch immer nicht niederkommt, da macht er eine Wallfahrt zu 
dem „weitberühmten Thaumaturgum'^ S. Leonhard in Inchenhofen. Das wirkt und die 
Frau kommt unterdessen mit Zwillingen nieder, von denen einer tot Das lebende Kind 
„legten sie in eine Wagschüssel, in die andere Wachs zu gleicher schwäre mit hoffent- 
licher Zuversicht, dem toten Knaben das Leben zu erwerben. Sechs Pfund hat das 
Kind an Gewicht gehalten, so vil Wachs ist auch in der Schüssel verbliben". Dabei 

*) Korrespondenzblatt der deutschen Ges. für Anthropologie 1899, S. 59. 



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Waohsopfer im Eigengewicht und als Bildnis. 95 

wurde das „tote" Kind wieder lebendig *). Es scheint dieses Abwägen scheintoter Kinder 
überhaupt ein Mittel gewesen zu sein, um diese wieder ins Leben zu rufen und nach 
den Mirakelbüohern ist es wiederholt angewendet worden. Ein ertrunkenes Kind wird 
vom Vater „mit einer Kirchfahrt vnnd wächsin Bild deß Kinds schwär (1512 zu S. Wolf- 
I gi^g) verlobt, nach dem Gelüb hat sich alßbald das Kind erkickt vnnd lebendig ei*zeigt". 

Da S. Wolfgangs Ruhm weithin verbreitet war, so kann es nicht Wunder nehmen, daß 
selbst der Vater eines drei Stunden tot liegenden Kindes in dem fernen Meißen 1814 
sich „mit einem wächsin Bilde, in der schwäre dem Kind gleich" nach dem Abersee 
verlobt *). 

So wie man die Kinder abwog und das entsprechende Gewicht Wachs der Kirche 
weihte, so geschah dieses auch mit erwachsenen Menschen und hier wird das Wachs 
auch entweder in natura oder, einen Schritt in der Ausgestaltung der Gabe weiter gehend, 
als Abbild der Betreffenden dargebracht Im ersteren Falle verfuhr man so, wie es 
eben bei den Kindern gezeigt wurde. Der Georg Ridler aus München wurde 1445 vom 
edlen Herrn Roltawer gefangen gehalten. Da gelobte der Vater Georgs dem Befreier 
der Gefangenen, S. Leonhai'd, „sovil Wachs zu opfern als der Sohn in Kleidern, Harnisch 
vnnd Waffe, wie er gefangen worden, in Gewicht haltet", wenn er fi'ei werde. Und 
als dieses bald darauf der Fall war, hat Vater Ridler als „Opfer 161 pfund Wachs ab- 
gelegt')". Sebastian Steinbüchler zu Smithamb, dessen Haus bei einer allgemeinen 
Feuersbrunst stark bedroht war, will „wo fem sein Hauß in dieser Brunst vnverletzt 
blibe S. Wolfgangs Gotteshaus im Gebirg mit Wachß so schwär er selbsten besuchen". 
Da dieses (1582) hilft, sein Haus nicht abbrennt, so führt er auch die Wallfahrt aus^). 

Ich führe nur einige Fälle an, wo das dem Votivgeber gleich schwere Wachs zu 
dessen Bildnis umgeformt und bei dem Heiligen als Zeichen der Dankbarkeit für ge- 
währte Hilfe aufgestellt wurde. 

Thomas Aichlberger zu Hall lag 1507 totkrank darnieder. „In solchem grossen 
; Laid hat seine betrübte Hausfraw jnnigklich angerufft den glorwürdigen Nothelffer 

IS. Wolfgang, ihren lieben Haushenn hierher (Abersee) versprochen mit einer Kirchfahrt 
vnd wächsin Bild, in der Groß und schwäre yhme gleich." Das half und sie „hält auch 
die Kirchfahrt sampt Darstellung des Bilds, so ein Centen vnnd 4 Pfund gehalten, aus- 
I geführt 5)". Der Barbara Vrbanestermannin voa Wasserburg war 1509 schier das halbe 

/ Bein abgefault. Um Heilung zu erzielen, verlobte sie sich zu S. Wolf gang mit einer 

Kirchfahrt und „wächsin Bild, so schwer als sie dazumalen gewogen, nemblichen hundert 
vnd zweintzig Pfund. Nach sollichem ist sie alsbal4 gesund worden*)". 

Handelt es sich hier um Bürger und Bauern, die ihr lebensgroßes Wachsbild dem 
Heiligen widmen, so führen Fürsten nicht minder das gleiche aus, wie das Beispiel des 
bekannten Ottheinrich, des Pfalzgrafen bei Rhein, erweist, der 1518 mit einem ganzen 
Troß von Rittern und Adligen von Heidelberg zu S. Wolfgang am Abersee pilgerte. 
Er hatte bei einem Turnier ein Bein gebrochen und lag aufgegeben darnieder. Da 
setzten seine Getreuen ihr Vertrauen in S. Wolfgang und haben „jhn auß schuldigstem 
Mitleyden, zu dessen würdigen Gottshauß mit einem wächsincu Bild, welches so schwär, 

*) Synopsis, S. 158. 

«) S. Wolfgaog, S. 6, 7. 

■) Synopsis, S. 218. 
*s \ *) S. Wolfgang, S. 58. 

:o^\ ^ *) S. Wolfgang, S. 16. 

•) S. Wolf gang, S. 71. 



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06 Portratfiguren als Votive. Wiokelkinder. 

als jhr fürstl Gnaden sein solt, das denn noch heuttigen Tags (1599) bey S. Wolffgangs 
Altar nebeln andere großen Herrn, Königen vnd Füi-sten Staads Personen Bilder zu sehn, 
persönlich Kirchfahiiien zu raison, verlobt '^, was der gesundete Fürst auch ausführte *). 
Noch heute werden lebensgroße, porträtähnliche Wachsfiguren in Vierzehnheiligen bei 
Lichtenfels in Franken bei den Franziskanern geopfert. Männer und Weiber, Soldaten 
und Bürgerliche stehen da in zwei Seitenkapellen in Glaskästen umher, wie die Wachs- 
figuren hl einem Panoptikum. 

Größere, aus Holz geschnitzte menschliche Votivfiguren habe ich nur einmal ge- 
troffen. Bei ihrer Ait der Darstellung, die sie deutlich als Leidende kennzeichnet, ist es 
ausgeschlossen, sie als zu einem größeren hölzernen Gruppenbilde gehörig anzusehen, etwa 
von einer Kreuzigung, die oft mit zahlreichen Menschenfiguren umgeben ist Diese Figuren, 
ein Mann und ein Weib, nach der Tracht zu schließen, etwa um 1700 gut geschnitzt, be- 
fanden sich im März 1904 auf dem Dachboden der h. Kreuzkirche zu Schaftlach bei 
Tölz zwischen allerlei Gerumpel (Taf. VI, Fig. 15). Beide sind aus einem Stück Holz 
geschnitzt, gut erhalten und hinten ausgehöhlt, auch dort mit einem eisernen Haken ver- 
sehen, etwa zur Aufstellung an einer Wand. Beide zeigen Spuren ehemaliger Bemalung 
in natürlichen Farben. Die Frau, 1,35 m hoch mit Pelzmütze (?), Kragen, kurzem Über- 
gewand und Schürze bekleidet, hat den linken Arm in einer von der Schulter herab- 
gehenden Binde, die rechte stützt die kranke linke Hand. Der Mann, 1,42m hoch, hat 
lange, gelockte, auf den breiten Kragen herabfallende Ilaare und gefaltete Hände; er ist 
in bittender Stellung, mit dem breitrandigen Hute unter dem rechten Arme, dargestellt 
Während das linke Bein normal gestaltet ist, ist das rechte dick mit Binden umwickelt 
Wir sehen also große schwere Holz- und Wachsbilder von einfachen Leuten sowie 
hohen Herren und Fürsten, ja wie der Mirakelschreiber sagt, selbst von Königen, in den 
Kirchen als Votivgaben stehen. Wie aber das Wachs ein beliebter Stoff für die Weihe- 
gaben war, so nicht minder das Eben, das ja in früheren Zeiten weit wertvoller als 
heute war. Und wie man lebensgroße und menschenschwere Gebilde aus Wachs den 
Heiligen verlobte, so gestaltete man auch solche aus Eisen. Das führt uns hinüber zu 
den vielbesprochenen Würdingern oder Leonhai'dsklötzen , die nichts anderes sind als 
große eiserne Votive, bestimmte Personen daretellend, von denen sie den Heiligen ge- 
weiht wurden. 

Betrachten wir jedoch, ehe wir uns den Würdingern zuwenden, die weit häufigeren 
kleinen menschlichen Opferfiguren. Alle Lebensalter sind vertreten, vom Wickelkinde 
au. Erkrankt das Kind oder geht eine Geburt nicht schnell vonstatten, dann geloben 
die Eltern eine Kindsfigur, ein Wickelkind zum Heiligen. „Elisabeth Vetzmeierin von 
Wangen ist drei tag auf Stro gelegen, da hat sie sich mit einem wächsin Kind verlobt, 
ist nach solchem Gelübd alsbald erfrewt worden 1589." Als das Kind der Anna Reis- 
mayern von Degernbach 1590 schwer an den Blattern darniederliegt, „verlobts derowegen 
mit 1 wächsin Kindleiu, habens nach solchen gelübd die Blattern bald verlassen" 3). 

Die Wickelkinder, gewöhnlich in den Alpenländem Fatschenkinder genannt, vom 
italienischen fascia. Binde, sind in Wachs oft sehr schön ausgeführt, namentlich diejenigen 
aus dem 18. Jahrhundert (Taf. VI, Fig. 16) mit nachgeahmtem Spitzenhäubchen und 
verzierten Binden. Auch ganz nackte kleine Kindei*figuren werden geopfeit. Im Elsaß 
zeigen die Wickelkinder aus Wachs, die dort in der Wallfahilskapelle Mariental hängen, 



») S. Wolfgang, S. 105. 

«) S. Leonardu8, Blatt 30 und 28. 



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Mensohliobe Opferfiguren aus Wachs und Eisen. 97 

Skelettdarstellung oder wenigstens die Andeutung der Rippen i). Auch eiserne Wickel- 
kinder kommen vor, wie Fig. 17, Taf. VI zeigt, aus S. Leonhai-d im Lavanttal ein 
Exemplar, das 10 cm hoch ist, die Brüste angedeutet hat und bei dem die Wickelbinden 
durch einfache Schlagmarken dargestellt sind. Hölzerne geschnitzte und bemalte, bis 
55 cm lange Wickelkinder liegen von Drei Brunnen bei Trafoi, Tirol, vor. 

Die menschlichen Opferfiguren aus Wachs, von denen besonders schöne Exemplare 
vorhanden sind und die heute noch bei den Wachsziehern in den alten Formen gegossen 
werden, sind alle durch die betende Stellung der Hände als Votive gekennzeichnet Sie 
haben ihren hauptsächlichen Wert, abgesehen von ihrer Bestimmung, dadurch, daß sie 
vorzügliche Trachtendarstellungen darbieten, bei denen alle Einzelheiten der Kleidung 
mit großer Sorgfalt hergestellt und in rotem oder weißem Wachs abgegossen sind 
(Taf. VI u. VII, Fig. 18 bis 20). Die noch heute benutzten Formen gehen bis in das 
17. Jahrhundert zurück und es macht einen komischen Eindi'uck, wenn ein Bauer in den 
Alpen dem Heiligen seine ganze Person opfert und als Vei*sinnbildlichung dafür einen 
Wachsmann in der Tracht des 17. oder 18. Jahrhundei-ts wählt Gegenwärtig wählt 
man bei den Wachsziehern meistens 10 bis 12 cm hohe Figuren zum Opfern. Größere, 
deren Formen hier und da noch vorhanden sind, kommen bis 50 cm hoch vor, sind aber 
Musealstücke geworden. Die älteren sind massiv oder mit dicker Wand gegossen, die 
neueren sind dünnwandig und zerbrechlich. 

Während die ganzen menschlichen Opfei-figui-en aus Wachs heute noch häufig sind, 
gehören die eisernen der Vergangenheit an; sie werden nicht mehr hergestellt und sind 
nur noch, wenn auch nicht gerade häufig, zwischen den eisenien Tierfiguren der Wall- 
fahrtskirchen oder in der Erde vergraben zu finden. Ihre Größe schwankt von wenigen 
Centimetem bis zu 40 und 50 cm, doch sind Exemplare dieser Art selten. Dahin gehört 
eine am Ende des 18. Jahrhunderts zu Göppingen bei Augsburg ausgegrabene, die sich 
jetzt im Augsburger Museum unter Nr. 159 befindet Die Höhe beträgt 26 cm, das 
Gewicht zwei Pfimd, ausgezeichnet ist sie durch die Darstellung des Bai'tes. Reiser, 
der zuerst auf die Figur hinwies »), hielt sie noch für einen vindelizischen Hausgötzen! 
Zu den mittelgroßen Figuren gehört auch die 43 cm hohe im bayerischen Nationalmuseum 
(Vorraum 31) befindliche und der Gefangene S. Leonhards (S. 48) in unserem Besitze. 
Ein schönes Stück ist auch ein Reiter (?) in der Sammlung des historischen Vereins für 
Oberbayem. Ich halte die 23 cm h(jjie Figur für einen Reiter, weil die ausgebuchtete 
Gestaltung der Beine darauf hinweist. Durch ein eingepunztes Muster ist die Kleidung 
angedeutet und außerdem trägt die Figur einen Hut, was sonst bei diesen Eisenfiguren 
nicht vorkommt (Taf. VII, Fig. 21). 

Schon bei der Schilderung der Wallfahrten habe ich eine kleine eiserne Menschenfigur 
abgebildet, welche die Kennzeichnung des Wallfahi-ers in Kieuzesstellung zeigt, eine 
andere bei dem Abschnitte über S. Leonhard, die einen Gefangenen des Heiligen mit 
Leibring darstellt (S. 32 u. 48). Sowohl männliche als weibliehe kleine Opferfiguren wurden 
aus Eisen geschmiedet; die letzteren gewöhnlich durch die lange Bekleidung ausgezeichnet, 
während die männlichen ganz nackt sind. Die betende Frau von S. Leonhard in Kärnten 
mit roh ausgeführtem Gesichte ist im oberen Teil massiv, im unteren hohl, über dem 
Dome geschmiedet und 15 cm hoch. Das Kleid ist mit einfachen eingeschlagenen 
geometrischen Verzierungen versehen (Taf. VIT, Fig.' 22). Die zweite weibliche Figur 



») Globus, Band 82, S. 70, Fig. 2. 

*) Antiquarische Reise von Augusta nach Viaca 1829, § 2. 
Andree, Votive und Weihegaben. 13 



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98 MenBohliohe Opferügaren aus fSBen, Holz und Silber. 

vom gleichen Orte ist 12 cm hoch nnd aus Eisenblech. Sie zeigt noch die Spuren von 
Bemalung: Gesicht und Hände gelblich, die Augen schwarze Kreisflächen, die Jacke 
grün, der Gürtel rötlich, das Kleid blau (Taf. VIII, Fig. 23). Unbekleidete, als weib- 
liche gekennzeichnete Figuren von Eisen sind selten. Eine solche mit ausgebildetem 
weiblichen Geschlechtsteile befindet sich im Museum Ferdinandeum zu Innsbruck. Sie 
soll aus dem Nonsberge in Südtirol stammen (Taf. VIII, Fig. 24). 

Die beiden eisernen männlichen Figuren (Taf. VIII, Fig. 25 und 26) stammen 
gleichfalls von S. Leonhard bei Preblau, sie sind 13 und 14 cm hoch und in betender 
Stellung aufgefaßt. Wie einfach und roh man solche Eisenmännchen oft gestaltete und 
wie einige Phantasie dazu gehört, um eine bittende menschliche Figur darin zu erkennen, 
zeigt Taf. VIII, Fig. 27, welche unserer Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigeu entstammt. 

Menschliche Figuren aus Holz sind seltener. Die großen von Schaftlach (Taf. VI, 
Fig. 15) wurden bereits erwähnt. Während man nun in älterer Zeit auf die Holzfiguren 
Kunst und Geschick verwendete, zeigt sich der Verfall, der vielfach bei der Aus- 
gestaltung der Opfergaben zu beobachten ist, bei den menschlichen Figuren sehr deutlich. 
Im Elsaß ist man schon auf das Ausschneiden des Köi*pers aus dünnen Holzbrettern ver- 
fallen. Solche Figuren habe ich zu Kaysersberg und in der Marienkirche zu Drei Ähren 
über Kolmar gesehen. Die auf Taf. VIH, Fig. 28 wiedergegebene Figur ist 30 cm 
hoch, kindlich naiv aufgefaßt, mit einem Loch im Kopfe zum Aufhängen versehen. Das 
darauf mit Bleistift geschriebene „O Maria hilf^ kennzeichnet sie als Opfer eines 
kranken Menschen. Auch Arme, Hände, Beine werden dort in gleicher Weise mit der 
Laubsäge aus dünnen Brettern ausgeschnitten und geopfert 

Große silberne menschliche Opferfiguren habe ich nicht gesehen. Was in diesem 
Metall geopfert wurde, besteht aus Figui'en und Familiengruppeu, welche in getriebenem 
Silberblech mehr oder minder gut hergestellt sind. Diese meist auf schwarzem Samt 
befestigten dünnen Silberfiguren kommen schon im 16. und 17. Jahrhundert vor und 
reichen in die Gegenwart hinein, wie die auf ihnen vertretenen Trachten beweisen. Vor- 
rätig sind sie nicht bei den Silberschmieden, sie werden auf Bestellung jedesmal neu 
gefertigt, gerade so wie die silbernen menschlichen Körperteile oder Tiere ^). Es sind 
meistens kleinere Samttafeln, wie die beiden abgebildeten (Taf. IX, Fig. 29 und 30) von 
12 X 16 cm Größe, die Figuren fast stets kniend und mit zum Gebet gefalteten Händen. 
Wir sehen eine Kranke im Bette und über ihr S* Leonhard mit der Kette und eine 
Frau mit der Linzer Haube, vor ihr ein silbernes Wickelkind und imten ein Täfelcheu 
mit: Ich verlobe. F. T. S. 1856»). 

*) In der handschriftlichen „Goldenen Gnadenverfassung" von Maria Piain bei Salzburg sind 
z. B. folgende Fälle eingetragen. 1692. Hofmedicus Lospichler opfert „eine silberne Mannsperson auf 
schwarzem Sambt". — 1702. Der junge Graf Churland opfert „das silberne Bild eines Fräulein auf 
schwarzem Sammt". — 1711. Johann Berchthold, Salzfertiger in Laufen, opfert eine Sammttafel mit 
vier Knaben in Silber. — 1715 ist eingetragen eine schwarz sammetne Tafel mit silberner Manns- 
und Weibsperson und acht Kindern. 

*) Auch die russisch - orthodoxe Kirche kennt solche aus Silberblech geschlagenen Votivfiguren, 
desgleichen Beine, Hände, Herzen aus dem gleichen Metalle. Aus Taganrog in der Ukraine sind sie be- 
schrieben von Th. Volkov (Bull. d. 1. soc. d'Anthropologie 1903, p. 108). II y en a quelques-uns 
qui sont des portraits de personnes gu^ries par Ticone ä laquelle ils ont ete offerts. Ce sont les 
Images repoussees egalement sur les plaques d'argent, dont le costume et les d^tails d^omementation 
tres conventionell certifient sans doute leur provenance bien moderne. L'une des ces plaquettes 
port Pinscription zdravii Alexandra (pour la sante d* Alex andre) ce qui fait croire qu'elle etait 
donnee a Ticone non pas post factum de guerison mais bien d'avance pour disposer le saint a guerir 
celui qui est represente sur la plarjuette avec toute la ßdelite possible. 



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Menscbliche Opferfiguren aus Papier. 99 

Ich will hier auch die ans Papier geschnitzten MenschenfigureD und Körper- 
teile erwähnen, die den höchsten Verfall der Opfergaben darstellen, die billigen, niedrigen 
Ausläufer jener Figuren und Glieder, die man sonst aus Metall, Holz, Wachs darstellt. 
Auch die Ärmsten hatten früher so viel Geld, um zu einem dieser Stoffe greifen zu 
können, das ist aber wenigstens im Elsaß nicht immer mehr der Fall, denn gerade hier 
sind die aus Papierbogen mit der Schere ausgeschnittenen Hände, Arme, Füße und 
ganzen Figuren häufig. Es ist die roheste kindliche Arbeit, an der das darauf geschriebene 
„Maria hilf ^ nichts verschönert. In der über dem Friedhofe an einen Felsen angebauten 
sehr alten S. Wolfgangskapelle zu Kaysersberg traf ich diese Votive massenhaft; sie 
hingen bündelweise, wie Papierdüten beim Krämer, an der Wand und werden gelegentlich 
verbrannt (Taf. X, Fig. 31). 

Die Japaner sind schon längst auf solche einfache Papierfiguren als Weihegeschenke 
verfallen. Zweimal jährlich, im sechsten und zwölften Monate, findet in allen Schinto- 
tempeln ein symbolisches allgemeines Reiuigungsfest statt, 0-barai genannt, wobei aus- 
geschnittene Papierfiguren, die Uji-Ko, die Pfarrkinder des Tempels darstellend, vor den 
Altar des Kami gelegt und diesem geweiht werden. Man wirft sie später in das nächste 
fließende Wasser, das symbolisch mit den Papierfiguren alle Sünden und Krankheiten 
der Weihenden mit fortspült >). 

Auch die Chinesen sind mit dem Opfer solcher Papierfiguren vertraut. When one 
iß very sick a ceremony is performed, the object of which is principally to propitiate 
the god. The ceremony takes its distinctive name from a rüde picture of a human 
being drawn or cut out of a piece of paper, representing the sick man. Damit wird ein 
Stück falsches Papiergeld verbunden, allerlei priesterliche Zeremonien erfolgen dabei 
und das Papierbild wird verbrannt This representative image is supposed to carry off 
whatever interferes with the recovery of the sick man^). 



') Dr. F. A. Janker von Langegg, Segenbringende Reisähren 1880, ü, S. 204. 
*) J. Doolittle, Social Life of the Chinese. New York 1866, I, p. 152. 



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Würdinger und Leonhardsklötze. 



Man hat wohl versucht, die meistens sehr roh geai'beiteten , aber in einigen Fällen 
auch besser ausgestalteten großen Eisenfiguren, die in nicht allzu bedeutender Zahl sich 
erhalten haben, mit fiüheren Götzenbildern oder die geharnischten mit römischen Ritter- 
figuren in Zusammenhang zu bringen. Allein für beides liegt kein stichhaltiger Grund 
vor. Sie sind einfach, wie wir im vorigen Abschnitte schon gesagt haben, große Votiv- 
figuren, zum Teil das Eigengewicht des Weihenden darstellend. Sie führen in einer nach 
Maß und Gewicht leicht feststellbaren Reihe von meterhohen Figuren bis zu den wenige 
Centimeter großen hinab. Die großen sind die Gaben der Reicheren an den Heiligen, 
die kleineren die der ärmeren Leute, jene sind seltener, diese weit häufiger noch vor- 
handen. Die ausgearbeitete Figur ist, als Ebenbild des Weihenden gedacht, wirksamer 
als das in natura (meistens als sog. „Schieneisen") geopferte Eisen, das in den Eisen- 
kammern der Kirchen niedergelegt und dann wieder zum Verkaufe gebracht wurde. 

Die großen eisernen Figuren, die wir an Wallfahrtsorten noch finden, sind also 
nur Votivbilder, an die wegen ihrer Größe, Schwere und wegen ihres Aussehens sich 
mit der Zeit allerlei Vorstellungen und Aberglauben anknüpften. Sie waren auch unver- 
gänglich, kamen nicht leicht abhanden wie kleine andere Figuren, wurden auch nicht 
schnell beseitigt, wenn auch die eine oder die andere in die Schmiede gewandert ist^). 

Am berühmtesten sind die Leonhardsklötze , wie man sie ihrer plumpen Gestalt 
wegen auch bezeichnet, zu Aigen am Inn; unter ihnen nimmt den ersten Rang ein der 
Würdinger. Mit Ausnahme eines einzigen sind diese Votive Rumpffiguren ohne Beine 
mit etwas verbreitertem Grunde, damit sie gut aufgestellt werden konnten. 

In Aigen bei S. Leonhard befinden sich noch sechs Stück. Sie werden aufbewahrt 
in einer neben der Kirche beim gotischen Turme angebauten Bretterhütte, über deren 
Türe zwei Bauern abgebildet sind, welche sich damit abmühen, den Würdinger zu heben; 
es ist das ein neueres Bild. Der Boden der Hütte ist mit lockerem Sande bedeckt, auf 
dem gewöhnlich die Eisenfiguren unregelmäßig umherliegen. Eine Stelle unter den 
vielen Votiven der Kii-che haben sie nicht mehr; sie dienen lediglich noch den Kraft- 
und Gewissensproben der Bauern, wofür diese ein kleines Eintrittsgeld in die Hütte 
zahlen, wenn am Leonhardifest der Gottesdienst beendigt ist. ' 

1. Das größte und vornehmste Stück ist der sog. Würdinger, dessen Name auch 
als allgemeine Bezeichnung für solche Eisenfiguren gebräuchlich wurde, und an dem nur 



*) Ich kenne ein paar Fälle, daß in der letzten Zeit solche große eisernen Votivfiguren ver- 
schwunden sind. Noch im Anfange der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stand zu S. Leonhard 
bei Grödig im Salzburgischen ein 2 bis 3 m hoher Eisenmann im Erdgeschoß des Turmes, der früher 
seinen Platz in der Kirche selbst hatte. In der gleichen Kirche standen zwei große „geharuischte 
Klötze von Eisen", die von den Rittern des nahen Guntrat herstammen sollten und bei einer Restau- 
rierung der Kirche in den neunziger Jahren verschwanden. (Mündliche Mitteilungen.) 



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Die Leonhardsklötze zu Aigen. 101 

sehr starke Mäoner ihre Kräfte erproben können. Der Name hängt zusammen mit dem 
bayerischen Ministerialengeschlecht Würdinger, das seit 820 vorkommt i). Da es sich um 
eine gehamischte Ritterfigur handelt, so ist die Annahme nicht unberechtigt, daß der 
schwere Eisenmann ein S. Leonhard von einem Ritter Würdinger gelobtes Votivbild, 
ihn darstellend, ist Eine andere, positiv auftretende Nachricht besagt, er sein ein 
Geschenk der Pfarrangehörigen des nahe bei Aigen liegenden Dorfes Würding, „wie 
eine Urkunde aufwies, die im Jahre 1861 in Würding verbrannte" 2). Dabei ist nur 
nicht einzusehen, wie eine Dorfgemeinde gerade zur Darbringung einer eisernen Ritter- 
figm* gekommen sein sollte , während doch sonst die Bauern zu ganz anderen Weihe- 
geschenken griffen. 

Der Würdinger ist eine zum Aufstellen als Votiv bestimmte Rumpffigur ohne 
Beine. Der Kopf ist abgebrochen, kann aber, wie es die Abbildung (Taf. X, Fig. 32) 
zeigt, leicht aufgesetzt werden. Der Rumpf ist 48cm, der Kopf 30cm hoch; ersterer 
wiegt llOVa^^g» letzterer 35 kg. Das abgeschlissene bärtige Gesicht, aus dem die Nase 
nur wenig hervortritt, mit tiefliegenden Augen, zeigt einen ernsten Ausdruck. Auf dem 
Haupte sitzt eine hohe Kesselhaube ohne Visier mit Nackcnschirm und Wangenschutz. 
Den Körper deckt eine Rüstung, auf der Brust ein nicht mehr zu erkennendes Wappen, 
die Schamteile sind geschützt, die Hände vor der Brust gefaltet. Ursprünglich saß der 
Kopf auf der Figur; sie wurde vei-stümmelt durch eine handfeste Rottaler Bäuerin, 
welche, so erzählt man, im 17. Jahrhundert das Eiseubild auf die Galleiie des Turmes 
hinauftrug und von dort triumphierend herabstürzte, wobei der Kopf abbrach. Der 
Würdinger wird auch als „Männer -Lionel" bezeichnet, weil an ihm nur die Männer mit 
Heben sich versuchen, doch wird diese Benennung auch auf die eine oder andere Figur 
übertragen. In der Literatur herrscht einige Verwirrung in der Bezeichnung der ein- 
zelnen Leonhardsklötze von Aigen, welche dadurch noch gefördert wird, daß die Be- 
schreibungen ohne Abbildungen veröffentlicht wurden. Die nachfolgenden Benennungen 
können, als aus der besten Quelle ») geschöpft und an Ort und Stelle von mir kontrolliert, 
als richtig und zuverlässig gelten. 

2. Der Weiber-Lienel (Taf. X, Fig. 33), 48cm hoch, wiegt 49V2kg. Rumpf 
ohne Arme. Der dicke Kopf auf kurzem Halse zeigt Eindrücke, welche Augen, Nase 
und Mund darstellen sollen. 

3. Der Ranagl oder Rauhnagel (Taf. X, Fig. 34), 40cm hoch, 36kg schwer. 
Rumpf ohne Kopf, Anne und Beine, mit abgesetzter Brust. 

4. Der Gwandzerreißer (Taf. X, Fig. 35), 48cm hoch, 491/2 ^g schwer. Rohe 
Figur mit Andeutung der Augen im runden Kopfe. Ansätze der Arme vorhanden, als 
ob sie nicht fertig gearbeitet worden seien; ebenso ist der untere Teil sehr unregel- 
mäßig. Die Figur ist wegen ihrer Ecken sehr unbequem zu heben und mit ihren vor- 
springenden Teilen den Kleidern dabei gefährlich, daher der Name. 

5. Das Kolmänndl (Taf. X, Fig. 36), 50cm hoch, 28Vakg schwer. Rumpffigur 
ohne Arme. Der fast dreieckige Kopf zeigt Andeutungen von Augen, Nase und Mund 
und vorapringendes Kinn. Ob der Name auf S. Koloman zurückgeht? 



*) Vgl. Beiträge zur Geschichte der Familie Wirtinger, Wirtiog, Würdinger in den Ver- 
handlungen des historischen Vereins für Niederbayern, Bd. VI, S. 249, wo aber der Figur in Aigen 
nur nebensächlich gedacht und ihr Zusammenhang mit dem Namen des Geschlechtes nicht auf- 
geklärt ist. 

*) Kalender 1876, S. 101. 

■) Gütige Mitteilung des Herrn Benefiziaten Martin Wenzl in Aigen. 



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102 I>&8 „Sohutsen*' der Wärdinger. 

6. Das Fatsohenkind, Wickelkind, die kleinste und dünnste, nur 40cm hohe und 
6Vskg wiegende Figur, bei welcher aber die Beine ausgebildet und die schwach ent- 
wickelten Arme auf der Brust gefaltet sind. Der runde Kopf mit angedeuteten Augen 
und Nase sitzt auf beinahe ebenso breitem Halse. Der mundartliche Name geht auf 
italienisch fascia. Binde, Wickel, zurück (Tafel XI, Fig. 37). 

Mit diesen Figuren werden nun am Leonhardsfeste die Kraft- und Gewissensproben 
ausgeführt Die Burschen begeben sich nach dem Gottesdienste nach der Würdiuger- 
hütte, aber auch die Weiber sind als Zuschauer dabei. Es ist keine leichte Arbeit und 
erfordert gewaltige Muskelkraft, einen der schweren Eisenklötze bis auf die Schulter 
zu heben, zu „schützen^, denn nur, wenn der Klotz bis dahin gelangt, wird das Werk 
für vollendet angesehen. Darauf wird die Figur hintenüber in den Sand geworfen. Ist 
die Sache heute auch wesentlich Schauspiel, die prahlerische Vorführung der bewunderten 
Körperkraft geworden, so sind doch die alten, ursprünglichen Vorstellungen dabei noch 
lebendig, nämlich, daß dieses Heben gegen Krankheit im kommenden Jahre schütze, 
besonders aber, daß nur der Reine das Werk zu vollbringen vermöge, nicht aber jener, 
der mit einer Todsünde belastet ist^). 

Am nächsten verwandt mit dem eigentlichen Würdinger ist eine jetzt im bayerischen 
Nationalmuseum (Vorraum 31) befindliche Rumpffigur, die auch als Würdinger bezeichnet 
wird (Taf. XI, Fig. 38). Sie stammt aus Grongörgen, Pfarrei Haarbach im Landgerichte 
Griesbach, Niederbayem. Dieser Torso ist 58 cm hoch und 30 cm breit; es ist kein 
Kopf dabei vorhanden, wahrscheinlich auch keiner vorhanden gewesen, denn an der 
Stelle, wo der Hals ansetzt, ist kein Bruch zu sehen, sondern eine mit einer Rinne um- 
gebene, glitte konvexe Fläche. Auf der Brust drei Wappenschilder, oben die bayerischen 
Rauten, unten ein Löwe und im dritten Schilde ein Mann ohne Beine, mit spitzem Hute 
und ausgestreckten Armen. Die Hände des gepanzerten Ritters sind vor der Brust ge- 
faltet Auch diese Figur wurde an ihrer ursprünglichen Stätte von den Bauern gehoben; 
da sich aber viele dabei beschädigten, so brachte man sie in das Kellergewölbe der 
Fronfeste zu Griesbach, von wo sie nach München wanderte. In der Gesellschaft dieses 
Würdingers befand sich eine noch etwas kleinere eiserne Rumpffigur, die jetzt ebenfalls 
im bayerischen Nationalmuseum steht Sie ist 47 cm hoch und hat eine Schulterbreite 
von 22cm. Auch dieser Torso ist kopflos, zeigt eine Rüstung, hat aber keine Arme, 
sondern an den Schultern da, wo jene ansetzen sollten, zwei Löwenköpfe, wie sie bei 
den späteren Rüstungen und Abbildungen der Barockzeit vorkommen*). 

Diese großen Figuren sind aus Eisen, aus welcher Art von Eisen, darüber herrschte 
jedoch Verwirrung und verschiedene Ansicht Die einen sagten Schmiedeeisen und 
dachten dabei wohl an andere Votivfiguren, die sicher aus solchem hergestellt sind. 
Auch vom „Fatschenkinde^ kann man als sicher annehmen, daß es aus Schmiedeeisen 
besteht Von dem Würdinger in Aigen sagt Panzer, daß er gegossen sei, und auch 
die Würdinger von Grongörgen bestehen nach der gleichen Quelle aus Gußeisen«). Von 
außen läßt sich das nicht entscheiden. Auf meine Veranlassung unternahm daher mit 
Bewilligung der Direktion des bayerischen Nationalmuseums Herr Hofschlossermeister 



^) Zu diesen Würdingem möge noch verglichen werden Panzer II, S. 33, 390. Bavaria I, 
1001. Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 17. November 1888. Kalender 1876, 8. 101. 

') Panzer n, S. 36, will in diesem Gebilde „römische Abkunft'' erkennen. Der Rumpf reiht 
sich aber seinen echt deutschen Genossen so eng an, daß man, trotz der Löwenköpfe, nicht auf 
römischen Ursprung schließen darf. 

•) Panzer II, S. 33 und 86. 



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Der EiseDinaiin von Buttenwiesen. Der Leonhardsnagel za Inchenhofen. 103 

Bußmann eine Untersuchung der beiden Würdinger von Grongörgen und fand, daß es 
sich um Gußeisen handele. Das Korn der kleinen Figur ist weit feiner, als das der 
großen, was, nach Hen-n Bußmanns Ansicht, darauf deutet, daß sie jünger als die 
größere ist. 

Dagegen handelt es sich unzweifelhaft um Schmiedeeisen bei dem sich hier an- 
schließenden großen Eisenmann von Buttenwiesen, der im Augsburger Museuro, 
bezeichnet Nr. 160, steht und der sicher ein großes Votivbild darstellt Die hier abge- 
bildete Figur (Taf. XI, Fig. 39 a und b) ist 87 cm hoch und stellt einen Mann mit 
betend erhobenen Händen dar. Das Eisenstück, aus dem sie besteht, ergab einen viel 
zu schmalen Körper, an welchen der unverhältnismäßig dicke runde Kopf angeschmiedet 
ist. Er zeigt die aus der niedrigen Stime vorspiingende Nase, die Augen, Ohren und 
den Mund mit hängender Unterlippe, das Kinn ist nicht ausgedrückt. Die Arme sind 
angeschmiedet, nach vom gebogen, wo die breiten Hände mit roh angedeuteten Fingern 
vor der Brust in betender Haltung zusammenstoßen. Die Beine sind ungegliedert, steif, 
die Zehen durch Einkerbungen in die Füße bezeichnet 

Diese Figur und eine andere viel kleinere, nur 26 cm hohe, in dem gleichen Museum 
befindliche (Nr. 159), hat schon die Aufmerksamkeit Raisers erregt >) und ihm ver- 
danken wir auch den Bericht über die Auffindung der Figur. Sie stand seit längerer 
Zeit im Pfarrhause zu Buttenwiesen, Landgericht Wertingen, auf dem Dachboden, wo 
sie in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelegentlich einer Bauuntersuchung 
vom Bürgermeister Böhm aus Donauwörth gefunden und gegen den Eisen wert (das 
Pfund sechs Kreuzer) erstanden und später in das Angsburger Museum abgeliefert 
wurde. Genau so, wie es beim Würdinger von Aigen geschildert wurde, fanden auch 
mit dieser Figur zu Buttenwiesen „fromme Übungen", d. h. das Heben und „Schützen" 
statt, worauf ich zurückkomme. Wiewohl Kaiser selbst berichtet, daß die Figur schon 
für ein altes christliches ex voto-Bild gehalten worden sei, fühlte er doch ein weiter- 
gehendes antiquarisches Bedürfnis, sie als einen vindelizischen Schutz- und Hausgott zu 
erklären, worauf wir aber nicht näher einzugehen brauchen, da alle seine hierfür aufge- 
führten gelehiten Beweise leicht zu widerlegen und hinfällig sind. 

Wenn auch kein unmittelbares Votiv, so gehört doch der berühmte eiserne Leon- 
hardsnagel zu Inchenhofen, über den schon viel geschrieben wurde, hierher, denn 
er ist aus Votiveisen entstanden. Fiüher sind deren zwei zu Inchenhofen vorhanden 
gewesen, denn 1701 schreibt Woning*), daß erst vor wenigen Jahren ein Bauer von 
Irenhausen beim Ackern einen ganz ähnlichen ausgepfiügt habe. In älterer Zeit ist aber 
stets nur von einem bestimmten, dem heute noch vorhandenen Nagel die Rede. Wahr- 
scheinlich hat er früher in der Leonhardskirche selbst gestanden; ich fand ihn jetzt zur 
Seite der Kirchentür, wo er schon seit längerer Zeit sich befinden soll mit zwei Eisen- 
klammem an einen Eisenpfahl angeschmiedet Der Nagel (siehe Fig. 20 a. f. S.) ist 
eine 90 cm hohe, nach oben zu leicht verjüngte schmiedeeiserne Walze von oben etwa 
10, unten 15 cm Durchmesser. Er ist ganz glatt und sieht stark abgenutzt aus. Sein 
Gewicht wird in den Mirakelbüchem wiederholt zu 242 Pfund angegeben — er ist also 
eine recht schwere Bürde. Auch ältere Abbildungen sind vorhanden und nach diesen 
läuft er nach oben hin spitzer zu, scheint auch an der unteren Seite mit einem Loche 

') Kaiser, Denkwürdigkeiten des Ober-Donaukreises 1829. I. Antiquarische Reise vonAugusta 
nach Yiaca. I. Göppingen, § 2. 

*) Historisch • topographische Beschreibung des älteren und niederen Bayerns, S. 66. Panzer 
n, S. 32. 



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104 



Der Leonhardsnagel zu Inchenhofen. 



Fig. 20. 



versehen gewesen zu sein. Ich gebe hier die Abbildung (Fig. 21) des Leonhardsnagels 
nach dem Titelkupfer auf der Synopsis miraculorum MDCLTX. 

So lange der Nagel noch nicht angeschmiedet wai', ist er von dem Landvolko 
gleich dem Wiirdinger und anderen eisenien Figuren gehoben und geschleppt worden. 

Dabei ist er wiederholt abhanden gekommen, der Schleppende 
warf ihn einfach fort , wenn er ihm zu schwor wurde i), 
denn die andächtigen Wallfahrer sollen ihn angeblich zwei 
bis drei Meilen geti*agen haben und er wiegt doch fast 
2V2 Zentner 2). Immer aber ist der Nagel, was als wunder- 
bare Eigenschaft erkläi*t wird, wieder zur S. Leonhardskirche 
zurückgekehit, „vnangesehen er offtermal in Koth vnd Wasser- 
brönnen verwoiiEen aber jederzeit wiederumb erfunden". Im 
Jahre 1633 versuchte, zur Zeit des Schwedeneinfalls, ein 
Lutheraner den Nagel nach Augsburg zu entführen, „etwan 
ein Stück Gelt dai*auß zu erschmelzen" oder um ihn der Ver- 
ehning der katholischen Schwaben zu entziehen, aber der 
Wagen zerbrach und die Entführung unterblieb, denn S. Leon- 
hard, der große Magnet, zog sein Metall wieder an sich «). 
Es fragt sich nun, was ist die ursprüngliche Bedeutung 
dieses Nagels, wobei wir eine ältere, einfache und uns zu- 
sagende Erklärung finden und eine neue, an mythologische 
Beziehungen anknüpfende. 

Schon im Mii-akelbuch von 1659 wird berichtet, daß 
der gi'oße eiserne Nagel, welcher zu Inchenhofen „das be- 
wußte Kenn- und Warzaichen ist, vor vnfürdenklichen Jahren 
aus dem geopffeiten Eysenwerk von 242 Pfund schwer, zum angedenken der vesten 
Saul, daran der Tyrann die Ketten Maui*am gehefftet, in eine solche Massam zusammen- 
gerennet worden" *). Das ist doch eine sehr einfache, klare und genügende Erklärung; denn 

so, wie man geopferte kleinere eiserne Ketten zusammen- 
schmiedete und aus ihnen eine gi*oße anfei*tigte, welche die 
ganze Kirche zu umspannen veimochte, so schmiedete 
(rennte) man dem Heiligen geopfertes Eisen zusammen, 
um daraus eine Säule zu schaffen, welche an jene Säule 
erinnern sollte, die in seiner Legende vorkommt und Bezug 
auf ihn als den bewähilen Schutzpatron der Gefangenen hat 
Danach ließ ein „Graf von Lemusien" (Limousin), um 
die Übeltäter unter seinen Untertanen zu schrecken, an der Außenseite eines Turmes 
eine feste Säule errichten und dai'an eine Kette mit Namen Maura anschmieden. An 







Der Leonhardsnagel vor der 
Kirche zu Inchenhofen. 



Fig. 21. 



Abbildung des Leonhardnagels 

auf dem Titelkupfer der 
Synopsis Miraculorum MOCLIX. 



*) Da hört allerdings die Pietät auf; aber wir wissen, daß es ganzen Heiligenstatuen nicht besser 
ging. In dem Mandat des Herzogs MaximiUan von Bayern vom Jahre 1611, das sich gegen Zauberei 
und Aberglauben wendete, wird den Schmieden verboten, das Bildnis des h. Eligius mit Trommeln 
und Pfeifen in der Stadt umherzutragen, wie es von anderen Handwerkern mit anderen Heiligeustatuen 
geschehe, die „da es nit schön wetter in das Wasser geworffen" wurden, wodurch man die lieben 
Heiligen vei*unehre. Dazu ließe sich noch viel anführen; wenn die Heiligen unbequem wurden oder 
den Willen der Menge nicht erfüllten, setzte man sie ab. 

*) Geiß im Oberbayer. Archiv, Bd. XXI, S. 95 (1859). 

*) Synopsis, S. 31. 

*) Synopsis, S. 30. 



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Der Leonhardsnagel. Das Heben oder „Schützen^. 105 

diese wurden die GefaDgeuen in Wind und Wetter gelegt i). Diese Säule also soll der 
Leonhardsnagel vorstellen und wie massenhaft auch die zu seiner Herstellung nötigen 
Ketten in Inchenhofen vorhanden waren, haben wir in dem Abschnitte über die ketten- 
umspannten Kirchen gesehen. 

Der Ausdruck Nagel scheint schon sehr fiüh auf die eiserne Säule übertragen 
worden zu sein und da das Wort „Nagel" die Bedeutung von Phallus im bayerischen 
Dialekte hat^), so legte man dieser Eiseusäule phallische Bedeutung bei, wiewohl sie 
keineswegs einem Phallus gleicht und nicht die, bei dessen Darstellung stets vorkommende 
übliche Verdickung pach oben hin besitzt, sondern eher spitz zuläuft Wenn daher 
Quitzmann >) sagt, daß der Leonhardsnagel „die größte Ähnlichkeit mit einem kolossalen 
Phallusbilde'^ habe, so ist das unrichtig und er kann den Leonhardsnagel kaum gesehen 
haben. Panzer, der doch auch gerne deutete und die feinsten mythologischen Beziehungen 
herbeiholte, weiß noch nichts von der phallischen Bedeutung der Säule, er nennt sie nur 
„ein Bild des Heiligen" *). Für Sepp hat der eiserne Nagel „phallische Bedeutung", 
auf Beweise läßt er sich aber, wie gewöhnlich, nicht ein*). Noch weiter ging Höfler^^): 
„Es ist eben der Nagel wohl nichts anderes als ein Tierphallus, dessen Symbolik sich 
durch die ganze Geschichte der Natuneligion zieht und dessen Andeutung schon im 
Worte „Maura" liegen mag; es spricht schon des Nagels Form dafür; der Nagel als 
Fruchtbarkeitssymbol ist durch die Gebräuche genügend klai%" 

Bei fast allen hier aufgeführten eisernen Bildnissen, die oft von bedeutender 
Schwere sind, tritt uns der Gebrauch des Hebens, Schützens oder Lupfe ns ent- 
gegen, der nicht nur eine einfache Erprobung großer Körperkraft ist, sondern dem auch 
eine weitere Bedeutung als Hauptsache beigemessen wird: es ist nämlich dieses Heben 
ein Gewissensmesser, es soll, wenn gelungen, bezeugen, daß der Hebende, welcher das 
Kraftstück ausführt, frei von schweren Sünden ist und daß er in der Beichte die Ab- 
solution empfangen hat; auch verbindet man den Wimsch nach einer Fürbitte und 
anderen Entlastungen des Gewissens damit Da dieser Brauch so vielfach wiederkehrt 
und selbst, auf andere Statuen als die eisernen sich erstreckt, so ist er offenbar auf ein 
altes Herkommen gegründet Es werden, nicht nur um Kraftproben anzustellen, sondern 
um eine Art Buße auszuführen und Freiheit von Todsünden zu bezeugen, selbst schwere 
Steine gehoben und getragen. Die Wallfahrer, welche von Berchtesgaden nach Kirchental 
ziehen, ti'effen bald, wenn sie am Hintersee vorüber sind, auf einen freien Platz im 
Walde. Dort liegt ein mächtiger Felsblock und bei ihm ein zweiter immerhin noch 
großer und sehr schwerer Stein; diesen nehmen sie auf und schleppen ihn dreimal um 
den großen Block herum, im Bewußtsein, damit ein gutes Werk zu vollbringen und eine 
Gewissensprobe auszuüben. Das Heben hat ja stets eine besondere Bedeutung gehabt, 
auch in rechtlicher Beziehung und kam bei verschiedenen feierlichen Handlungen vor, 
so das Heben der Braut bei der Hochzeit, bei der Schilderhebung der Germanen 7). 

Wir haben das Heben der Leonhardsklötze in Aigen kennen gelernt und auch das 
Heben und Schleppen des Leonhardsnagels zu Inchenhofen ist nicht andera zu deuten. 



») Synopsis, S. 26. 

•) Schmeller I, 1733, nageln = coire. 
•) Die heidnische Religion der Baiwaren, S. 94. 
*) Panzer II, S. 393. 

^) S^PP) Religion der alten Deutschen, S. 268. 
•) Höfler I, S. 114. 

Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer* I, S. 323, 598. 
Andree, Yotive und Weihegaben. ^^ 



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106 



Heben des Leonhardsnagels und der Leonhardsstatue. 



Fig. 22. 



Schon 1659 hat der CiBterzienser Abt Martinus ^) darüber eine die Sache nach allen 
Seiten erläuternde und ganz rationalistisch klingende Erklärung. Er fragt sich, weshalb 
wohl dieser 242 Pfund schwere eiserne Nagel von den Wallfahrern soweit umher- 
geschleppt werde und gibt darauf folgende Antwort: Einige nehmen aus Andacht ihn 
auf die Schultern, gleichsam als wollten sie aus Buße sich daran abmüden; etliche Ein- 
fältige wollen dadurch erforschen, ob sie noch schwere oder geringe Sünden auf sich 
haben, andere wollen ihre Büfaft erproben und sich damit brüsten. Das möge alles sein 
und jeder könne dabei seine Meinung haben. Es sei aber auch beim Tragen des 
schweren Nagels manchem angst und bange geworden und er sei froh gewesen, die 
eiserne Bürde wieder los zu werden. Martinus setzt dazu ein Versehen: 

(Es) Kann auch eben dieser Nagel, 
Den man will aus Frevel tragen, 
Schneller als der Blitz und Hagel 
Jeden bald zu Boden schlagen. 

Deshalb ist er auch seit längerer Zeit dem Gebrauch des Lupfens entzogen und an den 
eicheneu Pfahl vor der Kirchentür angeschmiedet worden. In Inchenhofen „lupft" man 
heute nur noch eine kleine gußeiserne Leonhardsstatue (Fig. 22), was, wie ich mich selbst 
überzeugte, keineswegs schwer ist. Sie scheint als Ersatz für das Heben 
aufgekommen zu sein, als man den schweren, gefährlichen Nagel davon 
ausschloß. Dieser h. Leonhard steht in einer Nische in einer der Säulen 
der Eii'che, ist 29 cm hoch, sehr roh gegossen, das Gesicht nicht klar 
ausgebildet, die Falten des Mönchsgewandes sind plump. Über der 
Statue stehen die Worte: „Heiliger Leonhard hilf uns." Das etwa 
25 bis 30 Pfund schwere kleine Eisenbild wird von den Wallfahrern 
mit einer Hand dreimal aus der Nische genommen und in die Höhe 
gehoben, geküßt und wieder an seine Stelle gesetzt Dabei hat der 
Hebende dem Heiligen irgend einen Herzenswunsch auszusprechen, 
dessen Erfüllung mau durch seine Fürbitte erhofft. 

Auch von dem jetzt im Augsburger Museum befindlichen großen 
Eisenmanne aus Buttenwiesen sind ähnliche fromme Übungen bekannt 
geworden 2). Als dieser Y4 Zentner schwere „Lehrd" (Leonhard) noch 
in einem Winkel der Kirche stand, wurde er am Leonhardsfeste von 
starken Bauernbm-schen aus Andacht zur Bußübung oder zur Dar- 
stellung der körperlichen £[raft betend und zuweilen selbst auf den 
Knieen rutschend in aufrechter Stellung mühsam um die Kirche ge- 
tragen. 

Wie an die Stelle eines schweren Eisenbildes mit der Zeit ein 
leichteres Bildnis aus Holz treten konnte und der Gebrauch des Lupfens 
und Schützens beibehalten, aber wesentlich erleichtert wurde, kann ich am Beispiele von 
S. Hermann in Bischofsmais nachweisen. Dieser Wallfahrtsort liegt in recht ein- 
samer Gegend des bayerischen Waldes, in der Nähe von Regen. Er wird am 10. und 
24. August, am S. Lorenz- und am S. Bartholomäustage, von zahlreichen Wallfahrern 
besucht, die dort Getreide opfern und viele Votivgaben niederlegen. Neben der größeren 
eigentlichen Wallfahrtskirche fand ich noch zwei Kapellen. Eine runde, aus Stein er- 




Eiseme Statue 

S. Leonhards 

zu Inchenhofen. 



*) Synopsis, S. 31. 

') Kaiser, Antiquarische Beise 1829, § 2, Anmerkung 7. 



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S. Hermann in Bisohofsmais. Marienbild zu Ettal. 107 

baute, welcbe als das eigentlicbe, älteste Heiligtum gilt und über der heiligen Quelle 
erbaut ist Die zweite ist ein hölzernes, sehr bescheidenes mit Votiven ganz erfülltes 
Bauwerk; das älteste Votivbild darin zeigte die Jahreszahl 1646. Wachsgebilde, Zähne, 
silberae Hände und Füße xx. dgl. hingen in großer Zahl hinter Drahtgittem. Hinter 
einem solchen befand sich auch die über meterhohe eiserne Statue des h. Hermann mit 
zum Gebet gefalteten Händen, in Mönchstracht und schwai-z bemalt "Unter ihr steht 
folgendes handschriftlich: „Seit unvordenklichen Zeiten, bis 1856, stand diese Statue 
in der runden Kapelle und wm'de von den Wallfahrern als Günther oder Hermann 
„gehopst". In Privathände übergegangen, wurde sie 1875 wieder zui-ückerlangt und 
hierher gestellt" Dieses ist also der eigentliche eiserne Heilige von Bischofsmais, den 
das Volk auch Eonteri (Günther) nennt, wie es den h. Hermann auch durchweg als 
„Hirmon" bezeichnet Jedenfalls ist der eiserne Heilige ursprünglich in der runden, 
ältesten Hauptkapelle gestanden und als er 1856 bis 1875 abhanden gekommen, wahr- 
scheinlich durch den neuen, hölzernen S. Hermann eraetzt worden, welcher jetzt in der 
alten runden Kapelle steht Letzterer sieht recht modern aus, ist mit Gold und weiß 
bemalt, aber die Malerei ist zu beiden Seiten durch starken Gebrauch abgegriffen, so 
daß das Holz durchschaut An diesen Stellen ergreifen die Wallfahrer die nicht schwere 
Statue und lupfen sie mit beiden Händen. Dabei muß man aber vorsichtig sein, daß 
sie nicht nach vom oder hinten das Übergewicht erhält, denn damit verbindet sich der 
Glauben an noch ungesühnte Sünden des Hebenden, wenn ich auch nicht erfuhr, wie 
gerade das eine oder andere ausgelegt wird. 

Nur 18 Pfund wiegt auch das sehr alte und schöne aus Alabaster gemeißelte 
Marienbildnis zu Ettal, das Kaiser Ludwig der Bayer seinem Stifte zum Geschenke 
machte. Auch diese Marienstatue wird vom Volke als Gewissensmesser gehoben, denn, 
so heißt es, sie sei mehr oder minder schwer zu heben, je nachdem das Gewissen dessen, 
der das versucht, mit Sündenlast beladen ist Wer aber eine Todsünde auf sich habe, 
der vermöge sie gar nicht zu heben. Das Bild wird jetzt auf Verlangen durch eine 
mechanische Vorrichtung aus dem Tabernakel des Hauptaltars hervorgeholt und zur 
Wahrnehmung der Schwere den Besuchern in die Hände dargereicht *). Und dahin 
gehört auch die Sage von einem Marienbilde zu Osede bei Osnabrück, das jede reine 
Jungfrau tragen kann, aber zentnerschwer wird, wenn eine unkeusche es berühit. 

Wie weit beim Volke die Vorstellung von dem Zusammenhange des Gewissens 
und des Hebens geht und wie sie selbst auf eine Anzahl von Drehungen eines recht 
prosaischen Gegenstandes ausgedehnt wii*d, konnte man bis vor wenigen Jahi'en auf dem 
Bogenberge bei Straubing an der Donau erkennen. Nicht fem von der berühmten 
Wallfahrtsku'che liegt dort oben die 1463 erbaute Salvatorkapelle , wo ich einen eigen- 
tümlichen Kultgegenstand aufsuchte. Dort sollte sich der berühmte hölzerne Schuh 
oder Fuß befinden, der mit einem einzelnen Stoß so geschwungen werden mußte, daß 
er sich mindestens dreimal um die Stange drehte, an welcher er befestigt war, was als 
Zeichen galt, daß der Schwinger ohne Todsünde sei. Das ist nun nicht mehr möglich, 
denn, so hieß es. Unberufene hätten mit dem Fuß viel Unfug getrieben, da habe ihn 
im Jahre 1900 der Pfarrer einmaueni lassen. 

Ich glaube die hier mitgeteilten Beispiele, die es klar legen, worin die Bedeutung 
des Hebens, Schützens, Lupfens der Votiv- und Heiligenbilder zu suchen ist — handele 
es sich nun um einen Leonhardsnagel, Würdinger, großen Eisenmann, um eine Heiligen- 

>) Kalender 1846, S. 68, 69. 

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108 Heben der eisernen Votive. 

oder MarienBtatue, um eincu Stein, ja sogar um einen Schub — sie genügen, um bisher 
oft wiederholte anderweitige, allerdings interessantere Deutungen nunmehr auszuschließen. 

In Anlehnung an die vermeintliche Nachfolge S. Leonhards in der Erbschaft des 
mit einem gi'oßen Phallus ausgestatteten nordischen Gottes Fro-Freyr, hat man dem 
Heben eine erotische Bedeutung beizulegen versucht: „Die Heiratslustigen oder Un- 
fruchtbaren umarmten, hoben, schützten und kfißten den Leonhardsnagel und den eisernen 
Liendl, was mir nur als Rudiment der quasi - Hingabe an den Götzen (oder seine Ver- 
ehrer) Verständnis zu haben scheint" i), so äußert sich diese Ei'klärung des Hebens, der 
ich allerdings nicht beipflichten kann. 

Während wir für Inchenhofeu den Gebrauch des Hebens des Leonhardsklotzes 
schon im 14. Jahrhundert nachweisen können, ist für Aigen, wo der Brauch sich doch 
am lebendigsten erhalten hat, dieses erst viel später der Fall Im Pfan*archive dort 
befindet sich ein Schriftstück vom 17. Januar 1736 des Inhalts: „Es will verlauten, als 
solle bei S. Leonhardi Gotteshaus in Aigen durch die dahin kommenden Wallfahrer und 
einfältige Bauernvolk mit Aufhebung einer Kette und eisernen Bildnissen großer 
Mißbrauch und Aberglauben getrieben worden. Ob nun ein solches in der Wahrheit 
gegründet und worin es bestehe, welcher gestalt auch ohne Abbruch der Wallfahrt ab- 
gestellt oder verbessert werden könnte, hast du demnächst gutachtlichen Bericht zu 
erstatten" ^). Dieser Bericht (des PfaiTcrs) liegt leider nicht vor. Wir ersehen aber 
aus der Anfrage, daß man in Aigen außer den Würdingern („eisernen Bildnissen") auch 
Ketten in abergläubischer Weise hob und daß der Brauch 1736 allgemein war, wenn 
er auch sicher schon so früh wie in Inchenhofeu vorkam. 



») Höfler I, S. 124. 

•) Nach gütiger Mitteilung des Herrn Pfarrers Irringer in Aigen. 



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Phallische Opferflguren. 



Auch solche kommeu unter den Opfern älterer Zeit, wenngleich nicht häufig, vor 
und zu ihrer Erklärung müssen wir etwas weiter ausgreifen. Der Glaube, daß der ent- 
blößte Phallus ein Mittel sei, um böse Einflüsse irgend welcher Art abzuwehren , ist ein 
sehr weit verbreiteter, aber der Phallus ist auch andererseits als Erzeuger des Lebens 
und der Fruchtbarkeit unendlich oft an Bildern und Menschenfiguren in erigierter Form 
dargestellt worden, man kann sagen bei fast allen Völkern des Erdballes. Mögen wh» an 
den moabitischen Baal Peor, an den Kultus des attischen Dionysos, an die alten Mexi- 
kaner denken — fast überall treffen wir priapische Darstellungen, oft verbunden mit der 
Verehrung des zeugenden Gliedes. Nicht minder bekannt ist die Bedeutung des Linga 
puja, des Zeugungsgliedes des Gottes Siwa, in Indien, dem dort mehr Tempel geweiht 
sind als irgend einer anderen indischen Gottheit. Unsere ethnographischen Museen zeigen 
uns zur Genüge, wie in Afiika, Ostasien, der Südsee, Amerika phallische Dai*stellungen 
ganz allgemein sind, und daß sie dort teilweise mit dem Kultus im Zusammenhange 
stehen, ist bekannt^). 

Lassen wii* den Phalluskult in seiner Bedeutung für die Regenerationskraft und 
Finichtbarkeit bei Seite, so tritt uns die zjveite Wirksamkeit des Phallus, als Schutzmittel, 
entgegen und diese ist es, auf die es bei der Erklärung der Opfer ankommt. Wie die 
Grabfunde beweisen, sind lange vor den Römern in Gallien phallische Darstellungen als 
Schutz- und Abwehrmittel benutzt worden. Bei den Ausgi'abungen , die J. de Baye in 
den gallischen Gräbern von Saint-Jean-sur-Tourbe, Departement Marne, machte, w^obei er 
Ringe, Annbänder, Fibeln, Perlen fand, kam auch ein Torques zutage, an welchem mit 
Bronzedraht ein phallisches Bronzemännchen befestigt war, in der Form und Roheit der 
Ausführung ganz gleich der hier Fig. 23 abgebildeten eisernen Votivfigur^). Als Amulett 
führte der Phallus bei den Römern die Bezeichnung fascinum; klein, tragbar diente er zum 
Schutze gegen allerlei Übel und Zauberei. Man hing das Abbild, das in verschiedenen 
Formen erscheint, sich selbst oder den kleinen Kindern um, stellte es in Häusern und Gärten 



*) Sello, On the pballic worship of India. Memoire of tbe Anthropological Society I, p. 327 
(1863). — E. Buokley, Phallicism in Japan. Dissertation, Chicago 1895. — Wilken, De beteeknis 
van de itbypballiscben beeiden bij de volken van den Indischen Archipel in Bijdragen tot de taal-, 
land- en volkenkunde van Nerl. Indie, 5 volgr. I (1886). — Andree, Amerikanische Pballnsdarstel- 
lungcn in den Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellscbaft 1895 , S. 678. — Phallus in 
den Pfahlbauten des Bodensees. Archiv für Anthropologie XXIII, S. 181. — Th. Preuß, Phallische 
Fruchtbarkeitsdämonen als Träger des altmexikanischen Dramas. Archiv für Anthropologie, N. F., 
I, S. 131. 

«) L'Anthropologie 1890, p. 370, Fig. 1. 



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110 



Phallisohe Opferfiguren. 



Fig. 23. 



auf. Die dezenteste Darstellung war in Gestalt der ithyphallischen geschlossenen Hand, 
mit dem durch die beiden ersten Finger hindurchgesteckten Daumen. Diese ist in zahl- 
reichen Exemplaren uns überkommen und die Geste wird in Italien und anderwärts noch, 
wie bekannt, abwehrend gegen den bösen Blick angewendet i). Völlig naturalistisch ge- 
bildete Phallen wurden aber ebenso häufig, selbst von den Frauen, getragen, und wenn 
wir uns zu den Völkern des Indischen Archipels wenden, so finden wir, daß dort die 
unmittelbare Entblößung der Geschlechtsteile vorkommt, um ein veimeintliches Übel, 
böse Geister und dergleichen abzuwehren ^). Der gezeigte Phallus verscheucht also Übel 
und da liegt es nahe, daß eine Pei*8on, die sich mit einem Bildnis, 
einer Figur identifiziert, diese phallisch darstellt, wenn sie gegen 
ein Übel oder eine Ki*ankheit das Bildnis einem Heiligen als 
Opfer weiht, um so mehr, wenn es gerade das zeugende Glied 
ist, welches von der Krankheit betroffen wurde, von einer Krank- 
heit, die von diesem ausgehend dann sich über den ganzen 
Körper erstreckte. Beide Vorstellungen vereinigt führten dann 
zur Darbringung der phallisch dargestellten eiseiiien Opferfiguren 
mit bittend erhobenen Händen. Sie sind als geschlechtskranke 
Männer aufzufassen, die dem Heiligen sich mit der Bitte um 
Heilung nahen. 

Mir sind bisher nur drei solcher eisernen Figuren bekannt 
geworden, alle drei entstammen Ausgrabungen und sind alt Mau 
kann annehmen, daß das Anstößige, was in solchen Votivbildnissen 
lag und anfangs geduldet wurde, von der Kirche mit der Zeit 
abgelehnt und die phallischen Figuren entfernt wurden. Mit anderen 
überflüssig gewordenen Eisensachen wanderten sie in die Schmiede 
oder wurden vergraben. 

Bei der Ausgrabung alter Votivsachen an der Leonhards- 
kirche in Aigen, welche wir im Sommer 1903 unternahmen, 
kamen auch zwei roh gearbeitete phallische Männchen zum Vor- 
schein, von denen das eine hier abgebildet ist (Fig. 23). Es ist 
14 cm hoch, zeigt nur geringe Andeutungen des Gesichts, hält die 
Hände betend vor der Brust empor und ist mit erigiertem Phallus 
dargestellt Das zweite Männchen ist ganz ähnlich. Ein drittes 
eiseiiies Phallusmännchen befindet sich in der Sammlung des 
Klosters Andechs am Ammersee. Es wurde in dem nahen Diessen 
in einer Tiefe von 1,8 m ausgegraben und hat die Hände nicht 
betend erhoben, sondern führt die Linke zum Penis hinab '). 
Es ist ebenso roh gearbeitet wie das abgebildete von Aigen und etwa gleich groß, wie 
ich mich durch Augenschein überaeugen konnte. 

Man kann nicht zweifelhaft darüber sein, daß es sich um Votivc Geschlechts- 
kranker handelt, denn die Syphilis oder, wie die Mirakelbuchschreiber sagen, die 
Franzosen, auch Morbus gallicus, kommen schon 1446 in den Mirakelbüchern vor 




Phallisches Opfer - Eisen- 
männcheD. Ausgrabung 
bei S. Leonhard zu Aigen 
am Inn 1903. VI. nat- Gr. 



') Dulaure, Des divinit^s generatrices ou du culte du pballus chez les Anciens et las Modernes 
hat die eingehendsten Nachrichten. 

*) Wilken a. a. 0., Sonderabdruck S. 10. 

•) Altbayeriscbe Mouatsschrift IV, S. 96, mit Abb. 



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Phänische Opferfiguren. Wachshoden. 



111 



und steigern sieh im 16. Jahrhundert so, daß sie die höchste Zahl aller Menschen- 



Leouhard in lueheuhofeu ver- 
Fig. 24. 



kraukheiten dieses Jahrhunderts ausmachen, die zu S 
lobt wurden. Daß es sich tatsächlich um Syi^hilis, 
keine andere Krankheit hier handelt, hat M. Ilöfier 
nach den angeführten Symptomen überzeugend nach- 
gewiesen '). 

Indem ich die phallischen Eiseuopferüguren als 
um Heilung flehende Geschlechtskranke deute, weise ich 
anderweitige Erklärungen, wie jene von F. Weber'), 
zurück, welcher, wofür nichts in der Technik und im 
Vorkommen spricht, die phallischen Eisenfiguren für 
einen älteren Typus ansieht als die übngen Eisen- 
männohen und sie mit dem Fruchtbarkeitskultus vor- 
christlicher Zeiten in Zusammenhang bringt 

Aus gleichen Ursachen wie diese phallisohen Eisen- 
männchen werden auch die Hoden (Gemachte) als 
Votivgaben geopfert (Fig. 24), die sich nicht selten 
heute noch in den Wallfahrtskapellen finden und noch 
immer bei den Wachsziehem, auch in München, käuf- 
lich zu haben sind. Sie sind ziemlich naturalistisch 
(ohne Penis) dargestellt In der „Güldenen Gnaden- 
Verfassung" von Maria Piain finde ich unter dem 12. Mai 1685 den Eintrag eines 
silbernen Gemachtes von einem Unbekannten. 




Opferhoden aus Wachs. München. 
Natürl. Größe. 



») Höfler II, S. 64. 

') Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1904, S. 215. 



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Einzelne Körperteile. 



An die ganzen menschlichen Figuren reihe ich die einzelnen Körperteile, bei denen 
wir äußere und innere unterscheiden können. Fast der ganze menschliche Körper ist da 
vertreten, wenn es sich um die Opferung der kranken Glieder handelt In Silber, Eisen, 
Wachs oder Holz sind sie mehr oder minder gut, bald giößer, bald kleiner dai-gestellt. 
Wii* linden den Kopf und das Gesicht, Ohren, Augen, Nasen, Lippen, Zungen, Rümpfe, 
weibliche Brüste, den Nabel, Arme, Hände, Finger, Beine und Füße; alle entweder 
einzeln hergestellt oder auch einige zusammen. Füi* die meisten dieser Yotive sind schon 
im etruskischen und römischen Altertum die entsprechenden Gegenstücke aus Bronze, 
Marmor und Terrakotta vorhanden ^), Stoffe , die aber heute , wenigstens in Deutschland, 
nicht mehr oder selten dazu verwendet werden. Die künstlerische Ausgestaltung der seit 
Jahrhundeiiien erhaltenen und heute noch üblichen Opfergaben, welche Glieder daratellen, 
ist eine sehr verschiedene. Wir finden Köpfe und Köi'peiiieile von großer Schönheit und 
Natüi'lichkeit, namentlich in Wachs, wozu von Künstlern hergestellte Formen benutzt 
wurden, besonders bei den Köpfen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Andere sind wieder 
einfacher und roher, man sieht es ihnen an, daß es sich — namentlich heute — um billige 
Fabrikware handelt, die dem Heiligen für geringes Entgelt dargebracht wii'd. Die Holz- 
glieder sind wesentlich in den Alpenländern zu Hause, wo die Schnitzerei blüht und auch 
hier kann man besseres und schlechteres unterscheiden bis herab zu Sachen, die dem 
Nürnberger Kinderspielzeug gleichen. Alle eisernen Votive sind alt und solche werden, 
heute wenigstens, nicht mehr geschmiedet. Glieder aus Ton, die bei den antiken Völkera 
die Mehrzahl bildeten, habe ich nii'geuds gesehen; gerade sie müßten sich am leichtesten 
erhalten haben, da ja gebrannter Ton der unvergänglichste Stoff ist, auch kleine Ton- 
figüi'chen aus den Pfahlbauten und neolithischen Gräbern uns häufig bekannt geworden 
und entweder als Votive oder Kiuderspielzeug gedeutet worden sind. Es scheint daher, 
daß seit dem Mittelalter wenigstens Glieder aus Ton nicht hergestellt wurden. Eine 
Ausnahme machen innere Organe aus gebranntem und glasiertem Ton, auf die ich zurück- 
komme, und die Kopfurnen, die jedoch nicht in die Klasse der das kranke Haupt ver- 
tretenden Opfer gehören und besonders behandelt werden. 

Fast durchweg handelt es sich um die Opferung eines kranken Gliedes; diese er- 
folgt aber keineswegs iipmer dann, wenn das Glied noch krank ist, sondern oft erst, 
wenn es schon gesundet ist Tritt der Schaden, die Krankheit ein, so verspricht der 
Kranke dem Heiligen die Darbringung des Gliedes; er stellt es aber infolge seines Ge- 
lübdes oft erst dann auf, wenn es geheilt und er imstande ist, die Wallfahrt und die 
Opferung persönlich auszuführen. Andererseits bringen Eltern, Verwandte für die Kranken 
noch während der Krankheit opfernd Glieder in die Kirche. 

^) Darüber handelt ausführlich L. Stieda, Anatomisch-archäologische Studien, Wiesbaden 1901. 



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Opferköpfe und Hände. Antike Yotivhände. 113 

Köpfe. Zunächst betrachten wir die als „Angesicht, Kopf oder Köpflein** vor- 
kommenden Opferköpfe. Auch die „Hirnschalen^ aus Wachs, die zuweilen in den 
Mirakelbüchem erwähnt werden, gehören wohl hierher; ich habe aber keinerlei Opfer- 
gegenstände zu Gresicht bekommen, denen ich die Bedeutung einer „Hiraschale^ beimessen 
könnte. Nur um Köpfe aus Wachs und Holz handelt es sich noch. Erstere sind bei weitem 
die häufigsten, noch heute bei den Wachszieheni verkäuflichen und vielfach geopfei'ten. 
Da ist nun bemerkensweit, daß moderne Wachsopferköpfe nur selten vorkommen; die 
Wachszieher verkaufen noch heute die in den alten Modeln des 17. und 18. Jahrhunderts 
gegossenen Köpfe, die bei den Männern am lang auf den Kragen hei-abfallcnden Haare, 
bei den Frauen an den Spitzenhauben und dem Kopfputz sofort die Zeit erkennen lassen 
in welcher die Form geschnitten wurde. Diese alten, traditionell gewordenen Köpfe sind 
aber diejenigen, die der opfernde Bauer noch verlangt, in Kärnten, Salzburg oder Bayern, 
wo diese Köpfe sich sehr gleichen (Taf. XH, Fig. 40). 

Wie man im Elsaß schon darauf verfiel, ganze Menschen aus Papier zu schneiden 
oder aus Holzbrettern herauszusagen, so machte man es auch, einfach und nicht teuer, 
mit den Köpfen (Taf. XH, Fig. 41). 

Die Ursache der Kopfopferung ist meistens Kopfschmerz, doch kommen auch Fälle 
vor, wo es sich um Verletzungen des ganzen Kopfes und Gesichtes, um Schwindel und 
dergleichen handelt Leonhard Spad von Bergemdorf, dessen Knäblein 1590 von einem 
Pferde geschlagen, so daß Mund und Käse übel verletzt waren und es für tot danüeder- 
lag, verlobt es ^mit einem wächsin angesicht" zu S. Leonhard, worauf es gesund wui-de. 
Matheiß Obermeier von Sibenau hat „große weetage im Haupt'^, als er sich aber mit 
einem Wachskopfe 1588 verlobt, ist's sofort besser geworden. Im gleichen Jahre widmet 
Ursula Baderin von Hagenhausen, die an einem Kopf schaden leidet, dem h. Leonhard 
„ein wächsin angesicht auß 1 pfund wachs^ und es wird ihr geholfen^). 

Hände. Aus dem römischen Altertum stammende kleine Hände aus Bronze haben 
sich vielfach erhalten. Es sind nicht etwa abgebrochene Hände von Statuen, sondern 
solche, die von vornherein für sich ausgearbeitet und meistens mit besonderen Symbolen 
und Figuren bedeckt sind. Gewöhnlich bezeichnet man sie als Votivhände, auch als 
Schwurhände, da die drei ersten Finger wie zu einer Eidesleistung erhoben sind, wobei 
daran erinnert werden muß, daß die feierliche Erhebung der Schwurfinger, die bei reli- 
giösen Zeremonien der Römer üblich war, aus dem römischen Kult in den christlichen 
übergegangen ist Schon seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts haben die Archäologen 
sich mit diesen Händen beschäftigt und ihre Bedeutung zu entziffern versucht und auch 
im 19. Jahrhundert haben verschiedene Forscher wie Jahn, Usener und andere darüber 
gehandelt. Ersterer vertrat die Ansicht, daß die (rechten) Bronzehände Votivhände seien 
und die Hand dessen, der ein Gelübde den Göttern abgelegt, symbolisieren sollten. 
Andere Forscher faßten die Bronzehände als Amulette gegen das böse Auge auf. Neuer- 
dings aber hat Dr. Blinkeuberg in Kopenhagen die Annahme sehr wahrscheinlich ge- 
macht, daß diese Hände mit den erhobenen drei eraten Fingeni, mit den darauf befind- 
lichen Menschen- und Tierfigureu, die Hand einer Gottheit symbolisieren, die Kraft des 
Gotteß, wie sie in seiner rechten Hand wirkt, bezeichnen sollen und er findet diese Gott- 
heit in dem phrygischen Naturgott Zeus Sabazios, was auch durch Inschriften auf den 
Händen bestätigt wird 2). Sind diese Bronzehände stets rechts, in der Schwurstellung, so 



») S. Leonardus, Blatt 38, 55, 57. 
«) Globus LXXXV, S. 45. 

Andree, Votire nnd Weihegmben. 15 



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114 Opferhände. Schwurhände. 

gibt es doch auch antike Hände und darunter linke, aus Ton, die von Kranken geopfert 
wurden 1) und diese Hände können wir als Vorläufer der noch heute so oft geopferten 
Votivbände ansehen. Aber es ist kaum nötig, bei den Händen auf das klassische Altertum 
zurückzugreifen, da wir die unmittelbaren Vorläufer im germanischen Altertum bezeugt 
finden, denn Paragraph 29 des aus dem 8. Jahrhundei-t stammenden Indiculus super- 
stitionum et paganiarum lautet: De ligneis pedibus vel manibus pagano ritu. Vor mehr 
als tausend Jahren opferten die deutschen Heiden, wie heute die deutschen katholischen 
Christen, also hölzerne Füße und Hände. Heute sind sie zumeist aus Wachs geformt, 
seltener aus Holz und aus Silber; die einst üblichen aus £isen sind abgekommen. Von 
einer solchen sehr bemerkenswerten, die in der Sakristei der S. Leonhardskirche zu 
Ganacker sich befand — ich habe sie dort nicht mehr gesehen — berichtet Panzer»): 
^Sie ist in natürlicher Größe mit Spangen, mittels welchen sie an den Arm befestigt 
war. Sie ist mit einer künstlichen Einrichtung zum Schließen und Offnen der Finger 
versehen und gleicht der eisenien Hand des Götz von Berlichingen." Wahrscheinlich ist 
sie von dem Träger S. Leonhard geopfert worden. 

Gewiß sind die Hände überall vorwiegend wegen Krankheit, Wunden oder Ge- 
schwüren und dergleichen geopfert worden, aber es ist auch möglich, daß sie mit Eiden 
in Verbindung stehen. Die Verletzung des Eidgebotes ist ja leider bei der ländlichen 
Bevölkerung eine häufige und daß bei drohender Gefahr ein Meineidiger sich um Hilfe 
an einen Heiligen wendet, um dui*ch ihn vor der in Aussicht stehenden Strafe durch 
seine Fürbitte geschützt zu werden, erscheint keineswegs ausgeschlossen. Eine Wachs- 
hand mit ausgeprägter Schwurstelluug, mit den erhobenen drei Vorder* und eingeschlagenen 
zwei letzten Fingern ist mir aber nur aus dem Wallfahrtsorte Mariental im Elsaß bekannt ^y 
Eine schmiedeeiserne Hand von S. Leonhard in Ganacker (Taf. XH, Fig. 42), 13 cm 
laug und mit einem Loche zum Aufhängen versehen, gehört möglicherweise auch zu den 
Schwurhänden; abweichend ist nur, daß bloß die beiden ersten Finger erhoben, die drei 
übrigen jedoch eingeschlagen sind. Da aber alle sonstigen, in Krankheitsfällen geopferten 
Hände, gleichviel aus welchen Stoffen, sämtliche Finger ausgestreckt zeigen, so hat die 
Annahme, daß es sich hier um eine Schwurhand handelt, wohl Berechtigung. Will man 
bei diesen Händen den häßlichen Beweggrund ausschließen, der Heilige solle den Meineid 
ungestraft lassen, so bleibt noch das bessere Motiv übrig, die Hand sei in Eidesstellung 
dargestellt, weil der Opfernde sein Gelübde durch einen Eid bekräftigt. Mißbrauch mit 
der Fürbitte der Heiligen, und gerade in Schwursachen, wurde aber früher oft als Vor- 
wurf erhoben und rief den Spott der protestantischen Gegner hervor, wie sich dieses in 
dem 1532 zu Basel gedruckten Gedichte von dem Heiligen, verfaßt von Hans Rute, 
offenbart 4). Es heißt da: 

Wilt du gott umf) din falsches schweren versönen 
So must umb die lieben heyigen verdienen. 
Ein riche gäbe in S. Wolfgangs Kilchen waren 
Denn mag dir din wucher kein sohad gesparen. 

Weitaus die meisten Hände aber sind wegen Krankheit geopfert worden und die 
Art der Krankheit ist zuweilen auch an den Votiven sichtbar gemacht. Die kleine, 9 cm 

Stieda, S. 56U.73. 
«) U, S. 37. 

*) Sie ist ein Geschenk von Dr. E. Blind in Straßburg in die Sammlung meiner Fi'au. Vgl. 
auch Globus LXXXII, S. 69. 

*) Teilweise wieder abgedruckt in der Alemannia von Birlinger, 1875, III, S. 53. 



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Opferhände. 115 

laDge, sehr schön geschnitzte, bemalte rechte Hand aus der Kolomanskapelle von Talgau 
im Salzburgischen, an welcher die Nägel und der Ring nicht fehlen, zeigt eine charak- 
teristische Verkrümmung des Zeigefingers, wie sie bei Kontraktionen vorkommt (Taf . XII, 
Fig. 43). Auch ein silbernes ^gepogenes Handtl^, also wohl ein verkrümmtes, kommt 
vor, welches laut der handschriftlichen „Güldenen Gnadenverfassung" 1687 in Maria Piain 
bei Salzburg geopfert wurde, wo 1700 auch ein „silberner Handbiß" verzeichnet wurde. 
In der Wallfahrtskapelle von S. Hermann zu ßischofsmais im bayerischen Walde sah ich 
eine sehr schön geschnitzte, fast lebensgroße Hand, in natürlicher Farbe bemalt mit ver- 
schiedenen Schnittwunden, die rot angestrichen waren. 

Die meisten Hände aber, seien sie nun aus Holz, Wachs oder Silber, zeigen die 
Form einer gewöhnlichen flachen Hand mit aneinanderliegenden Fingern. Eiserne sind 
selten und alt Eine solche aus starkem Eisenblech mit eingeschlagenen Linien und aus- 
gebuchteten Fingerknöcheln aus S. Leonhard im Lavanttal, Beamten, ist hier abgebildet 
(Taf. Xn, Fig. 44). 

Von Fällen, aus denen die Ursache des Handopfers klar hervorgeht, verzeichne ich 
die folgenden aus den Mirakelbüchem : Dem Michel Speirer von Linz dringt 1517 ein 
großer eiserner Nagel durch die Hand. Er verlobt sich in seinem Schmerze „mit einer 
wächsin Hand sampt dem Nagel^ zu S. Wolfgang am Abersee und gesundet Zu der- 
selben Gnadenstätte wallfahrtet aus dem fernen Altenburg in Sachsen 1510 Hans Troller, 
dem die Hand abgeschlagen, „also, daß sich keyn Artzt vmb ihn wollen annemen noch 
zu helffen gewusst, mit einer silbernen Hand. Da ist ihme die Hand alßbalde ohne alle 
menschliche Hülff und Artzney gesund worden^ ^). Die Hand des einjährigen Knäbleins 
des Georg Hueber von Grimoltzhausen begann 1592 zu zittern, was sechs Wochen dauerte. 
„Auß dem hat männiglich da geschlossen, er habs Seelig berüert, in solcher gefahr ver- 
lobt maus mit einer wächsin Hand" 2). 

Erfolgten die Heilungen in der Kirche, dann wurde vor den versammelten Gläubigen 
das geschehene Wunder laut verkündet Daß es dabei aber nicht immer mit rechten 
Dingen zuging, lehrt uns die Geschichte von der kranken Hand des Petrik aus Cach in 
Böhmen, welcher im 14. Jahrhundert zum heiligen Blut in Wilsnack (Priegnitz) wall- 
fahrtete und dort Heilung erhoffte unter Darbringung einer silbernen Hand. Als der 
Priester verkündigte, durch das heilige Blut sei die verkrümmte Hand des fremden 
Wallfahrers geheilt worden, rief Petrik dem Priester zu, er lüge und zeigte die noch 
immer kontrakte Hand^). 

Arme. Wie die Hände sehen wir auch ganze Arme geopfert und zwar ebenfallB 
aus Eisen, Wachs, Holz, Silber und Papier. Wie Brennholzscheite aufgestapelt sah ich 
sehr roh aus Fichtenholz gearbeitete, nicht bemalte Arme, Hände und Beine in der Vor- 
halle der kleineu S. Eolomau geweihten Kapelle am Bötberg bei Reitham (Oberbayeni) 

') S. Wolfgang S. 27 u. 120. 

*) S. Leonardas, 8. 85. Seelig = Apoplexie, Schm eller II, 8. 252. 

') Joannis Hus, Historia et moDumenta. Nonmbergae 1558, p. 1616. Ich zitiere hier die Gesohiohte 
nach Ö. Zibrt, Seznam pover a zvyklosti pobanskj'ch zVIII vfeku. V Praze 1894 str. 141. „Nam bonae 
memoriae Petrziko de Ach, civis Pragensis, manum habens contraotum, obtulit in Vvilznak in nomine 
illias sanguinis, quam ibidem praedicant, manum argenteam et volens experiri, qui praedicarent pres- 
byteri de lila manu, mansit usque diem tertium et ipso praesente in ecclesia proclamavit presbyter 
in ambone dicens : Audite, pueri, miraculum. Ecce unus oivis Pragensis sanatus est in manu contracta 
per sangoinem Christi et in testimonium illius ecce obtulit istam manum argenteam. Ipse vero stans 
elevata mann dixit: saoerdoSf cur mentiris? Ecce adhuc manus mea est contracta sicut et prius. 
£t istias facti testes sunt bodie in Praga amici sui et familia." 

15* 



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116 Opferarme, Beine und Füße. Pfeile geopfert. 

liegen i). In der Wieskapolle bei Bottalmüuster hängt ein sehr gut aus Holz gearbeiteter, 
bemalter, fast lebensgroßer Ann mit blauem Verbände am Elleubogengeleuk (Taf. XIII, 
Fig. 46). Vorherrschend sind ausgestreckte Wachsarme von 10 bis 15cm Länge, mehr 
oder minder gut gearbeitet (Taf. Xm, Fig. 46). Alte, roh aus Eisen geschmiedete, die 
gleichaltrig mit den eisernen Rösseln sind und in den Vorratskammern zwischen diesen 
liegen, kommen in Ganacker und Kärnten noch vor (Taf. XIII, Fig. 47). Simon Flunck 
von Germerschwang hat vier Jahre lang am Arm große Schmerzen gehabt, ^verlobt sich 
derowegen (1592) mit einem eysenien Arm"'). Wird ein Mensch vom Schlage gelähmt, 
so daß er Arme und Beine nicht rühren kann, dann verlobt er sich dem h. Leonhard, 
wie dieses mit einem hölzernen Arm und Fuß Hans Pawmann von Walchshofen 1594 
tat, dem sofort geholfen war'). Auch Gegenstände, mit denen ein Glied verletzt wurde, 
opfei-te man mit Darstellungen derselben. Wiederholt wird berichtet, daß die Arme oder 
die Brust von Pfeilen durchschossen und daß Nachbildungen der verwundeten Körper- 
teile samt den verletzenden Pfeilen geopfert wurden, wie dieses 1510 Hans Ortel von 
Blaw und 1517 Lienhart Althammer von Rechberg bei S. Wolfgang am Abersee taten <). 
In der Tat haben wir bei unserer Ausgrabung der alten Opfereisensachen zu Aigeu auch 
fünf Bolzen oder Pfeilspitzen gefunden, die wohl auf diese Weise dorthin gelangten 
(Taf. xm, Fig. 48). Sie gehörten wohl zu Bolzen, die aus Armbrüsten geschossen 
wurden. 

£s reihen sich hieran Schulterblätter, von denen ich nichts gesehen habe, die 
aber erwähnt werden. Adam Schüttenhelm von Binnenbach opfert 1592 wegen großer 
Schmerzen am Schulterblatt einen halben Vieri ing Wachs, um ein solches daraus zu 
machen ^) und einzelne Finger aus Silber oder Wachs sind nicht selten. In den Mirakel- 
büchem heißt es gewöhnlich, sie seien gegen den „Wurm" geopfert •). 

Mit den Beinen und Füßen verhält es sich ebenso wie mit Armen und Händen. 
Auch sie liegen vor aus Silber, Eisen, Holz, Wachs und Papier und sind ohne oder mit 
den Merkmalen der Krankheit versehen. Gewöhnlich bringt man jetzt hohle Waohsbeine, 
weiß oder rot, dar. Sie gleichen sich überall sehr und sind gewöhnlich 10 bis 15 cm lang 
(Taf. XIV, Fig. 49). Kleine massive, nur 5cm lange Wachsbeine kenne ich von Drei 
Ähren im Elsaß und Agums in Tirol; man opfert sie meistens paarweise und sie sind 
älter als die hohlen, wie überhaupt alle massiven Wachssachen älter als die sparsamen 
hohlen modernen sind. Im Vintschgau in Südtirol kommen sehr schön geformte kleine, 
an der Sohle 4 cm lange Füße als Opfergaben vor. Sie sind mit einer Sandale wie antike 
Opferfüße versehen und in einer künstlerischen Form sehr dickwandig aus Wachs ge- 
gössen, während in der gleichen Gegend sich auch massive, roh mit der Hand geformte 
Waohsfüße finden. Schmiedeeiserne Füße sind alt, gehören dem 16. und 17. Jahrhundert 
an; es gibt darunter Exemplare von sechs bis acht Pfund Schwere. Der 16jährige 
Katzmeier von Diesseu war mit einwärts gebogenen Füßen zur Welt gekommen und 
konnte nur auf den „Knocken^ gehen. Da verlobte er sich 1511 mit zwei eisernen 



^) Hölzerne Schädel, die Hof 1er, Wald- und Baumkalt 1892, S. 26 von dort erwähnt, fand 
ich nicht. 

') S. LeonardoB, Blatt 85. 

•) Synopsis, S. 122. 

*) S. Wolfgang, S. 39 u. 41. 

*) S. Leonardas, Blatt 85. 

•) S. Leonardas, Blatt 77^ Fingerwann: Geschwür neben dem Nagel, panaritiam. Hof 1er, 
Krankheitsnamenbach, S. 824. 



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Weibliche Brüste. Nabel. Votivaugen. 117 

FüJßen zu S. Loonbard iu Iiichenbofen uud durch dessen Fürbitte kamen die Füße wieder 
in ihre normale Gestalt *). Dem Hans Schnögel von Pf örring zei-schlug 1591 eine Wagen- 
deichsel den Fuß, so daß ihm kein Arzt helfen konnte, da verlobte er sich mit „einem 
eysen Fuß sampt einem Silbern Opf er*^ zum h. Leouhard und der Fuß wurde gesund 2)» 
Abbildung eines eisernen Opferbeins siehe Taf. XIV, Fig. 50. Hölzenie Beine, teilweise 
sehr gut geschnitzt, kommen bis zu natürlicher Größe vor. Ein bemaltes Frauonbein 
mit häßlichen, tief eingeschnittenen, unregelmäßig darüber zerstreuten, rotbemalten Wunden 
(syphilitisch?) liegt von Maria Piain in Salzburg vor (Taf. XIV, Fig. 51). 

Eine der häufigsten Opfergaben sind die weiblichen Brüste aus Silber, Holz, 
meistens aber aus Wachs (Taf. XV, Fig. 52) in natürlicher runder Form mit vor- 
stehender Brustwarze. Sie sind einzeln oder doppelt und mit einem Fuße zum Aufstellen 
versehen und werden geopfert entweder wegen Ki-ankheiten an der Brust oder um Milch zu 
erflehen. Manchmal sind diese Wachsbrüste auch mit Verzierungen versehen, wie bei dem 
Exemplar aus Maria Lanzendorf bei Wien (Taf. XV, Fig. 53). In den Mirakelbüchern 
werden sie sehr häufig erwähnt, z. B. „Dorothea Ilörmannin von Stotzhart hat 1 1 wochen 
eine geschwollene Brust gehabt, da verlobt sy sich mit einer wächsin brüst. 1591*^'). 
Die „Güldene Gnadenverfassung" von Maria Piain verzeichnet sogar 1702 eine goldene, 
auf schwarzem Samt geopferte und sehr oft silbeme. 

Die in Rom und Neapel verkauften silbei*nen weiblichen Brüste gleichen ganz den 
in Süddeutschland geopferten und sind wie diese aus dünnem Silberblech geschlagen. 
Auch Jtommen Rumpfstücke mit weiblichen Brüsten und dem Nabel in den Mittelmeer- 
ländem vor, welche die Aufmerksamkeit französischer Anthropologen erregten und zu 
sehr gewagten Schlüssen führten*). Antike weibliche Votivbrüste aus Terrakotta und 
Marmor sind nicht selten^). 

Selbst den Nabel hat man zum Gegenstände des Opfers gemacht; wie er für sich 
dllein dargestellt wird, kann ich nicht sagen, da ich solche Votive nicht gesehen habe, 
vielleicht in Verbindung mit dem ganzen Unterleibe, da dieser neben dem Nabel er- 
mähnt und auch heute noch in Wachsopfern dargebracht wu-d. Dem Kinde der Maria 
^ißmüUeiin von Bettmeß waren 1592 die Eingeweide beim Nabel herausgegangen. 
^Verlobts deshalben mit einem wächsin Nabel" 6). Nach der „Güldenen Gnaden- 
verfassüng" von Maiia Piain opferte am 19. August 1707 Maria Hueber in Salzburg 
„einen silbernen Nabel auf einer schwarz gepeitzten Tafel**. Den hier (Taf. XV, Fig. 54) 
abgebildeten Rumpf mit Nabel erwarb ich bei einem Wachszieher in Deggendorf, 
Niederbayern. 

Augen. In unserem Gebiete begegnen sich zwei Heilige, welche beide als himm- 
lische Augenäi*ztinneu in hohem Ansehen beim Volke stehen und die bei Blindheit und 
Augenkrankheiten um Fürbitte angerufen werden. Möglich, daß sie ihre Funktionen 
von irgend einer heidnischen Gottheit überkommen haben, denn das klassische 
Altertum kennt die Augenvotive. Zahlreiche Marmorplatten mit zwei Augen und Weihe- 
iuBchiiften haben sich aus dem Altertum erhalten und Friedrichs beschrieb ein Paar 



*) Synopsis, S. 55. 
') S. Leonardas, Blatt 40. 
■) S. Lonardas, Blatt 58. 

*) Ch ervin, Amulettes pour femmes enceintes et ex-voto. Bulletin de la soc. d' Anthropologie 
1902, p. 806. 

*) Stieda, S. 121. 

*) S. Leonardas, Blatt 96. 



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118 S. Luoia und S. Odilia. Ottilienquellen. 

Augen aus Bronze im Berliner Museum, die als Gabe eines Augenkranken angesehen 
werden *). 

Jene beiden Augenheiligen sind die vom Süden kommende S. Lücia und die denl 
Elsaß entstammende S. Odilia. Erstere, eine in Italien heute noch hochverehrte Märtyrerin, 
stammte aus Syrakus; auf dem Scheiterhaufen würde ihr der Hals mit einem Schwerte 
durchstochen, da ihr die Flammen nichts anhaben konnten. Die Legende berichtet weiter, 
ihr sei ein heidnischer Freier aufgedrungen worden, der durch ihre schönen Augen 
bezaubert worden sei. Da riß sie sich die Augen aus und übersendete sie dem Jünglinge 
a^vd einer Schale und diese Schale mit den Augen ist ihr Attribut. Das soll im 3. Jahr- 
himdert geschehen sein. Ihr Tag ist der 13. Dezember und den gleichen Tag ver- 
zeichnet der Kalender auch für die andere Augenpatronin, S. Odilia. Diese war die 
blindgeborene Tochter des zu Oberehnheim im Elsaß residierenden Hei*zogs Etichoi 
welche bei der Taufe durch Bischof Ehrhard von Regensburg sehend und später zur 
Heiligen wurde. Dargestellt wird sie mit einem Buche in der Hand, auf dessen auf- 
geschlageneu Blättern ein Augenpaar liegt. Beiden Heiligen ist auch gemeinsam, daß au 
ihren Yerehrungsstätteu Quellen entspringen, deren Wasser heilsam für kranke Augen ist 
Innerhalb der Pfarrkirche zu Altenberg bei Trebesing in Kärnten, die der h. Lucia geweiht 
ist, befindet sich im Boden eine über 1 m tiefe ausgemauerte Grube, die mit einer Falltür 
verschlossen ist und durch eine nicht sichtbare Quelle mit heilsamem Augenwasser gespeist 
wird. Hinter ihr erhebt sich der Altar mit dem Bilde der Heiligen, dicht dabei ein 
Votivbild, auf dem ein Mann betend zu der Heiligen emporblickt, bei ihm ein Pferd, 
dessen Blindheit durch das Augenwasser der heiligen Quelle geheilt wurde. Darunter 
Ex voto 1716. Auf einem anderen Votivbilde daselbst vom Jahre 1739 trägt die Heilige 
einen Speer, der ein durchstochenes Augenpaar zeigt und dabei eine Könne, die ein Buch 
hält, auf dessen Dedcel ein Augenpaar liegt Wieder auf einem Bilde hält eine Mutter 
ihr Wickelkind der Heiligen entgegen ; auf einem Spruchbande stehen die Worte : ^Durch 
die Füi'bith der h. Jungfrau und h. Lucia ist mein Kind von einem großen Augenfluß 
erleset worden. A. 1719." Zahlreiche Wachsaugen sind hier geopfert worden, noch 
mehr aber Täf eichen mit gemalten Augen, deren eines hier abgebildet ist (Taf. XV, 
Fig. 55). 

Die Hauptkultusstätte der h. Odilia ist der berühmte Odilienberg mit dem Kloster 
und der uralten Heidenmauer im Elsaß ^). Unterhalb des Klosters liegt die Quelle, welche 
die Heilige mit einem Stabe aus der Felswand schlug und die noch heute von augen- 
kranken Pilgern besucht wird, welche hier, mehr aber noch in der Kapelle, Wachsaugen 
opfern und von dem heilkräftigen Wasser in Flaschen mitnehmen. VorheiTSchend sind 
aber auf Holz oder Papier gemalte Votivaugen, die in großer Menge in der Kapelle 
hängen. In der frühromanischen Kreuzkapelle des Klosters sah ich eine andere Art, wie 
die Heilige für die Heilung von Augenkrankheiten verwendet wird, allerdings eine recht 
gefährliche Art, da sie eher dazu geeignet ist, Augenkrankheiten weiter zu verbreiten 
als zu heilen. Dort steht der Sarkophag des Herzogs Eticho und auf ihm eine Steiufigur 
der Heiligen, zu welcher eine Holztreppe von wenigen Stufen hinaufführt. Die Augcn- 
kraiiken steigen da hinauf, wischen mit einem Tuch über die Augen der Heiligen und 
dann über die eigenen in der Hoffnung, so Heilung zu erlangen, wobei natürlich der 
Austeckungsstoff auf die Statue und von da weitergetragen wird. 



Stieda, S. 56. 

«) Dr. R. Forrer, Der Odilienberg, Straßhurg 1899. 



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Ottilienquellen. Opf eräugen. 119 

Nachgeahmt ist die Ottilienquelle auf dem Odilienberge über Preiburg im Breisgau. 
In der Sakristei der dortigen Wallfahrtskirche lagen die geopferten Doppcl wachsaugeu 
wie ein Haufen großer gelber Bohnen umher; reichlich sind diese Votive auch veiia*eten 
in der Kirche S. Ottilienberg , Pfarrei Altdorf bei Kaufbeureu. Auch dort quillt eine 
augenheilende Ottilienquelle, über der einst eine, jetzt abgebrochene Kapelle stand, die 
nun durch eine Hütte ersetzt ist. Das Wasser strömt dort aus den Wunden eines 
steinernen Christusbildes und wird von den Wallfahrern zum Waschen der kranken 
Augen benutzt 

Abgesehen von der h. Odilia und h. Lucia werden auch andere Heilige in Augen- 
krankheiten angerufen. Da ist es ^^^eder S. Leonhard, der auch hier Fürbitter ist, bis in 
unsere Zeit herein, weit mehr aber wandte man sich in früheren Jahrhunderten an den 
Heiligen, in einer Zeit, als es eine Augenheilkunde überhaupt noch nicht gab. „Hans 
Grienbold von Holtzen hat ein bös Gesicht gehabt, verlobt sich derhalben mit zwei 
wächsin Augen*^ zu S. Leonhard in Inchenhofen 1588 und ist gesund geworden. Das 
Knäblein des Jakob Dingtner von Adeltzhausen hatte 1589 große Schmerzen an den 
Augen. Der Vater „verlobts deshalb mit 2 Eysen Augen, ist alsbald mit im besser 
worden" i). Öfter ist in den Mirakelbüchem von „Fluß" und „Blödigkeit" oder „Fell 
über den Augen", ja von „Stockblindheit" die Rede, wofür Heilung einti-at. 

Außer gemalten Augen auf Holztafeln, Blech oder Papier, die eingerahmt an der 
Gnadenstätte von den Leidenden aufgehängt wurden, sind die Opfemugen aus Silber, 
Holz, Eisen oder Wachs hergestellt 

Die silbernen Augen, wie ich sie in Rom gesehen habe, oder wie sie M. Höfler 
von dem Zehnheiügenberge auf Korfu beschrieben und abgebildet hat^), gleichet auf- 
fallend denjenigen in unseren Wallfahrtskirchen. Massiv silberne Augen scheinen nicht 
vorzukommen. Die Opferaugen sind stets aus mehr oder minder starkem Silberblech 
gefertigt, meistens in natürlicher Größe und in eingedrückten Umrissen, mit oder ohne 
Augenbrauen, einzeln oder doppelt, mit oder ohne einen umgebenden Rand oder Ver- 
zierungen. Gewöhnlich sind sie wie bei anderen silbernen Opfergaben auf einer Unter- 
lage von schwarzem Samt befestigt 

Eiserne Opferaugen kenne ich nur aus Kärnten, wiewohl sie auch in Inchenhofen vor- 
kamen und gewiß an anderen Orten nicht gefehlt haben werden. Sie sind geschmiedet und 
doppelt, einfach verbunden und nebeneinanderstehend. Bei Taf. XV, Fig. 56 ist letzteres 
der Fall, während Taf. XVI, Fig. 57 die Verbindung der beiden Augen durch einen schön 
gewundenen eisernen Bogen zeigt. 

Holzaugen sind auch meistens doppelt Hauptsächlich kommen sie vor in Südtirol, 
wo sie sehr häufig in den Wallfahrtskapellen, z. B. Ijaatsch im Vintschgau, Agums bei 
Prad usw. zu finden sind. Sie sitzen oft auf einem Stiele, der zum Aufhängen mit einem 
Loche versehen ist, sind zuweilen übernatürlich groß und stets bemalt (Taf. XVI, 
Fig. 58, 59, 60). 

Am häufigsten sind die Opferaugen aus Wachs. Die Formen dazu findet man bei 
vielen Wachsziehem und sie sind meistens nicht alt Die älteren Wachsaugeu, die man 
seltener findet, sind meist einzeln in natürlicher Größe und massiv. Bei ihnen fehlt die 
Vei-zierung, sie stellen nur das Auge mit den Lidern vor (Vintschgau, Drei Ähren im 
Elsaß). Die späteren sind fast durchweg mehr oder minder verzierte Doppelaugen, aus 



>) S. Leonardos, Bl. 56 u. 59. 

*) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde XIIl, S. 442. 



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120 Opferaugen. Opfermngeti. Stumme geheil^ 

dünnem Wachs gegossen. Da zeigt die Pupille zuweilen einen Stern und die Ruckseite 
des Auges ein Ki*euz. Damit diese Opferaugen aufgestellt werden konnten, waren sie 
mit zwei Wachsstieleu veraehen, die in einen breiten Fuß ausliefen (Taf. XVI, Fig. 61 
und 62). 

Es ist nicht nötig oder wahrscheinlich, in diesen Stielen den Opticus chiasma zu 
sehen, wie auch behauptet wurde, eine feine anatomische Kenntnis, von der weder das 
Volk noch der Wachszieher eine Ahnung hatte. 

Zungen aus Wachs, Silber oder Holz werden aus zweierlei Gründen geopfeil; 
einmal, wenn die Zunge krank ist, Geschwüre oder dergleichen zeigt und dann symbo- 
lisch als Zeichen der Stummheit und mit der Bitte, von dieser zu befreien. Die crsteren 
Fälle sind die häufigeren. Hans Biechel von Schrobenhausen verlobt sich 1589 zu S. Leon- 
hard in Inchenhofen mit einer wächsernen Zunge, weil er an Halsschmerzen leidet i). 
Um eine Krankheit an der Zunge handelte es sich, als 1706 die Gräfin Lodron eine ein 
Lot schwere silberne Zunge nach Mana Piain opf eit, wie in der handschriftlichen dortigen 
„Güldenen Gnaden Verfassung^ zu lesen ist. Eine silberne Opferzunge habe ich nicht 
gesehen, aber vor mir liegt eine rot angestrichene hölzerne Zunge von 13 cm Länge mit 
einem Loche oben zum Aufhängen. Sie stammt aus Agums bei Prad im Vintschgau, 
Südtirol, und trägt mit Bleistift folgende Inschrift: „1830. ein Berson hat einen Große 
schmerzen gehabt an ein Zung. nachdem sie sich zu Jesu dem gekreuzigten gebendet 
hat ist ihr augenblicklich geholfen worden". (Taf. XVH, Fig. 63.) 

Ein Wachszieher in Hallein verkauft Opferungen aus rotem Wachs, an welchen 
ein Stück der Trachea sitzt und die für Zimgenkrankheiten geopfert werden (Taf. XVH, 
Fig. 64). 

Oft wurden auch Zungen geopfert, wenn es sich um Stumme handelt, die vom 
Heiligen die Heilung erhofften. Da treten dann einige unter diesen besonder hervor, 
die durch ihr Leben und ihre Eigenschaften Gewähr dafür bieten, daß sie durch ihre 
Fürbitte Stummheit heilen konnten. Die h. Katharina, die so voitrefflich und beredt den 
christlichen Glauben gegen Kaiser Maxentius zu verteidigen wußte, die also „eine gute 
Zunge hatte", wird bei Leiden dieses Organs angei*ufen. Man verkauft auch „St. Nepomuks- 
zuugcn", zungenförmige Körper aus Stein, in Silber gefaßt, welche gegen Zungeuleiden 
helfen. Dieser Heilige wird außer in der bekannten Form als Brückenfigur auch mit dem 
Zeigefinger auf dem Munde dargestellt, ist er doch Märtyrer für die Bewahrung des 
Beichtsiegels, das er nicht verletzen wollte und wofür er bekanntlich auf Befehl König 
Wenzels IV. in Prag von der Brücke in die Moldau gestürzt wurde. Endlich gilt S. Leon- 
hai'd auch als ein Heiliger, welcher den Stummen die Zungen lösen konnte, wie den 
Gefangenen die Ketten. Bei ihm werden Fälle, wie der folgende, häufig berichtet: Jakob 
Wähler von Aychhofen hatte ein zwölfjähriges Knäblein, „welches 4 gantzer wochen 

vnredend gelegen, verlobts derhalben mit einer wächsin Zunge ist also wiederumb 

redend geworden" ^). Auch S. Wolfgang wird in Fällen der Stummheit angerufen. Das 
Töchterlein des Mathes Goldschmid in Krakau war vier Jahre lang stumm. Da verlobt 
es der Vater zu S. Wolfgang am Abersee mit einer silbernen Zunge. „Ist es (1519) 
gleich nach diesem Gelübd redend worden" *). 

Einen besonderen Ruf, wo es sich um die Heilung Stummer handelt, hat auch die 
selige Richildis, deren Grab sich im Benediktinerkloster zu Hohen wart in Oberbayern 

») S. LeoDardus, Blatt 60. 
*) S. Leonliard, Blatt 73. 
») S. Wolf gang, S. 148. 



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Stumme und Taube geheilt. Ohren-, Nasen- und Zahnvotive. 121 

befindet Zahlreiche Stumme sind dorthin gepilgert und sollen durch deren Fürbitte 
Heilung gefunden haben. Solches wird ausdrücklich in einer auf das Kloster bezüglichen, 
1670 zu Ingolstadt gedruckten Schrift bestätigt, wo der Verfasser der durch Richildis 
geheilten Stummen diese ein „klein Lobgesänglein sumbsen^ läßt: 

Die an der Zung seynd gewesen stumm, 

Von aller Sprach so gar kein trumm 

Als a, a, a getalckhet: 

Ein Glockh*) war ihr Wolredenheit 

Damit sie haben weit und breit 

Ihr NotthurfEt ausgesohalckhet. 

Jetzt höret an wie zart und mild 

Das Lob sie trillern von Richild 

Die aufgelest ihr Zungen: 

Sie sprechen schön und sagen klar, 

Richildis habe ganz und gar 

All Talckerey vertrungen •). 

Ohren in Silber, Wachs und Holz, meistens in der natürlichen Größe dargestellt, 
sind häufig. Und wie die Zungen entweder für Krankheiten an denselben oder Stumm- 
heit geopfert worden, so brachte man die Ohren für deren Erkrankung oder gegen 
Taubheit dar. Für beides folgt hier der Beleg: „Barbara Wilbodin von Weilenbach hat 
ein böß Ohr gehabt, da verlobt sy sich mit einem wächsin Ohr 1589." „Barbara 
Zemerin von Langennesen hatt ein halb jar nichts gehört, verlobt sich derhalben mit 
zwei wächsin obren, ist jr entlich nach solchem gelübd das gehör wiederumb kommen. 
1589" '). Aus beiden Gründen opfert man heute noch die mehr oder minder gut aus 
Wachs gegossenen Ohren. Sie sind fast stets mit einem Fuß zum Aufstellen versehen, 
der gewöhnlich am Ohrläppchen angebracht ist Ich gebe hier Abbildungen von Vier- 
zehnheiligen am Main, aus München und aus Salzburg (Taf. XVll, Fig. 65, 66 und 67), 
Formen, die sämtlich noch heute bei den Wachsziehem verkauft werden. 

Als Seltenheit kommt auch das Opfer einer Nase vor, doch ist mir eine solche 
nicht begegnet Nach der „Güldenen Gnadenverfassung" von Maria Piain bei Salzburg 
opferte der Diener Franz Cordeleschy im Jahre 1770 dort eine silberne Nase. 

Ebensowenig habe ich noch Lippen oder Darstellungen des Mundes gefunden, 
wiewohl solche vorkommen oder früher üblich waren. Das Söhnl^in des Georg Urban 
von Lanckwid hatte 1588 einen Schaden im Munde, „verlobts der Vater derhalben mit 
einem Eysenen Mund; durch Gottes Gnade vnd Leonhardi Fürbitte ist ihm danach 
Heilung geworden"*). 

Auch ganze Brustkörbe kommen vor; in Kevelaer sind sie aus Wachs und nur 
5 bis 6cm lang zu haben, während ein bemaltes hölzernes Exemplar aus Drei Brunnen 
(Trafoi) in Südtirol natürliche Größe erreicht 

Ausgerissene Zähne von Menschen, seltener auch von Tieren, sind eine sehr ge- 
wöhnliche Erscheinung unter den Votivgaben. Sie hängen einzeln oder zu kleinen Bündeln 

*) Die Stummen gingen früher mit Klingeln umher. 

•) Kalender 1886, S. 51. — Viel Taubstumme , namentlich Kinder, wallfahrten auch nach der 
Kapelle S. Zeno, nahe der Burg Reifenstein bei Sterzing in Tirol, wo Yotirtafeln die Heilung 
bezeugen. Man sagte mir dort folgenden Spruch: 

Der heilige Z^ 

Macht die Kinder reden und gehn. 
•) S. LeonarduB, Blatt 58 u. 72. 
*) S. Leonardus, Blatt 55. 
Andr66, Votive nnd Weihegaben. |ß 



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122 Opferzähne und Opfergobisse. 

vereinigt an den Opferstätten, durch hohle Stellen die Schmerzen anzeigend^ die die Be- 
sitzer durch sie erlitten. Die Kunst der Zahnärzte, welche doch diese Zähne entfernten, 
muß nicht immer eine große gewesen sein, denn zuweilen finden sich noch ausgerissene 
Kieferstücke daran. Manche dieser Zähne sind in Silber gefaßt und mit einer Ose zum 
Aufhängen versehen. Statt der natürlichen Zähne, die doch erst geopfert wurden, wenn 
der durch sie verursachte Schmerz vorüber, also Dankvotive sind, kommen auch künstlich 
aus Wachs oder Eisen (16. Jahrhundeit) geformte vor. Bittgaben, daß der Heilige vom 
Zahnschmerz be&eien möge. In den handschriftlichen Eintragungen der „Güldenen 
Gnaden Verfassung von Maria Piain ^ sind folgende auf 2iahnschmerzen bezügliche: 6. Mai 
1679 opfert Frau Gräfin von Lodron ein silbernes und ein vergüldetes Zahngebiß und 
am 31. Juli 1688 Graf Max von Thun „einen ganz güldenen Zahn an einem klein gülden 
Kettlein hangend". 

Leidet das ganze Gebiß, so greift man zum Opfern eines vollständigen Unterkiefers, 
der in fast natürlicher Größe aus Wachs hergestellt wird, freilich läßt die Naturwahrheit 
einiges zu wünschen übrig, aber man begreift doch sofort, um was es sich handelt. Der 
hier abgebildete Unterkiefer aus Wachs (Taf. XVII, Fig. 68) stammt aus München. 
Gleiche sind aber auch an den verschiedensten Orten bei den Wachsziehem käuflich. 

Die allerursprünglichste Form von Opferzähnen aus Wachs, kaum als solche zu er- 
kennen, ist bei den Wachsziehem in Kevelaer zu haben. Sie besteht einfach aus kleinen, 
kantig zusammengebogenen gelben Wachsstückchen (Taf. V, Fig. 14). 

Ausgerissene, teilweise kariöse Pferdezähne sah ich hinter dem Hochaltar zu S. Leon- 
hard in Aigen hängen. 



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Eingeweidebilder als Opfergaben. 



Wie die hilfesuchenden Kranken ihre Gliedmaßen im Bilde an den heiligen Gnaden- 
Rtätten niederlegen 9 so geschieht es auch mit Nachbildungen der Eingeweide in Holz, 
Wachs und Metall. Daß es in altgriechischen und altitalischcn Tempeln schon solche, 
die Eingeweide darstellende Weihegaben gab, Bittgaben Erkrankter, die um Genesung 
flehten, war bekannt und ist namentlich durch Stieda eingehend vom Standpunkte des 
Anatomen erörtert worden. Von inneren menschlichen Körperorganen aus altitalischer 
Zeit in Terrakotta oder Marmor hergestellt, erklärte er ganze Figuren, Rumpfstficke mit 
geöffneter Leibeshöhle und den sichtbaren Organen, mit Dai*stellungen von Eingeweiden, 
sowie einzelne Teile, wie Darmschlingen, Luftröhren mit Kehlkopf usw.*). In den ge- 
öffneten Brust- und Bauchhöhlen sind in sehr einfachen Nachbildungen Herz, Leber, 
Lunge, Magen, Nieren, Blase und Därme kenntlich gemacht, mehr oder minder genau 
abgebildete Organe, die auch in ihrer Anordnung verschieden sind. Daß sie auf Sektionen 
von Menschen zurückgehen, darf kaum angenommen werden und die Deutung, daß es 
sich um Nachbildung der tierischen Eingeweide, die man bei Schlacht- und Opfertieren 
sah, handelt, erscheint dagegen als die einzig richtige. Und so ist es bei den Eingeweide- 
bildern, die heute noch geopfert werden, auch der Fall, auch diese sind nach dem 
Vorbilde der inneren tierischen Organe gearbeitet. 

Erkrankt ein an die Wirksamkeit der Opfergaben glaubender Mensch innerlich, so 
hat er meistens nur eine unklare Yoi^stellung davon, wo der Sitz des Leidens zu suchen 
sei, es sei denn, daß er direkt Schmerzen in der Lunge, der Luftröhre, Blase oder einem 
leicht erkennbaren Organe empfindet. Ruft er dann den Arzt und dieser gibt ihm Ursache 
und Sitz des Leidens an, so behält er den Doktor unter Umständen bei, seine Haupt- 
hoffnung aber setzt er auf den Heiligen und dessen Fürbitte. Tritt nach erfolgtem 
Opfer Heilung ein, so kommt dabei der Arzt nur nebensächlich in Betracht, das Haupt- 
verdienst fällt dem Heiligen zu. Der Leidende hatte aber wenigstens durch den Arzt das 
Organ kennen gelernt, und konnte dessen Abbild opfern. 

Daß die Organvotivc auch heute noch und keineswegs selten, vom Volke geopfert 
werden, ist erst in aller jüngster Zeit bekannt geworden. Die ei*ste, welche deren Be- 
deutung erkannte, war Marie Eysn, welche im Salzburgischen sie mehi'fach in den 
Wallfahrtskapellen auffand und ein Exemplar an Dr. M. Höfler sendete, der es damals 
als „Seltenheit" veröffentlichte'). Indessen diese Opfer, innere Körperteile, sind, wie wir 
jetzt- wissen, keineswegs selten, wenn auch in ihrem Verbreitungsbezirke beschränkt. 
Unsere Sammlung besitzt eine sehr große Anzahl derselben aus Holz, Ton und Wachs 



») Stieda, S. 79 bis 104. 

*) Ein Organvotiv aus der Zeit der Humoral pathologie. In „Janus", Archiv Internat, p. Thistoire 
de la Medecine, Janvier 1901. Mit Abb. 

16* 



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124 Hölzerne Opferltingln. 

und bei den Wachsziehem in München oder Salzburg werden sie heute noch hergestellt 
und verlangt Diese „Lungin" umfassen eine ganze Anzahl innerer Organe: Luftröhre 
mit Thymusdrüse, Lunge, Herz, Leber, Magen, Gallenblase usw., bald alle zusammen, 
bald nur einzelne Teile. Sie sind Gesamtdarstellimgen der erkrankten, wenn auch nicht 
im kranken Zustande abgebildeten inneren Organe, im Gegensatz zu den einzelnen 
Organen, wie Herz, Luftröhre, Magen usw., die auch geopfert werden. 

Was die Verbreitung des Votivs betrifft, so teilt mir meine Frau folgendes mit: 
„Die erste „Lungl*^ sah ich bei einer Quelle, über welche eine hölzerne Kapelle gebaut 
war, am Wege von Schneegattern nach Friedburg an der salzburgisch-oberösterreichischen 
Grenze. Der nahe Wallfahrtsoit Heiligenstatt bei Friedburg hat an seiner Ku'che einen 
kleinen Anbau, in welchem eine große S. Leonhardsstatue steht, neben der zahlreiche 
eiserne Arm- und Beinfesselu, Krücken, Zöpfe, Hunderte von Zähnen hängen. Auf dem 
Boden lagen, als ich das erate Mal diesen Raum betrat, ungefähr ein halbes Hundert 
„Lungin" aus Holz. Als ich 1899 wieder dort hinkam, zählte ich nur noch 20 Stück, 
da die anderen, wie die MeJßuerin sagte, verbraunt worden waren. Der ganze übrige 
Raum ist mit Yotivbildem bedeckt. In der Mitte der Kirche steht eine Marienfigur 
mit rotem Mantel, mit dem Augenkranke sich die Augen wischen; hinter dem Hochaltar 
ist im Fußboden eine vertiefte Stelle, wo sich stets etwas Wasser sammelt, in welches 
die Wallfahrer ihre kranken Füße, auf Heilung hoffend, hineinstecken. Noch jetzt 
schnitzt der Tischler Krug in Friedburg Lungin, das Stück für 1 Gulden 50 Kreuzer.*^ 

„Hölzerne Lungin fand ich ferner in Schmolln bei Bi*auuau, Oberösterreich; in der 
Kolomanskapelle bei Thalgau, Salzburg; in S. Pankraz bei Oberndorf, Salzburg; an einem 
Brunnen mit Marterbild am Wege nach Koppel, Salzburg; in der Wallfahrtskirche von 
Ettenberg bei Schellenberg, Berchtesgaden; in der Kapelle von Stadeleck bei Simbach, 
Bayern; in der Hinterlohner Kapelle nächst Ach (gegenüber Burghausen), Oberöster- 
reich" i). Ich füge diesen Nachweisen noch hinzu Langwickel bei Baierbach und die 
Wieskapelle bei Rottalmünster, beide in Niederbayern; auch zu Unterdietfurt im Rottal 
kommen hölzerne Lungin vor (Exemplar in der prähistorischen Staatssammlung zu 
München). Tönerne sind mir von Samarey bei Oiteüburg, Niederbayern, bekannt Bei 
weiterer Forschung werden sich für die Verbreitung dieses Organvotivs wohl noch mehr 
Orte seines Vorkommens feststellen lassen, bisher aber können wir annehmen, daß die 
rechts und links vom Lin und der Salzach gelegenen Landschaften Niederbayerns, Salz- 
burgs und Oberösterreichs das Hauptverbreitungsgebiet ausmachen. 

Während bei den meisten Opfergaben an einen heidnischen oder römischen Ursprung 
gedacht wird, ist eine solche Ansicht bezüglich der „Lungin" noch nicht ausgesprochen 
worden. Sie scheinen sich, ohne Entlehnung, in dem bezeichneten Bezii'ke selbständig 
herausgebildet zu haben. Wo aber liegen die Vorbilder der von anatomisch unwissenden 
Leuten, Tischlern, Töpfern und Wachsziehern, angefertigten Organvotive? Wie es be- 
züglich der altitalischen Finge weidenbilder mit Recht angenommen wird, daß die mensch- 
lichen Organvotive Nachbildungen tierischer Eingeweide waren, so liegt die Sache auch 
hier. Diejenigen, welche die „Lunglu" im Auftrage eines Kranken zu fertigen hatten, 
übertrugen das, was sie im Körper eines Schlachttieres sahen, einfach auf das mensch- 
liche Innere und somit ihre Arbeit Dabei verfuhren aber die Künstler sehr vei*schfeden, 
der eine arbeitete genauer, sich mehr an die Natur haltend, der andere ließ seiner 



*) Vgl. dazu auch Marie Eysn, Votivgaben im Salzburger Flachgau, Zeitscbr. des Vereins 
f. Völksk. 1901, S. 183. 



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Alter und StilisieraDg der Langln. 126 

Pbantaaie mehr Spielraum und schuf Formen, deren anatomische Deutung schwierig oder 
ganz unmöglich ist Unter den zahlreichen Stücken, die mir vorliegen, sind keine zwei 
gleich, alle zeigen sehr verschiedene Formen und durch Stilisierung gehen schließlich die 
Lungin in Gebilde über, welche mit der natürlichen Gestalt dessen, was sie ursprünglich 
darstellen sollen, nur eine sehr entfernte oder gar keine Ähnlichkeit besitzen. Dazwischen 
liegen zahlreiche Übergänge von einer möglichst naturwahr beobachteten Lungl mit 
besseren anatomischen Darstellungen, bei denen man sofort die einzelnen Organe be- 
stimmen kann, bis herab zu rohen Gebilden, die etwa einer Kuhglocke gleichen. 

Die inneren Organe der Schlaohttiere düi*ften wohl genügen, um die Vorbilder der 
„Lungin" zu erklären. Höfler weist aber noch darauf hin (im Janus a. a. O.), daß der 
Dorfkünstler höchst wahrscheinlich auch die Abbildungen älterer medizinischer Werke 
benutzte und zum Vorbilde genommen habe und findet in der Anordnung der Organe, 
daß die ganze Darstellung der Lungin auf alter Galenscher Vorstellung begründet sei. 

Li den Mirakelbüchem steht nichts von diesen Gesamtdarstellungen der Eingeweide, 
während die einzelnen inneren Organe, Herz, Magen, Luftröhre („Hals") oft genug 
erwähnt werden. Wir können daher auch über das Alter der Lungin nichts sicheres 
sagen. Nach ihrer ganzen Beschaffenheit gehen die mir vorliegenden zahlreichen älteren 
Stücke schwerlich über das 17. Jahrhundert zuiiick, die neueren, namentlich die stilisierten, 
reichen bis in die Gegenwart 

Die hölzernen Lungin haben eine zwischen 15 bis 55 cm schwankende Größe und 
zeigen bald die Luftröhre, die Lunge, den Magen, das Herz, die Leber mit Gallenblase, 
einzelne Drüsen, je nachdem der Dorftischler oder Bildschnitzer eine mehr oder minder 
gute Vorlage hatte, bald zeigen sie nur einzelne Teile und sinken herab bis zu einer 
mantelartigen Umhüllung, welche die Lungen vorstellen soll und das Herz einschließt 
Wenn auch Leber, Magen, Blase verschwinden, so bleibt die Lunge mit der daran 
sitzenden Luftröhre doch übrig, sie ist auch die Hauptsache, die dem Opfer den Namen 
gab, welches in erster Linie bei Lungenkrankheiten dem Heiligen dargebracht wird. Die 
Rückseite der Organvotive ist in selteneren Fällen ausgearbeitet und zeigt dann die be- 
treffenden Teile auch von hinten; gewöhnlicher verläuft sie glatt und ist dann dort öfter 
mit einer Widmung versehen; auf einer der jüngeren steht: Grescentia Brandstätter aus 
Thalgau 1850. Die Lungin sind meistens in natürlichen Farben bemalt; die geringelte 
Luftröhre weißlich, die Lungenflügel fleisohrot, die Leber dunkelbraun, die Gallenblase 
grünlich usw. Aber auch Phantasiefarben kommen vor, so umfaßt bei einem der kleineren 
Exemplare eine weißgraue Lunge einfachster Form einen runden schwarzen Körper, der 
das Herz vorstellen soll. 

Wie verschiedenartig die Lungin aus Holz gestaltet werden und wie sie durch 
Stilisierung allmählich in höchst einfache Formen übergehen, die das ursprüngliche Votiv 
kaum noch erkennen lassen, kann am besten an der Hand der Abbildungen gezeigt 
werden, welche die Typen der verschiedenen Formen darstellen. Auch die Lungin und 
ihre unverständlichen Abkömmlinge unterliegen dem Gesetze der Stilentwickelung und 
Ornamentik, wie es erst in neuerer Zeit auf Giniud ethnographischer Forschung nach- 
gewiesen wurde, wo man z. B. in der Südsee beobachten kann, wie ein wahres Netz- 
werk von Winkeln und gekreuzten Linien an Waffen und Geräten aus den Abbildern 
hockender oder tanzender Menschen entstand, wie Menschen zu Eidechsen, Schlangen 
zu gewundenen Linien, Frösche zu rautenförmigen Verzierungen usw. wurden*). So 

*) Grundlegend hierfür ist die Arbeit von Hjalmar Stolpe, Utvecklingsföreteelser i natnr- 
folkens Ornamentik im Ymer 1900, S. 193 bis 250. 



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126 Verschiedene Formen der Lungin. 

werden aus den ganz naturalistisch gestalteten Lungin mit annähernd richtigen Eiu- 
geweideformen schließlich Gebilde, die man mit einer Kuhglocke oder einer Ti*aube 
vergleichen kann. 

Fig. 69 a und b (Taf. XVIU) aus der Hinterlohner Ejtpelle bei Ach an der Salzach, 
Oberösterreich, 42 cm lang, zeigt die naturwahrste Gestaltung auf der Vorder- und Rück- 
seite. Oben die abgeschnittene Luftröhre, zur Seite die Thymusdräse , das birnförmige 
Herz ist von den beiden Lungenflügeln umfaßt und unter ihm die Leber mit der Gallen- 
blase. Auf der Rückseite ist die Trennung der Lungenflügel zu sehen. 

Fig. 70 (Taf. XVIU) läßt wohl die einzelnen Organe noch erkennen, aber die 
Stilisierung ist eingetreten und zugleich macht sich das Bestreben bemerkbar, das ganze 
ornamental zu behandeln. Das Exemplar von Heiligenstatt bei Friedburg ist 50 cm lang 
und bemalt Oben die Luftröhre, als Stiel gedacht; die Lunge ist zusammengeschrumpft 
und etwa wie eine Blume gestaltet, senkrecht darunter das Herz, wieder tiefer die zwei- 
lappige Leber und zum Schluß ein kugelartiges Organ, vielleicht die Blase. 

Fig. 71 (Taf. XVni) ähnlich wie das vorige Stück, 40 cm lang, vom gleichen Orte 
und bemalt. Die Luftröhre, weiß, ist geringelt; die Lunge noch mehr ornamental be- 
handelt wie beim vorigen Exemplar und das ovale Herz umfassend, darunter die zwei- 
lappige Leber und endlich der quer vorgelegte Magen. 

Nur die Luftröhre mit den beiden Bronchien und der Lunge zeigt Fig. 72 
(Taf. XIX). Dieses Exemplai* aus dem Rottale in Niederbayera ist eines von den 
wenigen aus Tön, die wir gesehen haben und zeigt die Lunge, welche braunrot bemalt 
ist, und weiße Luftröhre samt dem Kehlkopfe in guter Nachahmung und mit richtiger 
Beobachtung. 

Bei den folgenden hölzeimen Lungin (Fig. 73 bis 76, Taf. XiX) schreitet die Stili- 
sierung immer weiter vor. Schon das bemalte Exemplar (Fig. 73) von Ilaselbach läßt, 
wenn man den Zweck nicht kennt, kaum noch erkennen, um was es sich handelt Die 
Luftröhre ein kurzer Stumpf; wie ein Mantel umgeben die Lungenhälften das eirunde 
Herz mit darauf gemaltem L H. S. Darunter die gleichfalls eii-unde Leber mit einer 
Abbildung von Christus im Kerker. Fig. 74 aus weichem, unbemaltem Holz, 25 cm lang 
ist Drechslemrbeit und stammt von Langwinkel im Rottale. Luftröhre, Lungenflügel, 
das Hera und die Leber sind noch geschieden; sieht man das Stück von der Rückseite 
an, so würde man etwa wähnen, ein Mangelholz oder ähnliches Küchengerät vor sich zu 
haben. Fig. 75 und 76 zeigen die letzten Ausläufer. Beim glockenartigen Stück, Fig. 75, 
20cm lang, ist die Luftröhre zu einem dünnen Stiele geworden, das Hera sitzt wie ein 
Schwengel in der Glocke. Fig. 76, 22cm lang, von Heiligenstatt bei Friedburg, läßt 
noch die Luftröhre erkennen; alles übrige aber ist auf ein rotbraun bemaltes, dreispitziges 
Gebilde zusammengeschrumpft 

Wie bei den hölzenien Lungin findet die Vereinfachung und Stilisierung des Gebildes 
auch bei jenen aus Wachs statt Das am meisten der Natur nahe kommende Exemplar 
dieser Art (Fig. 77, Taf. XIX) wird bei den Wachsziehern in Salzburg verkauft Es 
ist 16 cm lang, läßt oben die Luftröhre mit einigen Drüsen erkennen, darunter das Hera; 
die beiden Lungenflügel, deren Trennung auf der Rückseite angedeutet ist, machen den 
Hauptköi-per aus. Unten sitzt als eine Art Anhängsel, ein zweilappiges Organ, das die 
Leber vorstellen soll. W^eiter geht die Stilisierung bei Fig. 78 (Taf. XX) von Maria 
Piain. Hier haben wir noch die geringelte Luftröhre und darunter die verschiedenen 
Organe als länglichrunde traubenai-tigc Gebilde, aus denen nur noch das Hera als besondere 
Gestalt sich abhebt Endlich Fig. 79 (Taf. XX), bei der unter der Luftröhre die beiden 



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Votivherzem 127 

LuDgeDflügel zu eiuem faltigen Überwurf geworden sind, unter denen das Herz und eine 
DarmBchlinge liegen. 

unter den einzelnen inneren Organen ist das Herz aus Wachs, Silber oder Holz 
das häufigste. Jeder Wachszieher hat Herzen vorrätig und sie fehlen kaum in einer 
Kapelle, wo geopfert wird. Die Ursachen für die Opferung dieses Organes, dessen Be- 
deutung dem Volke ja nur durch sein Klopfen bekannt ist und traditionell als Sitz 
dies Lebens gilt, sind sehr verschiedener, bald psychischer, bald körperlicher Art „Wegen 
des starken Hustens ihres einjährigen Knaben verlobte sich Ursala Lutzbäuerin von Beren- 
bach mit einem Wachsherz 1588 zu S. Leonhard." „Bartholomäus Conrad von Pfaffen- 
hof en, der hat in seinem hertzen großen weetagen außgestanden , nach dem gelübd aber 
eines wächsin hertzens ist er gesund geworden, 1592" *). Daß auch seelische Schmerzen 
aller Art, Liebeskummer, große Betrübnis und Not zur Darbringung des Hei-zens führen 
und dieses dann als Widmung der ganzen Person an den fürbittenden Heiligen gilt, ist 
allgemein bekannt und diese Fälle werden wohl, gegenüber jenen, wo es sich um 
Krankheit handelt, die häufigeren sein. 

Das Opferherz symbolisiert allerlei Wünsche und Dankgefühle, so daß, aus diesen 
Gefühlen heraus, ganze Gemeinden auch Herzen opfern. In Altötting werden sogar zwei 
goldene Herzen aufbewahrt, eines 1741 von der Gemeinde Vilshofen an der Donau, 
ein anderes von der Gemeinde Malgersdorf gelegentlich ihres fünfzigsten Wallfahrts- 
ganges 1895 geopfert Die häufigen silbernen Herzen (Fig. 80, Taf. XX) verechiedener 
Größe werden gewöhnlich auf schwarzen Samttäf eichen geopfert Sie haben zuweilen 
Verzierungen, oben eine Flamme oder einen Kranz, manchmal auch Inschriften. Die- 
jenigen, welche in den süddeutschen Wallfahrtskapellen hängen, sind alle aus Silberblech 
geschlagen und nicht zu unterscheiden von den in Italien üblichen. ^1682, 15 Marty. 
Graf Friedrich von Lamberg und Frau, geb. Gräfin Töi-ring, opfern ein silbernes ver- 
gültes Herz von getriebener Arbeit mit Flamme und in der Mitte der Name I. H. S.*)." 

Holzherzen, rot bemalt, kommen von 3 bis 13cm Größe vor, sie sind gewöhnlich 
oben mit einem kleinen Stiel zum Aufliängen versehen. Die Wachsherzeu stellt man 
meistens auf den Einguß oder hängt sie an Fäden auf. Von den einfachsten bis zu 
verzierten kommen sie vor, von denen Fig. 81 (Taf. XX) eine Probe gibt Auf der 
einen Seite das Monogramm Maria, auf der anderen I. H. S. mit Kreuz, den drei Nägeln 
und dem Herzen ChristL 

Gewöhnlich sind die Opferherzen, gleichviel aus welchen Stoffen sie bestehen, in 
der jetzt allgemein üblichen, oben zweilappigen, unten spitzen Form dargestellt, während 
bei den hölzernen Lungin das Herz meist kugelig ei*6cheint Auf klassischen Bildern 
kommt es nicht zweilappig vor. Erst im 15. Jahrhundert erscheint es in der gewöhnlich 
jetzt gängigen Art auf italienischen Bildern »). Die vollständige Übereinstimmung der in 
süddeutschen Kirchen geopferten Herzen, welche herabgeht bis auf die Verzierungen, 
die Flammen, die Inschriften und darauf angebi*achten Symbole, mit den noch jetzt in 
Italien geopferten Herzen, legt die Vermutung nahe, daß unsere Herzen von dort ein- 



») 8. Leonardus, BL 68, 96. 

') Güldene Gnaden Verfassung von Maria Piain. 

') „In herzförmigem Gebäck 1440 in der Acoademia di belle arti Maro Marziale auf der La cena 
in Emans. Erst ein mediziDischer Fortschritt auch in der Yolksvorstellung konnte diese zweigelap])te 
Form popularisieren. Wenn der Maler bereits 1440 ein Gebäck in dieser Form abbildete, so muß 
diese Herzform schon einige Jahrzehnte vorher Volksauf fassung gewesen sein." Mitteilung des Herrn 
Dr. M. Höfler in Tölz. 



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128 Hals- und Magen voüve. 

geführt wurden. Als Attribut der Heiligen hat das Herz die Bedeutung feuriger Gottes- 
liebe und der h. Iguatius und die h. Therese tragen flammende Herzen in der Hand, 
die gleichsam Vorbilder für die gebräuchlichen Opferherzen geworden sind. 

Hals. „Agatha Ilechlerin von Thierhaupten hat große Wehtage im Hals erlitten, 
verlobt sich derhalben mit einem wächsin Hals 1588^ i). Da das Opfern eines wächsernen 
Halses öfter in den Mirakelbüchem vorkommt, wir aber nicht wissen, wie wir dieses 
Votiv uns vorzustellen haben, jedoch wächserne Luftröhren aus älterer und neuer Zeit 
vorkommen, so ist eine solche wohl als Darstellung des „Halses^ anzunehmen. Man 
opfert sie jetzt noch vielfach bei Halsschmerzen (Fig. 82, Taf. XX). Das abgebildete 
Exemplar stammt vom Wachszieher Joseph Leichinger in Dingolfing und ist 11cm lang. 

Auch der Magen wurde bei Krankheiten dieses Organs geopfert Wie er abge- 
bildet wurde, weiß ich nicht Am 5. September 1743 opferte Herr Sedlmayr einen 
silbernen Magen, IVs Lot schwer, nach Maria Piain (Güldene Gnadenverfassung). 

») S. Leonardas, Bl. 54. 



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Die Opferkröten und Stachelkugeln. 



Eb fehlt nicht an Andeutungen, daß schon in prähistorischer Zeit die Eröte und 
krötenartige Tiere in abergläubischer Weise betrachtet wurden, wofür verschiedene Funde 
sprechen, auf die Prof. Handelmann, im Zusammenhange mit dem modernen Ki'öten- 
aberglauben und den Opferkröten, hingewiesen hat ^). In den nordischen Landein kommen 
prähistorische Fibeln mit Kröten oder froschartigen Tieren vor, so bei einer Bronzefibel 
von Bomholm und eine ähnliche, aber mehr barbaiische , doch sicher eine Kröte dar- 
stellende aus dem Gouvernement Perm, die Aspelin abgebildet hat'). Älter als beide 
ist eine Krötenfibel von römischer Arbeit, die in den Ruinen von Noviodunum (Dernovo 
bei Gurkfeld, Krain) gefunden wurde. Vielleicht ist hierher auch das 5 cm lange vier- 
füßige molchartige Tier zu rechnen, das unter den bronzezeitlichen Funden von Seelow 
in der Mark vorkommt '). Es sind noch mehr Funde krötenai*tiger Tiere, die als Amulette, 
Anhängsel, vielleicht auch als Opfergaben dienten, bekannt geworden; hier genügt es aber, 
nur darauf hinzuweisen, wie alt die Beachtung der Kröte ist, welche später als Symbol 
der Gebärmutter angesehen wird. 

Die heute noch im süddeutschen Volke durchaus lebendigen Vorstellungen, daß die 
Gebärmutter ein lebendes, selbständiges Wesen sei, welches im Körper umherwandeln könne, 
sind uralt und auch bei den alten Griechen und Römern nachgewiesen. Der griechische 
Philosoph Plato sah den Uterus für ein nach Befruchtung begehrliches Tier an, welches, 
wenn seine Begierde nicht befriedigt wird, sich ungehalten zeigt und im Köi-per umher- 
zuwandem beginnt Aretäus sagt: „In der Mitte zwischen beiden Flanken liegt beim 
Weibe der Uterus, ein weibliches Eingeweide, welches vollständig einem Tiere gleicht, 
denn es bewegt sich in den Flanken hin und her. £s gleicht einem Tiere und ist auch 
ein solches.^ Auch Hippokrates spricht von Wanderungen, von Ab- und Aufsteigen der 
Gebärmutter *). 

So weit auch die Belehrung vorgeschritten ist, jene alte Anschauung ist heute 
noch weit im Volke verbreitet. Zwar ist in Bosnien der Glaube, daß die Gebärmutter 
ein Tier sei, unbekannt, aber die Anschauung besteht dort, daß es sich bei ihr um ein 
lebendes Wesen handle, das im Körper wandert^). Dagegen erscheint sie in Nieder- 
sachsen als Maus, als selbständiges Geschöpf mit eigenem Willen. In den ersten 
24 Stunden nach der Geburt soll im Braunschweigischen das neugeborene Kind nicht 
bei der Mutter liegen, sonst kann die Gebärmutter keine Ruhe finden und ki-atzt im 



*) Verhandl. d. Berliner Anthropol. Ges. 1882, S. (22). 
•) Antiquites du Nord Finno Oogrien, Nr. 568. 

») Verhandl. d. Berliner Anthropol. Ges. 1875, S. (87) u. Taf. VII, Fig. 7. 
*) PloJB-Bartels, Das Weib» I, S. 170. 
*) Verhandl d. Berliner Anthropol. Ges. 1896, S. (283). 
Andree, Yotive und Weihegabeu. 27 



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130 Kröte = Gebarmutter. 

Innern der Frau „wie eine große Maus*^*). Auch bei anderen Völkern wird die Bär- 
mutter noch als ein bewegliches selbständiges Geschöpf gedacht. So heißt es in einem 

siebenbürgischen Spruche: 

Wehmutter, Beermatter, 
Du willst Blut lecken, 
Das Herz abstoßen, 
Die Glieder recken, 
Die Haut strecken! 
Darfst es nicht tun, 
Du mußt ruhn. 

Im Namen Gottes! 

Und eine lettische Formel lautet: „Liebstes Mütterchen! Steige nicht hoch, steige nicht 
tief, dehne dich nicht aus in die Breite, recke dich nicht in die Länge! Sitze auf deinem 
Stuhle, schlafe in deinem Bett, wo dich Gott eingezeichnet hat^ So ähnlich auch bei 
anderen Völkern, wo stets die Gebärmutter als selbständiges, bewegliches, auf- und ab- 
steigendes Geschöpf gedacht ist 

In SüddeutBohland, den Alpenländem und bis ins Elsaß ist es nun die Kröte, welche 
die Gebärmutter repräsentiert und geradezu als solche gedacht wird, als ein beißendes, 
kratzendes, schlagendes Wesen, welches auf- und absteigt, das auch gefüttert werden 
muß und die hysterischen oder sonstigen Unterleibskrankheiten der Fi*auen herbeiführt 
Und wie man das Abbild anderer kranker Organe oder Glieder den Heiligen, Fürbitte 
und Genesung erflehend, opferte, so brachte und biingt man noch die Gebärmutter in 
der vom Volke gedachten Gestalt als wächserne, silberne oder eiserne Kröte zur Gnaden- 
stätte. So fest sitzt der Glaube, daß die Gebärmutter eine beißende Kröte sei, welche 
im Leibe umherwühle, daß selbst von männlichen Bärmuttern die Rede ist 

„Elizabetham Riedlin von Seimbach hat die Beermutter heftig gebissen, indem 
verspricht sy sich mit einer wächsin Beermutter, ist nach solchem gelübt von gemelter 
Krankheit entledigt worden 1588." — „Walburg Heiflin von Vnderschönbach hatt die 
Beermutter 14 tag hefftig gebissen, verlobt sich derhalben mit einer wächsin Beermutter 
vnd dieselbig auf blossen Knien vmb den Altar zu tragen. Nach solchem gelübd hatt 
dise Krankheit zweifeis frey durch fürbit des Nothelfers S. Leonhards alsbald auf- 
gehört 1592"»). 

Solche Eintragungen in die Mirakelbücher sind zahlreich und zahllos sind die eisernen 
und wächsernen oder silbernen Kröten, welche in den Wallfahrtskapellen hängen, fast 
immer dann dargebracht, wenn es sich um Frauenleiden handelt Ausdrücklich erwähnt 
wird in den Sagen, daß die Bärmutter auf- und absteige, in Bayern, wie in Tirol"), ja 
die im Weibe sitzende Kröte, die Muetter, kann den Köi*per des Weibes verlassen und 
wieder in ihn zurückkehren. Bei Zirl in Tirol, wo man nach Telfs fährt, so lautet die 
Sage, legte sich eine Wallfahrerin ins Gras, weil ihi' übel wurde und schlief ein. Kaum 
war sie eingeschlafen, kroch die Bärmutter samt den daran hängenden Mutterbändem 
aus ihrem Munde, watschelte nach dem Bache, badete sich dort und kroch wieder in 
den Mund der Kirchfahrerin hinein. Als diese dann erwachte, war sie wieder gesund^); 
In Niederbayern weiß man sogar, wie die Bärmutter gefüttert werden muß. Kommt 



*) R, Andree, Braimschw. Volkskunde*, S. 286. 
«) S. Leonardos, Blatt 46 u. 50. 

*) Dr. von Dalla Torre, Beiträge zur Anthropologie pp. von Tirol. Innsbruck 1894, S. 116. 
*) Panzer II, S. 195. Ähnliche Tiroler Sagen bei J. von Zingerle, Sitten usw. des Tiroler 
Volks«. Innsbruck 1871, S. 26. 



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Verbreitung der Opferkröten. 131 

sie aas dem Häusl, so muß der Mensch sterben, damit sie das nicht tue, so muß mau 
die Schalen einer wälschen Nuß mit Schmalz füllen, auf den Nabel legen und so lange 
liegen lassen, bis das Schmalz heraus ist, denn „die Beermutter will gfuttert sein^ ^). 

Zweifellos ist es also die Bjröte, welche das Volk sich als die Ursache von Frauen- 
leiden vorstellt und demzufolge als Abbild opfert, aber nicht allein, wenn auch haupt- 
sächlich, wegen Hysterie und Leiden der Gebärmutter, sondern auch in einigen anderen 
Fällen, namentlich wegen ünfinichtbarkeit, was z. B. bei S. Kümmemisbildem in Tirol'), 
und in S. Veit im Buchet bei Neumarkt an der Rott der Fall ist '), während anderwärts 
das Erötenopfer für günstigen Verlauf der Schwangerschaft und zur Verhütung von 
Mißgeburten erfolgt, so in Maria Thalheim nach Aussage des dortigen alten Sakristans^). 
In der Kümmemiskapelle von Stadeleck bei Simbach am Inn hängen Wachskröten, ein 
Zeichen, daß auch dort diese Heilige bei Gebärmutterleiden angerufen wird. 

Ehe ich nun zur Besprechung der auffallenden Tatsache übergehe, warum gerade 
die Kröte zum Symbol der Gebärmutter erwählt und für Leiden dieses Organs geopfert 
wurde, will ich die Verbreitung des Votivs zu bestimmen suchen, welche eine beschränkte 
ist. So viel ich bis jetzt sehen kann, ist die Opferkröte nur in dem Gebiete zu Hause, 
das von Kärnten und Steiermark im Süden bzw. Südosten durch die deutschen Alpen- 
länder (mit Ausschluß von Südtirol), Bayern imd Schwaben bis zum Elsaß reicht und 
im Norden an die fränkischen Landschaften anstößt Aus den ersten dieser Gegenden 
ist sie in unserer Sammlung reichlich in den verschiedensten Formen vertreten. In Nord- 
tirol sind die Wachskröten ungleich seltener als in Bayern; ich fand nur vereinzelte 
Exemplare und bei den Wachsziehem in Schwaz oder Innsbruck kannte man sie nicht 
mehr und meinte, daß die wenigen in den Kirchen vertretenen Exemplare von auswärts 
eingeführt worden seien. In Württemberg hat eiseiiie Erröten, die sich hinter einem 
Altar in einer Kapelle bei Ravensberg fanden und bei schweren Gebm*ten geopfert 
wurden, der verstorbene Major von Tröltsch nachgewiesen &). In der S. Rochuskapelle 
zu Riedhausen hängen an einer eisernen Stange 5 bis 6 schmiedeeiserne Kröten, Weihe- 
geschenke für Mutterkrankheiten ^). Das hier (Taf. XXI, Fig. 83) abgebildete Exemplar 
einer eisernen Opferkröte aus dem Wiesbadener Museum stammt jedoch keineswegs 
aus Nassau, von wo, wie aus den unteren Rheingegenden, die Krötenopfer nicht er- 
wähnt werden, sondern hat sich aus Bayern in jenes Museum verirrt^). Sie ist aus 
1cm starkem Eisen geschmiedet und 13cm lang, kann aber durchaus nicht, was ich 
sicher behaupten darf, als ein noinnaler Typus der eisernen Opferkröten gelten; im 
Gegenteil, sie bildet mit den eingepuuzten sternförmigen Figuren eine Ausnahme, was 
der Grund ist, daß ich hier eine bessere Abbildung als die oberflächlichen unten erwähnten 
gebe. Als letzte Ausläufer treffen wir dann die Opferkröten im Elsaß, von wo wir 
genaue Nachrichten besitzen^). Die eisernen Opferkröten, jetzt im Museum von Zabem 
befindlich, sind dort in der Yeitskapelle oder -Grotte im Zomtale gefunden, wohin man 

») Panzer IT, 8. 195. 

•) Zingerle, Sitten des Tiroler Volks«, S. 26. 

») M. Höf 1er, Wald- und Baumkult 1892, S. 80. 

^) Brief des Koratbenefiziats Josef Allmer daselbst vom 4. August 1900 an f Dr. W. Hein. 

*) Brief aus Stuttgart vom 28. November 1893. 

*) A« Birlinger aus Schwaben I, S. 286. 

^ Diese Kröte ist schon oberflächlich abgebildet worden von Handelmann in den Yerhandl. 
d. Berliner Anthropol. Ges. 1882, S. (24) und danach von Ploß-Bartels, Das Weib P, S. 171. 

•) Von Dr. E. Blind im Globus LXXXII, Nr. 5 und von Dr. Bücking in den Mitt. der 
Philomathischen Gesellschaft in Elsaß-Lothringen. Band UI, 1903, S. 89. 

17* 



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132 Verbreitung und Formen der Opferkröten. 

wegen Veitstanz und Hysterie wallfahrtet Die acht Stück wurden schon 1859 gesammelt, 
sind in kunstloser Weise aus Eisenblech geformt, oben der dicke Kopf mit zwei Augen, 
die durch Löcher wiedergegeben sind, die vier Beine haben Andeutung von Zehen. 
Auch Stöber erwähnt diese Kröten J) als von Frauen geweiht „bei gewissen Leiden". 
Ursprünglich, so veimutet er, habe das Opfer nicht dem Heiligen selbst, sondern dessen 
Peiniger, dem Teufel, gegolten, sei doch die Kröte eines jener unheimlichen Tiere, dessen 
Gestalt der Böse bisweilen annimmt — was doch wenig wahrscheinlich ist Von dem 
gleichen Fundorte im Elsaß, der Veitsgrotte, stammt auch der Crapaud en fer, ex voto 
trouve sur le Vitsberg prfes de Saveme im Mühlhauser Museum (Sammlung Engel- 
DoUfus), welche ich hier abbilde (Taf. XXI, Fig. 84) und auf die zuerst Virchow hin- 
gewiesen hat*). 

Einen weiteren Fundort im Elsaß für eiserne Ki-öten (Taf. XXI, Fig. 85 u. 86) 
hat Dr. W. Hein aufgefunden, es ist dieses das Missionskreuz auf dem Friedhofe von 
Weiler oberhalb Schlettstadt , wo neben anderen Votivgaben roh aus starkem Eisen- 
blech ausgeschnittene Kröten von 13 bis 15cm Länge lagen, deren eine in kriechender 
Stellung Fig. 85, Taf. XXI zeigt Sie sollen hauptsächlich bei Mutterkrebs, auch von 
schwangeren Frauen geopfert werden, welche sich an Kröten „versehen" haben, damit 
ihr Kind nicht mit einem Krötenmal zur Welt komme. Schmiede und Schlosser 
fertigten sie^). 

Endlich ist eine Opferkröte durch Franzosen im 17. oder 18. Jahrhundert nach Naples 
in Illinois verschleppt worden, wo sie mit Rosenkranzperlen, silbernen Ejreuzen u. dgl. 
auf einem indianischen Begräbnisplatz ausgegraben wurde*). 

So viel über die Verbreitung der Opferkröten, welche Schlüsse sich etwa daraus 
ziehen lassen, wollen wir weiter unten sehen. Jedenfalls ist es erwünscht, daß die 
geographische Verbreitung der Opferkröten genau festgestellt wird. 

Die geopferten Kröten sind außerordentlich mannigfaltig in ihrer Form, am häufigsten 
aus Wachs, seltener aus Silber und Eisen; aus letzterem Metall werden sie heute nicht 
mehr hergestellt In der Größe sind sie nicht sehr verschieden und die hier abgebildeten 
Formen eiserner Exemplare geben Durehschnittsmaße an, doch konamen einzelne riesige 
bis 0,5 m lange Exemplare vor; ein solches hängt hinter dem Altar von S. Leonhard in 
Aigen am lun. Die Wachskröien sind wohl, dem Alter der Wachsopfer entsprechend, 
ursprünglich die ältesten und sie sind fast stets am Schwanzende mit einem Fuß zum 
Aufstellen versehen, welcher dem Einguß in die Wachsform entspricht. Er nahm all- 
mählich durch Verzierung eine meist fächerförmige Gestalt an und es sieht nun aus, als 
ob alle Wachskröten einen solchen Schwanz besäßen. (Taf. XXI bis XXIV, Fig. 83 
bis 99.) Bei der großen Ähnlichkeit zwischen Frosch und Kröte nimmt es nicht wunder, 
daß auch bei den eisernen Kröten Formen vorkommen, die mehr einem Frosch gleichen 
als einer Kröte (Taf. XXII, Fig. 89). Da man die Kröte sich als ein selbständig 
handelndes und wandelndes Geschöpf im Unterleibe der Fi*au vorstellte, so gab man ihr 
gelegentlich ein menschliches Gesicht, wie dieses bei der Wachskröte aus Berchtesgaden 
(Taf. XXin, Fig. 94) zu erkennen ist; andere Kröten zeigen eine Art Übergang zwischen 
dem menschlichen und tierischen Gesicht Im übrigen sind die Wachskröten mit allerlei 

*) Etüde mythologique des animaux-fantomes de TAlBace. Revue d'Alsace 1851. Nach Blind a. a. 0. 
«) Verhandl. d. Berl. Anthropol. Ges. 1882, S. (315). 
») Mitt. d. Anthropol. Ges. in Wien, XXXI, S. 21. 

*) Annual Report of the Smithsonian Institution for 1882, p. 719 und Verhandl. d. Berliner 
Anthropol. Ges. 1886, S. (23). 



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Eiserne Opferkröten. Schildkröteilförmige Votive. 133 

MuBtem verziert, auch die natürlichen Warzen sind angegeben. Über den Rücken verläuft 
gewöhnlich ein Kamm; plattenförmige Zeichnungen, die an die Schildkröte erinnern 
könnten, habe ich bei keiner der vielen Wachsopferkröten, die mir durch die Hände 
gegangen sind, gefunden. (Vgl. Taf. XXm, Fig. 95, 96 und 97.) 

Am nächsten kommen den Wachskröten im Aussehen die silbernen, meistens aus 
Silberblech getriebenen und auf schwarzen Samttäfelchen befestigten Gebärmutterkröten 
(Taf. XXIV, Fig. 98), stets auch mit dem mißverstandenen schwanzartigen Anhängsel, 
.das doch nur als Fuß zum Aufstellen diente, versehen. Selbst wenn mau die silberne 
Opferkröte an einem Maulring aufhängte, wurde der Fächei-schwanz nicht vergessen, 
wie bei der schönen silbernen Opferkröte aus Kloster Andechs (Taf. XXIV, Fig. 99). 
Dieses Schwanzgestell ist auch auf die eisernen Kröten übertragen worden, wie 
dieses bei dem aus einer bayerischen Wallfahrtskirche (Aigen?) stammenden Exemplare 
im Germanischen Museum zu Nürnberg der Fall ist (Taf. XXI, Fig. 91); auch die Wies- 
badener eiserne Opferkröte (Taf. XXI, Fig. 83) zeigt den breiten schwanzartig aus- 
gearteten Anhang zwischen den Hinterbeinen, desgleichen Fig. 92 und 93 (Taf. XXII 
und XXIII) aus Ganacker. Aber ebenso häufig wie die eisernen Ki'öten mit einem in 
der Natur nicht vorhandenen Schwanz von den Schmieden hergestellt wurden, suchte 
man sie naturgetreu und ohne einen solchen zu gestalten. Hier kam nun wieder die 
Geschicklichkeit und Phantasie des Dorfkünstlers in Betracht So naturwahre Exemplare 
wie die schöne, mehr einem Frosche gleichende Eisenkröte von S. Leouhard im Lavaut- 
tale sind nicht häufig (Taf. XXH, Fig. 89), auch Fig. 87 und 90 (Taf. XXI und 
XXII) zeigen der Natur sich nähernde Formen. Meistens entstanden ganz merkwürdige 
Tiergestalten, wofür die Abbildungen die Belege geben. 

Es sind breite, schildkrötenartige (Taf. XXII, Fig. 88) Kröten und langgezogene 
krokodil- und eidechsenartige (Taf. XXH, Fig. 92) vertreten; der Schmied aber, der sie 
fertigte, dachte dabei nur daran, ein krötenartiges, die Gebärmutter symbolisierendes 
Geschöpf herzustellen, ob er dabei nach irgend einer Überlieferung arbeitete, wissen wir 
nicht; ihm wurde von der Bäuerin eine eiserne Bärmutter bestellt und er schmiedete sie, 
so gut er konnte, oder schnitt sie auch aus Blech heraus, wie der Stoff laugte, breit und 
schmal, lang und dünn, kurz und dick. 

Die mannigfaltigen Zwischenformen zwischen den Erröten uud Schildkröten und 
Eidechsen haben zu der Vermutung Anlass gegeben, daß die Schildkröte das Urbild des 
Gebärmuttervotivs gewesen und das dem Norden wenn auch nicht ganz fremde, doch 
seltene und dort nicht hervortretende Tier durch ein ähnliches heimisches, die Kröte, einsetzt 
worden sei. Jedenfalls war die Schildkröte bei den uns erhaltenen Fibeln der Römer 
reichlich vertreten und sie ist mit ihnen auch über die Alpen gekommen. Eine Schild- 
krötenfibel vom Ausgange des 4. Jahrhunderts, aus der Zeit zwischen Konstantin II. und 
Theodosius, wurde auf einem Regensburger Friedhof gefunden i). Wenn wirklich die Schild- 
kröte das Urbild der im Norden der Alpen üblichen Opferkröten gewesen sein sollte, so 
wäre damit jedoch für eine Erklärung des Kröten-Bärmutteropfers noch nichts gewonnen, 
denn der Nachweis, daß die Schildkröte bei den Römern als Symbol für die Gebär- 
mutter angesehen wurde, wäre zunächst noch zu erbringen. 

Noch immer liegt keine befriedigende Erklärung darüber vor, weshalb gerade die 
Krötengestalt an die Stelle des Uterus getreten sei. Daß er ein Tier sei, behauptet die 
uralte abergläubische Überlieferung; warum aber eine Kröte? Gilt diese auch im all- 



*) Tischler in Beiträge zur Anthropologie Bayerns IV, S. 76, Fig. 43. 



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134 £rklänmg der Erötenopfer. 

gemeiueu als das Symbol der Gebärmutter, so liegen doch auch Beweise dafür vor, daß 
das Volk den richtigen Zusammenhang nicht immer mehr versteht und statt der von ihm 
für Unterleibsleiden verlangten Votive von den Wachsziehem sich andere Dinge als 
gerade Kröten in die Hand stecken läßt und gläubig als „Bärmutter^ opfert Ein Salz- 
burger Waohszieher, der, aus der Fremde eingewandert, ein altes Geschäft übernahm, in 
welchem über 200 Wachskröten vorhanden waren, wußte nicht, daß diese die ^Bär- 
mutter" darstellten und verkaufte, wenn eine solche verlangt wurde, dafür „Lungin" oder 
ähnliche Dinge, welche auch lange Zeit für „Muettem" angenommen und geopfert wurden« 
Es herrscht also im Volke selbst eine Unklarheit über die Opferform der Gebärmutter i). 

Wiederholt ist zur Erklärung der Ki-ötenbärmutter darauf hingewiesen worden, 
daß die Ejöte oberflächlich einem dicken, platten Uterus gleiche, deshalb an seine Stelle 
getreten und geopfert worden seL Ploß^) hat diese Erklärung mit der Begründung 
zurückgewiesen, daß man nicht einzusehen vermöge, wo sich dem Volke die Gelegenheit 
geboten haben solle, eine menschliche Gebärmutter in natura zu sehen. Das ist sehr 
richtig und ich füge hinzu, daß die Sache um so auffallender wii*d, weil sonst nirgends 
bei Opfergaben eine derartige Symbolisierung stattfindet; der Arm wii*d als Arm, das 
Auge als Auge, das Eingeweide in seiner nach Möglichkeit natürlichen Gestalt geopfert 
— wai-um soll nun allein der Uterus in einer Tierform, als Kröte, abgebildet werden? 

Es hat aber auch nicht an Anhängern der Ansicht gefehlt, daß trotzdem' die Kröten- 
gestalt aus dem beobachteten Uterus und zwar aus dem tierischen, hervorgegangen sei, 
da die tierischen Eingeweideformen bekanntlich als Vorbilder für menschliche Organ- 
votive dienten. Blind') beruft sich dabei auf Bucher*), welcher betont, daß gerade 
infolge des Studiums der anatomischen Verhältnisse bei Tieren der Uterus auch beim 
Menschen als zweihömiges Organ angesehen wurde. Blind schließt dann: „Der kurze, 
platte Uterus mit den Adnexen bietet doch entschieden eine nicht zu verkennende 
Ähnlichkeit mit einer Ejöte mit gespreizten Beinen und ich möchte daher einen etwaigen 
Zusammenhang zwischen der krötenförmigen Dai'stellung und der anatomischen Gestaltung 
des Organs keineswegs a priori von der Hand weisen." 

Zu einer Erklärung, welche mythische und volksmedizinische Darstellungen vereinigt, 
gelangt Dr. M. Höfler in einem gütigst zur Veröffentlichung gestatteten Briefe. Er fragt: 
„Wie kam es, daß gerade die Kröte ein Organvotiv für die Gebärmutter bei den Deutscheu 
werden konnte? Bei den Germanen der althochdeutschen Sprachperiode ist Alp (Olf) als 
Krotolf eine der vielen Alpgestalten, die auch als Incubus sich äußern kann ^). Diese Kröte 
kann durch Hexen in den Leib anderer Menschen gebracht werden und daselbst ELrank- 
heiten veranlassen. Volksmedizinisch ist die Kröte eigentlich die Alpgestalt innerhalb der 
kranken Gebärmutter, d. h. die Schwangerachaftsmole ^). Mit einiger Phantasie hat sie 



^) Es scheint f daß das Erötenopfer in der Abnahme begriffen ist, da Waohskröten verhältnis- 
mäßig selten werden. Beim Wacbszieher Diem in Augsburg sagte man mir: Kröten werden nicht 
mehr verlangt, und er hatte nur eine einzige vorrätig, dagegen massenhaft menschliche Glieder, die 
dort in der Heiligen Geist- und der Moritzkirche aufgehängt werden. 

•) Ploß-Bartels, Das Weib I», S. 172. 

») Globus LXXXn, S. 73. 

*) Buch er, Die noch heute interessierenden Angaben des Hippokrates. Inaug.-Dissert. Straß- 
burg 1896. 

^) Hof 1er, Deutsches Erankheitsnamenbuch, S. 12 u. 332. 

•) Die Mole (vom lat. moles, Mühlstein), Inhalt der Gebarmutter, welcher nicht als Produkt der 
natürlichen Zeugung aufgefaßt werden kann, Erzeugnis des^ Alpdämons, Mondkalb usw. Hof 1er, 
Erankheitsnamenbuch, S. 419. 



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Erklänmg der Erötenopfer. Die Geburtshelferkröte. 135 

etwas Ähnlichkeit mit einer Kröte. Die vollständige Decidua in dem ersten Schwanger- 
schaftsmonate, welche die Innenfläche auskleidet und die Frucht einschließt, hat einen 
unteren und zwei seitliche Fortsätze, entsprechend dem Cavum uteri in dieser Zeit. 
Jeder Abgang eines solchen pathologischen Produktes galt als Alpwesen , hatte dieses 
Ähnlichkeit mit einer Kröte, so ist der Krotolf = Krötenalp ganz naheliegend, d. h. die 
Mole ist eine Kröte im Volksglauben. 

„Demnach wäre Kröte eigentlich der pathologische Inhalt der debärmutter, dann 
auch weiterhin die kranke Gebärmutter selbst. In Oberbayem heißt das Krötenvotiv 
einfach „Mutter^; die Germanen kennen bloß die Mutter als schwangeren oder kranken 
Uterus. Eine Vorstellung oder eine Abbildung des normalen Uterus hatte das von ärzt- 
licher Schule unbeeinflußte deutsche Volk nicht Dieses Ejötenvotiv geht nun (nach Norden) 
nicht über die deutsche Donauliuie hinaus, nur auf ehemals von Römern besiedeltem 
Boden ist es gefunden worden, von Steiermark bis zum Elsaß nördlich der Alpen und 
in den Alpen findet sich die Kröte als Votivgabe in den christlichen Kirchen. Da femer 
bei den Griechen und Römern schon der Glaube vorhanden war, daß die kranke Gebär-, 
mutter ein lebendes Tier sei, so bin ich der Überzeugung, daß das Krötenvotiv als 
solches in diesen Gegenden Deutschlands und Österreichs eine von den Römern über- 
nommene Darstellung ist, die von Bajuvaren und Alemannen bis auf unsere Tage fort- 
gesetzt wurde." 

Hierzu stellen wir nun die folgende Frage: Wenn das Krötenvotiv von den Römern 
durch unsere germanischen Vorfahren übernommen worden ist und sich bis auf den 
heutigen Tag erhalten hat, so muß es doch in Italien sich erst recht erhalten haben« 
Ich weiß es nicht, aber schon in Südtirol ist die Kröte als Votiv unbekannt und in 
Italien wäre es erst nachzuweisen. Fehlt aber in Italien heute das Krötenvotiv, so wird 
kaum die deutsche Krötenopferung römischen Ursprungs sein. 

Unter verschiedenen mundartlichen Benennimgen, Höppin, Hötschen, Kredn, Kredeln, 
Brotzen, Bradling, Mumeln ist die Kröte beim süddeutschen Volke ein vielbeachtetes Ge- 
schöpf, das in der Sage und im Aberglauben eine große Rolle spielt Kaum ein anderes 
Tier ist in dieser Beziehung so ausgiebig vom Volke bedacht worden und auch in der 
Volksmedizin ist sie bedeutsam, selbst bei Frauenleiden; mit den Opferkröten stehen 
aber diese Sagen und der reiche Aberglauben, soweit sie nicht schon berührt wurden, 
nicht in Verbindung, so daß ein Eingehen darauf nicht geboten erscheint 

Noch eine Erklärimg dafür, weshalb die Gebärmutter in B^rötengestalt dargestellt 
und geopfert wird, will ich zum Schlüsse hier erwähnen. Vielfach ist darauf' hingewiesen 
worden, daß die Geburtshelf erki-öte . (Alytes obstetricans) das Vorbild der Opferkröten 
sei, ja Friedeil) nimmt die eiserne Opferkröte im Wiesbadener Museum (Taf. XXII, 
Fig. 83) als eine direkte Nachbildung der Geburtshelferkröte an, indem er die Orna- 
mente als Eierschnüre deutet und darauf hinweist, daß Alytes obstetricans gerade bei 
Wiesbaden häufig sei. Dieses wird aber schon dadurch hinfällig, daß das Wiesbadener 
Exemplar nicht aus Nassau, sondern aus Bayern stammt Schon Nehring hat gezeigt*), 
daß der wissenschaftliche Name der Geburtshelferkröte erst seit 1768 bekannt sei und 
daß das kleine (SVtcm lange)i ©i"e sdir verateckte Lebensweise führende Tier nur ein 
recht beschränktes Verbreitungsgebiet habe, daher nicht als Vorbild für das Krötenopfer 
gedient haben könne. Die Geburtshelferkröte hat eine sehr auffallende Art der Begattung 



>) Verhandl. Berl. Anthropol. Ges. 1883, S. (145). 
«) Verhandl. Berl. Anthropol. Ges. 1882, S. (451). 



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136 Männliche Bärmatter. Opferstacbelkngeln. 

und Brutsorge, indem das Männchen die schnurförmig aus dem Weibchen hervor- 
tretenden Eier sich um die Hinterbeine und den Rücken schlingt und mit diesen sich 
so lange verkriecht, bis die Eier reif zum Ausschlüpfen sind. Die Geburtshelferkröte 
scheidet aus bei den Versuchen, die Bärmutter-Opferkröte zu erklären. 

Die männliche Bärmutter. Es macht einen höchst eigentümlichen Eindruck, 
wenn man in den Eintragungen der Mirakelbücher des 16. Jahrhunderts nicht selten 
findet, daß Männer an der Bärmutter litten und infolgedessen S. Leonhard in Inchen- 
hofen auch eiserne Kröten opferten, um von dem Leiden befreit zu werden. 

„Georg Spengen von Niederlautterbach hat die Beermutter gar sehr gebissen, da 
verlobt er sich ein Beermutter hie (zu Inchenhof en) zu lesen allheer, ist entlich nach dem 
Gelübt mit jm besser worden" (1588). — Da Wolf Kettler von der Beermutter 1589 heftig 
geplagt wurde, „hat er sich mit einer Eysen Beermutter verlobt". — Hans Berkmaier 
von Windhof en verlobt sich sogar mit drei Bärmuttem, „folgends auch zu gewünschter 
gesundheit kommen" (1590). — Im selben Jahre hat Veit Klingen die Bärmutter heftig 
gehabt und verlobt sieb gleichfalls mit einer eisernen. 

Wie ist nun diese Übertragung der Krankheit eines weiblichen Organs in die Vor- 
stellung von Männern zu erklären? Die Kröte beißt im Unterleibe die Frauen, welche, 
um die Pein los zu werden, dafür ein Abbild des Tieres opfern, ihre Krankheit ist mit 
starken Blutverlusten verknüpft, die unter wehenartigen Ki-ämpfen eintreten. Am Ende 
des 16. Jahrhunderts herrschte in Bayern stark die Ruhr^), daher die Vorstellung, daß 
diese mit ihren Darmblutungen, durch im Leibe beißende Kröten veranlaßt wurde, wie 
die Blutflüsse der Weiber, daher auch die gleiche Benennimg bei den Männern und zur 
Beseitigung die gleiche Opfergabe, die Kröte aus Eisen odfer Wachs. 

Eine andere Erklärung für die männliche Bärmutter hat die Adelholzer Badbeschrei- 
bung des 15. Jahrhunderts, dort erscheint sie als Bauchgrimmen oder Kolik. „Wann die 
Mannspersonen das Grimmen haben, das gemeine Volk es per errorem die Beermutter, 
andere aber, so was Verständigeres reden wollen, und wissen, daß der Mann kein Beer- 
mutter haben, den Vatter nennen" 2). 

Opferstaohelkugeln. Wie die Opferkröten hat ein anderes merkwürdiges Gebilde, 
das ich hier anschließe, die Aufmerksamkeit und verschiedene Deutung hervorgerufen, 
eine Stachelkugel , die allgemein auch als „Bärmutter" bezeichnet und bei Frauenleiden 
geopfert wird. 

Diese Stachelkugeln sind bisher fast nur auf Südtirol beschränkt, von wo aus 
geringe Ausstrahlungen nach Norden über den Brenner gehen, die als Verschleppungen 
gedeutet werden können. Aufmerksam ist man in der Literatur auf diese Stachelkugeln 
erst seit kurzem geworden und was darüber bisher veröffentlicht wurde, stelle ich in der 
Anmerlnmg zusammen 3). 

Die Stachelkugeln werden allermeist aus Zirbenholz geschnitzt, weit seltener sind 
solche aus Wachs oder Eisen. Die ersteren fertigen Bildschnitzer und Tischler auf Be- 
stellung in verschiedener Größe. Unter den zahkeichen Exemplaren, die mir vorliegen, 
befinden sich große, die mit den Stacheln 19 cm Durchmesser, während kleinere nur bis 



>) Höfler U, S. 60. 

«) S Ohm eller I, S. 261. 

') F. Weber, Prähistorische Spuren in mittelalterlichen Chroniken. Eorrespondenzblatt der 
Deutschen Gesellschaft für Anthropologie 1899, S. 59. W. Hein in den Mitteil, der Anthropol. Ges. 
in Wien XXX, S. 152. Derselbe, Die Opferbärmutter als Stachelkugel. Zeitschr. des Vereins für 
Yolksk. 1900, S. 420. Dieses ist die ausführlichste, fast alles bisher Bekannte zusammenfassende Arbeit. 



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Staohelkagel = Gebärmutter. 137 

8 cm Durchmesser haben. Der auch verschieden große Hauptkörper ist rund, eirund bis 
länglichrund. Er besitzt zuweilen eine stielartige Verlängerung mit Loch zum Aufhängen, 
statt dessen ist hierfür aber auch nuinchmal eine Drahtschlinge angebracht. Die rund 
oder kantig geschnitzten Stacheln, 2 bis 9cm lang, sind in Löcher des Hauptkörpers 
eingeleimt. Die ganze Kugel behält entweder ihre natürliche Holzfarbe oder sie wird rot 
angestrichen. Die Zahl der Stacheln ist wie deren Länge eine willkürliche. Ich habe sehr 
JLleine Kugeln mit 48 und große mit nur 18 Stacheln gesehen. 

Li den südtiroler Wallfahrtskapellen, in S. Leonhards- und S. Veitskirchen sind sie 
sehr häufig, oft hängen sie bündelweise zusammen, als Beweis, daß das Leiden, für das 
^ie geopfert werden, häufig yorkommen muß. Bisher sind sie erwähnt aus Agums, Laas, 
Trafoi, Weißenstein bei Bozen, Kaltem, Jnnichen, Trens bei Sterzing, Riffian bei Meran, 
Absam usw. (Taf. XXIV, Pig. 100 und 101). Das erste Exemplar, welches ich fand, 
sah ich in der Wallfahrtskirche von Trens bei Sterzing, jenseits des Brenners, der die 
Nordgrenze dieses Votivs büdet 

Die gewöhnliche Bezeichnung dieser Stachelkugeln ist Muetter, Bärmutter, auch Spieß 
und Igel oder Stacheligel (Trafoi) kommt vor, doch sind die beiden ersteren Namen die 
urspiünglicheu, die letzteren die jüngeren und nach dem Aussehen auf das Votiv über- 
jtragenen. 

Wiewohl ich ältere Quellen als aus dem 17. Jahrhundert für die Verwendung dieser 
Opferbärmutter nicht anführen kann, so ist doch bei ihrer Volkstümlichkeit und bei der 
Verbreitung durch ganz Südtirol anzunehmen, daß der Brauch sie zu opfern ein alter ist 
Die Stachelkugel ist nach allen Aussagen eine Darstellung der Gebärmutter, wie sie in 
der Vorstellung der südtiroler Frauen herrscht Sie wird vorzüglich „verlobt" zur Abhilfe 
gegen die „aufsteigende Muetter", eine hysterische Krankheit Sie steigt, so sagen die 
Leute, mit den Spitzen bis zum Halse, dann geht sie wieder zurück. Wenn man sich 
verlobt» dann wird es besser. Nur vereinzelt wird daneben erwähnt, daß die Stachelkugel 
auch bei Magenleiden geopfert wurde, allgemein ist die Anschauung, daß sie als Opfer 
für Frauenleiden dargebracht wird und tatsächlich die Gebärmutter darstellen soll. Wie 
aber das Volk zu dieser Vorstellung gelangte, ist noch nicht sicher nachgewiesen. Wie 
man in der Kröte sich ein in der Gebärmutter sitzendes, beißendes Tier dachte, so kann 
hier die Anschauung von einem spitzen, stechenden Körper in demselben Organe platz- 
gegriffen haben. 

Eine auf der Beobachtung des Arztes beruhende Erklärung hat Dr. M. Höfler 
gegeben 1). Danach ist die Kastanie (Igel) dem opfernden Volke Vorbild gewesen, was 
aus Namen, Form und Verbreitung des Votivs zu entnehmen sei. Beim Mangel an ana- 
tomischen Kenntnissen innerer menschlicher Organe suche das Volk nach dem Bilde eines 
solchen Organs und ein solches finde es bei den schlachtbaren Haustieren. Höfler deutet 
nun folgendermaßen Igel = Gebärmutter: „Die bei der Umstülpung des entbundenen 
und vorgefallenen Tragsackes der Kuh sichtbare fruchtähnliche Geschwulst, die mit 
blumenkohlartigen, gestielten, leichtblutenden Warzen wie mit Blutegeln besetzt ist, heißt 
Igelkalb'). Das Muttersiechtum, wegen dessen also ein Igel (Kastanie) als Votivgabe 
geopfert wird, ist demnach der Muttervorfall (Uterus prolapsus) und wegen dieses 
leidenden Organzustandes, der mit dem „Egelkalb^ bei dem Uterus prolapsus der Kuh 
verglichen wird, greift die Volksetymologie zum Kästen-Igel, um die Krankheit abbilden 
zu können." Soweit Höfler. 

*) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1901, S. 82. 
*) Höfler, Deutsches Erankheitsnamenbuch, S. 254, b. 

Andree, VoUve und Weih6g»ben. * jg 



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138 



Opferstachelkngeln. Verbreitung. 



Ich selbst habe Stachelkugeln nur aus Holz geschnitzt in Südtirol gesehen und 
kann auch keine in natura nördlich vom Brenner nachweisen. L. v. Hörmann schreibt i), 
er habe eine eiserne Stachelkugel in der Leonhardskirche zu Kundl und eine wäch- 
serne zu Georgenberg bei Schwaz gesehen, also beides in Nordtirol. Beide Wallfahrts- 
stätten habe ich infolge dieser Angabe 1904 genau durchsucht, aber weder von der 
eisernen noch der wächsernen Stachelkugel eine Spur mehr gefunden. 

Genau abgegrenzt ist das Verbreitungsgebiet der Stachelkugeln noch nicht ; nament- 
lich wäre es wünschenswert, ihre Ausdehnung nach Süden hin kennen zu lernen, ob sie 

etwa Beziehung zu Italien haben. Daß 
^^^' ^^' durch die Berühmtheit des Wallfahrts- 

ortes angezogen die Stachelkugel aber, 
wenigstens bildlich, bis nach Bayern ge- 
langte, dafür besitzen wir einen Beleg. 
£s ist dieses ein kleines (24 mal 21 cm) 
auf Leinwand gemaltes Yotivbild im 
Kloster Andechs (Fig. 25). Vor der in 
Wolken schwebenden Muttergottes kniet 
eine Frau in der Tracht des 17. Jahr- 
hunderts, neben welcher eine eisenfarbige 
Stachelkugel, zweifellos nach dem Inhalte 
der Widmung eine Bärmutter, schwebt. 
Rechts unten die Datienmg: M. S. Ex 
voto 1685. Die darunter stehende Wid- 
mung lautet: „Maria Simonerin von Vlten 
auß Thyrol war lange Jahr nmettersiech. 
in dlßem yblen Zuestandt verlobt Sie sich 
zu V. L. Frauen auff dem H. Berg 
Andechs mit einer Walfart u. H. Meß 
Sambt dißer Tafel, worauff sie alsobalt 
Von ihrem Schmertzen erlediget, vnd 
lebt anitzo frisch vnd gesund. Gott vnd Maria Seye ewiges lob vnd Preiß.** Ulten 
liegt in der Meraner Gegend und die Opferstachelkugel war dort also schon vor mehr 
als zweihundei*t Jahren bekannt. 




Yotiytafel mit Opferstachelkugel von 1685 in 
Kloster Andechs. 



*) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1900, S. 424. 



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Tönerne Kopfumen und Opferholzköpfe. 



Auf ein yerhältnismäßig kleines Gebiet in Osterreich und Bayern beschränkt ist 
eine merkwürdige, aber jetzt im Absterben begriffene Weihegabe, die durch ihre Form, 
durch ihre Anklänge an altoömische Gefäße und ihre Bestimmung die Aufmerksamkeit 
erregte. Es sind dieses die an wenigen Orten nachgewiesenen Kopfurnen aus Ton, die 
unter den Namen „Dreier", „Gipsköpfe", „Kedere Köpft" bekannt wurden. 

Wer die besonders in den rheinischen Museen (Worms, Straßburg, Mainz, Bonn, 
Wiesbaden, Köln, Karlsruhe) vielfach vorhandenen römischen Kopfumen gesehen hat, 
welche die Gi^ber der dortigen Gegenden lieferten, und sie mit den hier in Rede stehenden 
süddeutschen Yotiven vergleicht, dem wird die große Übereinstimmimg zwischen beiden 
nicht entgehen *). Biese kugeligen, oben offenen Tongefäße in der Form von Menschen- 
köpfen mit aufgesetzten Ohren, Nasen, Lippen stellen ein rohes Gesicht dar. Vollkommen 
ähnliche altitalische Aschenumen für Leichenbrand sind in den Museen von Bologna, 
Verona, Grosseto, Viterbo, Neapel und Pompeji nachgewiesen worden und bestätigen, 
daß die Idee zu den rheinischen Kopfumen aus Italien stammt'). Aber nicht nur in 
den Rheinlanden wurden von provinzialrömischen Töpfern solche Urnen hergestellt, 
soodem auch in Kroatien und Britannien. Während sie zur Aufnahme der Reste des 
Leichenbrandes dienten, haben aber die weit jüngeren süddeutschen, ihnen ganz ähnlichen 
Kopfumen eine ganz verschiedene Bestimmung. 

Mit Recht ist die Frage aufgeworfen worden, ob die süddeutschen, heute noch iu 
geringer Anzahl hergestellten Kopfumen als direkte Nachkommen der von den Römern 
in den Ländem nördlich der Alpen angefertigten gleichen ümen gelten dürfen. Halte 
ich eine bayerische Opferkopfurae neben eine gleich große, sicher provinzialrömische aus 
den Rheinlanden, so ist ein Unterschied kaum bemerkbar, so sehr stimmen der Stoff, 
die Farbe, die rohe Technik, die Art der OmamentieruDg, die ganze Erscheinung. Nur 
der Unterschied ist vorhanden, daß die süddeutschen durchweg auf einer breiteren Grund-* 
läge ruhen, während die römischen, in Italien wie in den Rheinlanden, nach unten mehr 
spitz zulaufen. Wer bloß die äußere Erscheinung in Betracht zieht, der wird daraus 
auf einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen beiden schließen, der wird in den viel- 
leicht mittelalterlichen und modernen bayerischen Kopfurnen echte Nachkommen der 
römischen erkennen. Und in der Tat haben sich dafür verschiedene Forscher schon 
ausgesprochen, so Dr. W. M. Schnddi^). Keineswegs aber läßt sich der Zusammenhang 

*) Zum Vergleich sind nachzusehen die öfter wiederholten Abbildungen bei L. Lindenschmit, 
Die Altertümer unserer heidnischen Vorzeit, Bd. I, Heft 6, Taf. 6, Fig. 7, 10 und 13. Fig. 7 mit 
zwei Phallen auf der Wange im Bonner Museum, 30 om hoch; Fig. 10 aus der Mainzer Gegend, 9om 
hoch; Fig. 13 aus einem Grabe bei Castel im Wiesbadener Museum, 21 cm hoch. 

«) ündset in Zeitschr. f. Ethnologie 1890, S. 139. 

») Oberbayer. Archiv, Bd. 49 (1896), S. 541. 

18* 



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140 Römische und bayerische Kopfumen. Die Lebenauer üme. 

zwischen beiden lückenlos nachweisen und die erhaltenen bayerischen Kopfumen reichen 
vielleicht nur bis ins Mittelalter zurück. Die meisten werden aus dem 18. und 19. Jahr- 
hundert stammen. Die jüngsten (mir liegt eine von 1887 datierte vor) sind von den 
älteren gar nicht zu unterscheiden, da die Gefäße, unbenutzt an trockenen Orten auf- 
bewahi-t, sich gut und unverändert erhalten haben. Vor allem frage ich aber jene, 
welche an einen Zusammenhang zwischen den antiken Kopfurnen und den modernen 
bayerischen glauben, warum denn gerade in den Rheinlanden, wo doch die römischen 
Kopfumen so häufig sind, moderne Nachkommen derselben fehlen, während sie in Bayern, 
von wo echt römische nicht bekannt sind, doch verhältnismäßig häufig sind? Heute 
werden sie nur noch selten geopfeit, an einigen Orten ist der Brauch ganz abgekommen. 
Gefertigt werden sie heute noch vom Hafner Inginger zu Ering in der Gegend von 
Simbach am Inn. Wie er uns mitteilte, macht er jährlich noch 15, höchstens 20 Stück, 
jedesmal auf Bestellung. Vorrätig sind sie bei ihm nicht und das Verlangen danach, 
so sagte er, werde von Jahr zu Jahr geringer. 

Der Erste, welcher eine derartige Kopfume bescbrieb, war im Jabte 1874 der 
bayerische Major J. Wüi'dinger, ohne fireilich über den wahren Charakter des Gefäßes 
Kenntnis zu haben, denn es handelte sich bei seinem Funde ^) um ei^ Exemplar, das 
„seit undenklicher Zeit in dem Kirchlein S. Koloman bei Lebenau an der Salzach, einem 
ehemaligen Götzentempel, aufbewahrt wurde und dort unter dem Pflaster der Kirche 
gefunden sein soll". 

Den „ehemaligen Götzentempel" lasse ich dahingestellt' Von Belang ist, daß über 
diese Kopfurnen jede Überlieferung in Lebenau verloren wai* und daß sie recht lange 
schon dort gestanden baben mag. Die Ausgrabung ist unsicher. Wahrscheinlicher er- 
scheint, daß sie dort früher als vereinzeltes Votiv aufgestellt und in Vergessenheit 
geraten sein mag. Andere Kopfumen opferte man dort nicht und so wußte man mit 
dein vereinzelten Exemplare nichts anzufangen. Würdinger, dem der Zweck der bis 
dahin noch unbeachteten bayerischen Kopfumen unbekannt war, grifE in das Altertum 
zurück und brachte den Fund mit cyprisohen Gesichtsumen in Verbindung. Heute kann 
kein Zweifel damber mehr aufkommen, daß auch die Lebenauer Ume, welche sich in 
der Sammlung des historischen Vereins für Oberbayem befindet, in die Reihe der uns 
hier beschäftigenden neuen Kopfumen gehört. Schmid ^) überschätzt das , Alter der 
Lebenauer Urne, wenn er sie als ein Bindeglied zwischen den provinzial- römischen und 
neuen Kopfumen betrachtet; sie kann aber mittelalterlich sein. 

Die Kopfumen sind dann wiederholt in Zeitschriften beachtet und mit den über 
die alte und neue Welt verbreiteten Gesichtsumen , urgeschiehtlichen und modemen, 
verglichen worden, namentlich seit einige Exemplare in. die Museen gelangten. Jene im 
bayerischen Nationalmuseum bildete W. v. Schulenburg ab ^) und Dr. M. Höfler *) brachte 
sie mit dem Kultur der drei Fräulein (Nomen) in Verbindung. 

Was die Beschaffenheit und Form der Kopfumen beti-ifft, so zeigen sie, wenn 
auch, von verschiedenen Orjten stammend und von verschiedenen Töpfern, angefertigt, 
doch außerordentlich viel Übereinstimmendes. Mit Ausnahm^ weniger kleiner Stücke, 
die aus freier Hand gebildet sind, wurden sie auf der Drehscheibe hergestellt Das 
Material ist ein heller, hartgebrannter Ton, aus dem zunächst ein kugelförmiges Gefäß 

^) Oherbayer. Archiv, Bd. 34, S. 835, mit Abbildung. • : 

«) a. a. 0., S. 541. 

8) Verhandl. d. Bari. Anthropol. Ges. 1888, S. 157. 

^) Volksmedizin in Oberbayem 1893, S. 14. 



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Opferkopfumen. Beschaffenheit und Verbreitung. 141 

gebildet wurde. Auf dieses wurde durch Eindrücke und Ansätze ein Gesicht modelliert, 
das je nach der Kunstfertigkeit des Hafners mehr oder weniger gut ausfiel. Es sind 
Exemplare vorhanden, bei denen die Augen, die Nase und der Mund einfach durch einen 
Eindruck mit dem Finger dargestellt wurden; gewöhnlich aber setscte man die adlerförmige 
Nase auf, in der zwei Punkte die Nasenlöcher anzeigen. Die Augen sind etwas besser 
ausgeführt, so daß man die Lider und den Augapfel erkennt, oder bestehen nur aus 
aufgesetzten Kreisen; der Mund ist mit oder ohne ZlUme; das Kinn gewöhnlich vorhanden. 
An einzelnen zeigen eingeritzte Striche die Ilaare und Augenbrauen an, auch ist einmal, 
bei einer Ton v. Preen abgebildeten, besser modellierten Haselbacher Unie, die Haar- 
frisur eines Mädchens mit den aufgewundenen Zöpfen gut ausgebildet^). Bart niemals 
vorhanden. Die Größe der Kopfumen ist eine wechselnde; das größte Exemplar, das 
ich sah, ist 18cra, das kleinste nur 6 cm hoch, von Preen erwähnt ein 27 cm hohes 
Exemplar. Zu unterscheiden sind oben offene und oben geschlossene Kopfumen. Erstere 
sind manchmal in der ganzen Breite des Kopfes offen, gewöhnlich aber nur mit einem 
kreisrunden Loche von 3 bis 8cm Durchmesser, je nach dem Umfange der Urne, ver- 
sehen. Diese oben offenen Urnen haben immer einen kurzen Hals, und scheibenförmigen 
Fußansatz. Weit seltener sind die oben gewölbt geschlossenen Urnen, die dann einen 
langen, unten rund geöffneten Hals haben; kehrt man sie um, so erscheinen sie wie ein 
weithalsiger Becher und umgekehrt mußten sie auch beim Opfern des in sie geschütteten 
Getreides zum Altar getragen werden. In seltenen Fällen traf ich auch glasierte Exem- 
plare, bei denen das Gesicht heller, Augen, Lippen und obere Kopfseite rötlich braun 
gefärbt erschienen. 

Besser als aus der Beschreibung erkennt man die Kopfumen aus den Abbildungen. 
Fig. 102 (Taf. XXIV) oben geschlossenes, langhalsiges Exemplar, 18cm hoch, von 
S. Valentinshaft im Mattigtale bei Braunau. Fig. 103 (Taf. XXV) von S. Alban im 
Salzburgischen, 12cm hoch. Fig. 104 (Taf. XXV) von Langwinkel im Rottale, 10cm 
hoch. Fig. 105 (Taf. XXV) von Langwinkel, 9 cm hoch. Fig. 106 (Taf. XXV) von 
Langwinkel, öVacm hoch. Fig. 107 (Taf. XXV), die roheste Form der Kopfumen, die 
Gesichtsteile nur durch Fingereindrücke hergestellt und oben mit der Jahreszahl 1887, 
von Taubenbach, . 12 cm hoch. 

Das Verbreitungsgebiet, in welchem wir heute noch die Kopfumen finden oder 
in dem wir ihre frühere Verwendung nachzuweisen vermögen, ist ein recht beschränktes. 
Es ist das Inntal, Vils- und Rottal, das westliche Oberbayem, und umfaßt außerdem die 
rechts vom Inn gelegenen, angrenzenden Gegenden Oberösterreichs und Salzburgs. Wir 
selbst haben sie gefunden zu Taubenbach im Inn- und zu Langwinkel im Rottale; 
von Preen beschrieb sie von Haselbach bei Braunau (Oberösterreich), Schmid erwähnt 
sie von Passau; nach der Bavaria sollen sie in Bischofsmais (S. Hermann) im bayerischen 
Walde vorkommen 2). Marie Eysn schildert sie von S. Alban bei Lamprechtshausen im 
Salzburgischen und S. Valentinshaf t im Mattigtal in Oberösterreich «). Nach einer brief- 



>) MitteiL d. Anthropol. Ges. in Wien XXXI, S. 54. 

•) Bavaria I, S. 1001. Wir haben hier im Sommer 1903 keine Eopfnmen, ebenso wenig aus 
Eisenblech geschnittenes Vieh, das die Bayaria erwähnt, finden können. Roch holz (Deutscher 
Glaube I, S. 221), der die Stelle aus der Bavaria anführt, gibt noch folgenden Zusatz: „Einzelne 
Wegbäume sind daselbst mit diesen groben rotbraunen Tonhäuptem reichlich wie ein alter Galgen 
behangen.** Davon steht aber nichts in der Bayaria und auch ich habe dergleichen nicht gesehen. 
Wober hat der sonst so zuverlässige Rochholz diese Nachricht? 

») Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 1901, S. 181. 



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142 Bezeichnang und Zweck der Eopfumen. 

liehen Mitteilung sollen sie auch unter dem Gerumpel der Wieskapelle in Rottalmünster 
(Niederbayem) vorhanden gewesen sein. Dazu der Lebenauer von Würdinger beschriebene 
Fund. Das ist wohl alles, doch dürften noch hier und da Kopfumen in alten Wall- 
fahrtskapellen vorhanden sein. 

Die Bezeichnungen für diese Kopfumen sind in den verschiedenen Gegenden 
ihres Vorkommens auch sehr verschieden. Im Salzburgischen heißen sie einfach „Köpfl*^ i)» 
In Langwinkel hat man sie als ^Gipsköpfe^ bezeichnet, wiewohl sie aus Ton bestehen, 
wenigstens ist dieses ein Name, der uns in dortiger Gegend bestätigt wurde. Dr. W. M. 
Schmid führt für sie die Benennung „Dreier, Kopf dreier" an*) und erläutert dazu: 
Dreier, weil diese Urnen mit dreierlei geschenktem Getreide gefüllt wurden. Dreier 
oder Dreiling ist in Bayern ein Gemenge von dreierlei, im Gemisch angebauter Getreide- 
arten 3). Ein besonderer Name, welcher in Passau vorkam, wo um 1850 solche Gesichts- 
umen noch geopfert wurden, war „Köderen Köpfl" nach Schmid, welcher die Be- 
zeichnung auf Kadel, cadus, xadog = Gefäß, Hohlmaß, daher Kopfurne, zurückführt. 

Fragen wir nach den Beweggründen, welche die Bauern zur Opferung dieser 
eigentümlichen Umen geführt haben, so lauten die Antworten verschieden und keines- 
wegs übereinstimmend. Nach den einen sind sie wesentlich Gaben, die sich auf Liebe, 
Ehe und Fruchtbarkeit beziehen, nach den anderen zur Abwehr von Kopfschmerz und 
anderen Kopfübelu dargebracht Jedenfalls geschieht die Opferung in beidem Sinne, 
wobei allerdings schwer zu unterscheiden, welches von beiden das Ursprüngliche, ob- 
gleich die Füllung der Köpfe mit Getreide mehr zu Gunsten der Opfemng im Sinne 
der Fruchtbarkeit spricht 

Was zunächst die Verwendung gegen Kopfleiden betrifft, so schrieb Lehrer Julius 
Rabs in Baierbach*) über das benachbarte Maria -Langwinkel: ^Diese Köpfe wurden 
früher mit Getreide gefüllt auf dem Altare der Kirche geopfert, von Leuten aus der 
Umgegend, welche an heftigen Kopfschmerzen litten." Von den Kopfumen in Bischofs- 
mais heißt es, daß man sie bei chronischen Kopfschmerzen opferte*) und das gleiche 
wird von Haselbach bei Braunau berichtet ß). Auch im Salzburgischen und Oberösten-eich 
verwendet man die „Köpfl" heute noch gegen Kopf leiden. Die Leidenden nehmen sie 
von den Brettern neben oder hinter dem Altar herunter, stellen sie sich auf den 
Kopf und gehen dreimal um den Altar, um dann das Votiv wieder an seinen Platz zu 
stellen 7). 

Die andere Ansicht, welche sich auf die in den Kopfumen geopferten Getreide- 
kömer stützt und, wie es scheint, auch durch unmittelbare Mitteilungen aus dem Volksmunde 
bestätigt wird, mißt diesen Votiven eine erotische Bedeutung zu. Hauptmann Arnold, 
welcher zuerst auf die Kopfurnen von Langwinkel hinwies, berichtet: „Die Mannsleute 
opferten sie um die Braut, die Mädchen um die Heimt, die Weiber um eine glückliche 
Geburt zu erhalten ; beide Geschlechter opferten sie auch gegen Kopfweh" s). Auch 
Schmid führt an, daß die Tonumen mit menschlichem Gesichte von ledigen Personen 



Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 1901, S. 181. 

«) Oberbayer. Archiv, Bd. 49, S. 537. 

») Sohmeller I, S. 561. 

*) Brief vom 7. Juli 1902. 

*) Bavaria I, S. 1001. 

«) MitteiL d. AnthropoL Ges. in Wien XXXI, S. 56. 

Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 1901, S. 182. 

") Arnolds Mitteilung bei Höfler, Volksmedizin in Oberbayern 1893, S. 14. 



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Getreideinhalt der Eopfumen. Maria -Langwinkel. 148 

geopfert wurden, um die Liebe einer gewissen Person des anderen Gesohlechtes zxl er- 
flehen, ebenso von Eheleuten, um Eindersegen zu erlangen i). Nach diesen Angaben 
wurden also die Kopfumen in zweierlei Sinne geopfert 

Was den Getreideinhalt der Kopfumen betrifEt, so sind da verschiedene Angaben 
vorhanden. Er muß aus drei verschiedenen Gemeinden stammen, sagten die einen. Es 
müssen drei Sorten, Roggen, Gerste, Weizen, dazu erbettelt werden, die anderen. Von 
Haselbach heißt es, man müsse es an neun Orten erbetteln und noch drei Eier hinzu- 
fügen, in Bischofsmais soll es nur Gerste gewesen sein. Wenn nun auch die Opferung 
des Getreides in den Eopfumen die oben erwähnte auf Ehe und Fmchtbarkeit hin- 
zielende Bestimmung gehabt haben mag, so tritt doch noch andererseits, wie wir bei 
der Schilderung von Taubenbach und Haselbach sehen werden, das weit prosaischere 
Motiv des Naturalopfers hinzu. 

Wir fanden die Eopfumen zuerst in der Wallfahrtskapelle von Maria -Langwinkel. 
Von der Station Baierbach an der Rottalbahn führt ein Weg durch Felder leicht berg- 
aufwärts; der Weg ist für die Stimmung der Wallfahrer gut vorbereitet; da steht ein 
Wegkreuz mit den drei armen Seelen im lodernden Fegefeuer, darunter S. Florian und 
S. Leonhard mit Eette und Vieh; weiterhin eine Tafel mit den vierzehn Nothelfem. 
Oben auf dem Hügel erhebt sich die 1686 eingeweihte Wallfahrtskirche, etwas unterhalb 
derselben liegt die ursprüngliche mit roten Schindeln überzogene kleine Eapelle, die 
im Innern mit Votivtafeln förmlich bedeckt ist und neben einigen alten geschnitzten 
Heiligenbildern auch die Eopfumen enthält. An diese Eapelle knüpft sich die Wallfahrt 
zu Maria Heimsuchung, die in ihrer Entstehung auf einen stummen Schmied Johann 
Grienwald zurückgeht, der im Jahre 1629 zu Wallfahrtszwecken das Rottal aufsuchte. 
Er fand da, wo heute die Eapelle sich erhebt, ein Maiienbild, eine Darstellung von 
Maria Heimsuchung, die ihn zur mehrmaligen Wallfahrt nach Mam Hilf in Passau be- 
geisterte, wodurch er die Sprache wieder erlangte. Auf seine Frage an die Gottesmutter, 
wie er seinen Dank für die große Gnade ausdrücken könne, ei*schien ihm. „bei ganz 
wachem Zustande die allerreinste Gottesgebärerin stehend auf einem buschbekränzten 
Mooshügel, das Christkindlein auf den Armen, umrauscht von himmlischem Liedersohall 
und umschwebt von stemenlichten Englein. Aus dem Honigmunde der Muttergottes 
aber vemahm er die Worte: Da auf diesem Plätzchen (Langwinkel war von Grien wald 
erkannt worden) baue mir zu Ehren ein Eirchlein^. Das hat der ehemals stumme 
Johann Grienwald denn auch nach vielen Mühen vollbracht „Es erfolgten nun Wunder 
auf Wunder an der neuen Gnadenstätte und von den vielen Wallem flössen reichlich 
Opfer und Weihegeschenke. Noch immer pilgert der gutmütige Rottaler gerne in den 
freundlichen Langen winkel, besonders am Feste Maria Heimsuchung, 15. August, als am 
Titularfeste der Gnadenkirohe *)." 

Mehr als die große Wallfahrtskirche interessiert uns aber die Eapelle, die einstige 
Notkirche, welche schon stand, ehe jene erbaut war, und diesen Ort sucht auch der 
Rottaler mit seinem Anliegen lieber auf, als das vornehme Eirchengebäude. Zu beiden 
Seiten im Innern der kleinen Eapelle liefen oben unter der Decke Borte hin und auf diesen 
standen noch ungefähr 40 bis 50 der berühmt gewordenen Eopfumen, mit Staub und 
Spinnweben überzogen, alle leer. Früher aber waren sie mit Getreide gefüllt. Das 
Getreide mußte aus drei verschiedenen Gemeinden stammen, der Meßner nahm den 



Oberbayer. Archiv, Bd. 49, S. 537. 
«) Kalender 1861, S. 75. 



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144 Opferkopf umen in Taubenbach. Opferbolzköpfe. 

Inhalt an sich und stellte die geleerten Urnen anf Bretter zu beiden Seiten im Innern 
der Kapelle, Die Meßnerwitwe Schartner erinnert sich noch, daß vor 30 Jahren die 
letzten Uinien geopfert wurden. Ein Hafner in Baierbach soll sie früher angefertigt 
haben i). 

Einige weitere Mitteilungen über das Getreideopfer zu Langwinkel gab Haupt- 
mann Arnold s); die Umen wurden mit dreierlei Koni, Weizen, Roggen, Gerste, gefüllt; 
das Korn durfte aber nicht gekauft, sondern mußte geschenkt sein. 

Wir haben dann die Kopf umen in Taubenbach wiedergefunden, wohin wir von 
Simbach aus fuhren. Der Ort liegt in einem hübschen Tale der den Inn linksseitig 
begleitenden Bergzüge, hoch an einem bewaldeten Abhänge. Hier ist S. Alban Patron 
und vorbei an einer Wunderquelle, über der sein Bildnis thront, geht es hinauf zum 
Friedhofe, innerhalb dessen die Hauptkirche und dabei die mit ihr durch einen Gang 
verbundene Opferkapelle liegt Auch hier sind, wie an so vielen anderen Orten, die 
Votive nicht in der großen Kirche, sondern in der daneben gelegenen kleinen Kapelle 
zu suchen, entweder weil diese älter als die große Kirche ist, oder weil die Votive in 
diesen Nebenraum verwiesen wurden. Gleich gegenüber dem Eingange steht ein Tisch 
mit ungefährt 30 bis 40 Kopfumen von verschiedener Form und Größe, einige damnter, 
was selten ist, glasieii;. Sie waren teilweise noch mit Roggen gefüllt, der in Menge 
auch zerstreut auf dem Tische umherlag. Nahe bei dem Tische stand eine große, blau 
angestrichene Kiste, oben mit einem vergitterten Einschütteloch versehen; sie ist dazu 
bestimmt, das in den Kopfumen geopferte Getreide aufzunehmen. Alles deutete darauf 
hin, daß die Opferung noch in neuester Zeit erfolgte, was auch bestätigt Avurde, wenn 
^s auch jetzt nicht mehr so häufig wie früher geschähe. Das Geti'eide aber müsse aus 
neun verschiedenen Orten zusammengebettelt sein '). 

Über die Kopfumen in der S. Valentinskirche zu Haselbach besitzen wir die 
Schilderungen H. von Preens*). Der Ort liegt in OberösteiTcich unweit von Braunau 
am Inn, wo die Vorgänge ähnlich wie in Taubenbach sind, nur daß hier S. Valentin 
Pati'on ist Hier haben sich weniger Kopfumen als in Taubenbach erhalten, darunter 
aber mehrere abweichende von Preen abgebildete Formen. Auch in Haselbach wird, 
wie in Taubenbach, das geopferte Getreide aus den Umen vom Meßner in einen großen 
Kasten geschüttet Es muß von neunerlei Orten zusammengebettelt sein und hilft 
gegen Kopfweh. Hier ist es, wo man zur Getreideopferung noch gern drei Eier hin- 
zufügt. 

HolBköpfe. Auf diese gehe ich gleich hier ein, weil sie häufig in Zusammenhang 
mit den tönernen Kopfumen genannt werden, wiewohl sie doch sehr verschieden von 
diesen, massiv sind und keineswegs zui' Aufnahme von Getreide dienen. Sie gehören 
(mit Ausnahme einer anzuführenden Nachricht) in die Nähe der hölzernen Arme und 
Beine, mit denen zusammen sie auch in Krankheitsfällen geopfert wurden. 

Aufsehen erregte der Fund hölzerner Köpfe in der Kolomanskapelle bei Ober- 
hochstätt im Schafwascherwinkel am Chiemsee durch Hauptmann Amold. Hier sollen 
früher viele Hunderte solcher Köpfe vorhanden gewesen sein, die im allgemeinen nach 
Größe und Gestalt dem abgeschnittenen oberen Teile eines Spielkegels gleichen. Exem- 

^) Brief des Lehrers Julius Babs in Baierbach yom 7. Juli 1902. 
*) Bei Höfler, Volksmedizin in Oberbayern 1893, S. 14. 

^) Diese unsere Erkundigungen in Taubenbach decken sich mit jenen, die von Preen in den 
Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Bd. XXXI, S. 57 veröffentlicht bat. 
*) a. a. 0. XXXI, S. 52. 



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Yotiybolzköpfe. Kopflose Heilige. 



145 



Fig. 27. 



plaro befinden sich im bayerischen Nationalmiiseum , in der Sammlung des historischen 
Vereins für Oberbayem und in der prähistorischen Staatssammlung zu München. Von 
anderen Oi-ten kenne ich ihnen gleiche nicht. Die „Köpfe", die oft nur wie eine ein- 
fache Kugel aussehen, sind gedrechselt, zuweilen mit einer Art Halskrause versehen; 
dieses ist die häufigere Form, seltener ist ein rohes Gesicht eingeschnitzt ^) (Fig. 26 u. 27). 
Was äen Zweck dieser längst aus dem Gebrauche verschwundenen Holzköpfe betrifft, 
so wird nur angegeben, daß sie gegen Kopf leiden und für Heiraten geopfert worden seien. 

Anderer Ali; müssen die hölzernen Köpfe gewesen sei, von denen Sepp zu erzählen 
weiß und von denen ich sonst nichts vernommen habe. Er berichtet, daß alljährlich am 
24. August, dem Bai*tolomäustage , Wallfahrer zu dessen Kapelle auf dem hohen Berge 
Arber an der böhmischen Grenze pilgerten und doit hölzerne Köpfe, die mit Hafer und 
^Gerste gefüllt waren, opferten 2). Es würden 
sich also diese Holzköpfe mit den er- ^' 

wähnten tönernen Kopfurnen bezüglich 
der Verwendung decken. 

Die Holzköpfe, die in Wallfahrts- 
kirchen vorkommen und teils zum In- 
ventar der Kirche gehören, teils auch 
geopfert wurden, stehen aber auch in Be- 
ziehung zu kopflosen Heiligen, d. h. zu 
solchen, die als Märtyrer enthauptet wurden 
und mit dem abgeschlagenen Haupte in 
der Hand dargestellt werden. Solche sind 
S. Alban, S. Dionysius, S. Eusebius. 
Neben hölzernen Armen und Beinen 
wurden hölzerne Köpfe seit dem 17. Jahr- 
hundert in der Kirche S. Alban, Filiale 
von Hörgertehausen, Landgericht Moos- 
burg, geopfert. Sie befanden sich bis in 
die Mitte des 19. Jahrhunderts in einem 
Behälter in der Kirche, wurden von den 
Gläubigen dreimal um den Altar getragen und schließlich darauf gelegt. In den 
Rechnungen der Kirche kommen 1684 diese „zum Altar geopferten gepain" vor. Sie sind 
verbrannt worden s). Die Beziehungen zu dem Haupte S. Albans, der im Anfange. des 
fünften Jahrhundeits lebte und zu Mainz enthauptet wurde, treten hier zutage. Nach 
der Legende soll er mit dem abgeschlagenen Kopfe noch einige hundert Schritte bis zu 
der Stätte gegangen sein, wo er begi-aben wurde. 

Fast durchweg wird das Aufsetzen der entweder als Weihegaben dargebrachten 
oder als Nachbildungen von Heiligenköpfen in den Kirchen vorhandenen Häupter als 
ein Mittel gegen Kopfleiden aller Art verwendet. In der Klosterkirche auf dem Nonn- 
berge zu Salzburg befindet sich der aus Silber getriebene und vergoldete Kopf der 
h. Erentraud (Arintrud), aus dem Jahre 1316 stammend. Er wird unter Gebet des 
Priestei-s am 30. Juni, dem Todestag der Heiligen, sowie am 4. September, Überti-agungs- 





Votiv-Holzköpfe aus der Kolomanskapelle bei 

Oberhochstatt am Chiemsee. Sammlung des 

histor. Vereins für Oberbayem. 



1) Vgl. Höfler I, S. 131. Delbe, Beiträge zur Anthropol. u. Urgesch. Bayerns VIII, S. 40. 
*) Sepp, Religion der alten Deutschen 18fK), S. 261. 
») Kalender 1864, S. 57. 

Andree, Votive und Weihegaben. 19 



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146 



Johannesköpfe. 



Fig.i28. 



tag ihrer Reliquien, den Gläubigen auf den Kopf gestellt zur Abwendung von Kopfleiden 
durch die Fürbitte der Heiligen^). 

In Beziehung zu den Kopfleiden wird auch das Haupt Jobannes des Täufers 
gesetzt, das man in oft sehr schönen Darstellungen, lebensgroß, auf einer Schüssel findet*) 
(Fig. 28). Der Vorläufer Jesu, der letzte Prophet Israels, wurde auf Betreiben der 
Herodias, des Weibes des Vierfürsten Herodes Antipas, und deren Tochter Salome ent- 
hauptet Die Szene, wie Salome dem Herodes das blutige Haupt des Täufers auf einer 
Schüssel darbietet, ist öfter in Kirchenbildern zu sehen, so auf dem berühmten Gemälde 
im Dome zu Prato. Votivbilder, das Haupt des Johannes dai'stellend , werden gegen 
Kopf leiden geopfert, noch wirksamer ist aber das Aufsetzen der Johaunesschüsseln auf 
den Kopf der Leidenden. Aus Pleßnilz bei Leoben in Kärnten sind diese Vorgänge 
genau geschildert 3). Doi-t steht auf einem Seitenaltar die hölzerne Schüssel mit dem 

bärtigen Haupte des Johannes, die in der Erde ge- 
funden sein soll. „Es kommen viel Kopfleidende aus 
weiter Feme herbei. Bedeckt der Kranke das Haupt 
des Johannes mit seinem Hut und ruft er den heiligen 
Johannes im Gebete um Erlösung von den Kopf- 
schmerzen an, so ist das fast nie ohne Erfolg gewesen. 
Viele haben den Schmerz, den sie jahrelang nicht los 
geworden sind, verloren, sobald sie die Kirchentür 
verlassen und den Hut, der auf dem geweihten 
Johanneskopfe lag, aufgesetzt hatten.'^ So erzählt 
man in Pleßnitz. 

Eine reiche Auswahl von kleineren Johannes- 
köpfen findet man in der Wallfahrtskapelle auf dem 
bekannten Nordtiroler Aussichtsberge „Hohe Salve''. 
Die Sage berichtet, eine fi'omme Mutter habe die 
Kapelle erbaut, um die Schuld ihres Sohnes zu sühnen, 
der als Räuber hingerichtet worden war *), dabei hatte 
sie geträumt, das Haupt des h. Johannes des Täufers 
glänze über dem blutenden Kopfe des Hingerichteten. 
Dem h. Johannes aber ist die Kapelle geweiht, au 
dessen Tage zahlreiche Wallfahrer die gut geschnitzten dort befindlichen Johannesköpfe 
um den Altar herumtragen. Am Halse der Köpfe sieht man die rot bemalten, vom 
Henkersireiche dm'chschnitteuen Adern. Das Tragen findet gegen Kopfleiden statt und 
selbst solche, die nicht den 1800 m hohen Berg besteigen wollen und an Kopfweh 
leiden, beauftragen doilhin gehende Wallfahrer: „Trag mir einen Kopf herum." 




S. Johannesschüssel vom S. Johannes- 
Museum zu Reichenhall. 



*) M. Eysn, Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 1901, S. 182. Mitteilungen der ZentralkommisBion 
1896, S. 117. 

*) Gute Exemplare im Nationalmuseum zu München, im Museum Ferdinandeum zu Innsbruck, 
im Museum zu Reichenball. Ein schöner Kopf in der Kirche von Mehm bei Brixlejfg, zwei Johannis- 
schüsseln im Kirchlein von Flains über Sterzing in Tirol. An den letzten beiden Orten wußte 
man über den Gebrauch nichts mehr zu sagen. Die Johannisköpfe standen als altes Überlehsel 
unbenutzt da. 

») Mitteil. d. Anthropol. Ges. in Wien XXXF, 8. 119. 

*) Zingerle, Sagen aus Tirol. Innsbruck 1891, S. 677. 



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Fortdauer des Opfers lebender Tiere. 



Wie weiter unten bei den Naturalopfern gezeigt werden soll, opfert man hier und 
da noch Fleisch von Tieren, zumal erhält der h. Wolf gang in Kärnten Schweiiisfüße, 
die sog. Sauhaxen, noch heute. Diese dem Heiligen gewidmeten Sauhaxen sind wohl 
nur £i*8atz für das ganze Schwein, das ihm ehemals dargebracht wurde. Der Teil 
steht jetzt für das Ganze und das letztere ist gewöhnlich nur noch durch die weit 
billigeren Wachsschweinchen verti-eten. Die Abschwächung pars pro toto ist den» auch 
sonst vielfach zu beobachten; sie ist zur Regel geworden und das lebende Tieropfer ist 
bis auf gelinge Reste heute zusammengeschrumpft; aber vorhanden ist es noch und der 
heidnische Ursprung ist wohl nicht wegzuleugnen i). 

Die heidnischen lebenden Opfer beruhten auf dem Gedanken, daß auch den Göttern 
menschliche Speise angenehm sei und durch deren Gabe eine Gemeinschaft zwischen 
beiden Teilen erzielt werde. Selbst Menschenopfer sind, wie bei so vielen Völkera, 
zweifellos auch bei den alten Gennanen dagewesen 2), doch traten mildenid Tieropfer 
an ihre Stelle, sowohl sühnende als dankende. Es handelte sich namentlich um Pferde- 
opfer, dann um Rinder; Schweine, Ferkel, während von Hunden oder Jagdtieren keine 
Rede ist. 

Wenn auch die christliche Kirche die alten Tieropfer unterdrückt hat, so haben 
sie sich doch noch lange, namentlich in der giiechischen Kirche, erhalten und sie sollen 
bei den christlichen Georgiern des Kaukasus und den christlichen Nestorianeiii am 
Urmiasee heute noch vorkommen. Im Abendlande sind sie allmählich gewichen. Papst 
Gregor VII. (7. Jahrb.) schrieb dem Bischof Melites von London, er solle sich mit dem 
Gebrauche, daß eine große Anzahl Rinder geopfert werde, abfinden, indem er diesen 
Opfern eine Stelle bei irgend einem Feste zu £hren des wahren Gottes einräume. Dabei * 
komme es nicht dai*auf an, daß das Opfern aufhöre, sondern das Wesentliche sei, daß 
man nicht mehr den heidnischen Göttern opfere. Die Briefe des Bonifazius aus 
Mainz und seiner Zeitgenossen der Päpste Gregor und Zacharias bezeugen, daß die 
Glaubensboten in den keltischen Ländern die gleiche Freiheit bei der Überleitung 
der Gebräuche besaßen, ja daß einzelne darin zu weit gingen und die Opfer von 



*) Es ißt auch anderweitig der Übergang vom lebenden Tiere zum Abbilde genügend nach- 
gewiesen, z. B. an den Bildern von Pferden und Vögeln, die in den Miya, Sohintotempeln, Japans 
aufgehängt werden. Sie sind „nur Weihegesohenke, welche die Stelle der im Altertui^ebrauchlichen 
Tieropfer vertreten". Dr. F. A. Junker von Langegg, Segenbringende Reisähren. Leipzig 1880, 
n, S. 194. 

*) Grimm, Deutsche Mythologie*, I, S. 35 £E. 

19* 



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148 Pferdeopfer bis in das 18. Jahrl^undert. 

Stieren und Ziegen für die Heidengötter mitmachten und selbst au deu Toteumahlzeiteu 
teilnahmen ^). 

Wie Grimm durch zahlreiche Belege nachgewiesen hat, wurden in der ältesten 
Zeit bei den Germanen vornehmlich Pferde geopfert, deren Fleisch allgemein gegessen 
wurde. Die Pferdeopfer sind auch bei anderen indogeimanischen Völkern, bei Slawen, 
Indem, Persem bezeugt. Handelte es sich doch um ein reines Tier, das in heiligen 
Hainen auf erzogen, bei Tempeln gehalten, zum Weissagen und Ziehen des Götter- 
wagens diente. 

In Süddeutschland ist das Pferdeopfer bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein 
bezeugt. Im Jahre 1512 erlitt Achatz Krautwurmb von Waitenfels mit seinem Pferde 
einen schweren Sturz, so daß er für tot liegen blieb. Als er wieder zu sich kam, ver- 
lobte er sich mit einer Ku-chfahit zu S. Wolf gang am Abersee, opferte diesem das 
Pferd und geuas. Derselbe Heilige erschien 1514 dem Georg Weibtaler von Althaim 
in eigener Pereon und vei*sprach, ihn von einem Bnichleiden zu heilen, wenn er ihm 
ein Opfer bringe. „Also hat er verlobt sein bestes Pferd zu opfern." Als dieses ge- 
schehen, heilte der Bruch 2). Wegen tödlicher Krankheit gelobt 1 592 Wolf Wörlin sein 
bestes Roß zu S. Leonhard in Inchenhofen und ist erhört worden*). Auch fürstliclie 
Personen ei-scheineu unter denen, welche Pferde opfern. Kurfüi*st Max I. von Bayern 
besuchte aus Anlaß einer Viehseuche im Jahre 1631 S. Leonhard in Inchenhofen und 
opferte doithin die Erstgebui-t seiner Herden zu Schleißheim. Er brachte auch sein 
eigenes schönes Pferd samt Sattel und Zeug dahin und seine Regieruugsnachfolger setzten 
dieses fort, indem sie alljährlich ein Pferd aus ihrem Mai*stall nach Inchenhofen sendeten, 
bis unter Karl Theodor (f 1799) dieser Brauch aufliörte*). 

Weniger häufig ist in den IVIirakelbüchera das Opfern einer lebenden Kuh erwähnt. 
So gelobte 1588 Hans Kirmayer von Eggeisried bei einer Feuersbrunst, die seine 
Nachbarhäuser zei-stört, dem h. Leonhard eine Kuh. „Seind jhm derhalben nach solchem 
gelübd durch fürbitt des h. Leouhards alle seine hab und guetter vnverletzt bliben" *). 
Natürlich wurden diese Pferde oder Kühe nicht direkt als Opfer geschlachtet, sondern 
kamen der Kirche bzw. der Geistlichkeit zugute. 

In einer Ablösung durch Geld klingt das lebendige Pferdeopfer im 18. Jahrhundert 
aus. Am 18. Juni 1759 faßten die Ratsherren in Weilheim, Oberbayem, den Beschluß, 
wegen einer Viehseuche von der oberen und unteren Stadt je ein Rind, das voran von 
der Weide nach Hause gehe, dazu ein Roß dem Allmächtigen zu opfeni und von dem 
Schätzungspreise alle verlobten Kieuzgänge und Gebühren für Messen zu bezahlen c). Der 
Übergang vom lebenden Tiere zur Geldablösung und Wachsfigur ist ferner deutlich bei 
folgendem von Panzer') berichteten Fall: Zu Schmatzhausen und Hohentann in Nieder- 
bayem brach eine Viehseuche aus. Diese Gemeinden gelobten , das erste Stück Vieh, 
welches beim Eintreiben der Herde voi-angclien werde, zu verkaufen, aus dem Erlöse 
wächsei-no Bilder dieser Tiere anzuschaffen und sie dem h. Leonhard zu opfern. In 

*) Conybeare, The 8urvival of animal sacrifices iDside the Christian Church, in American 
Jounial of Theology 1903, p. 62 bis 90, eine Abhandlung, die ich hier nach dem Auszuge von 
S. Reinach in L' Anthropologie 1903, p. 59 benutzt habe. 

•) S. Wolfgang, S. 19 u. 114. 

') S. Leonardas, Blatt 15. 

*) Vaterländisches Magazin 1Ö40, Nr. 9, S. 7. 

*) S. Leonardus, Blatt 23. 

*) Böhaimb, Chronik von Weilheim, S. 112, nach dem Oberbayerischen Archiv XX, S. 182. 

II, 38. 



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Heutige Fortdauer der Hühoeropfer. 149 

Schmatzhauseii war das erste Tier der Herde eine Kalbe, iii Hoheutanu eine Kuh. Die 
Seuche versehwand. Wie hier die Ablösung des lebenden Opfera durch Geld ei-folgte, 
so war schon ziemlich allgemein früher das Tierbild dafür gegeben worden, die Pfei'de 
und Füllen, die Kühe und Kälber, die Schweine, Ziegen, Schafe, Gänse aus Eisen, Silber, 
Holz oder Wachs. 

Am bequemsten eignet sich zum lebendigen Opfer das FedeiTieh und so finden 
wir auch, daß dieses Opfer sich am längsten, bis auf unsei*e Tage, erhalten hat. Auch 
hier ist Anknüpfung an altheidnische Opferbräuche vorhanden. 

Die vom 16. Jahrhundert bis heute von mir gesammelten, auf Süddeutschland bezüg- 
lichen Belege sind folgende: Im Jahre 1588 verheißt Kaspar Axxesidt seinem schwer- 
kranken Sohne „mit einer Tauben'^ zu S. Leonhard. Er ist dann „nit mehr kranck worden^. 
Am 3. Mai 1593 erschien Margareta Geißpergerin zu Inchenhofen im Namen eines 
Dr. Perger in Wien wegen dessen kranken Kindes, für das man keine andere Hilfe wußte. 
„Ist jnen eingefallen das Kind mit einer Meß, schwarzen Henne, zweyen Tauben und 
1 pfundf Wachs zu S. Leonhardt zu verloben, welches sy durch obgedacht Geißpergerin 
verrichten lassen, ist also dem Kind zustund geholfen^ i). In Inchenhofen hatten sich die 
Opfer von Federvieh so gemehrt, daß man besondere „Gockelämter" hielt, während deren 
man die Hühoer unter der Messe um den Altar trug und dann auf einen besonderen 
Tisch aufstellte'), und Panzer erzählt von S. Leonhard zu Aigen am Inu: „Noch vor 
zwanzig Jahren (um 1830) brachten Wallfahrer lebende Gänse, Enten und Hühner, 
trugen sie dreimal um den Altar der Kirche und ließen sie dann aus dem Chor durch 
ein Loch der Mauer in den außen angebauten Hühnerstall laufen" >). Es lag hier also 
eine Fortdauer der für das Jahr 1529 in der Kirchenordnung von Aigen (oben S. 60) 
bezeugten Opferung von Hennen und Gänsen vor. Noch sind in Bayern die Redensarten 
gebräuchlich: „Warte, ieh verlob schon eine schwai-ze Henne", oder „Es tat not, ich 
verlobte eine schwai*ze Henne". 

Auf die Gegenwart bezügliche Nachweise verdanken wir den Nachforschungen von 
Marie Eysn*), welche hier den Beschluß der Mitteilungen über „lebendige Opfer" 
machen sollen. Sie beziehen sich auf die Marienkirche zu Großgmain bei Reichenhall, 
deren Turmhalle mit vielen Yotivtafeln aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gleichsam 
überzogen ist Sie stellen Unglücksfälle dar, melden schriftlich aber auch das Motiv 
des Opfeiiiden und das gelobte Opfer ^). Und dieses ist in zahlreichen Fällen ein 
„lebendiges". „Es läßt sich, sagt die Verfasserin, aus den Inschriften nicht entnehmen, 
woraus das „lebendige Opfer" bestand, aber der lebende Hahn und die lebende schwarze 
Henne sind nebst Tauben heute noch das gebräuchliche Weihegeschenk. Vor etwa 
25 Jahren stand in der Apsis der Kirche zu Großgmain noch ein hölzerner Hühnerstall, 
in welchen die Opfernden die Tiere einschlössen, nachdem sie diese während der Messe 
dreimal um den Altar getragen hatten. Letzteres geschieht noch jetzt, doch wird das 

S. Leonardas, Blatt 4 u. 44. 

«) Höfler I, S. 122. 

») Panzer n, S. 32. 

*) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1901, S. 185. 

^) Hier als Belege einige der Inschriften auf den Votivtafeln zu Großgmain: Hans Schnell hat 
sich verloht mit einem lehentigen Opfer in einem schiffpruch zu Venedig vnd stunden ist er erledigt 
worden (Renoviert 1595). — Ein mägdlein hat sich erhenkt in einer zerrissen pfeid (Hemd), die da 
hängte für ein Handtuch, die muetter erschrocken verlohte das Kind hieber mit einem lebendigen 
Opffer vnd wurde es wieder lebendig (1687). — Ein saw hat ein Kind das Haupt gar erpissen vn 
zerrissen vnd es ward her versprochen mit einem lebendigen Opfer vnd word gesund usw. 



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150 



Hühneropfer zu S. Veit in Schwaz. 



Huhn dann gleich in den Pfarrhof gebracht, von wo dafür ein geringes Entgelt an die 
Kirche abzuführen ißt. Viel zahlreicher sind solche Opfer in dem nahen Marzoli, dessen 
Kirche dem h. Valentin, dem Helfer gegen Epilepsie, geweiht ist Die Rückseite des 
Altars ist durch zwei kleine Gittertürchen unterbrochen, durch welche der Opfernde die 
Tiere nach ' dreimaliger Umkreisung des Altars während des Gottesdienstes einläßt. 
Noch werden jährlich 40 bis 50 Hühner und 70 bis 80 Tauben dargebracht, doch soll 
vor 50 Jahren die Zahl dieser Opfer das Zehnfache erreicht haben. Äußerst selten bringt 
man ein junges Lamm dar. Ebenso wurden S. Veit zu Goldegg lebende Hühner dar- 



Fig. 29. 



gebracht In der Kirche zu Untereching mit 
der Holzskulptur des h. Veit, sowie zu S. Ko- 
loman bei Lebenau dienen hohe Drahtgitter 
^ ^^ f^^_^ft hinter dem Altai* zur Aufnahme der lebenden 

^A ^l^m^^^^B. Opfer und ein Hühnerstall in dem kleinen 

|H *^N|^^t^^^^^ Wallfahrtsoite von Valentinshaft ven-ät ge- 

^w^^^B^Bpi^^^^^L nügend die Art der Weihegeschenke.^ 

?i^^HV^ ^^^^V^ ^^ ^^^ ^P^^ eines jetzt verachwundcneu, 

aber vor 100 Jahren noch ausgeübten Hühner- 
opfers stieß ich in der alten, einst blühenden 
Bergwerkstadt Schwaz. Dort liegt die aus 
dem Jahre 1506 stammende gotische Knappeu- 
oder Michaelskapelle dicht bei der PfaiTkirche. 
Es ist ein recht eigentümlicher gotischer Bau, 
aus einem Erdgeschoß und einem Stockwerk 
bestehend, zu dem von außen eine schöne 
Freitreppe hinaufführt Oben nun wm'de von 
den Bergknappen S. Veit verehrt und auf 
den Bergbau deuten die vielfach an der Kapelle 
angebrachten Schlägel und Eisen, sowie die 
edlen Silber- und Kupfererzstufen, die in die 
Mauer der Kapelle eingebaut sind. Am Tage 
des Heiligen (15. Juni) erhielt dieser hier sein 
Hühneropfer von den Knappen. Sein aus der 
Zeit der Erbauung der Kapelle herrührendes 
Holzbildnis, das hier abgebildet ist (Fig. 29), 
wurde dann am Eingange der Kapelle neben 
dem Weihwasserbecken aufgestellt, dahinter 
eine hölzerne „Hühnersteige" (Käfig), in welchen 
die Besucher des Hochamtes ein jeder eine lebende Henne opferten, die dem Meßner 
zuteil wurde. Das Holzbildnis, welches nur auf Verlangen vorgezeigt wird, ist sehr gut 
geschnitzt, bemalt und etwa 70 cm hoch. Es stellt den Jüngling S. Veit in seinem 
Martyrium dar, wie er in einem Kessel, unter dem rote Flanmien züngeln, gesotten 
wird. In der Rechten hält der Heilige einen Hahn. Am Rande des Kessels steht in 
gotischer Schrift SANGTUS. FI. TUS. 

Ich habe diesen Bericht von dem alten Meßner der Kapelle, dessen hochbetagt 
gestorbener Vater gleichfalls dort Meßner war und der sich erinnerte, daß in seiner 
Jugend die Hühneropfer für S. Veit in der angegebenen Weise im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts noch stattfanden. Auch andei-weitig finde ich in Tirol „lebende Opfer" im 




8. YituB im^Kessel. Holzschnitzwerk in der 
Michaelskapelle zu Schwaz in Tirol. 



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Lebende Opfer in Meransen. 151 

17. Jahrhundert bezeugt und zwar bei den ^drei heiligen Jungfrauen von Meransen '', 
deren Eirchlein im Norden von Brixen im Grebirge liegt und zu denen seit dem Jahre 
1515 am 16. Oktober eine Wallfahrt stattfindet Diese drei heiligen Jungfrauen sind die 
anderweitig als Nachfolgerinnen der drei Noraen angesprochenen, zum Gefolge der 
h. Ursula gehörigen Jungfrauen Einbet, Wölbet und Vilbet, welche aber auch ähnlich 
klingende Namen führen und über die es eine recht ansehnliche Literatur gibt. Nach 
einer alten Pergamenturkunde heißen sie in Meransen Aubet, Cubet und Guere und viele 
Wunder werden von ihnen berichtet. Dabei kommen auch zweimal lebendige Opfer vor, 
unter denen wir wohl Hühner verstehen müssen *). 

*) Jacob Schmid, S. J., Heiliger Ehrenglantz der gefürsteten Grafschaft Tyrol. Augspurg 1732, 
I, S. 209 u. 210. 



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Tierbilderopfer. 



Nur teilweise sind die geopferten Tierfigureii, die heute uoch in großer Menge 
die Wallfahrtskirchen füllen, auf das Opfern lebender Tiere und Ersatz dieser zurück- 
zuführen. Wie wir bei der Schilderung der Leonhardiumritte gesehen haben, sind sie 
zumeist als Weihegaben an den Heiligen aufzufassen, dem sie dargebracht werden, 
um Gesundheit und Vermehrung für den Viehstand im kommenden Jahre zu ge- 
währen. Andere Opfertierfiguren dagegen werden zu beliebigen Zeiten dargebracht, 
um Heilung für erkranktes Vieh zu erflehen; das Abbild ist dabei niemals als krankes 
Tier gekennzeichnet, sondern erscheint in seiner gewöhnlichen Gestalt Seltener sind 
Opfer einzelner Glieder von Tieren. Unter diesen sind die Pferdefüße aus Holz ge- 
schnitzt zu erwähnen, die früher bei S. Leonhard in Aigen niedergelegt wurden, ziem- 
lich gut gelungene, bemalte Stücke von 20 bis 30cm Länge (Taf. XXV, Fig. 108). Sie 
stellen den kranken Fuß des Pferdes dar, der durch des Heiligen Fürbitte geheilt 
werden soll. 

Mit Ausnahme von Ton werden auch bei den Opfertieren alle die verschiedenen 
Stoffe zur Herstellung verwendet, die mau bei den übrigen Votiven benutzt Fabrikmäßig 
werden die wächsernen gemacht, die meist in alten Formen gegossen sind. Was die 
eisernen betrifft, so ist deren beschränktes Gebiet schon erwähnt und gesagt worden, daß 
nur noch in sehr seltenen Fällen solche heute von den Schmieden gefertigt werden (S. 91). 
In Gegenden, wo die Holzschnitzerei zu Hause, werden auf Bestellung Opfertiere her- 
gestellt, doch kann es nicht wundernehmen, wenn man auch auf hölzerne Tiere tiifft, die 
offenbar in Nürnberg als Kinderspielzeug angefertigt wurden, wie solche z. B. in der 
Kirche zu Bucheben im Raurisertal, einem Paralleltale des Gasteiner Tales, liegen, einfache, 
kleine, bemalte Pferdchen und Kühe, oder Miniaturholztiere in den Kapellen des Ridnaun 
in Tirol. Habe ich doch auch bei S. Hermann in Bischofsmais ein Paar recht koketter, 
bemalter Puppeubeine als Opfer für erkrankte Füße gesehen! 

Genau so wie man aus Silberblech geschlagene Menschenfiguren auf schwarzen 
Samttäfelchen opferte, so sind auch die mehr oder minder gut gearbeiteten silbernen 
Kühe oder Pferde geopfert worden, und wenn es in den Mirakelbücheni heißt, es sei 
ein silbernes Roß oder ehie silberne Kuh geopfert worden, so wird es sich um diese 
Silberblechfiguren handeln. Massive silberne Rössel müssen aber früher auch geopfei-t 
worden sein , wenn nach den dabei angeführten Gewichtsangaben der Mimkelhücher ge- 
schlossen werden darf. Das schönste Stück aber, ein prachtvolles gotisches Kunstwerk, 
das „goldene Rössl", kam 1509 durch den Herzog Albrecht IV. nach Altötting. Es 
ist aus Dukatengold in Limoges gefertigt, emailliert und war ursprünglich ein Hochzeits- 
geschenk für König Karl \'I., der sich 138.5 mit einer bayerischen Prinzessin vermählte. 



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Votivpferde und Kühe. 153 

Uuter dem gotischen Aufbau mit der thronenden heiligen Jungfrau steht in einem Stall 
das weiß emaillierte, mit goldenem Sattel und Zaumzeug versehene, von einem Schild- 
knappen gehaltene 9 cm hohe goldene Rössel. Der Beweggrund für die Opferung dieses 
Pferdes ist unbekannt 

Neben solchen vornehmen Pferden machen die eisernen Rössel der Leonhards- 
kirohen allerdings einen recht proletarischen und prähistorischen Eindruck. Der Art ihrer 
Opferung ist schon ausführlich gedacht worden und es ist nur nötig, auf ihre Gestalt 
einzugehen, die hier in verschiedenen Abbildungen vorgeführt wird. Die rohesten sind 
solche, wie unsere Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen sie zutage förderte (Taf. XXV, 
Fig. 109), wo kaum noch die Pferdegestalt erkenntlich. Besser ist schon ein Durch- 
schnittsexemplar aus der gleichen Kirche, aus einem Stück geschmiedet, mit einer Klappe 
vor der Stirn und einem Drahtzaum, der sich öfter findet Es gehört zu den älteren, 
mehrere Jahrhundert alten Stücken mit viereckigem Durchschnitte des Körpers (Taf. XXVI, 
Fig. 110). Auch die fast kriechende, wuimförmig lange Gestalt von Ganacker soll noch 
ein Pferd darstellen (Taf. XXVI, Fig. 111). Jünger sind die aus mehr oder minder 
starkem Blech hergestellten, mit durchgesteckten FüBen und Ohren, wie das Rössel aus 
der Böttbergkapelle bei Oberwarngau (Tölzer Gegend), das einen gedi*ehten Schwaüz hat 
(Taf. XXVI , Fig. 112). Die schlechteste Eisenware versinnbildlicht das Leonhards- 
rössel von Julbach bei Simbach in Niederbayem, aus dünnem Blech geschnitten, dessen 
Beine auseinandergebogen sind, damit es stehen kann (Taf. XXVI, Fig. 113). Es ist 
moderne Ware. 

Hölzerne Pferde kann man in der Kapelle der drei Brunnen bei Trafoi in Tirol 
als Opfergaben sehen; sie sind zu diesem Zwecke besonders geschnitzt, bemalt und bis 
zu 20 cm hoch. Andere, z. B. in Ridnaun, waren einfach Spielzeugsohachteln entnommen. 
Am häufigsten sind heute die Wachsopferpferde von verschiedener Größe in Verwendung. 
Es sind darunter ungesattelte, ganz naturalistisch gebildete, wie die hier dargestellten aus 
Gmünd in Kärnten und aus Spittal an der Drau, beide jüngeren Datums (Taf. XXVI, 
Fig. 114 und Taf. XXVU, Fig. 115). Die älteren und schöneren, gewöhnlich ins 17. Jahr- 
hundert zurückreichenden, zeigen die plumperen Formen der Pferde jener Zeit und sind 
mit genau ausgeführtem Riemzeug und Sattel versehen (Taf. XXVII, Fig. 116). 

S. Leonhard wird als Schutzpatron der Gebärenden und Wöchneiinnen verehi*t, da 
kann es nicht wundernehmen, wenn ihm, der ja auch in erster Linie Patron der EEaus- 
tiere ist, die trächtige Stute als Opfertier dargebracht und dafür gefleht wird, daß das 
Füllen gesund und kräftig zur Welt komme. Beweis dessen die Taf. XXVll, Fig. 117 
abgebildete Stute aus Aigen von 11 cm Länge, in deren hohlen Leibe das bewegliche 
Füllen ganz normal liegt Man sieht in der Abbildung vorne die Hinterbeine des Füllens, 
hinten dessen hakenföimigen Kopf hervorragen. 

Ebenso häufig wie die Pferde ist das Rindvieh vei*treten und es gilt hier das 
gleiche in bezug auf Alter, Stoff und Formung, was bei den Pferden bemerkt wurde. 
Eine Opferkuh aus Wachs mit dem Kalbe sehen wir auf Taf. XXVII, Fig. 118. Hölzerne, 
spielzeugartige wurden schon erwähnt, was die eisernen betrifft, so gehen sie ganz parallel 
mit den eisernen Pferden, doch verdienen die in S. Leonhard im Lavanttale, Kärnten, 
wegen der Schönheit ihrer Ausführung und mancher Besonderheiten, die sie vor den 
bayerischen Opferkühen auszeichnet, eine nähere Beti'aohtung. Mit geringen technischen 
Mitteln hat hier der Schmied Schönes geleistet und Gestalten geschaffen, die durch ihre 
naturwahre Auffassung sofort das beti*effende Tier erkennen lassen. Auch hier sind die 
ältesten Formen aus einem Stücke geschmiedet und roher ^ nur das sternförmig ein- 

Andree, Votive und Weihegaben. 20 



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154 Opferkühe. Zauberkühe. 

geschlagene Auge ißt eine Verzierung (Taf. XXVII, Fig. 119 und Taf. XXVIII, 
Fig. 120). Jünger ist das Kalb (Taf. XXVm, Fig. 121) mit angenieteten Beinen. Ein 
besonders schönes Stück ist das durch ein Joch verbundene Ochsenpaar (Taf. XXVIII, 
Fig. 122). Die Gruppe hat eine Länge von 15cm, der Körper besteht aus einem vier- 
eckigen Eisenstabe, an dem vorn der Kopf nur durch Zuspitzung und Niederbeugen 
gekennzeichnet ist. Die Beine und die langen, die ungarische Rinderrasse charakteri- 
sierenden Hörner sind angeschweißt. Das 12 cm lange Joch verbindet schlingenartig 
die beiden Ochsen. 

Auch zu Gmünd im Liesertale konmien sehi* schöne Opferkühe aus Eisen vor und 
hier verknüpft sich mit ihnen, abgesehen davon, daß sie geopfert werden, allerlei Aber- 
glauben. Die eisernen Opfertiere, welche schon in der Kirche ihre Funktion ausgeübt 
haben, werden zuweilen von den Opfernden mit hinweg nach Hause genonmien und 
müssen dort als y,Zaubertiere^ weiter wirken. Eine solche Kuh fand Büncker^) zu 
Trebesing bei Gmünd in einer alten Truhe. Die Erklärung der Besitzerin dazu lautete: 
„Als es noch mehr Hexen und Zauberer gab und das Vieh im Stalle verzaubert wurde, 
so daß es keine oder rote Milch gab oder lahm wurde, benutzte man diese Zauberkühc, 
die durch ihre Gegenwart den Zauber, lösten. Sie sollen im Stalle oder unter der Tür- 
schwelle des Stalles vergraben worden sein." Eine ganz ähnliche Voi*stellung verknüpft 
sich mit der Glückskuh von Gmünd, die hier abgebildet ist (Taf. XXVIH, Fig. 123), 
einst an geweihter Stelle sich befand und seit vielen Gesohlechtem in einer Familie im 
Liesertale aufbewahrt wird. „Eine solche Kuh, die dem Viehstande Segen bringt und vor 
Krankheiten im Hause schützt, muß eine geweihte und aus einem Stücke geschmiedete 
sein. Der Besitzer hält sie sehr geheim und verrät ihren Aufenthaltsort nicht. Sie bringt 
Glück und Gesundheit ins Haus, mehrt den Besitz und hält Unfrieden und Ejrankheiten 
von Menschen und Vieh fem" 2). 

Die bayerischen, zu S. Leonhard in Aigen und Gk^nacker noch in großer Anzahl vor- 
handenen eisernen Opferkühe gleichen in ihren älteren Formen ganz den aus Kärnten 
abgebildeten. In Aigen sind die alten, plumpen, roh aus einem Stücke geschmiedeten 
Formen jedoch bei den Wallfahrem „aus der Mode" gekommen. Sie werden beim Opfern 
nicht mehr benutzt, dafür aber andere jüngere, aus starkem Eisenblech hergestellte ver- 
laugt, die sich als ein besonderer Typus leicht erkennen lassen (Taf. XXIX, Fig. 124). 
Der Körper ist über dem Dom des Ambosses halbmnd gebogen, so daß er eine nach 
unten zu offene Höhlung bildet, der Hals lang gezogen, am Kopfe das Maul angedeutet, 
als breite, hei-zförmige Lappen sitzen die Ohren an, die Höraer aus dickem Draht sind 
durchgesteckt. 

In Bayem findet man unter den Opfertieren das Schwein seltener, es tritt aber 
sofort häufiger auf, wenn wir den Votivbestand der Kirchen in Kärnten und Steieimai'k 
untersuchen. Bei. S. Leonhard in Aigen werden aus Blech silhouettenartig geschnittene 
Schweine mit Ringelschwanz geopfert, bei denen der Köi*per ohne Beine in eine Platte 
ausläuft, auf die ein paar saugende Ferkel mit Ölfarbe aufgemalt sind (Taf. XXIX, 
Fig. 125). Manche Eigentümlichkeit in der Technik lassen die im Johanneum zu Graz 
befindlichen, wohl aus Steiermark stammenden eisernen Votivschweine erkennen, welche, 
ohne alle näheren Angaben, Meringer abgebildet hat 3). Sie sind mit ihren Ferkeln, den 

») MitteiL der Wiener Anthropol. Ges. XXX, S. 186. 

*) Brief des Herrn Pfarrers OttoPuchta in Gmünd an den verstorbenen Dr. W. Hein vom 
26. Mai 1900 aus dem Nachlasse des letzteren. 

») Mitteil, der Anthropol. Ges. in Wien XXV, S. 63, Fij?. 121, 126, 127. 



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Opferschweine, Schafe, Ziegen, Gänse und Bienen. 155 

Borsten und Ringelschwänzen recht gut beobachtet Obenan stehen wieder unter den 
eisernen Opferschweinen jene aus S. Leonhard im Lavanttale. Die schweren älteren aus 
eiuera Stücke mit eingepunzten Nasenlöchern, Augen und Nabel (Taf. XXIX, Fig. 126), 
die jüngeren aus starkem Eisenblech, mit breiten, lappigen Ohren, Ringelschwanz und 
angenieteten Beinen (Taf. XXX, Fig. 127 a und b). Ganz roh mit angeschweißten Beinen 
ist ein Exemplar von S. Leonhard im Forst bei Melk (Taf. XXX, Fig. 128). Wachs- 
schweine sind häufig (Taf. XXX, Fig. 129 und 130). Das abgebildete Holzschwein 
(Taf. XXXI, Fig. 131), eine sorgfältig geschnitzte und bemalte Figur, fand Büncker zu 
S. Wolfgang am Wolfsberg, Kärnten. 

Schafe, von denen die Abbildungen (Taf. XXXI, Fig. 132, 133, 134) einen 
Begriff geben, sind seltener. In Wachs, Holz und Eisen sind sie vertreten i). Noch 
seltener die Ziegen und an den beiden Abbildungen 135 und 136 auf Taf. XXXII 
kann man den Unterschied in der Herstellungsweise leicht erkennen. Die kräftige 
bis zur Spitze der Hörner 15 cm in der Höhe messende Ziege aus S. Leonhard im 
Lavanttale ist aus einem Stücke Eisen geschmiedet, das Euter (bei a) durch vier Gruben 
angedeutet (Taf. XXXI, Fig. 135). Dagegen nimmt sich die kleine, wenn auch in der 
Silhouette ganz richtig gezeichnete Ziege aus Blech von Julbach nur ärmlich aus 
(Taf. XXXI, Fig. 136). 

Von Federvieh ist mir nur die Gkms in Algen begegnet, einfach aus dickem 
Eisenblech geschmiedet und gebogen, aber charakteristisch (Taf. XXXI, Fig. 137). Sie 
vertritt jetzt die noch vor fünfzig Jahren dort geopferten lebenden Gänse. 

Unser einziges Insekt, das zum Haustier wurde, die Biene, findet auch unter den 
Opfertieren seinen Platz. y,Der Imp^ oder y,die Bein^ ist ein hochgeachtetes Tierlein, 
schon weil sie das Wachs zum Heiligtum sammelt; sie ist auch im verwandelt aus dem 
Paradies überkommen, während alle anderen Tiere verwandelt wurden. Man sagt bei den 
Bienen nicht, daß sie krepieren, sondern, wie bei den Menschen, daß sie sterben >). In 
den Legenden bilden die Bienen um eine weggeworfene Hostie zierliche Monstranzen 
aus Wachs, was oft aus den verachiedensten Ländern berichtet wird 8). So wird denn 
auch noch jetzt die Biene, wie andere Haustiere, der Fürbitte der Heiligen empfohlen 
und als Zeichen dessen muß ich wohl eine Wachswabe auffassen, die an einem rotseidenen 
Bande am Hauptaltar auf S. Georgenberg bei Schwaz in Tirol hing. Auch in eiserner 
Gestalt wird die Biene geopfert, freilich in sehr unrichtiger Form, bei welcher nur die 
acht Beine hie als Insekt kennzeichnen (Taf. XXXTI, Fig. 138). Diese 8 bis 10 cm 
langen, aus Eisenblech mit durchgesteckten Beinen hergestellten Bienen sind eine 
Besonderheit von S. Leonhard bei Neuem in Böhmen, von wo sie Lehrer Joseph 
Blau bekannt gemacht hat*). In einer anderen Form empfiehlt man die Bienen dem 
Schutze desselben Heiligen zu Aigen am Inn. Hier stehen in der ^Schatzkammer^ 
noch drei viereckige, unten offene, 11 cm hohe und 5 cm breite „Bienenkörbe" aus 
starkem Eisenblech. Sie waren vergoldet, wovon noch Spuren zu sehen und auf der 
Vorderseite über dem Flugloche mit einem Kreuz und I. H. S. bemalt (Taf. XXXTI, 
Fig. 139). 



*) Ein sehr schön gearbeitetes, massives silbernes Schaf von ungefähr 6 cm Höhe steht in der 
Schatzkammer zu S. Wolfgang am Abersee, von dem erzählt wird, daß es allein den Einschmelzungen 
früherer Zeit entgangen sei. 

«) V. Leoprechting, S. 80. Panzer II, S. 178. 

•) Wolfg. Menzel, Christliche Symbolik I, S. 180. 

*) Zeitschrift für österr. Volkskunde V, S. 70. 

20* 



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156 Opfenchlange. 

Ich schließe dieser Aufzählung der Opfertiere noch eine aufgerollte, gut gearbeitete, 
schmiedeeiserne Opferschlange an, die aus S. Leonhard im Lavanttale, Kärnten, stammt 
(Taf. XXXn, Fig. 140). Hier tritt allerdings ein anderer Beweggrund für das Opfer 
ein als bei den Haustieren. Die Schlange symbolisiert nämlich die Magenschmerzen eines | 

Menschen; es herrscht dort der Glaube, daß Krankheiten durch Tiere im Innern, hier ] 

eine Schlange, erzeugt werden und deren Abbild opfert man, um Genesung zu erlangen. 
Das belegt eine Eintragung in der Geschichte S. Wolfgangs vom Jahre 1513^): „Martin 
Bawer von Hagenzell, bei Straubing liegend, hat glaublich angebracht, wie sein Sohn 
5 Jahre lang eine Schlange bey sich im Leib gehabt, daran er, weil sie ihn sehr gebissen, 
offtmals vnleidentliche Schmerzen erlitten hat. Hat sich dem h. Wolfgang verlobt mit 
ein Schlang 4 Spann samt ein zwerchen Hand lang." 



*) S. Wolfgang, Blatt 144. 



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Hämmer imd Ackergerät. 



Hämmer. Es ist das Verdienst von Dr. W. M. Schmid, ein eigentümliches, sehi* 
kleines Votiv nachgewiesen zu habend), das, wie es scheint, nur in einem beschränkten 
Bezirke Bayerns vorkommt und das auch wir einigemale gefunden haben. Schmid sah 
an verschiedenen Orten des Donau-, Vils- und Rottales kleine eiserne Hämmer, deren 
einer 14cm lang, mit einigen Kerbomamenten versehen war, die auf das 18., vielleicht 
17. Jahi'hundert hinweisen. Ein zweites, un verziertes Stück war nur 9 cm lang und voll- 
kommen neu. In den Kirchen und Wallfahrtskapellen, wo diese Hämmer vorkamen (deren 
einer sich jetzt im Nationalmuseum zu München im Vorraum 31 befindet), hat fast stets 
Maria das Patronat und nur einmal S. Leonhard. Über die Bedeutung konnte Dr. Schmid 
nichts erfahren und Beziehung zu Hammerleuten weist er zurück. „In der weitberühmten 
Marienwallfahrt Samarey, Bezirksamt Vilshofen, sagt er, fand ich das Hämmerchen mit 
einem sogenannten Kopf dreier zusammen geopfert; darin lag eine Hiudeutung, daß das 
Eisenvotiv gleich jenen kleinen Gesichtsumen eine phallische Bedeutung habe.^ Schmid 
weist weiter auf die Bedeutung des Hammers im Thor-Donarmythus hin , sowie dessen 
Beziehung zu Fruchtbarkeit und Ehe, und erkennt dann im Hammerwurf, welcher in 
mittelalterlichen Marienliedem vorkommt, wo er die übernatürliche Befruchtung der 
Gottesmutter populär daratellt, einen Nachklang des Thor -Donarmythus, dessen Grund- 
gedanke im Volke noch verstanden wurde. Nach ihm haben sonach diese Hämmer eine 
mythologische, phallische Bedeutung. Möglich, daß dem so ist^). 

Übrigens gehört der Hammer zu den Passionswerkzeugen Christi, er ist Attribut 
des h. Reynold und des h. Eligius, welcher Goldschmied war. 

Es ist uns leider nicht gelungen, aus dem Munde des Volkes selbst Aufklärung 
über diese Hämmerchen zu erhalten, die wir auch mehrfach gefunden haben, wiewohl sie 
weit seltener als alle anderen Votive sind und bei ihrer Kleinheit leicht übersehen werden ; 
aber einiges Neue kann ich den Mitteilungen von Dr. Schmid doch hinzufügen. 



^) Zum Donarknlt in Bayern. Korrespondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie. 
Juli 1896. Mit Abb. 

*) Zu erwägen wäre dabei folgendes: Die nordischen Thorshämmer, von denen die dänischen 
und schwedischen Museen etwa 20 Stück besitzen, sind alle kurzgestielt und aus Silber. Abbildungen 
treten auch auf Runensteinen hervor und alle gehören der Wikingerzeit an. Ihr ganzes Aussehen 
ist grundverschieden von den bayerischen Votivhämmem. Eisenhämmerchen wurden in Birka 
(Schweden) und Schleswig-Holstein gefunden und diese sind langgestielt wie die Handwerkshämmer. 
Südlich von den. genannten nordischen Ländern sind aher keine Funde von Hämmern aus früh- 
geschichtlicher Zeit bekannt — es gähnt also eine weite geographische Lücke zwischen den Funden 
der beglaubigten Thorshämmer und den modernen bayerischen Votiven, ganz abgesehen von der 
Zeit. Vgl. Verhandl. d. Berliner Anthropol. Ges. 1886, S. (316) und 1880, S. (77). Sophus Müller, 
Nordische Altertumskunde II, S. 280. 



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158 



Votivhämmer. Samarey. 



Fig. 30. 



Seinen Spuren folgend besuchten wir Samarey, eine der anziehendsten und votiv- 
rcichsteu Wallfahrtsku'chen, die wir gesehen haben und der ich hier einige Worte widmen 
will. Die Fahrt ging auf der Landstraße von Yilshofen an der Donau über das alte 
Schloß Ortenburg nach dem PfaiTdorfe Rainding, zu welchem der 
Weiler Samarey (Sancta Maria) gehört; schon von ferne grüßte das 
stattliche Gotteshaus mit hohem Turme, welches aber nur die 1631 
erbaute Hülle um das ältere Wallfahrtskirchlein ist Diese bescheidene 
Holzhütte, man kann das kleine Blockgebäude kaum anders nennen, 
mit den kleinen Fenstern, dem durchlöcherten Schindeldache und 
der von reliquienhaschenden Wallfahrern zerschnittenen Tür, wurde 
1521 von einem Bauern erbaut und fand fleißigen Zuspruch. Da 
wurden 1619 die wenigen umliegenden Häuser ein Raub der Flammen, 
aber die mitten unter ihnen liegende kleine Holzkapelle blieb ver- 
schont, was als ein großes Wunder angesehen wurde. Der Abt des 
nahen Klosters Aldersbach berichtete über den Brand an den frommen 
Kurfürsten Maximilian I. von Bayern: Nicht nur die Häuser, sondern 
auch die Bäume dort seien bis auf die Wurzel verbrannt, nur die 
Kapelle sei unverletzt geblieben, „welches ohne Zweifel auß Gött- 
licher Providenz und der gebenedeuten Muetter Gottes Fürbitt, weillen 
sye alldorten rastet, geschechen^. Der Kurfürst ti*ug nun dem Kloster 
Aldersbach auf, „an gemeltes Orth ain neues Capellein zu bauen und 
das von dem Feuer unerlegte hölzerne Capellein darmit einzufangen^ *). 
So steht die alte Kapelle, von der Kirche überbaut, mit dem 
wunderwii'kenden Marienbilde noch da; sie hat nur wenige Sitzplätze 
und ist im Innern und Äußern mit Votivtafeln und Votiven der verschiedensten Art voll- 
ständig bedeckt und da die ursprüngliche Holzkapelle alle die Gaben nicht zu fassen ver- 




Eiserner Opfer- 
hammer. Rott-Tal. 
Vs natürl. Größe. 



Fig. 31. 



mochte, so ist die neuere, um sie hcrumgebaute Kirche auch damit 
gleichsam austapeziert, Tafeln, welche die „Wunderwerke und andere 
übernatürliche effectus" darstellen (wie sich 1707 der Pfarrvikar 
P. £ngebei*t in einer Beschreibung der Gnaden und Hilfen von 
Samarey ausdrückt). Inmitten der Votive sahen wir noch ein Exemplar 
eiues kleinen Hammers, das hier abgebildet ist (Fig. 30). Es ist 8 cm 
lang, anscheinend sehr alt und stark rostig, gleicht aber einem von 
Dr. Schmid abgebildeten Hammer vollständig. 

Wie die alten Votive sich abschwächen und durch minder- 
wertige Stoffe ersetzt werden, konnten wir dann weiter auch bei 
den Yotivhämmern beobachten. Statt der kleinen Hämmer aus Eisen 
treten solche aus Holz auf und zwar ganz frisch geschnitzte, wie wir 
an zwei verschiedenen Orten bemerkten. Den ersten solcher Holz- 
hämmer sahen wir, wo es sich auch um eine Yerehrungsstätte Marias 
handelt Nicht in dem alten hölzernen Wallfahrtskirchlein, sondern 
in einer Hauptkirche des Rottales hing an einer Marienstatue der 
kleine hölzerne, rein und neu ausschauende Hammer, welcher, wie die 

Abbildung (Fig. 31) zeigt, mehr die Form eines Doppelklopfers besitzt, gedrechselt und 

8 cm lang ist. 




Hölzerner Opfer- 
hammer. Rott-Tal. 
V, natürl. Größe. 



>) Kalender 1877, S. 64. 



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Yotivhämmer und Pflugeiseii. 



159 



Fig. 32. 



Fig. 33. 



Der weitere Fund stammt aus dem Inntal, und diesmal haudelt es sieb um eine 
Leouhardskirche. In der Vorhalle einer solchen hingen an einem Bildnisse, das Christus 
im Kerker dai-stellt, zwei kleine aus Holz geschnitzte richtige Hämmer, der gi'ößere, hier 
abgebildete (Fig. 32) gegen 6cm lang. Beide ganz neu, der Hammerkopf mit dem 
Stiele durch einen Drahtstift verbunden. 

Soviel wir auch fragten, Aufklärung über die Bestimmung dieser Votivhämmer 
haben wir leider nicht erhalten, und so bleibt es der Zukunft vorbehalten, nähere Auf- 
klärung über deren Bestimmung zu geben. Sie sollen auch in der Wallfahi'tskirche auf 
dem Gartlberge über Pfarrkirchen vorkommen, wie mir gesagt wurde, doch konnte ich 
mich davon noch nicht übei*zeugen. 

Ackergerät. Wie auf die Gesundheit imd Vermehrung des Viehstandes sich die 
Bitten des Volkes bei den Heiligen eratreckten, so ist es bei Ackerbaueni nur natürlich, 

daß sie ihre Wünsche auch auf 

ihi*e Felder und das Gedeihen 

der Feldfrüchte ausdehnen und in 

dieser Richtung Opfer darbringen. 

Es hängt dieses vielfach damit 

zusammen, ob der Heilige auch 

als Wetterpatron geschätzt wird, 

eine Eigenschaft, die er zuweilen 

im Nebenamte besitzt. Während 

im allgemeinen S. Wendelin der 

Schutzpatron der Hirten, S. Isidor 

derjenige der Baueiii ist und ihre 

gemalten Bildnisse an den Bauern- 
häusern der bayerischen und tiroler 
Gegend von Simbach^m'inn. Alpengegenden prangen, ist ein 
Va natürl Größe. so starker Herr, wie S. Leonhard, 

neben seinen vielen anderen Patro- 
iiaten auch Schutzherr bei Ungewittem, bei Hagelschlag 
und „Schauern", bei Schneewehen und dergleichen, worüber 
die Mirakelbücher mancherlei Aufklärung geben i). Und 
da er vielfach geholfen hat, so nahm sein Kultus auch teil- Bemaltes Opfer-Pflugeisen der 

. , A j ^ j» T^ T • "i- Gemeinde Sulsemoos zu 

weise emen affrarischeu Ausdruck an ; die Relifiaonsubuuffeu t,, i.jti.1-* 

, , T> T , ° S. Leonhard m Inchenhofen. 

offenbaren dann den Bauerncharakter ; der Landmauu brmgt, 

wie sein Vieh, auch das Gedeihen der Feldfrüchte, das Wetter und seine Wirkungen 
mit der Religion in Zusammenhang; das spiegelt sich in den Kulthandlungen und nicht 
zum mindesten in den Opfergaben wieder. 

Bis IV2™ ^*"g 8^^<i <^iG 1741 und 1745 datierten teilweise vergoldeten Sensen, die 
neben anderen Geräten hinter dem Hochaltare S. Leouhards in Aigen hängen. Unter 
den von uns dort ausgegrabenen alten Votiven befanden sich viele Sicheln. Zahllos sind 
einstens die alten Pflugeisen gewesen, die in der Kirche zu Inchenhofen hingen und als 
Votive von Einzelnen oder ganzen Gemeinden hierher gebracht wurden. Sie zeigen einen 




Hölzerner Opferhammer. 




^) Z. B. S. Leonardus, Blatt 22 : Georg Schlampp von Klingen im Namen der ganzen Gemeinde 

verlobt sich zur Zeit eines großen üngewitters „von wegen der Frucht mit einem Wages nach 

solchem gelübd das liebe Feld vnnd getbraid vor allem vnglück bebüet vnd bewart worden". 1582. 



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160 Pflugeisen als Votive. 

sehr altertümlichen Charakter, ähuelu keiueswegs deu heutige Pflugscharen, soudem sind 
mehr wie die Eisen der Haken- und Spitzpflüge gestaltet. Heute befinden sich in der 
Leonhardskirche zu Inchenhof en nur noch drei Pflugeisen, in Aigen nur noch ein einziges. 
Für sie galt die Bezeichnung Wages oder Wageisen ^). Daß sie, zum Teil wenigstens, 
besonders als Votive geschmiedet wurden, erkennt man dai*an, daß sie an der Spitze mit 
einem eisernen Ring zum Aufhängen versehen sind. 

Ein Verzeichnis von 144 Gemeinden, welche „järlich ein Wag- oder Pflugeysen 
vmb behütung der Feldfrüchte zu S. Leonhard nacher Inchenhofen verlobt" haben, steht 
in der Synopsis Miraculorum, S. 233, darunter auch die Gemeinde Sulsemoos, von der 
ein Pflugeisen sich noch erhalten hat und in Fig. 33 (auf voriger Seite) gegeben ist 
Dieses Pflugeisen ist 86 cm hoch und hat eine größte Breite von 20 cm. Bemalt ist 
es mit der Figur des heiligen Leonhard, welcher den Abtsstab hält und darunter die 
Inschrift: Ver Lobt dem S. Loonardus von der Gemeünde Sulsemoos. Anno 1818. 

Die Kosten, um solche Opferpflugschare anfertigen und überbiingen zu können, 
wurden in den Gemeinden durch Sammlung der Gelder aufgebracht. In den Rechnungen 
der zur PfaiTe Aigen gehörigen Filialkirche Egglflng aus dem 17. Jahrhundert wird 
alljährlich ein Bittgang nach S. Leonhard in Aigen erwähnt zur Abhaltung der Wetter- 
messe und Überbringung einiger Ackereisen als Opfer, für welche 1 fl. 2 ß 24 Pf. ge- 
sammelt wurden*). 

>) Schmeller H, S. 870. 

') Mitteilung des Herrn Pfarrer J. Irringer in Aigen aus dem Pfarrai'chiv. 



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Häuser, Kleider iind Naturalien. 



Häuser. Der eigentliche Schutzpatron gegen Feaei*8gefahr ist S. Florian (4. Mai). 
Er war ein römischer Kriegstribun in Noricum, der in der diokletianischen Christen- 
verfolgung, in welcher er sich als Anhänger des Heilandes bekannte, am 4. Mai 304 
in die Enns gestürzt sein soll. Ihm sind zahlreiche Altäre gewidmet, sein Bildnis steht 
auf Brunnensäulen in vielen süddeutschen Orten in Stein gehauen; man findet ihn als 
hölzernes Standbild oft an Häusern, noch mehr aber gemalt als geharnischten Ritter mit 
einer Fahne in der einen Hand und mit der anderen einen Löschkübel über ein 
brennendes Haus ausschüttend. Weil die über dem Grabe des Heiligen erbaute .Kapelle 
von einem Bösewicht angezündet, aber nachdem der Brandstifter eines plötzlichen Todes 
verblich, sogleich wieder erbaut wurde, hat man S. Florian zum Schutzpatron wider 
Feuersgefahr gemacht. Oft genug sind seine Bilder von Sprüchen in poetischer Form 
von schlichten, hochdeutschen Reimen begleitet, die alle Zeugnis ablegen von dem großen 
Vertrauen, das dieser volkstümliche Heilige genießt, ein Vertrauen, das — wie eine 
Hausinschrift zu Wenns in Tirol bezeugt — selbst hinausgehen kann über dasjenige 

zu Gott: 

Dieses Haas stand in Gottes Hand 

Und ist dreimal abgebrannt, 

Und das viertemal ist's wieder aufgebaut 

Und jetzt dem heiligen Florian anvertraut. 

S. Florian hat aber, wie alle Heilige, auch seine Wettbewerber, die in Feuersgefahr 
angerufen werden und da sind es wieder der S. Leonhard und S. Wolf gang, welche in 
Betracht kommen. Die Weihegaben, die ihnen in diesem Falle dargebracht werden, 
bestanden und bestehen in hölzernen, eisernen und wächsernen Häusern und Stadeln, 
meistens geopfert, wenn eine Feuei^sbrunst glücklich vorübergegangen oder abgewendet 
war, falls der Hausbesitzer sich zeitig genug dem Heiligen verlobt und seine Hilfe 
angerufen hatte. Die älteren Mirakelbücher berichten unter anderem folgende Fälle: 

Franz Vogt von Schiltberg opfert, weil er verschont bleibt, als sein Nachbar ab- 
brannte, ein Wachshaus 1590, wie ein solches noch öfter S. Leonhard in Inchenhofen 
dargebracht wii*d. 1591 bleibt Judith Schmidin von Himkirchen von einer Brunst ver- 
schont und ^verlobt derohalben sich ein Eysenes Iläußlein zu lesen vnd das vmb den 
Altar zu tragen", während Anna Trenkerin von Dalhausen in Brunstnöten sich mit 
„einem höltzen Haus" verlobt i). Als 1590 das Haus des Paul Wittenberger zu Pfarr 
bei Regensburg brennt, ruft er S. Wolf gang von Abersee an, er hat „sich vnnd das 
Hauß mit einem blechinen Hauß verlübt. Von stunden ist das Fevr ohne fernere HüLff 



S. Leonardas, BL 23, 25, 26. 
Andree, Votive und Weihegaben. 21 



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162 



Votivhäaser. 



erloschen^ ^). 1570 brach auf dem Gehöft des Nikolaus Eüamel von Erasing eine Feuers- 
brunst aus. ^Hat den Stadel in Schutz vnd Schirm des mächtigen Himelsfürsten S. Leon- 
hardi mit einem eysenen Stadel andächtig befohlen vnd hiermit selben unbeschädigt 
erhalten «)." 

Der interessanteste Fall ist folgender, weil er zeigt, wie nicht der einzelne, sondern 
eine ganze Stadtgemeinde in feierlicher Prozession dem Heiligen das Wachsvotiv eines 
Hauses darbringt Dieses geschah 1646 nach einem Brande in dem Städtchen Aichach 
bei Augsburg, wo y,dem benachbarten Inchenhofischen Thaumaturgum" (S. Leonhard) 
ein zehn Pfund schweres Wachshaus zum Danke versprochen wurde, wenn die Feuers- 
brunst nicht weiter greife. Der Rat und die kurfürstlichen Beamten an der Spitze, zog 
die Gemeinde zur Darbringung des Wachshauses in feierlicher Prozession nach Inchen- 
hof en 8). 

Hölzerne Häuser finden sich in der Kirche zu Kogel bei Pilgersdorf, wo der 
\l Florian Patron ist; man empfahl sich damit seinem Schutze gegen Feuersbrunst ^). 

Fig. 36. 

Fig. 34. 




Eiserner Opferstadel? 
von S. Leonhard in Aigen. 




Opferhaus ans Wachs. V, natürl. Größe. 



Bei S. Leonhard zu Gmünd im Liesertal kann man Blechhäuser, schön bemalt, als Weihe- 
gaben sehen. Hölzerne Häuser haben wir in Bayern nirgends mehr gefunden. Heute 
sind sie alle aus Wachs. Aus der Schatzkammer zu Aigen erwarben wir, gegen Gabe 
in den Opferstock, ein kleines aus Blech gefonntes dachartiges Gebilde mit vier eisernen 
FüJßen, das vielleicht einen Stadel dai'stellen soll und hier in der Abbildung (Fig. 34) 
gegeben ist 

Am häufigsten sind die Wachshäuser, die überall bei den Wachsziehem verkauft 
werden, bald größer, bald kleiner, mit ausgeführtem Dach, Schornstein, Turm und 
Fenstern. Oft thront auf dem Dache eine Muttergottes, in deren Schutz das Haus be- 
fohlen ist Ein kleines Wachshaus zeigt die Abbildung Fig. 35. Sie gleichen sich 
übei-alL 



S. Wolfgang, S. 69. 

«) Synopsis, S. 126. 

») Synopsis, S. 132. 

*) Mitteil. d. Wiener Anthropolog. Ges. XXX, S. 185. 



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Eleideropfer. 163 

Kleideropfer. Es macht einen rührenden Eindruck, wenn man, wie es oft der 
Fall ist, an dem Gitter eines Altars, oder an der Statae eines Heiligen Einderkleider 
nnd Häubchen befestigt sieht. Eine sorgende Mutter ist in ihrer Hei*zensangst hierher 
ge wallfahrtet, um den Heiligen oder die Muttergottes um Genesung des erkrankten 
Lieblings anzuflehen, oder sie bringt dessen schönstes Gewand zum Danke dafür dar, 
daß das kleine Wesen wieder gesundete. Dem Votiv selbst können wir es nicht an- 
sehen, aus welchem Grunde es hier hängt; es werden aber beide Gründe vorhanden sein. 
Wenn Kranke in den Wallfahrtskapellen Teile ihrer Kleidung aufhängen und zurück 
lassen, so mag wohl eine Sympathievorstellung dabei mit im Spiele sein, denn das Zurück- 
lassen eines Teiles der vom Eoranken geopferten Kleidung beruht auf der Vorstellung 
eines inneren Zusammenhanges zwischen Kleid und Krankheit, infolgedessen das, was 
mit dem einen geschieht, auch mit dem anderen geschehen müsse. Mit dem Kleide 
des Leidenden empfängt der Heilige die Krankheit selbst, um sie zu heilen. Anders 
liegt die Sache natürlich bei der Widmung von Kleidern Genesener und manches schön 
gestickte Kleidchen oder Häubchen mag in das Gebiet der Dankvotive fallen. 

Das 16. Jahrhundert ist reich an Kleid eropfem. Bei S. Leonhard in Lichenhofen 
kommen da vor ein bis zwei Hemden, das beste Hemet, ein Joppenpf aid (Pfaid = Hemd), 
selbst gezogene Schleier, mehrere Ellen Leintuch, Schierlitze (Kamisole aus Schafspelz), 
auch seidene Gespinste von schwangeren und kranken Frauen dargebracht. Der Grund 
dafür läßt sich nicht immer mit Sicherheit angeben, ob aber, wie Höfler meint, hier 
„ehemalige heidnische Nacktheit^ und y,heidnische Kindsopfer^ ihre Überlebsei hinterlassen 
haben, will ich dahingestellt sein lassen ^). Daß E^eider den Heiligen aus Dank für eine durch 
ihre Fürbitte erzielte Heilung des Trägers des Kleides überlassen wurden, ist ganz sicher 
und eine einfachere Erklärung als das Zurückgreifen auf Menschenopfer und ehemalige 
Nacktheit. Ein andächtiges Weibsbild .von Kaffenstätten war nach dem Kindbette in 
eine schwere, unbekannte Krankheit verfallen; da verlobte sie sich zu S. Wolf gang am 
Abersee mit „einem gewissen Opfer ^ und Wallfahrt, worauf schon Besserung eintrat 
und als sie die Wallfahrt vollführt, war sie auch ganz genesen. Wir erfahren auch, 
worin das „gewisse Opfer^ bestanden hat. Sie hat „auch zu mehrerer Andacht oder 
vielleicht der Gelübden wegen, jhre beßten Beeidungen, in denen sie hierher komen, 
zum Gezeugknuß der an jr erwisenen gnaden, hinder jhr verlassen. Geschehen den 
17 Junij 1595« «). 

Doch auch Arme bringen ihre Kleider, in denen sie gebettelt oder in denen sie 
Unglück erlitten, den Heiligen dar. Ein verkrüppeltes 24 jähriges Mädchen, das nur auf 
Händen und Füßen kriechen konnte, bettelnd in einem E[arren durch Süddeutschland zog 
und seinen gewöhnlichen Bettlei*sitz auf der Donaubrücke bei Ulm hatte, kam zu Weih- 
nacht 1597 nach Kloster Andechs am Ammersee, wohin sie sich „mit zween Wächsin 
Füßen vnd jren kurtzen Kleydern, allein bis auf die Blnye reichent, in welchen sie zu 
kriechen pflegte, versprochen hat: Indem jhr die Glieder vnd der Fuß von stundt an- 
fangen geradt zu worden** s). XJnd ein zweiter Fall von Kleideropf em wird vom gleichen 
Wallfahrtsorte berichtet. Das Kind des Hans Widemann von Holza in Schwaben fiel in 
einen Brimnen und wurde anscheinend leblos herausgezogen. Da versprachen es (1602) 



») Höfler I, S. 124. 
•) S. Wolfgang, S. 139. 

*) Etliche Wunderzaichen, die Gott der Almächtig aufi dem heihgen Berg Andechs er- 

zaigt hat. München 1601, S. 1. 

21* 



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164 Eleideropfer. Das Niederwat. Naturalienopfer. 

die Eltern mit einem Pfund Wachs und dem Hemdlein, das es bei dem Unglücksfall 
getragen, nach Andechs und das Kind gab sofort Lebenszeichen von sich^). 

Besonders oft kommt unter den Kleidervotiven das Niederwat*), Niederkleid, die 
Unterkleidung vor und die Darbringung gerade dieses Blleidungsstückes scheint ein 
eigenes Bewandtnis zu haben. Es wird nämlich gewöhnlich geopfert, wenn der Betreffende 
irgendwie am Unterleibe oder Geschlechtsteile leidet, einen Bruch u. dgl. hat, so daß 
der Zusammenhang zwischen Krankheit und dem Kleidungsstücke, das die kranke Stelle 
bedeckt, klar wird. Es wii-d aber nicht immer das wirkliche Kleidungsstück geopfert, 
wiewohl dieses Regel zu sein scheint, sondern wiederholt kommt eine Nachbildung vor, 
aus Wachs oder Eisen, wovon mir leider kein Exemplar zu Gesicht kam. 

Frau Fischer von Rieden leidet am Unterleibe, sie verlobt sich daher zu S. Leon- 
hard „mit 1 vierling wachs, darauß sy ein Niederwaht gemacht". Weil einem Knaben 
„seine Gemächtlein (Hoden) gross geschwollen geweß", wird dem Heiligen ein wächsernes 
Niederwätlein dargebracht; das gleiche wird geopfert bei Bruch, oder weil ein Kiiäblein 
nicht harnen konnte; ein „flächsin Niderklaidt" wird bei S. Leonhard aufgehängt, weil 
ein Elnäblein „ein steinlein bey sich gehabt". „Aima Hirschbeckin von Klingen hatt ein 
brüchlein zu haben vermeint, verlobts deshalb mit einem eysen Niderkleid" (1588) und 
„Michael Walthayer von Biburg hat an den gromen s) großen weetagen gehabt; nachdem 
er sich derhalben mit einem Eysen Niederkleid ällher (Inchenhofen) versprochen, liat 
solcher weetagen alsbald aufgehört" (1589*). 

Naturalienopfler. Unter den Opfern von Naturalien steht wohl das Getreide- 
opfer oben an, wenigstens in der Gegenwart. Getreide wird noch in den Kopfumen 
dargebracht, in Truhen gesammelt und dann, wenn eine größere Menge beisammen ist, 
verkauft (S. 144). Im Lechrain finden Naturalienopfer zu Allerheiligen und Allerseelen 
statt „An Allerheiligen opfert jedes Haus auf dem Seitenaltar einen Teller (Seelnapf) 
voll Kornmehl und an Allerseelen einen voll Muesmehl, Haber und Kern. Entfernt 
Wohnende kommen dann in ihr Heimatdorf und opfern auf einem Seitenaltar Seelen- 
zöpfe (Gebäck aus Semmelteig in Zopfform) und beten für die armen Seelen. Das 
Muesmehl und die Seelenzöpfe gehören dem Meßner^)." Auch sackweise wird es un- 
mittelbar an die Kirche abgeliefert 

Die Ursachen für die Getreideopfer können sehr verschieden sein, wenn sie einem 
Heiligen geopfert werden. 1592 verlobte Margaretha Paulin von Münster ihr schw^ 
krankes Kind „mit einer Niderwadt voll Korns" zu S. Leonhard in Inchenhofen*). Das 
Niederwadt ist, wie wir oben gesehen haben, das Unterkleid und diese eigene Form, 
um darin das Getreide für das Opfer abzumessen, begegnet ähnlich auch anderwärts. 
Hat in der Eifel ein Kind das Fraisen, so trägt man es zu dem Fraisenbilde der Kapelle 
von Allscheid und opfert so viel Korn, als das Kinderhäubchen faßt In den Komopf em, 
die den kranken Kindskopf aufwägen, erkennt man die alten Getreidebußen, die z. B. 
für die Tötung eines Hundes gezahlt wurden. Der Hund wurde am Schwänze aufge- 
hangen, so daß seine Schnauze die Erde berührte und mußte dann mit Weizen umgössen 
werden, bis er ganz bedeckt war. Des Kindes Schaden wird in mehr kirchlichem Sinne 



*) a. a. 0., S. 7. 

«) Vgl Schmeller H, S. 1046. 

■) Hoden, Schmeller I, S. 995. 

*) S. Leonardufl, Bl. 42, 50, 51, 78, 97, 98. 

*),v. Leoprechting, S. 199. 

«) S. Leonardas, BL 95. 



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Getreideopfer. KäsemirakeL Flaohsopfer. 165 

als ein zu büßendes Vergehen aufgefaßt, das ähnlich zu sühnen ist, zum Vorteile der 
Kirche J). 

Eine andere Ursache der Getreideopfer erkennen wir aus einem Falle, der sich 
1512 ereignete. Als zu Frauendorf überall der Hagel das Getreide niederschlägt, gelobt 
der Bauer Hermann Kuntze daselbst dem h. Leonhard eine halbe Hetze Korn zu opfern, 
wenn seine Felder verschont blieben. So ists auch geschehen, während die Felder der 
Nachbarn gründlich verhagelt wurden^). 

Neben Getreide kommt die Butter als Weihegabe vor. Wegen „bösen Kopfs" 
verlobt sich 1591 Wolf Mötzel von Holzkirchen zu S. Leonhard „mit einem pötterlein 
schmaltz" und wird geheilt 3) und als „aus zauberischer boßheif^ der Bäuerin Loders zu 
Habertzhausen das Buttern („Schmalz samblen noch außrühren") nicht mehr gelingt, da 
wird sie erhört, als sie S. Leonhard die erste gesammelte Butter verspricht*). 

Neben der Butter wird wiederholt Käse als Opfergabe erwähnt Von solchem 
und dem Geize einer Bäuerin berichtet das Käsemirakel bei S. Hermann 2u Bischofsmais, 
das ich hier skizziert habe (Fig. 36). Hinter einem Gitter ist dort p. «^ 

ein gut faustgroßer, grauweißer Stein zu sehen, der, von einem 
Metallreifen umspannt, an einer Kette hängt. Dabei ist hand- 
schriftlich folgendes zu lesen: „Laut vorhandener Urkunde hat 
1657 eine Bäuerin dem h. Hermann ein Stück K^se opfern wollen. 
Da ihr aber das Stück Käse zu groß vorkam und sie ein Stücklein 
davon in ihrem großen Geize abbrechen wollte, ist der Käse zu 
diesem Stein geworden, welches als ein augenscheinlich Wunder 
des h. Hermann stets in der runden Kapelle aufbewahrt wurde; 
von den Wallfahrern durch Abschlagen von Teilchen allmählich 
um die Hälfte verkleinert, wird dieser Stein seit 1875 hier auf- 
bewahrt" Leider konnte ich wegen des vorgezogenen Drahtgitters 
dieses Käsemirakel nicht näher untersuchen; es scheint sich aber j^^^ Kasemirakel 

um gewöhnlichen Kalkstein zu handeln. Dieser Käse steht aber von S. Hermann in 
nicht als vereinzeltes Wunder da; auch in anderen Kh'chen und Bischof amaia. 

Kapellen kommt derlei vor*). 

Flachs und Werg wird auch jetzt noch oft neben Geld geopfei*t, sie sind auch in 
den älteren Nachrichten erwähnt, so in der Aigener Kirchenordnung von 1529 (oben 
S. 60). Li den kleinen Kapellen des Ridnaun bei Sterzing in Tirol fanden wir wieder- 
holt Flachszöpfe als Opfergabe bei den Altären und Heiligenbildern. 

Eine höchst eigentümliche Naturalopf ergäbe sind die frischen Schweinefüße 
(Sauhaxen), welche dem h. WoLfgang in seinem Kirchlein am Millstätter See (Kärnten) 
dargebracht werden, das zur Pfarre Liesereck gehört Am Ostermontag und Pfingst- 
sonntag ist dort der Zudrang der Gläubigen ein sehr starker und sie kommen oft aus 
weiter Feme, so daß das Kirchlein sie nicht zu fassen vermag. Die von ihnen darge- 
brachten Opfer bestehen aus Sauhaxen, Eiern, Flachsbündeln (Reißen), Wolle und Wachs- 
figuren (meistens Schweine darstellend); doch haben in neuerer Zeit die Opferungen sich 




^) E. H. Meyer, Dentsohe Yolkskande 1898, S. 105, 106. 
^ Synopsis," S. 182. 
•) S. Leonardus, Bl. 66. 

*) Synopsis, S. 215. Da hatte die Butterhexe die Hand im Spiele gehabt 
*) Der steinere Brotleib in der Stiftskirche S. Peter zu Salzburg in N. Huber, Fromme Sagen 
an Salzburg, 1880, S. 68. 



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166 Opfer von Sauhaxen und SchweinefleiBcIi. 

vermindert. Während man in früheren Jahren am Ostermontag sechs bis sieben große 
Körbe voll Sauhaxen opferte, kam 1900 nur ein Korb voll zusammen und auch Eier, 
Wolle und Flachs hatten sehr abgenommen. Die Schweinsfüße und die Eier erhält der 
Meßner des Kirchleins, Wolle und Flachs nahm der Pfarrer an sich. Da aber der 
Meßner darüber klagte, so viele Sauhaxen essen zu müssen, so wurden die Naturalopfer 
von nun an öffentlich versteigert und der Meßner erhielt vier Gulden Entschädigung. 
Vor dem Bilde des h. Wolfgaug werden auch Wachsschweine geopfert, und der Heilige 
ist hier auch besonderer Viehpatron für die Schweine, dem man dann zum Danke die 
Haxen darbringt^). 

Es ist angenommen worden, daß die vielen in der Adventzeit beim Schweine, 
schlachten vorkommenden Gebräuche, die Bezeichnuug des Dezembers als „Schweine- 
monat", auf heidnische Schweineopfer zurückzuführen seien 2). ^In manchen Gegenden 
ist infolge einer Verkirchlichung die Sitte des Schweineopfers auf den Tag des h. Antonius, 
den 17. Januar, verlegt worden. Man nennt an diesem Tage geschlachtete Schweine 
Antoniusschweine und noch heute opfert man in Herkenrath, bei Bensberg im Herzogtum 
Bergen, Fleisch von solchen Antoniusschweinen auf dem Altare. Gewöhnlich sind es die 
weniger fleischigen Teile, Halbköpfe und geräucherte Rückenstücke, welche der Pfarrer 
nach dem Gottesdienste an die Armen verteilt" 

Die Sauhaxen des h. Wolfgang in Kärnten haben also ihr Gegenstück nicht weit 
von der heiligen Stadt Köln. 



*) Bunker, Opf ergaben für den heiligen Wolf gang. Mitteil. d. Wiener Anthropolog. Ges. 
XXXI, S. 118. 

*) ü. Jahn, die deutschen Opfergebräuohe, S. 266. 



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Gemalte Votivtafeln. 



Wollen wir über die gemalten Votivtafeln berichten, die noch in ungezählter Menge 
die Wände der Wallfahrtskapellen und vieler Kirchen bedecken, so müssen wir wieder 
auf ihre antiken Vorbilder zurückschauen, die aus dem gleichen Gefühle des Dankes 
heraus die heidnischen Tempel schmückten« In großer Anzahl sind solche bildliche Dar- 
stellungen bekannt, die dem Asklepios Dank für Heilungen darbringen sollen, namentlich 
solche aus Athen, die den Gott zeigen, wie er zu den Kranken herantritt Wollte man 
der Rettung in Gefahr ganz sicher sein, so maßte man die Aufstellung solcher nlvaxsg 
während der Gefahr geloben, wie das noch heute in Deutschland geschieht Waren diese 
Gemälde auf Holz und mit Inschiiften, dann hatten wir die genauen Gegenstücke imserer 
christlichen Votivtafeln, die ihre Vorbilder im Asklepioskult finden i). Schon in sehr 
früher Zeit werden solche Gemälde von Plinius zu Lanuvium und Ardea erwähnt'). 
Tibullus 8), zur Isis gewendet, ruft aus : 

Jetzt steh, Göttin, mir bei, denn so manches Wnndergemälde 
Deines Tempels bezeugt, daß du zu helfen vermagst! 

Und, vom Tempel der Juno Lucina in Rom redend, bezeugt Ovid*): „Zahlreich sind dir 
zum Dank Täfelchen, Göttin, geweiht" 

Liegen die vielfachen Übereinstimmungen der Votivtafeln der alten Welt mit unseren 
heutigen schon offen zutage, so werden wir geradezu überrascht, wenn wii' den Vergleich 
auf die buddhistische Welt ausdehnen. Hat doch der buddhistische Kultus so mannig- 
fache Übereinstimmung mit dem katholischen, wobei nur an den Weihrauch und den 
Rosenkranz erinnert zu werden braucht; auch die Schilderung der mit Votivtafeln be- 
deckten Kultstätten paßt, wenn man einige wenige Ausdrücke ändert, genau auf unsere 
Wallfahrtskapelleu, eine Übereinstimmung, die noch dadurch erhöht wird, daß hier wie 
da die Beweggründe zur Opferung der Tafeln die gleichen sind. 

Im Japanischen bedeutet Ema erstens Bildtafel mit der Darstellung eines Pferdes, 
welche schintoistischen oder buddhistischen Gottheiten als Weihegeschenk dargebracht 
wird, als Ersatz für das vormals geopferte lebende Pferd; zweitens: im allgemeinen Bild- 
tafeln, welche schintoistischen und buddhistischen Gottheiten geweiht werden*). Die 
Bilder sind alle auf eine dünne Holzplatte mit der Hand gemalt und mit einem Holz- 



') J. Ph. Tomasini, De donariis ac tabellis votivis, Patavii 1654. S. 66 handelt De tabellis 
votivis. Tabella autem erat pania tabula, in qua aliquid scriptum vel piotum erat. Folgen Beispiele 
von gemalten Tafeln (Schiffbruch usw.). 

•) ffist nat. 35, 4. 

») Elegien I, 3. 

*) Festkalender m, 268. 

^) F. W. E. Müller in den Verhandl. der Berliner Anthropol. Ges. 1899, S. 520. Strauoh, 
daselhst, S. 562. 



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168 Japanische Votivtafeln. Steinerne Votivbilder. 

rahmen umgeben, von schwankender Größe, meistens klein, aber auch über meterlang, 
stets rechteckig. Die Verfertiger sind Handwerker, die ihre "Ware am Eingange des 
Tempels an die Gläubigen verkaufen, welche die Votive im Vorraum des Tempels oder 
bei größeren Tempeln in einem ausschließlich zu diesem Zwecke bestimmten Gemache 
unterbringen. Zum Teil stellt man sie an die Wand gelehnt auf den Boden, zum Teil 
nagelt man sie an oder hängt sie an Seidenschnüren auf. Das Emado, so heißt diese 
Halle, ganz gefüllt und bedeckt mit diesen Votiven, macht einen durchaus eigenartigen 
Eindruck und bei fast allen größeren und namentlich volkstümlichen Tempeln sind sie 
zu schauen. 

Ursprünglich sind diese Votivbilder der alten Religion Japans, dem Schintoismus, 
eigen. Aber wie dieser heute mit dem später eingewanderten Buddhismus sich mengt, 
beide in- und durcheinander gehen, so findet man die Emas auch in den beiderseitigen 
Tempeln. Die Emas werden geopfert, um durch ihi*e bildliche Darstellimg dem münd- 
lichen Gebete einen größeren Nachdruck zu verleihen und dann, um nach Erfüllung der 
Bitte der Gottheit hierfür zu danken. Ist ein Augenkranker geheilt worden, so hängt er 
ein Ema auf, welches als einzige Darstellung das M^, das japanische Schriftzeichen für 
Auge, enthält Sonst sieht man auf dem Gemälde die Abbildung des Gebetes, einen 
Japaner kniend mit gefalteten Händen. Solche einfache Emas werden in Menge an- 
gefertigt und vor den Tempeln verkauft, da sie für jedes Gebet zu verwenden sind. 
Interessanter sind jene Emas, die zum Danke für die Erfüllung des Gebetes oder für 
die Errettung aus Gefahr geopfert werden und dann meist Darstellungen enthalten, die 
für den besonderen Fall angefertigt wurden. Eine Frau, die um Verleihung der Mutter- 
milch gebeten hat und der diese Bitte gewährt wurde, hängt ein Votiv auf, auf welchem 
sie mit strotzenden Brüsten abgebildet ist, aus denen ein Milchstrahl in eine Schale spritzt. 
Ein der Gefahr des Ertrinkens Entronnener ist dargestellt, wie er mit den Wellen 
kämpft und über ihm schwebt hoch in den Wolken der Gott Fudo, welcher dem Er- 
trinkenden ein Seil zuwirft, durch das er gerettet wird. Und ähnliches. In der Tat höchst 
überraschende Parallelen zu unseren Votivtafeln. Form, Ausführung, Darbringung, Beweg- 
gründe — alles hier wie da gleich! 

Wie in so vielen anderen auf den Kultus bezüglichen Dingen, mag in Italien eine 
unmittelbare Folge der Votivgemälde vom römischen Heidentum ins Christentum statt- 
gefunden haben. Bei uns ist dieses nicht nachzuweisen, es sei denn, daß durch die Kirche 
der Gebrauch von Italien aus nach dem Norden übertragen wurde. Unsere erst aus dem 
Beginn des 16. Jahi-hundeii» häufiger vorhandenen Votivbilder sind wesentlich jünger 
und schließen wohl zunächst an die steinernen Votive an, welche von den Stiftern von 
Kirchen und Klöstern gleich bei deren Erbauung zum ewigen Angedenken an dem heiligen 
Orte en-ichtet wurden. Die ganze Form mit den betenden und knienden Stiftern mahnt 
wenigstens an heute noch gebrauchte Darstellungsart auf gemalten Votivtafeln. Ein 
schönes Beispiel eines solchen steinernen Votivbildes aus dem Jahre 1324 ist die IV2™ 
lange Reliefplatte mit den rund herausgearbeiteten Figm*en aus der Lorenzkirche zu 
München, auf der Elaiser Ludwig der Bayer und seine Gemahlin Margarete 2U beiden 
Seiten der das Jesuskind haltenden Mutter Maria knien, die Kaiserin bietet ihr die 
Lorenzkirche dar, auf deren Chor das Jesuskind seine Hand legt^). Sie befindet sich 
jetzt im bayerischen Nationalmuseum. 



*) C. M. v.Aretin, Altertümer und Ennstdenkmale des bayerischen Herrscherhauses. Lfrg. III. 
Kataloge des bayerischen Nationalmuseums Bd. VI, 1896, Nr. 324. 



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Der Tummelplatz bei Ambras. Inhalt der Votivtafeln. 159 

Hauptsächlich sind die Votivtafeln ja im Innern der Wallfahrtskirchen aufgehängt, 
wo sie manchmal noch an der Decke angebracht werden, wenn ihi'e wachsende Anzahl an 
den Wänden keinen Platz mehr findet, oder wo sie auch in den Umgängen der Kirchen 
aufgehängt werden. Seltener findet man sie im Freien, in Wäldern, an besonders heiligen 
Plätzen, und hier ist kein Ort reicher damit ausgestattet, als der sogenannte Tummel- 
platz im Walde zwischen Schloß Ambras und dem Berge Isel über Innsbruck. 
In der Tat ein überraschender Anblick, wenn man im düstem Schauer der uralten 
Fichten diesen Friedhof betrachtet mit seinen alles bedeckenden Votivtafeln. Zwischen 
den moosbewachsenen alten Grabhügeln mit verfallenden Holz- und Eisenkreuzen schaut 
man überall auf Gedenktafeln, Nischen mit Heiligenbildern, ewige Lampen, Betstühle, 
alles in Wind und Wetter der Vermorschung und dem Verfalle anheimgegeben. Den 
eigentümlichsten Eindruck aber machen die alten Baumstämme, die bis hoch hinauf, oft 
ganz dicht, mit Votivbildern, Medaillen und dergleichen behängt sind — es ist als ob 
man in einen alten Götterhain einti'äte, in welchem den Bäumen geopfert wird. Die 
Bestimmung dieses Waldfriedhofs erhellt aus der Inschrift einer oben befindlichen älteren 
Elapelle: y,Zur frommen Erinnerung an die in den verhängnisvollen Jahren 1797 — 1805 
umgekommenen und hier beerdigten 7 — 8000 in- und ausländischen Krieger." Der 
Tummelplatz ist zum Wallfahrtsorte geworden, wo bei den Gräbern der hier ruhenden 
Bayern, Tiroler und Franzosen die zahlreichen Votivtafeln dicht beieinander aufgehängt 
und Krücken nnd Wachsvotive niedergelegt werden. 

Die Votivtafeln, „Taferln** genannt, sind fast durchweg Weihegaben des Dankes, 
der Ausdruck eines gläubigen, dankerfüllten Gemütes, für Schutz und Schirin, Trost und 
Hilfe in Krankheit und Mißgeschick, welche der Darbringer auf Fürbitte der Heiligen 
erlangte. Schmerzvoll und dankerfüllt ertönen oft die Stimmen, die aus diesen Votivtafeln 
zu uns sprechen. Rechts vom Seitenportal zu Altötting hängt eine solche, ein Ölgemälde, 
unsere liebe Frau von Altötting darstellend, und darunter die Worte: „Verlassen von 
allen Freunden, arm, gepfändet — unser Kind zum Sterben. Verzweifelnd kam ich an 
diesem Bilde vorbei. Dich rief ich an in tiefster Not! Wie durch ein Wunder wurde 
uns geholfen. O du heilige Gottesmutter! Ewig Preis und Dank! St. v. O. B. 1895." 
Und unter den vielen Votivtafeln zu Absam bei Hall in Tirol sieht man eine mit der 
Darstellung von vier Krankenbetten, in welchen Vater, Mutter und fünf Kinder ruhen 
mit der Inschrift: 

Sie waren alle sehr krank 

Und konnten nichts verdienen. 

So sey es Gott p^edankt, 

Jetzt kennens wieder grienen. 

Sind worden frisch und gesandt 

Alle Sieben wieder worden 

Das Lob Maria jetzund 

Er Schall an allen Orthen. 

Sefrin Grienauer 1798. 

Mit ihrem leichtverständlichen Inhalt und den kurzen Erläuterungen wirken sie wie 
ein Bilderbuch auf die Beschauer, die hier Trost suchen und davon überzeugt werden, 
daß auch ihre Vorgänger hier, laut den Zeugnissen der Taferln, solchen in Not und 
Trübsal fanden. Oft fordern die Tafeln die Beschauer direkt auf, ihr Heil gleichfalls bei 
dem Heiligen zu suchen, wobei die Krankengeschichte manchmal ausführlich erzählt wird. 
So hängt bei S. Rasso (Grafrath am Ammersee) eine Tafel, die folgendes besagt: „Andere 
Leidende zu gleichem Vertrauen aufmunternd bezeuge hiermit, daß ich auf die Fürbitte 

Andree, YoÜt« and Weihagaben. 22 



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170 I>ie Votivtafelmaler. 

des h. Rasso von meiDem sechs Jahre dauernden unheimlich und schmerzhaften Magen- 
leiden gänzlich befreit wurde. November 1898. Francisca Breitenbaob, Kleidermacherin 
in München.^ 

Geschlecht auf Geschlecht hat die Tafeln an den Gnadenstätten aufgehängt und 
stets das gleiche bezeugt: der Heilige hat geholfen. Ihr Stil, die rohe, einfache, kindliche 
Art der Darstellung ist durch die Jahrhunderte sich gleichgeblieben, wenigstens seit dem 
Ende des 16. Jahrhunderts, das die ältesten von mir gesehenen Tafeln aufweist Dieses 
bezieht sich aber nur auf die kleineren, von dem Volke selbst zur Gnadenstätte gebrachten 
Votivtafeln; größere, künstlerisch ausgeführte, die als eigentlicher Eirchenschmuck und 
Altarbilder dienen, sind aus älterer Zeit vorhanden und finden ihren Platz in der Kunst- 
geschichte. 

Die Yerfertiger dieser stets auf Bestellung gemalten Tafeln, die immer auf ein be- 
stimmtes Ereignis, eine bestimmte Person, Familie oder Gemeinde sich beziehen, sind 
meistens Dorftischler, Dekorationsmaler, allerlei Dilettanten in der Volkskunst; es sind 
die gleichen Leute, die auch Grabkreuze, Wirtshausschilder, Marterln, Schützenscheiben 
und die bayerischen und tiroler Alpenhäuser bemalen, wo ohnehin Heilige wie S. Florian, 
S. Isidor, S. Wendelin, S. Leonhard, S. Notburga und die Muttergottes so oft wieder- 
kehren und den frommen und bilderfreudigen Sinn des Volkes offenbaren. Heute ist die 
Malerei der Votivtafeln arg in Verfall geraten und ein mit dieser Kunst vertrauter 
Dekorationsmaler in Aibling klagte uns, wie wenig gegen früher, trotz sehr billiger 
Preise — fünf bis zehn Mark, je nach Größe und Ausführung das Stück — heute noch 
verlangt würden. Aber auch groß und berühmt gewordene Künstler haben mit der An- 
fertigung von Votivtafeln ihre Laufbahn begonnen und zu diesen gehörte kein geringerer 
als Franz von Lenbach, der in seinem bayerischen Vaterstädtchen Schrobenbausen als 
Jüngling von 16 Jahren sein Brot mit der Anfertigung von Votivtafeln verdiente (1852). 
Er selbst erzählt darüber: ,Jch malte alles, was vorkam, besonders Votivbilder. War 
irgendwo ein Unglück geschehen oder ein Bäuerlein aus dringender Lebensgefahr errettet 
worden, so mußte ein Bild nach Altötting gestiftet werden. Auf so einem Bilde standen 
oder knieten wie Orgelpfeifen der Bauer, die Bäuerin und die Ejmder, nach der Größe 
aufgestellt. Ich bekam einen ganzen Gulden pro Kopf, und das machte bei fruchtbaren 
Familien oft eine recht hübsche Summe. Mein Ideal war damals, einen Gulden pro Tag 
zu verdienen, und ich war damals viel glücklicher als später, wo mir die Gulden viel zahl- 
reicher ins Haus kamen. Ich malte alles, was mau gemalt haben wollte, Porträts, Votiv- 
bilder, Schützenscheiben, Fahnen, Schilder und anderen Kram dieser Art"i). 

Das war noch eine gute Zeit der VotivtafelmalereL Wenn man aber jetzt die meist 
datierten Tafeln untersucht, so findet man seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer 
weniger und weniger. An ihre Stelle treten jetzt grelle Buntdrucke, Lithographien von 
Heiligen und der Muttergottes unter Glas und Rahmeu, selbst auf Stramin gestickte 
Pferde und Rinder (bei S. Leonhard in Tölz). Die individuelle Beziehung hört auf, der 
Weihende ist nicht mehr in versuchter Porträtähnlichkeit abgebildet, ein buntes, vor- 
rätig gekauftes, wertloses und meist wenig schönes, aber glattes und bestechendes Bild 
tritt an die Stelle des alten, aus einem besonderen Grunde gemalten Votivgemäldes. 
Man kann diese Abnahme, diesen Verfall oft recht deutlich verfolgen. Die mächtigen, 
breiten, überdeckten Treppen, die nach Mariahilf bei Passau hinaufführen, sind ein wahres 
Museum von Votivbildera. Oben in der Kirche, deren Kapellen und Vorhallen und im 



^) Münchener Neueste Nachrichten, 7. Mai 1904. 



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Verfall der YotiTtafelmalerei. Inhalt der Votivtafeln. 171 

oberen Teile der Treppen hängen noch die alten, soliden Bilder; da kein Platz für neue 
mehr vorbanden, hing man die hinzukommenden die Treppe abwärts auf und da beginnt 
der Plunder mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Welch himmelweiter Unter- 
schied zwischen den meist rohen, aber stets soliden alten Tafeln und dem modernen 
Papiere! Eine Neuerung sind auch größere oder kleinere Marmortafeln, in welchen 
allerlei vergoldete Inschriften den Dank des Weihenden für den Heiligen bezeugen, mit 
und ohne Namen des Opfernden. Sie finden sich namentlich im Elsaß und hier noch 
öfter mit französischen Inschriften: Qloire ä Marie! und dergleichen. 

Wie groß die Anzahl der noch inmier geopferten Tafeln ist, mag man an dem 
Beispiele von Altöttig erkennen, das allerdings die am meisten besuchte Wallfahrtskirche 
ist In den vier Jahren 1895 bis 1898 wurden dort abgegeben 2280 Votivtafeln mit der 
Bitte lun Hilfe und 2846 zur Danksagung, zusammen 5126 oder fast 1300 Stück durch- 
schnittlich im Jahre 1). 

Die Tafeln sind meistens viereckig, eingerahmt und von verschiedener Qröße. Ein 
Durchschnittsmaß ist etwa 20 x 30 cm — aber auch größere und kleinere sind vorhanden. 

Früher wurden die Votivbilder fast durchweg auf Holz gemalt, nur selten ver- 
wendete man Leinwand. Im 19. Jahrhundert kamen aber Blechtafeln auf und diese Bilder, 
besonders wenn sie dem Wetter ausgesetzt wai*en, haben sich nicht gut erhalten, sind 
durch Rost vielfach zerstört. Rahmen und Holztafel, immerhin Wertgegenstäude, wurden 
häufig wiederholt benutzt, d. h. ein altes Yotivbild, das seinen Dienst getan, dessen 
Stifter längst gestorben war, wurde mit der Darstellung eines neuen Ereignisses übermalt, 
unter dem das alte zuweilen noch hervorschaut 

Den ganzen reichen Inhalt der Tafeln hier zusammenfassend zu kennzeichnen, ist 
nicht möglich, da sie sich auf das ganze Leben der ländlichen Bevölkerung beziehen und 
die nachfolgenden Beispiele genügen werden, um ihn zu charakterisieren. Manche Tafeln 
haben geschichtlichen Wert, wenn sie uns von Kriegsfahrten, von örtlichen Ereignissen, 
Feuersbrünsten, Seuchen, Überschwemmungen und dergleichen berichten. Ansichten von 
Dörfern, Kirchen, Klöstern auf alten Votiven zeigen deren frühere Beschaffenheit, 
uamentlich aber kann die Ti'achtenkunde aus ihnen Nutzen ziehen, denn mit der größten 
Genauigkeit sind die alten Bauemtrachten des 17. und 18. Jahrhunderts auf ihnen dar- 
gestellt Ein gewisser Familienzug geht durch alle Bilder, wenn es sich nicht um ganz 
besondere Ereignisse handelt Eine Durchschnittsdarstellung, wie sie sehr häufig vor- 
kommt, ist etwa folgende: Oben in Wolken thront der Heilige, dessen Fürbitte man anruft, 
ausgerüstet mit seinen Attributen, oder die Muttergottes. Sie zeigt entweder, imd dieses 
bt der gewöhnliche Fall, das Gnadenbild, das in der betreffenden ffirche verehrt wird 
oder ist einem Rafaelischen oder sonstigen Madonnabilde entlehnt Unter dem Heiligen 
kniet dann rechts der Bauer, links die Bäuerin vor einem Betschemel mit dem Rosen- 
kranz in der Hand, den Blick gen Himmel gewendet Über beiden Vieh, auf der einen 
Seite Pferde, auf der anderen Ochsen. Da die Perspektive ein dem Künstler unbekanntes 
Ding, so baut er Rosse und Kühe schön übereinander auf. Unter dem Bilde steht ex 
voto imd die Jahreszahl, auch die Namen der Spender, oder, wenn diese nicht genannt 
sein wollen: „Verlobt von gewissen Personen." Solche Votivbilder, die gewöhnlichen, sind 
zu tausenden vorhanden. Dahin gehört auch der zu S. Leonhard bittende niederbayerische 
Bauer von 1796, den das Titelbild darstellt, während das aus einer bayerischen Maiien- 
kapelle stammende Votivbild von 1748 die glückliche Errettung eines aus dem Fenster 



») A. Landgraf, Gesch. d. Wallfahrt zu ü. L. Frau in Altötting, 1899, S. 148. 

22* 



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172 Votivtafeln von geschichtlicher Bedeutung. 

fallenden Kindes samt den der Muttergottes dankenden Eltern darstellt Hier und da er- 
kennt man auch einen geübteren Pinsel oder die Votive wurden von reichen Leuten in der 
Stadt bestellt Das sind aber Ausnahmen und sie haben mit der Volkskunde nichts zu tun. 

Zur näheren Kennzeichnung der Votivtafeln muß ich auf einige hier eingehen; miter 
den tausenden, die ich durchmustert habe, wird natürlich die Auswahl schwer und ich 
kann nur solche schildern, welche von den oben erwähnten gewöhnlichen abweichen und 
durch die Art ihrer Darstellung auffallen oder weil sie ein geschichtliches Ereignis, be- 
sondere Heilungen und andere bemerkenswerte Fälle von allgemeinem Belang zur An- 
schauung bringen. 

Ein Votivbild von geschichtlichem Belang ist die große Tafel in der Wallfahrts- 
kirche zu Ramersdorf nahe bei München. Es bezieht sich auf 42 Geiseln aus angesehenen 
Münchener Familien, die Gustav Adolf 1632 nach Augsburg abführen ließ, weil die Stadt 
seine hohe Brandschatzung nicht vollständig begleichen konnte. Erst 1634 kehrten die 
Geiseln zurück; vier waren in der Gefangenschaft umgekommen. Das Bild, von Matthias 
Kager gemalt, stellt die Geiseln mit Angabe ihrer Namen dar und enthält eine lange 
Danksagung an die Jungfrau Mana, unter deren Schutzmantel sie heimwärts gekommen. 
„Schreiben es dir nach Gott ainig und allein zue, daT sie dem Toet entrunnen und auß 
dem gautzen Hauten nur 4 verlohren. Daß sie leben und athmen, und daß Vaterland 
widerumb ansichtig worden, ist ein pur lautter Gnad von Dir." 

Noch eine andere Votivtafel in derselben Kirche stellt die Bildnisse imd Namen 
von zwanzig Geiseln dar, die im österreichischen Sukzessionskriege 1742 von München 
nach Graz in Gefangenschaft geführt wurden, wo zwei von ihnen starben, die übrigen 
aber der Mutter Maria die Votivtafel gelobten, wenn sie glücklich wieder heimkehrten. 

Die Inschriften, welche mit Ausführlichkeit die Ereignisse schildern und die treuen 
Traohtenbilder, welche auf den Votivtafeln dargestellt wurden, sind immerhin kleine, 
aber echte und wahre Beiträge zur Kulturgeschichte der Zeit 

Die Ki'iege, ati welchen Bayern und Österreicher in den letzten Jahrhunderten teil- 
nahmen, hinterließen gleichfalls ihre Niederschläge in der Gestalt von Votivtafeln. In 
dem der Mutter Maria geweihten Wallfahrtskirchlein auf dem Hilariusberge nördlich von 
Brixlegg in Tirol ist ein österreichischer Soldat in alter Uniform abgebildet und darunter 
die Schrift: „Ich habe mich verlobt zu dieser Gnadenmutter in den vielen Gefährlich- 
keiten, denen ich ausgesetzt war in den Jahren 1813 — 14, da mir fünfmal durch die 
Mänddur (Montur) geschossen imd durch den Schutz Mariens glücklich ungeschädigt 
davongekommen. Gott und seiner jungfräulichen Mutter Maria opfere ich dies Ex voto" ^). 

Zahlreich find^ man die Votivtafeln, welche auf den deutsch-französbchen Krieg 
von 1870 Bezug haben. Abbildungen einzelner Soldaten, die anscheinend porträtähnlich 
sein sollen, zu Pferde oder kniend, bezeugen, daß sie sich in irgend einer Schlacht der 
Muttergottes verlobt haben und nun durch das Taferl ihi* Gelübde einlösen. Auch ganze 
Truppenteile widmen solche Tafeln. So hängt im Umgange der Gnadenkapelle von Alt- 
ötting eine solche, auf der eine große Anzahl bayerischer Soldaten dargestellt ist, welche 
ihre Hände zu der in Wolken thronenden schwarzen Muttergottes erheben. Darunter steht: 

„Die wir unsere ZoBucM zu dir nahmen, 
Alle glücklich wieder nach Hause kamen. 
Durch deine Fürhitt sind wir bereith, 
Dich zu ehren in alle Ewigkeit. 

Von der Pfarrei Stammharam. 1871." 



») Zeitschrift für österr. Volkskunde 1902, S. 187. 



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Yotiytafeln für Errettung und Heilung. 173 

Sehr häutig sind die Taferhi, die sich auf Errettung aus Unglücksfällen be- 
ziehen, während deren die Betreffenden «ich einem Heiligen oder der Jungfrau Maria 
verlobten. Wir sehen Menschen, die in Feuersgefahr sich befinden, flehend die Hände 
aus den Fenstern eines brennenden Hauses herausstrecken und von der Feuerwehr gerettet 
werden; dort fährt ein Lastwagen über einen unter die Räder geratenen Fuhrmann; auf 
einem anderen Bilde stüi*zt beim Holzfällen ein hoher Baum über einen Arbeiter; ein 
Mädchen fällt von emer Leiter herab; ein dem Ertrinken Naher hebt seinen Arm aus 
dem Flusse empor zu der in Wolken thronenden Muttergottes; ein wild gewordener Stier 
stößt einen Mann nieder und dergleichen mehr. Auch herabstürzende Bierfässer von 
großen Maßen, unter denen ein Mensch seufzt, fehlen in Bayern nicht Unter den 
hunderten von Votivtafeln, welche die Wallfahrtskirche Maria-Ort im Bezirksamt Stadt- 
amhof (Oberpfalz) schmücken, ist eine wegen der Lebhaftigkeit der Zeichnung und der 
schönen in Wolken stehenden Jungfrau Maria von besonderem Belang. Sie hängt neben 
dem Altar und stellt die auf der Naab in einem Schiffe fahrenden Wallfahrer aus Hain- 
sacker dar, welche angesichts der Wallfahrtskapelle Schiffbruch leiden und in Lebens- 
gefahr geraten. Die Landschaft, die rauschende Naab, die Pilger mit Fahnen und in der 
Tracht des 18. Jahrhunderts sind sehr lebendig dargestellt. Die Inschrift lautet: „Eine 
gesambte Hainsackerische Pfarrgemeinde mit ihrem Seelsorger Machet vermög dieser 
Yotiv Tafl vnd solenen hochambt bei hiesig Marianisch gnadenbildnuß zu Orth Ihr 
dehmüthigste Dankabstattung , vmb weillen sie durch dero Mildreichisten Obschutsoh 
(Obschutz) in Eusserister Lebens vnd Wassers Gfahr den 2. Juli 1741 bei Verrichtung 
Jhres Jährlichen Creitzgangß hieher, so gnädig als wunderbar Errettet vnd ohne Yerlurst 
Einiges Pfarrkind erhalten worden i).'* 

Von einer Errettung aus dem Schiffbruche bei einer Seereise, die der Würzbui'ger 
Fürstbischof Christof Franz von Hütten (f 1729) in seinen jüngeren Jahren unternahm, 
berichtet in Bild und Wort das von ihm während der Lebensgefahr gelobte Votiv zu 
Maria Buchen bei Lohr in Unterfranken. Als er sein Gelübde getan, da legte sich das 
Toben der Winde und die Gefahr war vorüber, was im Bilde dargestellt ist 

Die meisten Votivtafeln beziehen sich auf erfolgte Heilungen aus Krankheiten; die 
Kranken „verloben^ sich zu einer Wallfahi-t, zu einem Opfer an die Kirche und lassen 
dann, nach Erhörung durch den Heiligen, ihre Kraukengeschichte im Bilde abmalen. Oft 
genug sind diese Tafeln einfach eine Darstellung des Ej*ankenzimmers ; der Kranke liegt 
betend im Bette und oben erscheint tröstend der Heilige. Aber es gibt da auch weniger 
ansprechende Bilder mit sehr realistisch gemalten Blutstürzen, während deren der Geist- 
liche mit der letzten Zehrung erscheint und der Arzt mit der Medizinflasche in der Hand 
im Hintergrunde steht Solche auf Heilungen bezügliche Bilder beginnen schon früh. 

Im Jahre 1505 wurde Erzbischof Ernst von Magdeburg von den Blattern befallen, 
„die wie kleine TauQzapfen aufgefahren". Er litt stark und kein Arzt konnte ihm helfen. 
Da setzte er sein Vertrauen auf S. Wolfgaiig am Abersee in Oberösten*eich, von dessen 
Wunderheilungen er gehört Der Erzbischof betete zu ihm, worauf ihm der Heilige erschien, 
„in großer Klarheit", und ihn zu einer Wallfahrt nach seiner Kirche am Abersee ermahnte, 
damit die Krankheit weiche. Das versprach der Erzbischof und „seind zuband die Wartzen 
abgefallen". Als er sich dann gesund fühlte, fühi-te er die gelobte Wallfahrt aus und 
befahl zu Abersee zum Gedächtnis „ein Tafel zu malen vnnd darinnen dise History, sein 
und seiner Edelleuth, Rittern und Dienern Namen zu begreiffen, welcl;Le denn auf den 



^) Abbildung im Kalender 1869, S. 82. . 



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174 Votivtafeln für Heilungen. 

beuttigen Tag (1599) noch vorhanden, vnnd den jetzigen newen Sachsen wohl möchte 
gezaigt werden^ 1). Letzteres eine Anspielung auf die in Sachsen damals schon zum 
vollen Siege gelangte Reformation. 

Unter den Heilungen aus neuerer Zeit greife ich ein Bild heraus, welches im Um- 
gange der Altöttinger Qnadeukapelle hängt Es stellt einen Operationssaal dar; auf einem 
Tische befindet sich der Instrumentenkasten und vier Ärzte in weißen E[itteln stehen um 
ein auf dem Operationstische liegendes Kind herum. Oben die schwarze Muttergottes. 
Die Schrift lautet: n^^er Fürbitte Marions und der Geschicklichkeit des Herrn Professor 
Hom in München ist es zu danken, daß einem fünf Jahre alten Bauerstöchterlein zu 
Mundsberg bei Tann ein Gugerutz-(Mais-)Korn aus einem Ohr glücklich entfernt werden 
konnte. Gx)tt und Maria sei Dank." Einer der vier dargestellten Arzte hält das Mais- 
korn in die Höhe. 

Im S. Kolomanskirchlein zu Massenhausen bei Mainburg an der Abens (Oberbayem) 
befindet sich eine recht merkwürdige Votivtafel, welche uns in Wort und Bild die Ge- 
schichte eines sechsjährigen Knaben vorführt, die sich im Jahre 1674 ereignete und bei 
der das dort befindliche aus Holz geschnitzte Haupt des h. Koloman eine Rolle spielt 
Es handelt sich um einen Knaben mit kontrakten Beinen, dem der „Pauken" (?) aus 
dem Knie gefallen, der nun in einer „Schüssel aus starkem Pfundleder geschnitten^ mit 
zwei Stecken wie in einem Schlitten „wie ein armer Himd" umherkroch. Da erscheint 
S. Koloman einem Nachbarn des lahmen Knaben im Traume und redet: „Wenn man 
den krummen Joseph zu meinem höltzemen Haupt nach Massenhausen verloben und ihn 
in meine Gapellen bringen thäte, so würde er gleich gehen können.^ Das geschieht, man 
gibt dem Knaben S. Kolomans Haupt unter Gebet der Anwesenden in die Hand. „Da 
fangte mein krummer Fuß mit merklichem Gedöß an zu krachen, die völlig ein- 
geschrumpften Nerven gehen in einem Augenblick also voneinander, daß ich gleich mit 
dem Fuß den Boden erreichen konnte. Mein E[i*ucken wurde auf das Altärl gelegt imd 
diesem großen heiligen Wundermann geopfert usw." Das alles ist in der Votivtafel zu 
Massenhausen in Wort und Bild verewigt^). 

Da die durch die Fürbitte des betreffenden Heiligen erfolgten Genesungen den 
Wallfahrtskirchen Ansehen und Zulauf verschafften, so sorgte man dafür, daß besonders 
hervorragende Fälle auch recht auffällig zur Erscheinung kamen und das Vertrauen in 
die Heilkraft des Heiligen erhöhten. Man benutzte dazu die älteren Tafeln und ließ die 
abgebildeten Fälle samt Unterschriften vergi'ößert auf die Außenfläche der Kirchen 
kopieren, wie dieses z. B. in den Umgängen der Kirche zu Weihenlmden bei Aibling 
und im Umgange der Altöttinger Gnadenkapelle der Fall ist. Die Fresken, die so her- 
gestellt wurden, sind in Weihenlinden, das ein wundertätiges Marienbild und eine Wunder- 
quelle besitzt, gegen zwei Meter hoch und füllen den ganzen Umgang. Sie beginnen mit 
dem 17. imd endigen mit dem 19. Jahrhundert, sind alle Wiederholungen alter Votiv- 
tafeln und auf Kosten irgend eines Bauern gemalt, dessen Name als Stifter des neuen 
Bildes darunter verzeichnet ist. Aber unter diesen Klexereien, deren Farben unter dem 
Einflüsse des Wetters schon teilweise zerstört sind, ist der alte naive Stil der ursprüng- 
lichen Tafeln verschwunden. 

In Altötting ist es ganz ähnlich, wo diese Ummalungen aus dem 18. Jahrhundert 
stammen und daher auch im Charakter jener Zeit gehalten sind. Da sehen wir auf 



») S. Wolfgang, S. 68. 

*) 6. Deppisch, Geschichte des h. Golomanni, Wien 1734, S. 199. 



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Votivtafeln von Gemeinden geopfert 175 

einem Freskobilde einen ganz entblößten Mann und neben ihm einen anderen im Hemde 
stehen, vor beiden liegen im Grase drei, im Verhältnis zu den Figuren etwa faustgroße 
Steine. Die Inschrift unter dem Bilde sagt uns, um was es sich hier handelt: „Item 
Paulus Mayer von Fridberg bei Wolfertzhausen hat zween sün (Söhne), seyn beladen 
gewesen mit dem Harmstein, sind her versprochen worden, seyn von jeglichen drey groß 
stain gegangen, on all artzt" Letztere Beifügimg kommt öfter auf den Tafeln vor und 
zeigt, daß die Kraft des Heiligen weit höher geschätzt wird, als die des Arztes. Letzterer 
ei*scheint daher meist entbehrlich oder nebensächlich. 

Auch ganze Gemeinden stiften bei Seuchen Votivtafeln oder wenn sie von irgend 
einer Gefahr verschont geblieben sind, aber auch als Zeichen dessen, was sie überstanden 
haben, namentlich in der Pestzeit und es sind dann Dankvotive der Überlebenden. In 
einer der Kapellen, die den Domhof zu Passau umgeben, befindet sich ein auf die Pest 
in Wien befindliches Votivbild aus dem Jahre 1713, von dem ich nur vermutungsweise 
annehme, daß es hierher gelangte, weil der Passauer Dom dem h. Stefan geweiht ist 
und auch in Wien S. Stefan Stadtpatron ist Es ist etwa ' meterhoch, auf Leinwand gemalt 
und stellt Wien als Festung dar mit dem hohen Stefansturm. Vor den Mauern liegen 
acht Leichen in voller Kleidung, als ob sie plötzlich von der Seuche eifaßt hier nieder- 
gesunken wären. Ein Leichenwagen fährt vorüber. Die Inschrift lautet: „Wir bitten Dich, 
o Herr, du wollest durch die Fürbitt der allerseligsten alzeit Jimgkfrauen Maria Diss 
Volckh und Landt vor aller Widterwerttigkeit behietten und Weillen es sich von gantzen 
herzen vor dii' diemittiget so wollest selbiges genediglich vor aller Krankheit und pesti- 
lenz und aller gefahr Erledigen. Wien." 

So, wie die Pest oft ganze Gemeinden zur Stiftung von Votivbildem veranlaßte, 
geschah dieses auch bei Viehseuchen. In der Kii*che zum h. Kreuze in Schaftlach bei 
Tölz hängt eine 2Vim lange gemalte Tafel mit folgender Unterschrift: DiTse Tafel hat 
eine gantze gemain von Schafflach vud warkirchen zu ehren des h. creutz machen lassen 
umb abwendimg des leidigen vich vnd rossfalL Anno 1712. Das Gemälde stellt eine 
Landschaft mit den schneebedeckten Alpen im Hintergrunde dar; davor Schaftlach mit 
der Kirche, zu der rechts und links Landleute mit Fahnen in Prozession heranziehen. 
Im Mittelgrunde liegt gefallenes Vieh. Rechts unten findet ein stattlicher Anritt von 
etwa 20 Bauern statt, deren jeder eine Standarte hält, mitten zwischen ihnen unter rotem 
Baldachin ein weißgekleideter Geistlicher mit der Monstranz. Links unten eine Herde 
von Kühen und Schafen, die ein Geistlicher einsegnet 

Auch ohne besonderen Anlaß wie Pest oder Viehseuchen werden von ganzen Ge- 
meinden Votivtafeln geweiht aus reinem Vertrauen zur Muttergottes oder einem Heiligen. 
Ein Beispiel dieser Art hängt in der Wallfahrtskirche zu Lohwinden (Pfarrei Gosselts- 
hausen) in Oberbayem. Die Inschrift lautet: „Die Marktgemeinde von Reichertshofen 
hat schon vor mehr als hundert Jahren ein sonderbares (sie!) Vertrauen zu der hilf- 
reichen Mutter Gottes von Loh winden gehabt, wodurch auch dieser Ort inmier von 
Feuersgefahr, Schauer und anderen Unglücksfällen — Gott sei Dank — befreit geblieben. 
Die Bürgerschaft hat deswegen zur Ehre der Mutter Gottes von Lohwinden diese Votiv- 
tafel machen lassen und hierhergetragen, damit der Markt Reichertshofen femer noch 
durch die mächtige Fürbitte der gnadenreichen Mutter Gottes vor Unglücksfällen möchte 
befreit bleiben. Reichertshofen, den 4. Juli 1854." 

Hin und wieder lassen sich aus den Votivtafeln auch, abgesehen von den geschicht- 
lichen Nachrichten, noch solche entnehmen, die von allgemeinem Belang sind. Man weiß, 
wie die Isar öfter ihren Lauf geändert hat und Oi-tschaften oder Kirchen, die dicht an ihr 



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176 Verschiedener Inhalt der Votivtafehi. 

standen, nun abseits liegen. Darauf bezieht sich eines der zwölf kunstlos gemalten Bilder 
mit schrecklichen Versen auf den Brüstungen der Emporkirche in der Steinfelskapelle 
zu Landau an der Isar, die 1716 eingeweiht wurde. Die Bilder geben uns Aufschluß 
über die Geschichte der Kirche und das zwölfte Bild berichtet: 

Wunder I D' Isar eich selbst verendert, 
Maria zu lieb sich frey absendert, 
Dil Element Uns zaiget an, 
Wes zu verehren Jedermann. 

Diese aus tausenden herausgegriffenen hier erwähnten Beschreibungen von Votiv- 
tafeln können nur ein allgemeines Bild geben, es würde aber auch dieses unvollständig 
sein, wollte ich nicht erwähnen, daß auch übergroße Naiv etat und der Humor bei den 
Darstellungen vertreten sind. 

St. Salvator zu Bettbrunn in der Oberpfalz ist eine stark besuchte Wallfahrt, die 
im Jahre 1125 mit der Erbauung einer Holzkapelle beginnt, errichtet an der Stelle, wo 
eine Hostie durch die Schuld eines Hiiten, der sie in einem Stabe aufbewahrt hatte, 
verloren ging. Sie wui*de wiedergefunden und als sie zutage kam, da fiel das umher- 
stehende Vieh auf die Knie der Vorderbeine. Diese Szene ist auf eiuer der Tafeln zu 
Bettbrunn dargestellt; ringsum das kniende Vieh, in der Mitte die auf dem Boden 
liegende Hostie i). 

Unmittelbare Votive sind die beiden zuletzt erwähnten Bilder nicht; sie gehören 
aber nach Art der Ausführung, wie so viele andere, in die gleiche Kategorie. Zum 
Schlüsse will ich eine Votivtafel hier erwähnen, in welcher in Wort und Bild sich der 
unfi'eiwillige Humor geltend macht, wie so oft auf Marterln und Grabkreuzen. Sie hängt 
zu Maria Piain bei Salzburg und meldet folgendes: ,Jm Jahre 1822 ist Veronika Brand- 
neriji! Nachtwächterin von Hier, in willens die Latheme zu butzen unversehen mid samt 
der Leiter herunter gefallen und ihr die Rippen eingefallen samt der Lungen und das 
Herz. Geschwächt nebst den Natürlichen Lebens Mitel. Ein großes Vertrau zu der 
Gnaden Mutter Maria! Alhero verlobt und gesund worden, uud diese Dafl zur Dank- 
barkeit hinderlasen.^ 



^) Ein häufig wiederkehrender Zug, daß unvernünftige Tiere weggeworfene Hostien verehren. 
Nach Casariufl von Heisterbach (IX, 7) stießen Stiere am Pflug auf eine ins Feld geworfene Hostie 
und knieten augenblicklich vor ihr nieder. Nach Murer (Helvetia sancta, S. 349) verehrten sogar 
Schweine zu Ettiswyl die in die Nesseln geworfene Hostie. Wolfg. Menzel, Christliche Symbolik 
I^ S. 420. 



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Allerlei Opfer. 



Ich fasBe hier Opf ergaben der verschiedensten Art zusammen , die sich in den 
Hauptrubrikeu nicht unterbringen lassen und davon Zeugnis ablegen, was alles den 
Heiligen zum Danke oder Wohlgefallen geopfert wird. Diese oft merkwürdigen, oft 
aber recht häßlichen und abstoßenden, ja in gesundheitlicher Beziehung gefährlichen 
Opfer sind keineswegs selten und man kann sie manchmal haufenweise in den Wallfahrts- 
kirchen finden. Ich vergesse den Anblick nicht, den mir die Yotivkammer in der Kirche 
des heiligen Rasso zu Grafrath am Ammersee machte. Neben den gewöhnlichen Bild- 
tafeln, silbernen und wächsernen Votiven, erscheint da ein förmliches Museum von wenig 
anziehenden Dingen. Zum Teil frei aufgestellt, zum Teil unter Glas und Rahmen, sind 
hier die mannigfachsten Yotive vereinigt, welche vielfach noch aus dem 17. Jahrhundert 
stammen. Eine große Menge brandig abgestoßener Knochen, mit Krankheitsschilderung, 
sehr viele, oft recht große Harnsteine, Hamgries in Fläschchen, kleine Medizinflaschen 
mit unbestimmtem Inhalte, Haarnadeln, Lumpen, Bruchbänder und Mutterringe 
(Pessarien), Kiücken, Zöpfe, Zähne usw. Daneben Muttergottesbilder, Ki'euze, Rosen- 
kränze, silberne Kröten, Körperteile in Wachs und Silber, eine teils ekelhafte, teils 
wunderliche Sammlung. 

Abgeschnittene Frauenzöpfe, zum Teil mit Bändern imd Papierblumen durch- 
wirkt, findet man sehr häufig in Wallfahrtskirchen und bei Heiligenbildern als Weihe- 
gaben aufgehängt. Es ist das ein uralter, sehr weit über die Erde verbreiteter Brauch, 
der tief in das klassische Altertum zurückreicht und etwas rührendes an sich hat Die 
griechische Mutter weihte vor der Niederkunft und für die Gesundheit des Neugeborenen 
ihren Haarschnitt der Gesundheitsgöttin Hygieia und so eifiig, versichert Pausanias, war 
die mütterliche Liebe bei solchem Opfer, daß manche Bildsäuleu dieser Göttin vor der 
Fülle umgebundener Haare kaum zu erkennen waren. Schon bei Homer ist es höchster 
Beweis liebender Hingabe, wenn Achilles in Trauer um seinen Freund Patroklos sich 
das Haupthaar abschneidet und es dem Grabe des Freundes weiht Auf antiken Bas- 
reliefs ist die Darbringung des abgeschnittenen Haupthaares zuweilen dai'gestellt Das 
Haupthaar erscheint in den Votiven als Ersatz des Besitzers desselben^ der sich damit 
den Göttern, Heiligen, oder der Juugfi-au Maria weiht Auch bei Naturvölkern finden 
wir, wie zahlreiche Belege zeigen, ähnliches i). Es liegt aber, wenigstens in Tirol, beim 
Opfern des Haupthaares noch ein anderer Grund vor, den wir durch L. v. Hörmann 

*) Vgl. dazu Andrea, Ethnographische Parallelen 1878, 8. 150. — Tylor, Anfange der Kultur 
I, 8. 403. — Wilken, Über dae Haaropfer, eine große Abhandlung in Revue Coloniale internationale. 
Amsterdam 1886. — Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch 1,8.334. — Daremberg et Saglio, 
Dictionnaire des antiquit^s unier Donarium. — Goldziher, Le sacrifice d. 1. chevelure chez les Arabes 
in Revue de Phistoire des religions XIV, S. 50. 

Andree, Votive und Weihagaben. 23 



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178 Frauenzöpfe, Kriegstrophäen, Schiffe, Kränze. 

kennen gelernt haben ^). Er berichtet, daß man am Querbalken des Ki'enzes bei den 
Bildnissen der h. Kümmernis häufig Frauenzöpfe aufgehängt finde. Diese seien aber 
gleichsam ein Vorbeugungsmittel gegen das Ausfallen der Haare, das solcher Art 
von der L Kümmernis verhindeit werde. Zuweilen findet man auch ausgekämmte 
und ausgefallene Haare geopfert. In der Oberpfalz verbergen die Weiber hinter den 
Altärcheu der Beinhäuser auf den Friedhöfen ihre ausgefallenen Haare, damit sie nicht 
den Kopfausschlag bekommen imd der Wurm ihnen nicht die Haare abfresse 2). Eine 
Abschwächung des Ilaaropfers, wie solche Abschwächungen wiederholt erwähnt wurden, 
kann es nur sein, wenn statt der Zöpfe solche aus der großen Tannenbai-tflechte (Usnea 
barbata) bei den Heiligenbildern aufgehängt werden. Derlei sah ich z. B. in der kleinen, 
tief im Walde unter dem Roßstein bei Länggries gelegeneu, votivreichen Wallfahrts- 
kapelle, zu der ein schwieriger Weg auf Knüppeldämmen hinanführt. 

So, wie dem Mars in seinen Tempeln Gaben, die aus den Kriegen stammten, geweiht 
wurden, findet man auch Kriegstrophäen wiederholt in den Wallfahi^tskirchen als Opfer 
niedergelegt Aus neuerer Zeit habe ich Kriegsdenkmünzen vom Jahi*e 1870 am schwarz- 
weiß-roten Bande gesehen, belangreicher aber sind die Erinnerungen an ältere Kriege. 
Z. B. in der Lorettokirche zu Bühl bei Immenstadt im AUgäu eine bei der Erstürmung der 
ungarischen Festung Kaschau im Jahre 1691 vom kaiserlichen Leutnant Sebastian Hoff- 
mann eroberte und dorthin geweihte Standai*te, die neben einem türkischen Roßschweif 
ihren Platz gefunden hat, welcher in der Schlacht von ^Griechisch -Weißenbm*g", d. L 
Belgrad, am 22. August 1684 Gi-af Sigmund von Königsberg einem Türken abnahm. 
In der Wallfahrtskirche Lohwinden (Pfarrei Gosseltswinden) in Oberbayem hing der 
Bauer Joseph Walcher im Jahre 1800 die noch vorhandene Kugel auf, die ihn in der 
Schlacht von Hohenlinden getroffen hatte '). 

Selten sind die Votive in der Form von Schiffen, die in den nordischen See- 
städten und auf den friesischen Inseln zur katholischen Zeit so häufig von den Seefahrern 
nach glücklich vollendeter Reise geweiht wurden und von denen noch Beispiele vor- 
handen sind, ja, die heute selbst in die protestantischen Kirchen gebracht werden, wie 
man z. B. in Rostock und Stralsund noch sehen kann. Ganz fehlen sie aber nicht in 
Süddeutschland. Im Jahre 1629 fuhr Hans Nidemieyer von Kleintritt zu Schiff gen 
Mosburg (an der Amper) und sein Schiff bleibt auf einem Wehr hängen, so daß die 
Insassen in Lebensgefahr schwebten. Da gelobte er, „ein Schiff lein vnd 5 Personen 
darin sitzend, machen zu lassen vnd naher Inchenhofen zu Ufern, se3nid sie aller Gefahr 
glücklich entrunnen" *). 

Auch Kronen imd Kränze sind nicht häufig. Sie wurden aus verschiedenen 
Ursachen geopfert und bestanden meist aus Wachs. Eine Ursache ist der Kopfschmerz, 
wobei anzunehmen, daß die £[i*änze von den Leidenden auf den Kopf gesetzt und dann 
dem Heiligen geweiht wurden*). Hierher gehört auch ein eiserner Kopf ring, in der 
Form eines Torques von 17 cm Durchmesser von S. Wolf gang bei Landsberg in Steier- 
mark, ein altes, schön gearbeitetes Stück, das den Vergleich mit vorgeschichtlichen ahn- 



') L. v. Hörmann, Das Tiroler Bauemjahr. Innsbruck 1899, S. 701. 

«) Fr. Schönwerth, Aus der Oberpfalz 1859, III, S. 246. 

•) Wie in Japan. „Viele der in den Schintotempeln befindlichen Schwerter, Speere und Helme 
wurden von Helden selbst nach glänzenden Waffentaten als Weihegeschenke niedergelegt." Junker 
V. Langegg, Segenbringende Reisähren, Leipzig 1880 11, S. 196. 

*) Synopsis, S. 157. 

*) Leonardus, Bl. 58 u. 64. 



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Brautkränze, Kronen, Pflaster geopfert. 



179 




liehen Ringen aushält. Solche Ringe aus Eisen findet man auch zu S. Leonhard in 
Gmünd im Liesertal, Kärnten (Fig. 37). Als Dankvotiv, weil ihr unter Steinen ver- 
schüttetes Kind unter dem Haufen lebendig zutage kam, widmeten die erfreuten Eltern 
dem h. Leonhard ein wächsernes KränzeP). Aber auch, um eine glückliche Ehe zu er- 
langen, wurde der Brautkranz dargebracht und manche in den Kapellen hängenden 
Myrtenkränze vermag ich auch nicht andei*s Yig. 37. 

zu deuten. Nach dem Verzeichnis der „Gut- 
täter" der Benediktinerprobstei S. Getreu 
(S. Fides) zu Bamberg hat am 8. Sept. 1615 
Jakob Neudecker nebst seiner vielgeliebten 
Hausfrau „seinPreudigamsschmecken (Strauß) 
vnd ihren Braut Cranz, so beede aufs statt- 
lichste von gueten geschmeidverckh vnd 
guetten berlein gebunden, der Himmels- 
königin offerirt vnd präsentirt" ^). In der 
Wallfahrtskirche zu Absam bei Hall in Tii'ol 
hingen 1904 allein 60 Brautkränze. Eigen- 
artig sind die kleinen aus Wachsdraht ge- 
bildeten Kronen, die zu Eisenstadt im west- 
lichen Ungarn, einer zumeist von Deutschen 
bewohnten Gegend, in der dortigen Kalvarien- 
kirche geopfert werden. Sie sind aus grünem 
Wachs, nur 4 cm hoch, haben oben 5 cm 
Durchmesser und bestehen aus zehn bis zwölf 
Zacken (Fig. 38). Mit bunten Bändern werden sie von jungen Mädchen auf dem 
Scheitel befestigt; in der Kirche angelangt, opfern sie die Krönchen samt den Bändern. 
Ein Pflaster eigener Art, das als Dankvotiv dargebracht wird, sind kleine papieme 
Heiligenbilder. Um einen ausgeheilten, etwa 5 cm langen 
Knochen sah ich in der Kirche des h. Rasso (Grafrath bei 
Brück) am Ammeraee ein kleines Bild des Heiligen ge- 
wickelt Es kann nur als Pflaster gedient haben, denn die 
Anwendung von Heiligenbildern ist als Pflaster bekannt, 
gerade so, wie man Heiligenbilder auch jetzt noch gegen 
Krankheiten verschluckt. Franz Vital Dräxel in Salzburg 
bezeugt 1726, daß er an schmei*zhaften offenen Wunden 
der Beine gelitten, die nach Auflegung eines Bildes des 
heiligen Koloman sofort besser wurden, und als 1735 
dessen Ehefrau den Rotlauf am Fuß hatte, ^erinnerte er 
sich sogleich seines königlichen Haus-Doctor und leget 
seine heilige Bildnuß auf den schmerzvollen Fuß und 
empfund von Stund zu Stund eine Besserung" '). Auch Nachbildungen von Ge- 
schwüren kommen vor. „Christoff Mayer von Grub hat durch ein geschwär 
auf den Schultern 14 tag grossen weetagen erduldet, in solchen hat er an Gott 



Gewundener eiserner Opferring gegen Kopf- 
schmerz von S. Wolfgang bei Landsberg in 
Steiermark. 



Fig. 38. 




Wachskrönchen , geopfert am 
Marientag (8. Sept.) zu Eisen- 
stadt, Ungarn. % natürl. Größe. 



») Synopsis, S. 152.. 

«) Kalender 1885, S. 77. 

») G. Deppisoh, Gesch. d. h. Colomanni, Wien 1734, S. 210 u. 211. 



23* 



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180 Verbandlappen, Seidenfäden, Fisoh^ten geopfert. 

und S. Leonhards Gottshauß gedacht vund mit einem wächsin gesohwär verlobt, ist also 
gebaut" 1). 

Abscheulich anzusehen waren die blutigen und eiterigen Verbandlappeu, die zu 
Laufen am Inn an einem Gitter hingen, das vor einer Statue Christus in der Rast sich 
hinzog. Die Besucher stopften die leinenen Läppchen in einen doi-t befindlichen Leder- 
beutel hinein, der auf Anordnung des Bezirksai*ztes erst vor wenigen Jahren entfernt 
werden mußte. 

Was sollen die roten und weißen Seidenfäden bedeuten, die man wiederholt 
unter anderen Votiven aufgehängt findet? Namentlich im Oberösterreichischen und Salz- 
burgischen findet man sie, zu Maria Piain kann man sie durch ganz moderne Faden- 
röllchen, wie sie für fünf Pfennige zu kaufen sind, ersetzt sehen. Auch aus Heiligenstatt 
und Pößlingberg sind sie uns bekannt geworden. Die Antwort lautet: die rotseideuen 
Fäden werden von den Frauen bei Blutungen, die weißseidenen bei weißem Fluß ge- 
opfert 

Opferkuriositäten sind noch die folgenden. Auf dem Frauenberge bei Plainting 
in Niederbayem erhebt sich die Wallfahrtskapelle „IVIaria Hilf, Maria Hut, Maria Trost'*. 
Dort sind viele Wunder geschehen und viele Votivtafeln und Gaben aufgestellt, darunter 
auch ein paar sonderbare. Dem zweijährigen Kinde des Metzgei-s Dengler, das auf einem 
Schaffelle schlief, kroch eine Schaf zecke ins Ohr. Alle ärztliche Kunst konnte das 
Insekt nicht entfernen) da half das Gelübde zur Muttergottes auf dem Frauenberge und 
die Zecke kroch von selbst aus dem Ohr. Sie hängt jetzt als Weihegeschenk in jener 
Kapelle zusammen mit einem Knöchelchen gleich einer Fischgräte, welches der 
N. U. zu Plainting im Halse stecken blieb imd an dem sie zu ersticken drohte. Als 
die zugezogenen Ärzte die Patientin bereits aufgegeben, wandte sie sich vertrauensvoll 
an die Muttergottes auf dem Frauenberge mit einem Gelübde, ihr Flehen wurde sofort 
erhört und durch einen Hustenstoß flog das Knöchelchen aus dem Halse 2). In der 
Leonhardskirche zu Aigen am Inn sah ich hinter dem Hochaltar eine Kugel hängen; es 
war eine Konkretion aus einem Pferdemagen. 

Bei Ohrschmerzen und Ohrkrankheiten werden dem h. Leonhard zu Gmünd im 
Liesertale, Kärnten, eiserne Ohrgehänge geweiht, die vor dem Opfern von dem 
Leidenden an die Ohrmuschel gehalten werden'). 

Gegenstände, mit welchen Verwundungen herbeigeführt wurden, Pbtolen, Messer, 
zersprungene Flintenläufe, sind nicht selten in den Wallfahrtskirchen aufgehängt und 
manchmal dabei ein Schriftstück, welches die Geschichte der Verwundung und Heilung 
durch die Fürbitte eines Heiligen erzählt Unter Glas und Rahmen hängt z. B. bei 
S. Rasso in Grafrath am Ammersee eine Nadel und dabei folgende schriftliche Notiz: 
„Diese Nadel war 11 Tage in der Hand der Maria Wanner und ist dui*ch die Fürbitte 
des h. Rasso ohne Schmerzen herausgenommen worden." 

Die Kenntnis der eigentümlichen und noch nicht genügend aufgeklärten Löffel- 
opferung verdanken wir Hugo v. Preen; sie ist bisher aus dem südlichen Schwarzwald 
bekannt geworden, wo sie an einigen Orten vorkommt*). Die „Löffeltanne" bei Rothaus 



*) Leonardufl, Bl. 81. 

*) Nach dem Berichte des Kooperators Franz Silbereisen im Kalender 1867, S. 63. 

•) Brief von PfaiTer 0. Puchta an Dr. W. Hein vom 13. Juni 1900 aus dem Nachlasse des 
letzteren. 

*) H. Y. Preen, Löffelopferung im südlichen Schwarzwald. In der Münchener Zeitschrift 
„Volkskunst und Volkskunde" 1903, S. 53 bis 56 mit Abb. 



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Löffelopferung. Kostbarkeiten. Rosenkränze. 181 

Steht unweit der Straße von Bonndorf Dach GrafeDhausen und zeigt auf einem an ihr 
angebrachten Gestelle neben einer Sammlung von Bildern, Kreuzen, Rosenkränzen und 
Figuren auch Löffel und Gabeln. Unter den aufgestellten Heiligen sind Maria, Johannes, 
ApoUonia, Joseph und Barbara vertreten. „Die Hauptopferung sind Löffel und Gabeln, 
die im Verein mit Rosenkränzen und Amuletten an den geopf ei*ten Bildern hängen, auch 
in der Rinde des Baumes sich vorfinden.^ Nach dem Yolksmunde soll die Haupt- 
opferung der Löffel der h. ApoUonia, der Zahnheiligen, gelten Ein zweiter Ort ist die 
Löffelkapelle zwischen Brenden und Staufen. Hier bt es eine Bischofsfigur (gotisch), 
flankiert von Maria und ApoUonia, an welcher die Löffel in großer Menge aufgesteckt 
sind; sie stammen teU weise aus dem IQ. Jahrhundert, gehen aber bis in die allemeueste 
Zeit, sind aus Eisenblech und wurden in einer Löffelfabrik unweit vom Titisee her- 
gesteUt Die Mittelfigur, welcher die meisten Löffel geopfert sind, soll die Kraft haben, 
Kinderkrankheiten zu heUen, besonders geistig zurückgebliebene Kinder, bei denen es 
mit der Sprache nicht recht vorwärts geht Eine andere Löffelkapelle, in der aber jetzt 
keine Löffel mehr geopfert werden, steht am rechten Ufer der Schwarza bei Nöggen- 
schwitze. Auch hier war die h. ApoUonia maßgebend; auch ganz in der Nähe von 
Waldshut werden in einer Kapelle dieser HeiUgen Löffel dargebracht 

Das einzige, was über den merkwüi*digen , wohl vereinzelt dastehenden Brauch der 
Löffelopferung beigebracht wird, ist nach der Aussage eines Forstmannes in jener Gegend 
dieses: „Junge Eheleute, welche Kinder wünschen, opfern die Bestecke, mit denen sie 
zum ersten Male in der neuen Haushaltung essen.^ Warum aber gerade Löffel? 

Es wären hier noch zu erwähnen die vielen Kostbarkeiten, die als Weihe- 
geschenke in die Schatzkammern der Kirchen gespendet wurden und werden, das Ge- 
schmeide, die Kirchengewänder, Stickereien, Antependien, die sübemen und goldenen 
Kronen und Edelsteine zur Ausschmückung der HeiUgenstatuen , der Reliquien und 
Altäre, meistens dargebracht als Dank für die wiedererlangte Gesundheit Es ist auch 
heute noch sehr viel, was von derartigen Dingen geopfert wird und an berühmten 
Wallfahrtsstätten strömen noch ganz gewaltige Massen von Kostbarkeiten zusammen, so 
daß in dieser Beziehung eine Abnahme früheren Zeiten gegenüber kaum zu bemerken 
ist Man lese z. B. nur die Eingänge in Altötting während der 50 Jahre von 1848 bis 
1898, was dort in die Schatzkammer abgeliefert wurde, abgesehen von £[irchenschmuck, 
Meßgewändern, Altartüchem , Stickereien, Leuchtei-n, Figuren usw. Es gingen in jenen 
Jahren ein: 44 Armbänder, 243 Broschen, 5 Becher, 363 Fingerringe, 282 Halsketten, 
295 Herzen, 149 Ketten, 101 Münzen, 396 Paar Ohrringe, alles aus Gold und Süber, 
vielfach mit kostbaren •Edelsteinen verziert, manche Stücke wahre Kleinodien. Unter 
den Spendern und Spendeiinnen sind namentlich hochadelige Familien, Angehörige von 
Fürsten-, Königs- und Kaiserhäusern vertreten i). 

Es ließen sich noch mancherlei Opfergaben aufzählen, die wir beim näheren Zu- 
sehen in den Wallfahrtskapellen entdecken können, doch mag es genug sein an den 
verschiedenen Dingen, die wir in diesem Abschnitte erwähnten. Nur der Rosenkränze 
wiU ich hier noch gedenken, da man sie sehr häufig von ihren Benutzem in den KapeUen 
aufgehängt findet. In neuer Zeit mehren sich, mit der Zunahme des Lourdeskultus, auch 
Rosenkränze, auf denen Souvenir- de Lourdes steht, mitgebracht in die Heimat von 
Wallfahrern nach der Gnadenstätte in den Pyrenäen. Es gehört ein eigenes Studium 
dazu, sich in den verschiedenen Rosenkränzen zurecht zu finden und da in weiten, nament- 



») Vgl. A. Landgraf, Gesch. d. WaUfahrt zu U. L. Frau in Altötting 1899, S. 150. 



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182 I^r Rosenkranz. 

lieb protestantischen Kreisen darüber wenig mebr als der Name bekannt ist, so will icb 
einige Erläuterungen hierber setzen. Nacb der Legende wurde ein frommer Jüngling 
von Räubern ermordet; die letzten Gebete, die er vor dem Tode ausstieß, pflückte ihm 
ein Engel als zwölf weiße und drei rot^ Rosen vom Munde und wand daraus einen Kranz, 
der in kirchlichen Rosenkränzen durch Gebetperlen nachgeahmt wird. Der Rosenkranz, 
ursprünglich wohl für Analphabeten bestimmt, ist eine Art Denkzettel beim Beten. Der 
kleine Rosenkranz heißt die Krone und enthält 33 kleine Perlen, nach den Lebensjahren 
des Heilands, nebst 5 größeren Perlen, nach den fünf Wunden Christi. Jede kleinere 
Perle bedeutet ein Ave Maria, welches man beten soll, jede größere ein Vaterunser. 
Der mittlere Rosenkranz zählt 63 kleine Perlen, nach den Lebensjahren der Maria, und 
sieben große, nach den sieben Freuden und Schmerzen. Der große Rosenkranz zählt 
150 kleine und 15 große Perlen, so daß auf 10 Ave ein Vaterunser folgt. Er wird der 
Psalter genannt mit Bezug auf die 150 Psalmen, gewöhnlich aber der Maiiapsalter, weil 
er hauptsächlich aus Aves besteht und der Maria geweiht ist Es ist eine recht schwierige 
Sache, sich in der Geschichte des Rosenkranzes zurecht zu finden, zumal selbst katholische 
Autoritäten da vei-schiedener Ansicht sind. Nach den gewöhnlichen Darstellungen über- 
reichte die heilige Jungfi-au persönlich dem h. Dominicus den Rosenkranz im Jahre 1213 
nach dem Siege Simons von Montfort über die Albigenser zur Abwehr gegen die Hölle 
und die Ungläubigen. Allein der Rosenkranz ist weit älter und aus dem indischen 
und buddhistischen Kulturki-eise uns überkommen, durch Vermittelung der Araber über 
Spanien *). 

Die Verschiedenartigkeit der als Votive massenhaft aufgehängten Rosenkränze 
ist eine außerordentlich große, so daß ein förmliches SpezialStudium dazu gehöi*t, sie zu 
unterscheiden und ihre Bedeutung zu ermessen. Stoff, Farbe, Größe wechseln sehr. Da 
gibt es Siebenschmerzeu-Rosenkränze mit Schmerzenszeichen der h. Maria, fünf Wunden- 
Rosenkränze (die Wundenzeichen Christi andeutend), Empfängnis -Rosenkränze, Herz 
Jesu und IVIarien - Rosenkränze (mit Medaillen), Arme Seelen - Rosenkränze mit Medaillen 
der armen Seelen im Fegefeuer, Josefi-Rosenki'änze mit Medaille des h. Josef, Michaeli* 
Rosenkränze, Maria Trost-Rosenkränze, Dreifaltigkeits-Rosenkränze usw. Wiederholt traf 
ich in Tiroler Wallfahrtskirchen Rosenkränze aus der stacheligen Wassernuß (Trapa 
natans), die wohl von auswärts kommen, da die Pflanze in der Tiroler Flora nicht auf- 
geführt wii-d, auch gibt es Rosenkränze, deren Perlen aus kleinen Schlangenwirbeln 
bestehen. 



^) Eduard Hahn, Die Einführung des Rosenkranzes in Westeuropa. Im internationalen Archiv 
für Ethnographie XVI, S. 38. 



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Schließliches Schicksal der Opfergaben. 



Auch Opfer, mögen sie an noch so heiligen Orten stehen, sind als Gebilde von 
Menschenhand vergänglich. Wenn man bedenkt, wie viele Opfergaben der verschiedensten 
Art im Laufe der Jahrhundeite von Geschlecht auf Geschlecht zu den Gnadenstätten 
hingebracht wurden, so würde der Innenraum aller Kirchen und E^apellen nicht aus- 
gereicht haben, wären sie alle bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Aber das 
meiste ist schon verschwunden und was wir noch, selbst an hochberühmten Wallfahrts- 
stätten, sehen, ist nur ein dürftiger Rest dessen, was dort einst geopfert wurde. Es ist 
leicht erklärlich und zu entschuldigen, daß in Zeiten der Not wertvolle Votive, aus Gold 
und Silber, von den Kirchen veräußert wurden, was um so unbedenklicher geschehen 
konnte, als die Votive nicht zu den von der Kirche konsekiierten Dingen gehören. 
Viele aus leicht vergänglichem Stoff zerfielen ohnehin im Laufe der Zeit, der Rost, die 
Motten und die Bohrwürmer zerstörten andere; wieder andere gingen bei Bränden 
zugrunde, auch feindliche Scharen vernichteten manches, der Hauptfeind aber war der 
eigene Überfluß, der Platzmangel, der zur Entfernung aus den Gotteshäusern drängte. 
Hier und da waren die wunderlichen Dinge, die der gläubige Sinn aufstapelte, die häß- 
lichen Bruchbänder und hohlen Zähne, die zerzausten Zöpfe, die welken Blumen, die 
alten Krücken, die zerfetzten Kleider von Kranken dem ästhetischen Gefühle der Kirchen- 
geistlichkeit oder auch deren aufgeklärtem Sinne zuwider und führten die Entfernung 
herbei. 

.Es ist solches schon im heidnischen Altertum der Fall gewesen, das uns abermals 
seine Parallelen liefert. Selbst bei den alten Griechen wurde in der Blütezeit ihrer 
Religion eine anderweitige Verwendung der den Göttern geweihten Geschenke wenigstens 
nicht für unstatthaft gehalten, wie aus der Rede hervorgeht, welche Perikles nach 
Ausbimch des peloponnesischen Krieges in der Volksversammlung der Athener hielt und 
im heutigen Griechenland kommt es vor, daß die Weihegeschenke, nachdem sie sich 
bedeutend angehäuft haben, in Geld verwandelt werden, von welchem ein Teil den 
Priestern zufällt, während die übrige Summe für irgend ein gemeinnütziges Werk ver- 
wendet wird*). Wir haben oft genug, gegen Gabe in den Opferstock, entbehrlich ge- 
wordene Voti Vgaben erwerben können. Li der „Schatzkammer" zu Aigen, wo die eisernen 
Votivfiguren aufbewahrt und beim Leonhardsfeste ausgeliehen werden, geschah dieses 
mit solchen Exemplaren, die „altmodisch** geworden waren und die der opfernde Bauer 
nicht mehr als seinem Zwecke entsprechend erachtete. In der königlichen Kapellen- 

*) B. Schmidt, Volksleben der Neugriechen, S. 77. So ist's auch in anderen katholischen 
Landern der Fall. Die Milagros (Wunder), wie auf Kuba die kleinen silbernen Weihegeschenke 
heißen, werden an Händler verkauft und das Geld dafür geht an die Kirche. Zeitschr. d. Ver. f. 
Volkskunde 1900, S. 334. 



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184 Untergang der Votive. 

administration zu Altötting ist ein großer Saal mit ausgeweihten alten Yotivtafeln 
gefüllt, die ihren Platz neuen Werken räumen mußten und an Museen usw. abgegeben 
werden. 

Sind die Yotivgegens^mde nicht zu Geld zu maohen, so tritt häufig Yerbrennimg 
ein. Wir haben sie, verschiedene durcheinander, aber meistens alte Yotivtafeln, manch- 
mal als einen wirren Haufen, als Gerumpel hinter Altären oder in Nebenräumen von 
Earchen und Kapellen gefunden, eine Last für den Meßner, für uns aber noch oft eine 
Quelle wichtiger Erwerbungen für die Sammlung. Das alte Zeug ist entbehrlich und 
die Yerbrennung wird beschlossen. Die meisten der in übergroßer Zahl angesammelten 
Yotivtafeln der Wallfahrtskapelle Maria Einsiedel in Taising an der Rott wurden im 
Anfange des 19. Jahrhunderts verbrannt^). Wenn man die Bauern im Spessart fragt, 
warum in der Hessenthaler Wallfahrtskirche heute keine Wimder mehr geschehen, 
während solche sich dort früher in Menge ereigneten, dann antworten sie: „Die ganze 
Kapelle wai' übervoll von Yotivtafeln, Dankesgaben, Wunderzeichen, Krücken und der- 
gleichen, so daß gar kein Raum mehr für neue Zeichen war. Aber da lud man alles 
auf Wagen, führte es in die alte Gasse und verbrannte es auf einem Haufen. Und seit 
dieser Zeit geschieht kein Wunder mehr" ^). Kurat Frank in Kaufbeuern klagt 3): „Das 
Schicksal, daß man mit ihnen, angezündet, Kaffee kochte, hatten viele Yotivbilderl Nicht 
bloß die Ehrfurcht gegen diese Zeugen einstiger Leiden und Gebetserhörungen hätte sie 
vor Zerstöining schützen sollen; ihr Yerlust ist ein unersetzlicher Entgang für die Yolks- 
kunde, die aus den Yotivbildern die alten Kostüme, alte Gebräuche, alte Yolksheilige 
imd Schutzpatrone kennen lernt." 

Auch jede Kirchenrestam*ation ist ein Feind der vorhandenen Opfergaben, die bei 
solcher Gelegenheit, als nicht in den Rahmen der erneuerten Kirche passend, ver- 
schwinden und bei der bayeiischen Säkularisation im Beginne des 19. Jahrhunderts ist 
von derartigen Sachen weit mehr zugrunde gegangen, als was Schweden und andere 
protestantische Kriegsvölker im 30jährigen Kriege vernichteten, worüber schon in alter 
Zeit geklagt wurde. Nach dem Einbrüche der „lutherischen und kalviniscben Rott" 
wurden bei S. Leonhard in Lichenhofen damals viele hundert eiserner Bilder, hölzerner 
Krücken, Hände und Füße „verächtlicher weiß verbrennet vnnd vertragen" *). 

Pietätvoller als Yerkaufen und Yerbrennen ist ein anderes Yerfahren, um sich des 
Übei-flusses an Yotiven zu entledigen, womit die Kirche nur denselben Weg einschlug, 
den schon das heidnische Altertum mit seinen Yotiven betreten hatte. Die Kirche 
S. Francesco di Paolo zu Tarent in Süditalien erhebt sich auf den Grimdmauem eines 
heidnischen Tempels. Dort wurden bei einer Ausgrabung große Mengen menschlicher 
Glieder aus Terracotta gefunden, einstige Yotivgaben des heidnischen Tempels. „Wenn 
in einem Tempel die Zahl dieser ex voto zu groß wurde, so pflegte man sie zu ver- 
gi'abeu, um auf diese Weise für andere Gaben ähnlicher Art Platz zu schaffen" *). 

Wie aus den Mirakelbüchem hervorgeht, war die Opferung eiserner Votivfiguren 
bei S. Leonhard in Inchenhofen einst eiue außerordentlich große. Das Gotteshaus war 
zu einer förmlichen Eisenkammer geworden, war selbst auf der Außenseite mit eisenien 
Ketten wie gepanzert. Heute muß man dort die wenigen Eisenstücke mühsam suchen. 

») Kalender 1859, S. 61. 

«) Kalender 1858, S. 83. 

*) In seiner volkskundlichen Zeitschrift „Deutsche Gaue", Jahrgang 3, S. 39. 

*) Synopsis, S. 30. 

*) Trede IV, S. 312. 



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Vergraben der Votive. Abgabe in die Ileidenmissionen. 185 

Nur zwei kleine verrostete Figürchen wurden uns 1903 als Seltenheit in der Sakristei 
gezeigt, ein Mensch und ein Rössel, beide gefunden beim Grundgi*aben eines Neubaues 
in der Nähe der Kirche und es liegt daher nahe, anzunehmen, daß bei Gelegenheit der 
Kirchenrenovierung in Inchenhofen die Eisenvotive vergi'aben wurden, denn auch die 
einst zu vielen Hunderten vorhandenen Pflugeisen sind dort bis auf wenige Stücke ver- 
schwunden. Auch anderwärts sind eiserne Votivfigürchen vereinzelt tief im Boden in 
der Nähe von Kirchen gefunden worden. Im Landshuter Museum sah ich ein eisernes 
Rössel, ausgegraben beim Bahnbau bei Achdorf, und ein betendes Eisenmännei, ausge- 
graben bei Penck (Bezirk Mallersdorf), von wo auch die Sammlung des oberbayerischen 
Geschichtsvereins in München ein gleiches Exemplar besitzt. In einer Tiefe von 1,7 bis 
1,8 m wurde 1890 bei Diessen am Ammersee eine kleine männliche eiserne Figur ausge- 
graben, die jetzt im Kloster Andechs aufbewahrt wird i). Bei Feuchtwangen in Ober- 
franken kamen bei zufälligen Ausgrabungen an der Stelle einer verschwundenen Leon- 
hardskapelle eiserne Votivfiguren von Menschen und Tieren zutage*). 

Könnte noch ein Zweifel darüber entstehen, daß man die Votive, namentlich die 
eisernen, vergrub, um sich ihrer zu entledigen, so wird dieser völlig beseitigt durch unsere 
eigene Ausgrabung bei der S. Leonhardskirche zu Aigen im Sommer 1903. Dort war 
an dem alten romanischen Turm der Blitzableiter erneuert und die Leitung tief in die 
Erde geführt worden. Dabei fand man eine sehr gi*oße Menge von Eisensaohen, die man 
nicht weiter beachtete und wieder eingrub. Als wir kui'z darauf dieses erfuhren, ließen 
wir sie mit Erlaubnis des Pfarrherm wieder ans Tageslicht befördern, und mit jedem 
Spatenstich wuchs unser Erstaunen nicht nur über die Massenhaftigkeit, sondern auch 
über die Verschiedenärtigkeit der verrosteten Eisensachen, die hier auf einen großen 
Haufen vereinigt waren. Sensen und Sicheln, Kettenglieder, Hunderte von Hufeisen, 
eiserne Menschenfiguren, einzelne Menschenglieder, Pferdchen und andere Tiere, eiserne 
Leibringe, Trensen, Sporen aus dem 17. Jahrhundert, Ketten, Pfeilspitzen und vieles 
andere kam da zutage und wurde in unserer Sammlung vor gänzlichem Untergange als 
Zeugnis des einstigen Eisenreichtums S. Leonhards zu Aigen geborgen, der heute dort 
nur auf eine Auswahl von Geräten und seine einträglichen eisernen Rössel und Kühe 
beschränkt ist 

Wie heute die allemeueste Zeit auf das Schicksal der Weihegaben von Einfluß ist, 
und zwar durch die Erwerbung von Kolonien durch das Deutsche Reich, ei'fuhren wir in 
der alten Stadt Landshut Dort liegt neben der hochtürmigen S. Martinskirche eine kleine 
Kapelle, „geschmückt" mit vielen wenig anziehenden Votiven, Zöpfen und Zähnen, ver- 
staubten künstlichen Blumen und dergleichen. Dabei liest man folgende schriftliche 
Bekanntmachung : 

„Es wird anmit gebeten, anstatt der Tafeln, Blumenkörbchen usw. Wachskerzen 
oder Geld zur Ausschmückung der Kapelle zu opfern. Obgenannte Opfergegenstände 
(Tafeln, gemachte Blumen usw.) können nur kurze Zeit stehen gelassen werden und 
werden alsdann an Missionsanstalten in die Länder der Heiden versendet Landshut, 
26. Oktober 1897. Das Stadtpfarramt Sailer." 

Auch ein Schicksal der Votive! 



*) Altbayer. Monatsschrift, Jahrgang 4 (1903), S. 96. 

*) Sechster Jahresbericht d. histor. Vereins im Rezatkreise 1835. 



Andre«, Votive und Weihegaben. 24 



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ALPHABETISCHES SACHREGISTER. 



A. 

Abwägen von Menschen in Wachs 
oder Metall 94. 

Absam, Votive 169, 179. 

Achenkirch, Kettenkirche 72. 

Ackergerat, geopfert 169. 

Adelberg, Eakakabillabild 16. 

Agiasmata 22. 

Agrarisches Gepräge der Kult- 
handlungen 7. 

Aichach, Wachs votiv der Ge- 
meinde 162. 

Aigen, Ausgrabung eiserner Vo- 
tive 186. 

— , Die Würdinger daselbst 100. 

— , Entstehung der Wallfahrt 68. 

— , Eiserne Opfertiere 68. 

— , Leonhardiritt 68. 

— , Wallfahrts- u. Opferordnung 
69. 

— , Phallisches Eisenmännchen 
110. 

— , Votivhuf eisen ausgegraben 74. 

Allerheiligen, Leonhardsritt 66. 

Allersdorf, Brännelkapelle 23. 

Altenberg, Kärnten, Lucienkirche 
118. 

Altötting, goldnes Rössl 162. 

— , Kerzenopfer 81. 

— , Schatzkammer 181. 

— , Votivtafeln 169, 172, 174, 176. 

Alytes obstetricans 136. 

Ammersee , überschwemmt 
Bayern 22. 

Amorbach, Heilquelle 26. 

Amsham, Privatkapelle 19. 

Anblaseln 84. . 

Andechs, Das Wachsgewölbe 81. 

— , Riesenkerze 81. 

— , Opferkröte aus Silber 133. 

— , Phallisches Eisenmännchen 
110. 

— , Votivbüd 138. 



Anderlecht, Guidoritt 69. 

Antonio del porco 36. 

Antoniusbrot 36. 

Antoniusschweine 166. 

Arberberg, Opfer von Holz- 
köpfen 146. 

Arme aus Eisen, Wachs oder 
Holz 116. 

Asylrecht 49. 

Athen, Weihegaben 4. 

Augen, als Votive 117 ff. 

B. 

Backnang, Stefansritt 66. 
Balzhausen, Leonhardiritt 64. 
Bärmutter, männliche 136. 
Bartflechte, geopfert 178. 
Bauembach, Leonhardsritt 66. 
Bedefahrten 33. 
Beine, als Votive 116. 
Benediktbeuem , Leonhardifahrt 

65. 
Bettbrunn, Votivtafeln 176. 
Betteln bei Wallfahrten 33. 
Biberach, Gunthildverehrung 38. 
Bienen, Votiv- 165. 
Billenhausen , Verbot des Leon- 

hardirittes 64. 
Bischofsmais, Heilige Quelle 24. 
— , Käsemirakel 166. 
— , S. Hermann 106. 
— , WaUfahi-tskapellen 107. 
Blaichen, Leonhardsritt 64. 
Blasigen 84. 
Blasiusbrot 86. 
Bleohtafeln mit Leonhardsbild 

zum Viehschutze 62. 
Bogenberg, Marienbild 81. 
— , Riesenkerze 82. 
— , Schuh als Gewissensmesser 

107. 
Bozen, Lourdesgrotte 23. 



Brautkranze, geopfert 179. 
Breitenbrunn, Hufeisenopfer 76. 
Brixen, Kettenkirche 72. 
— , Lourdesgrotte 23. 
— , Votivhufeisen 74. 
Brixlegg, Eligiusbild 11. 
Brüste, weibliche, als Votive 117. 
Brustkorbvotiv 121. 
Bühl, Kriegstrophäen geopfert 

178. 
Büüer 30. 
Buttenydesen, großer Eisenmann 

103. 
Butter, geopfert 60, 166. 

c. 

Camac, Verehrung des h. An- 
tonius 37. 
Chinesische Papier votive 99. 
Christusbilder 16. 

D. 

Deutsch - Landsberg , eiserne 

Opferfiguren 89. 
Dießen, Mechtildenwachs 84. 
Dingolfing, Lichtständer 88. 
— , Kümmemisbild 14. 
Drei Ähren, Elsaß, Ketten 49. 
Dreier, Kopfumen 139, 142. 
Drei Jungfrauen, heilige 161. 

£. 

Eben, Grab der h. Notburga 10. 
Egglfing, Bittgang der Gemeinde 

160. 
Egling, Votivhufeisen 74. 
Eigengewicht der menschlichen 

Opferfiguren 94. 
Eingeweidebilder als Opfergaben 

123. 



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Alphabetisches Sachregister. 



187 



EiDsiedelüf Waohsvotive 80. 

Eisenbahn zum Himmel 20. 

Eisenhandel zu Aigen 61. 

Eisenmann von Buttenwiesen. 
Wird gehoben 106. 

Eisenmännchen , Gefangene 8. 
Leonhards 48. 

Eisenmännchen , in Ereuzigungs- 
stellong 32. 

— , Phallische 110. 

— , stellen Syphiliskranke vor 
110. 

Eisentiere, geopfert in Gmünd 
66. 

— , Verkauf zu Aigen 60, 61. 

Eiserne Figuren , vergraben 
185. 

Eiserne menschliche Opferiiguren 
96fF. 

Eiserne Opferfiguren. Verbrei- 
tung u. Technik 86 ff. 

in Bayern 86. 

in Böhmen 86. 

in Franken 87. 

in Württemberg 88. 

in Belgien 88. 

in Tirol 89. 

in Salzburg 89. 

in Niederösterreich 89. 

in Steiermark 89. 

in Kärnten 90. 

in Ungarn 90. 

, Alter 90 bis 92. 

, Technik 90. 

, Datierte 92. 

Eiserner Bestand 93. 

Ema, japanische Votivtafel 167. 

Ephesos, Seil zum Tempel der 
Artemis 73. 

Epidauros, Weihegaben 3. 

Ernst, Erzbischof von Magde- 
burg 173. 

Ettal, Marienbildnis 107. 

F. 

Faak, Stefansritt 66. 

Faokentoni 35. 

Fahlenbach, Hirtenbund 38. 

Fascinum 109. 

Fasten bei Wallfahrten 33. 

Fatschenkinder 96. 

Fatschenkind , Votiv zu Aigen 
102. 

Feggenbeuem, Leonhardsritt 56. 

Feuohtwangen , eiserne Opfer- 
figuren 87. 

Fieberbrühnel bei Reisbach 24. 

Finger, als Votive 116. 



Fischhausen, Leonhardsritt 56. 
Flachs, geopfert 60, 165. 
Frauenzöpfe geopfert 177. 
Friesach, Kettenkirche 72. 
Fro = S. Leonhard? 42, 73. 
Füße als Votive 116. 



G. 

Ganacker, eiserne Stute mit 

FüUen 92. 
— , Hufeisenopfer 75. 
— , Kettenkirche 70. 
— , Leonhardifeier 62. 
— , Opfer eiserner Figuren 62. 
Gänseopfer 60. 
Gänse, Votiv- 155. 
Gebärmutter , Antike Vorstel- 
lungen 129. 
— , als Tier gedacht 129. 
-, als Kröte 133. 
— , Erklärungen hierfür 134. 
Gebisse aus Wachs geopfert 122. 
Geburtshelferkröte 135. 
Gefangene durch S. Leonhard 

befreit 44, 45. 
— , freiwillige S. Leonhards 47. 
— , freiwillige S. Leonhards, als 

Eisenmänncheu dargestellt 48. 
Geisteskranke 47. 
Georgenberg 138. 
Germanisches Heidentum 4. 
Geschmeide, geopfert 181. 
Geschwüre, Votivbilder 179. 
Getreideopfer 60, 64, 143, 164. 
Gewissensproben 102. 
— durch Heben 105. 
Gewitterkerzen 84. 
Gipsköpfe, Kopfumen 139, 142. 
Glieder, kranke und gesunde, als 

Votive 112. 
Glückshafen, geistlicher 20. 
Gmünd, Opfer von Eisentieren 

65. 
Goldnes Rössl zu Altötting 152. 
Göppingen, eiserne Votivfigur 97. 
Grafrath, Votivkammer 177. 
Grongörgen, Würdinger aus 102. 
Großgmain, Hühneropfer 149. 
Gwandzerreißer, Votiv zu Aigen 

101. 

H. 

Haaropfer 177. 
Hämmer, Votiv- 157. 
Hände als Votive 113, 114. 
Handel mit Quellwasser 25. 
Harmating, Leonhardsritt 56. 



' Haselbach, Kopfurnen 144. 
I Häuser, Votive IUI, 162. 
I Haustiere, Patrone der 35 ff. 
I Heben der eisernen Votive 105, 
108. 

Heidentum, germanisches 4. 

— , Übergang zum Christentum 4. 

Heidnische Bräuche im Christen- 
tum fortdauernd 5. 

Heidnische Feste in christliche 
verwandelt 5. 

Heilige, kopflose 145. 

— , nicht anerkannte 14. 

— , Nutzen und Eigenschaften 8. 

Heiligenbilder zum Verschlucken 
21. 

Heiligenstatt, Organ votive 124. 

Heiligenverehrung 7. 

Heilige Brunnen im Labertale 26. 

Heiligsprechung 14. 

Heilung durch Suggestion 17. 

Herkenrath, Schweinsopfer 166. 

Hermhausen, Leonhardsritt 56. 

Herz Jesu- Uhren 20. 

Herzvotive 127. 

Himmelsschlüssel aus Wachs 83. 

Hinterlohner Kapelle 19. 

Hinterriß, der Viehschelm 37. 

Hirten 33. 

Hirtensprüche 51. 

Hoden, aus Wachs, geopfert 
111. 

Hohenkauns, Kerzenopfer 81. 

Hoheuwart , Richildisverehrung 
18. 

Hohe Salve, 8. Johannesköpfe 
146. 

Hölzerne menschliche Opfer- 
figuren 98. 

Holzkirchen, Kerzenopfer 82. 

Holzköpfe, geopfert 144. 

Holzkreuze als Opfer 29. 

Hostienfunde 176. 

Hnfeisenopfer 66, 74 ff. 

Hüfingen, Kettenkirche 72. 

Hühneropfer 60, 149. 

Huyssingen, eiserne Opferfiguren 
88. ■ 

L 

Igelkalb 137. 

Igel = Opferstachelkugel 137. 

Inchenhofen , Asylreoht 50. 

— , Kettenreichtum der Kirche 

71. 
— , Leonhardiwallfahrt 58. 
— , Leonhardsnagel 103. 
— , Wallfahrt 29. 

24* 



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188 



Alpliabetisohes Sachregister. 



Indiciilus superBtitionum 6. 
Irrsdorf, Leonhardsritt 65. 
laar, Laufveränderang 175. 



Japanische Papiervotive 99. 

— Votivtafehi 167. 
Jerusalem, Weihegaben 2. 
Jesewang, Willibaldsritt 68. 
Jochei, der Büßer 30^ 
Jobannesköpfe 146. 
Julbach, Leonhardsritt 62. 
Juno Lucina 9. 

E. 

Käse, geopfert 165. 
Eäsemirakel yon Bischofsmais 

165. 
Keckbrunnen in Neukirchen 24. 
KedereKöpfl,Kopfumen 139,142. 
Keniaten, Leonhardiritt 57. 
Kerzenaberglaube 84. 
Kerzenopfer 77, 81. 
Ketten als Yotivgaben 44, 49. 
— , um den Leib getragen 30, 47. 

— der Geisteskranken 48. 

— aus Wachs 48. 
Kettenreichtum in Inchenhofen 

7L 

Kettenumspannte Kirchen 70. 

, Erklärungen 73. 

, Sagen 72. 

Kevelaer, Wachsvotive 85. 

Kinder in Wachs oder Metall 
abgewogen 94, 95. 

Kleideropfer 163. 

Knierutschen 31. 

Knochen, geopfert 180. 

Kolmännel, Votiv zu Aigen 101. 

Köln, Weihegaben 6. 

Kolomansritte 66. 

Köpfe aus Wachs und Holz 113. 

Kopflose Heilige 145. 

Kopf ringe, eiserne, geopfei*t 178. 

Kopfumen 139. 

— , Beschaffenheit 140. 

— , Verbreitung 141. 

— , Zweck 142. 

Körperteile als Votive 112. 

Kostbarkeiten, geopfert 181. 

Krambuden bei Kapellen 19. 

Krankheitspatrone 13. 

Kränze, geopfert 178. 

Kreuth, Leonhardsritt 56. 

Kriegstrophäen, geopfert 178. 

Kröte , prähistorische Darstel- 
lungen 129. 

— , vertritt die Gebärmutter 130. 



Kröte , mundartliche Bezeich- 
nungen 135. 
Kühe, Votiv- 153. 
Kümmernis, h. 14. 
— , Sage 15. 

— , Verbreitung des Kultus 15. 
Kundl 138. 
— , S. Leonhardsstatue 40. 

I. 

Labertal, h. Brunnen 26. 
Landshut, Zunftlade der Färber 

12. 
Langenbach , Wallf ahrtskapelle ' 

19. 
Lauingen, Verbot des Leonhards- 

rittes 64. 
Laupheim, Kettenkirche 71. 
Laurins Rosengarten 73. 
Lebenau, Kopfurne 140. 
Lebende Tiere geopfert 147. 
Leibringe, eiserne 47. 
Lenbach, Franz von, Votivtafel- 

maler 170. 
Leogang, Kettenkirche 72. 
Leonhardiritte 53 ff. 
Leonhardskirchen , Verbreitung 

42. 
Leonhardsklötze 100 ff. 
Leonhardsnagel, wird geschleppt 

106. 
— zu Inchenhofen 103 ff. 
Leonhardspf unzen, Leonhardiritt 

57. 
Leonhardsstatue in Inchenhofen 

106. 
— , wird gehoben 106. 
Lichtmeß 83. 
Lichtstander 83. 
— , gotischer 83. 
Lienz, eiserne Opferfiguren 89. 
Lippertskirchen , Leonhardiritt 

57. 
Löffelopferung 180. 
Lohwinden, Votivtafel 175. 
Lourdesgrotten 23. 
Lourdesmadonna in Gries 23. 
LourdesmedaiUen 20. 
Lucca, Volto Santo 16. 
Luftröhrenvotive 128. 
Lungin 124 ff. 
— , Stilisierung 126. 
„Lupfen" nr heben 105. 

M. 

Magdalenenquelle, Nymphenburg 

25. 
Magenvotiv 128. 



Maria Buchen, Votivtafel 173. 
Maria Langwinkel , Wallfahrt 

143. 

, Kopfumen 143. 

Maria Lichtmeß 83. 
Maria Ort, Votivtafel 173. 
Maria Pichl, Leonhardsritt 65. 
Maria Piain, Votivtafel 176. 

, Büßerkreuze 28. 

Maria Zell 21. 
Marienbild zu Ettal 107. 
— zu ösede 107. 
MarzoU, Hühneropfer 150. 
Massenh^usen, Votivtafel 174. 
Maura, Kette 44. 
Meohtildenwachs 84. 
Meiningen, eiserne Opferfiguren 

87. 
Meran, Hufeisenopfer 76. 
Meransen, h. Drei Jungfern 151. 
Menschliche Opferfiguren 94 ff. 
Molk, Kerzenopfer 81. 
Monte Falcone, Bronzevotive 4. 
Mühlheim a. d. Donau, Umritt 

bei S. Eligius 68. 
München, Lichtmeß 83. 
— , Stefansritt 66. 

N. 

Nabel, als Votiv 117. 

Nackte Wallfahrten 31. 

Nadeln, geopfert 180. 

Nagel = Phallus 105. 

Nasenvotive 121. 

Naturalienopfer 164. 

Neapel, Einsegnung der Haustiere 

36. 
— , Hufeisenopfer 76. 
Nepomukszungen 120. 
Neudenau, Hufeisenopfer 75. 
Neudorf, Wendelinswallfahrt 38. 
Neuem, eiserne Opferfiguren 87. 
— , Hufeisenopfer 75. 
— , Leonhardsritt 64. 
Neukirchen, Keokbrunnen 24. 
— , Leonhardiritt 62. 
Neuötting, Kümmemiskapelle 14. 
Niederseon, Leonhardiritt 57. 
Niederwat, geopfert 164. 
Noblac, Kloster 39. 
Nußdorf, Kettenkirche 71, 
— , Leonhardiritt 57. 
Nymphenburg, Magdalenenquelle 

25. 

0. 

Obemdorf , Georgiritt 68. 
Ochsen, Votiv- 154» 



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Ochsenfurt, Wolfgangfsritt 66.. 
Odilienberg im Elsaß 118. 

— im Breisgau 119. 
Ohrenvotive 121. 
Olympia, Weihegaben 3. 
Opfer 1. 

— , Beweggründe dazu 1. 

Opferarme 116. 

Opferaugen 119. 

Opfergaben, Einteilung 1. 

Opferhände 114. 

Opferkröten 129 ff. 

— , Verbreitung dieses Votivs 

131. 
— , Formen 132. 
Opfersohlange 155. 
Opferstachelkugeln 136. 
Opferzungen 120. 
Organvotive 123. 
— , Verbreitung 124. 
— , nach tierischen Vorbildern 

125. 
Oropos, Weihegaben 3. 
ösede, Marienbild 107. 
Ottheinrich, Pfalzgraf, in Wachs 

abgewogen 96. 
Ottilienquellen 118. 

P. 

Palilien, altrömisches Entsündi- 

gungsfest 35. 
Papierfiguren als Votive im 

Elsaß, in Japan und China 99. 
Passau, heilige Quelle 24. 
— , Wiener Pestbild 175. 
Penck, Eisenfigur 185. 
Pestbild 175. 
Pestkapellen 13. 
Petershausen, Kerzenopfer 81. 
Pfeilspitzen, geopfert 116. 
Pferde, Votiv- 153. 
Pferdeopfer der Germanen 148. 

— , im 15. bis 18. Jahrhundert 
148. 

Pferdeschenkel, geopfert 152. 
Pflaster mit Heiligenbildern 179. 
Pflaumbach, eiserne Opferfiguren 

88. 
Pflugeisen, Votiv- 159. 
Phallische Opferfiguren 109. 

, von Aigen 110. 

, von Andechs 110. 

Phallus als Schutzmittel 109, 

110. 
Pilgersdorf, eiserne Opferfiguren 

90. 
Pleßnitz, S. Johannesköpfe 146. 
Pöltsohach, Kettenkirche 70. 



Alphabetisches Sachregister. 

Polytheistische Nachklänge 9. 
Pompeji, Weihegaben 4. 
Priapische Darstellungen 109. 
Privatkapellen 19. 

Quellen, heilige 21 ff. 
— , innerhalb der Kapellen 24. 
Quellenheilige 25. 
Quellenopfer 22, 23. 
Quellenverehrung der Germanen 
22. 

B. 

Ramersdorf, Votivtafel 172. 
Ramsaoh, Zillertal, Leonhards- 

feier 50. 
Ranagl, Votiv zu Aigen 101. 
Rattenberg, Notburgahaus 10. 
Rattersdorf, eiserne Opferfiguren 

90. 
Reichersdorf, Leonhardsritt 56. 
Reit, Opfer von Tierfiguren 68. 
Richildis, die selige 120. 
Riesenkerzen 81. 
Rinderpest 51. 
Roding, Leonhardsritt 64. 
Rom, Kirche S. Antonios 36. 
— »Einsegnung der Haustiere 36. 
Römische Kopfumen 139. 
Rommelberg, Leonhardsritt 56. 
Rosengarten Laurins 73. 
Rosenkranz 181. 



8. 

Salfelden, eiserne Opfertiere 89. 
Samarey, Wallfahrtsort 158. 
Samitsch, Kettenkirche 72. 
Sankt Alban 145. 

— Antonius der Abt 35. 

— Antonius v. Padua 12. 

— Apollonia 181. 

— Barbara 10, 13. 

— Blasius 13, 84. 

— Cäcilia 12. 

— Gastulus 38. 

— Christoph 16. 

— Cornelius 37. 

— Crispinus 10. 

— EKgius 11, 68. 

— Erasmus 13. 

— Erentrauds silbernes Haupt 
145. 

— Florian 13, 161. 

— Georg 11. 

, Viehpatron 37. 



189 

Sankt Gertrud 12. 

— Gilgen, Handel mit Quell- 
wasser 26. 

— Guido 69. 

— Günther 107. 

— Gunthüd 38. 

— Hermann in Bischofsmais 106. 
, wird gehoben 107. 

~ Hubertus 10, 13. 

— Isidor 10. 

— Johannes Bapt 12, 146. 

— Joseph 11. 

— Kakukabilla 16. 

— Katharina 11, 13. 

— Koloman 38, 67, 81. 

— — , wundertätiges Haupt 
174. 

— Kümmernis 178. 

— Laurentius 10. 

— Leonhard 39 ff., 161. 

, Abbildungen 39, 44. 

, Name 40. 

, Beziehungen zum Eisen 

40. 

, Funktionen 41, 42. 

, Entbinder 41. 

— — als Augenarzt 119. 
als Zähmer der Haustiere 

51. 

am Forst, Umritt 56. 

, Menschenarzt 41. 

= Freyer-Fro? 42. 

, Patron der Gefangenen 

44. 

, Ketten sein Attribut 44. 

, Patron der Geisteskranken 

47. 

, Patron der Haustiere 50. 

und das Eisen 61. 

verlangt Wachs 79. 

, Wetterpatron 159. 

— Lucia 118. 

— Ludwig 13. 

— Lukas 11. 

— Margaretha 9, 13. 

— Maria, schwanger dargestellt 
82. 

— Martin 11. 

— Medardus 13. 

— Nikolaus 10. 

— Notburga 10. 

— Odilia 118. 

— Patricius 38. 

— Petronella 13. 

— Rasso, Votivkammer 177. 

— Richildis 16. 

— Rochus 13. 

— Sebastian 12, 38. 

— Stefan 38. 



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190 



Alphabetisches Sachregister. 



Sankt Stefan, Umritt um seine 
Kirchen 66. 

— Ulrich 25. 

— Valentin 14. 

— Veit, Kärnten, Kettenkirche 
72. 

— Vincenz 13. 

— Vitus 13, 38, 150. 

— Wendelin 11, 38. 

— Willibald 68. 

— Wolf gang 38, 66, 161. 

, befreit Gefangene 49. 

Sauhaxen, geopfert 165. 
Scala Santa, Rom 31. 
Schafe, Votiv- 165. 
Schaftlach, hölzerne Votivfiguren 

96. 
— , Viehseuchenbild 175. 
Schafwascherwinkel 144. 
Schaf zecke, geopfert 180. 
Schieneisen und Schienhammer 

62. 
Schiff 8 votive 178. 
Schildkrötenfibeln 133. 
Schellenberg, Hufeiseuopfer 75. 
— , S. Leonhardsbild 39. 
Schlangen, Votiv- 156. 
Schmatzhausen, Tieropfer 148. 
Schnaitsee, Leonhardifahrt 55. 
Schuh, hölzerner auf dem Bogen- 

berge 107. 
— , ist Gewissensmesser 107. 
Schulterblätter als Votive 116. 
„Schützen" der Würdinger 102, 

103. 
„Schützen" = heben 105. 
Schutzpatrone 10. 

— der Haustiere 35. 
Schwangau, Kolomansritt 67. 
Schwaz, Barbaradenkmal 11. 
— , Hühneropfer 150. 
Schwarzensee , eiserne Opfer- 
figuren 89. 

Schweine, Patrone der 36. 
— , Votiv- 154. 
Schweinefleisch, geopfert 166. 
Schweinefuße, geopfert 165. 
Schwurhände, geopfert 114. 
Sebastianspfeile 12. 
Segensschilde 20. 
Seidenfäden, geopfert 180. 
Sensen, Votiv- 159. 
Siegertsbrunn, Leonhardsritt 56. 
Sigillaria 77. 

Silberne menschliche Opferfigu- 
ren 98. 
Spielkarten, geistliche 21. 
Spieß = Opferstachelkugel 137. 
Stachelkugeln als Votive 136. 
Stein, (jeorgiritt 68. 



Steinfelskapelle, Landau 176. 
Sti*aucharting, Leonhardsritt 56. 
Stumme geheilt 26, 120. 
Sühneverfahren 34. 
Sultzemoos 160. 
Syphilis 110. 

T. 

Taferhi, Votivbilder 169. 
Tamsweg, S. Leonhardsstatue 

40. 
Taube geheilt 121. 
Taubenbach, Kopfumen 144. 
— , S. Albansquelle 26. 
Taugl, heil. Quelle 24. 
Tempel in Kirchen verwandelt 5. 
Thannhausen, Leonhardsritt 64. 
Thorshämmer 157. 
Tierbildopfer 152. 
Tieropfer 147. 
Tollbath, Kettenkirche 71. 
Tölz, Kettenkirche 70. 
— , Leonhardifahrt 43, 55. 
Trachten der Wachsopferfiguren 

97. 
Trafoi, heilige Quelle 24. 
Trannstein, Georgiritt 67. 
Trebesing, Zauberkuh 154. 
Trcns, Opferstachelkugel 137. 
Tummelplatz bei Ambras 169. 

u. 

UUerborne '25. 
Ulten 138. 

Unsere liebe Frau im Keller 23. 
Unter-Eching, Leonhardsritt 65. 
Unter -Wuldau, eiserne Opfer- 
figuren 87. 
Usnea barbata, geopfert 178. 
Uterus, antike Vorstellungen 129. 
— , als Tier gedacht 129. 
— , als Kröte 133. 
— , Erklärungen hierfür 134. 

V. 

Veitskapelle bei Zabem, Opfer- 
kröten 131. 

Veitstanz 13. 

Veldes, Stefansritt 66. 

Verbandlappen, geopfert 180. 

Viehhandel und S. Leonhard 65. 

Viehschelm 37. 

Viehsegen 52. 

Viehseuchenbild zu Schaftlach 
175. 

Viehseuche zu Lauingen 64. 

Vierzehnheiligen am Main 13. 

Vierzehn Nothelfer 13. 



Volksetymologie und die Heiligen 

14. 
Volto Santo in Lucca 15. 
Votivbilder an Baumstämmen 

169. 
Votive, Untergang 184. 
— , Vergraben derselben 185. 
— , Versendung in die Missionen 

185. 
Voti Vgaben 1. 
Votivgaben, altitalische 4. 
— , altdeutsche 6. 
Votivhämmer 158. 
Votivhände, antike 113. 
Votivtafelmaler 170. 
Votivtafehi 167, 175. 

— im Altertum 167. 

— in Japan 167. 

— für Krankheiten 138,169, 173. 
— , Verfall in der Neuzeit 170. 
— , geschichtlichen Inhalts 171, 

172. 

— für Viehseuchen 175. 
— , steinerne 168. 

w. 

Wachsabgaben an die Kirche 
77, 78. 

— der Totschläger 78. 
Wächserne menschliche Opfer- 
figuren 97. 

Wachsformen 80. 

Wachshäuser als Votive 162. 

Wachskerzen, heidnischer Ur- 
sprung 77. 

— , christliches Verbot 77. 

— , bei der Freilassung von 
Sklaven 77. 

— , von Gemeinden geopfert 80. 

— , von riesiger Größe 81. 

Wachsketten 48. 

Wachskronen, Votive 179. 

Wachsopfer 77 ff. 

Wachsstöcke 82. 

Wachsstrafen der Kirche 79. 

Wachsverkauf zu Aigen 61. 

Wachs von den Heiligen verlangt 
79. 

Wachszieher 79, 80. 

Walchensee , überschwemmt 
Bayern 22. 

Wallfahrten 27 ff. 

— , Kulturbedeutung 28. 

— , mit Fasten 33. 

— , nackte 31, 32. 

Wallfahrten mit ausgespannten 
Armen 32. 

— , in Wolle 33. 

— , mit erbettelter Zehrung 33. 



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Alphabetisches Sachregister. 



191 



Wallfahrtskapelleu IK. 

Wandelkerzen 78. 

Weiber -Lienel, Votiv zu Aigen 

101. 
Weihegeschenke 1. 

— der Ägypter 2. 

— der Israeliten 2. 

— in Olympia 2. 

— für Asklepios 2. 

— der Hellenen 2. 

— für Amphiaraos 2. 
Weihenlinden, heilige Quelle 24. 
— , Leonhardsritt 57. 

— , Opferholzkreuz 29. 

— , Votivtafeln 174. 

Weiler, Elsaß, Opferkröten 132. 



Weilheim, Tieropfer 17, 59, 

148. 
Weifienhom, Leonhardiritt 64. 
Wettrennen beim Leonhardiritt 

62. 
Wickelkinder aus Eisen, Wachs 

oder Holz 96 ff. 
Wien, Pestbild aus, in Passau 

175. 
Willing, Leonhardiritt 57. 
Wilsnack, Opfer einer Hand 

115. 
— , Votivkette 49. 
Wolfgangsflaschen 25. 
Wscherau, eiserne Opferfiguren 

87. 



Würdingcr oder Leonhardsklötze 

96, 101 ff. 
, sind Darstellungen des 

Weihenden 100. 
Würdinger oder Leonhardsklötze, 

bestehen aus Gußeisen 102. 
Würzburg, die Antoniter 35. 

z. 

Zahnvotive 121, 122. 
Zauberkühe 154. 
Zeus Sabazios 113. 
Ziegen, Votiv- 155. 
Zungen ak Votive 120. 
Zungenheilige 120. 



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Tafel I. 




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Fig. 1. S. Wendelm und S. Leonhard, Bild von Rupert Dabemig, gemalt 1854. 
In der Kirche zu Tangem bei Seeboden in Kärnten. (S. 11.) 



Andre«, YotiTO and Weihegmben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Bntunichweig. 



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Tafel II. 




Fig. 2. Altarbild von S. Leonhard bei Schellenberg (Berchtesgadener Gegend). (S. 39). 

( Zeichnung von Ferdinand Spiegel.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. Vi e weg A Sohn in Braiinschwelgi^prl Kw VjOOQ^lC 



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Tafel IIL 



Fig. 8, 




Fig. 3. Gefangener S. Leonhards. Eiserne Opferfigur. Niederbayem. (S. 48.) — Fig. 4. Gefangener 
S. Leonhardfl. Eiserne Opferfigur aus dem Nonsberg (?), Südtirol. Museum Ferdinandeum in Inns- 
bruck (S. 48.) — Fig. 5. Opferwaohskerzen in der Gnadenkapelle zu Altötting. (S. 81.) 



Andree, VoÜTe und Weihegaben. 



Friedr. Yieweg <& Sohn in Brauntdiweig. 

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Fig. 14. 




Fig. 11. 




Fig. 12. 




Fig. 13. 




Fig. 8. HimmelsBohlüssel aus Wachs. Vom Wachszieher Ebenböok in München. (S. 83.) — Fig. 9. Ganzer 
Wachsopferkörper. Kevelaer. V, natürl. Größe. (S. 85.) — Fig. 10. Wachsopferarm. Kevelaer. y, natürl. 
Größe. (S. 85.) — Fig. 11. Wachsopferhand. Kevelaer. Natürl. Größe. (S. 85.) — Fig. 12. Wachs- 
opf eräuge. Kevelaer. NatürL Größe. (S. 85.) — Fig. 13. Waohsopferkopf. Kevelaer. Natürl. Größe. 
(8. 85.) — Fig. 14. Wachsopferzähne. Kevelaer. Natürl. Größe. (S. 85.) 



Andrei, Yotire and Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braonsohweig. 



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Tafel VI. 



Fig. 15. 





Fig. 17. 



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Fig. 18. 



Fig. 16. 





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Fig. 15. Hölzerne Votivfiguren in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Sohaftlach bei Tök. (S. 96.) 
Fig. 16. Opferwickelkind aus Wachs. Millstatt in Kärnten. (S. 96.) — Fig. 17. Opferwickelkind aus 
Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. (S. 97.) — Fig. 18. Opferfigur aus Wachs. 17. Jahrhundert. 

Gmünd in Kärnten. (S. 97.) 



Andrea, Yotive and Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braonsohweig. 

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Tafel VII. 



Fig. 19. 



Fig. 21. 




Fig. 19. Opferfigur aus Wachs. 18. Jahrhundert. Millstatt in Kärnten. (S. 97.) — Fig. 20. Opfer- 
figur aus Wachs. 18. Jahrhundert. Millstatt in Käi*nten. (S. 97.) — Fig. 21. Reiter? Eiserne 
Opferfigur mit Hut und Andeutung der Kleidung. Sammlung des histor. Vereins für Oberbayem. (S. 97.) 
Fig. 22. Eiserne Opferfrau. S. Leonhard im Lavanttale. (S. 97.) 



Andrea, VoMve und Weihegaben. 



Friedr. Yieweg & Sohn in Braunsohweig. 

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Tafel Vm. 



Fig. 23. 



Fig. 24. 



Fig. 26. 




Fig. 23. Bemalte Opferfigur einer betenden Frau aus Eisenblech. (S. 98.) — Fig. 24. Eiserne weib- 
liche Opferfigur. Aus dem Nonberg? Museum Ferdinandeum, Innsbruck. (S. 08.) — Fig. 25. Opfer- 
figur aus Eisen von S. Leouhard im Lavanttale. (S. 98.) — Fig. 26. Opferfigur aus Eisen von 
S. Leonhard im Lavanttale. (S. 98.) — Fig. 27. Opfer -Eisenmännchen. Ausgrabung bei S. Leonhard 
in Aigen am Inn. (S. 98.) — Fig. 28. Aus Holz gesägtes Opfermännchen. Drei Ähren im Elsaß. [(S, 98.) 



Andree, Yotive und Weihegaben. 



Friedr. Yieweg A Sohn in Braunichweig.j^pH Kw 



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Fig 32. 




Tafel X. 



Fig. 31. 



Fig. 33. 





Fig. 35. 



Fig. 36. 



Fig. 34. 






Fig. 31. Menschliche Opferfigur aus Papier ausgeschnitten. S. Wolf gang in Kaysersberg. Elsaß. (S. 99.) 
Fig. 32. Der Würdinger zu Aigen. (S. 101.) — Fig. 33. Der Weiberlienel zu Aigen. (S. 101.) 
Fig. 34. Der Ranagl zu Aigen. (S. 101.) — Fig. 35. Der GwandzerreiJJer zu Aigen. (S. 101.) 

Fig. 36. Das Kolmännel zu Aigen. (S. 101.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braunschweig. 

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Tafel XII. 



Fig. 40. 



Fig. 41. 




Fig. 42. 




Fig. 44. 




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Fig. 40. Opferkopf aus Wachs. 17. Jahrh. Aus Gmünd in Kärnten. (S. 113.) — Fig. 41. Hölzerner 
Opferkopf, aus einem Brett geschnitten. S. Wolfgangs- Kapelle, Kaysersberg, Elsaß. (S. 113.) 
Fig. 42. Schmiedeiseme Opferhand (Schwurhand?) aus Ganacker. (S. 114.) — Fig. 43. Hölzerne 
Opferhand mit steifem Zeigefinger. S. Koloman in Thalgau, Salzburg. (S. 115.) — Fig. 44. Opferhand 
au9 Eisenblech. S. Leonhard im Lavanttale. (S. 115.) 



Andree, Votive und Weihegab«ii. 



Fried r. Vieweg A Sohn in Brauuschweig. 

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Tafel XIII. 



Fig. 45. 




Fig. 46. 



Fig. 47. 





Fig. 48. 



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Fig. 46. Bemalter hölzerner Opferarm mit Verband. Wieskapelle bei Rottalmünster. (S. 116.) 
Fig. 46. Opferarm aas Wachs mit Beule. (S. 116.) — Fig. 47. Eiserner Opferarm. S. Leonhard im 
Lavanttal. (S. 116.) — Fig. 48. Eiserne Bolzenspitze. Ausgrabung von S. Leonhard in Aigen. (S. 116.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braunsohweig. 



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Tafel XV. 



Fig. 54. 



Fig. 52. 





Fig. 63. 





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Fig. 55, 



Fig. 56. 




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Fig. 52. OpferwachBbrust. (S. 117.) — Fig. 53. Doppelte OpferwachabruBt. Maria Lanzendorf bei 

Wien. (S. 117.) — Fig. 54. OpferwachBrumpf. Aufl Deggendorf. (S. 117.) — Fig. 55. Opferangen 

auf eine Blechtafel gemalt. Altenberg bei Trebesing in Kärnten. (S. 118.) — Fig. 56. Opferaugenpaar 

aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttal. Kärnten. (S. 119.) 



Audree, Votive und Weihegaben. 



Fried r. Vieweg «t Sohn in Bruunsohweig. 



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Tafel XVI. 



Fig. 57. 



Fig. 58. 




Fig. 60. 




Fig. 61. 




Fig. 62. 





Fig. 57. Opferaugenpaar aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttal. Kärnten. (S. 119.) — Fig. 58. Hölzernes 
bemaltes Opferauge. Marienkapelle in Laatsch, Yinschgau. (S. 119.) — Fig. 59. Hölzerne bemalte 
Opferaugen. Agums bei Prad in Südtirol. (S. 119.) — Fig. 60. Hölzerne bemalte Opferaugen. Süd- 
tirol. (S. 119.) — Fig. 61. Opferaugen aus Wachs. Vorder- und Rückseite. Spittal a. d. Drau. (S. 120.) 
Fig. 62; Opferaugen aus Wachs. Oberbayern. (S. 120.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. V je weg A Sohn in Braunacbweig. 

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Tafel XVU. 




Fig. 65. 



Fig. 64. 




Fig. 66. 





Fig. 67. 




Fig. 68. 



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Fig. 63. Hölzerne, rot bemalte Opferzunge aus Agnms im Vinschgau. (S. 120.) — Fig. 64. Opferzunge 
aus rotem Wachs mit Luftröhre. Hallein. (S. 120.) — Fig. 65. Opferwachsohr. Vierzehnheiligen 
am Main. (S. 121.) — Fig. 66. Opferwachsohr. Modell Math. Ebenböok, München. (S. 121.) 
Fig. 67. Opferwachsohr. Salzburg (S. 121.) — Fig. 68. Opferkiefer aus weißem Wachs. München. 

(S. 122.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Brauniohweig. 



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FiR. 72. 




Fig. 73. 





Fig. 76. 



Fig. 75. 





Fig. 77. 




Fig. 72. Tönerne Lungl mit Luftröhre. Aus dem Rottal. (S. 126.) — Fig. 73. Hölzerne, bemalte 
Opfereingeweide von Haselbach bei Braunau. Sammlung des Herrn v. Preen in Ostemberg. (S. 126.) 
Fig. 74. Hölzerne Lungl. Langwinkel im Rottale. (S. 126.) — Fig. 75. Hölzerne Lungl. Aus 
dem Salzburgischen. (S. 126.) — Fig. 76. Hölzerne Lungl. Heiligenstatt bei Friedberg. (S. 126.) 
Fig. 77. Opferwachslunge aus Salzburg. (S. 126.) 



Andre e, YoÜTe und Weihegaben. 



Friedr. Yieweg & Sohn in Braonschweig. 



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Fig. 78. 



Tafel XX. 




Fig. 79. 





Fig. 80. 




Fig. 82. 



Fig. 81. 






Fig. 78. OpferwachsluDge aus Maria Piain. (S. 126.) — Fig. 79. Opferwachslunge aus Altötting. (S. 126.) 
Fig. 80. Silbernes Opferherz. Uinterlohner Kapelle bei Ach. (S. 127.) — Fig. 81. Verziertes Opfer- 
waohsherz. Spittal a. d. Drau. (S. 127.) — Fig. 82. Opferluftröhre aus Wachs. Dingolfing. (S. 128.) 



Andree, Votire und Weihegab«n. 



Friedr. Yieweg & Sohn in Brauniohweig. 



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Tafel XXI. 



Fig. 83. 




Fig. 85. 



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Fig. 83. Eiserne Opferkröte aus Bayern. Museum in AViesbaden. % natürl, Größe. (S. 131.) 
Fig. 84. Eiserne Opferkröte im Museum zu Mülhausen, Elsaß. (S. 132.) — Fig. 85. Opferkröte aus 
Eisenblech. Vom Friedhof zu Weiler im Elsaß. (S. 132.) — Fig. 86. Opferkröte aus Eisenblech. Vom 
Friedhof zu Weiler im Elsali. (S. 132.) — Fig. 87. Schmiedeeiserne Opferkröte, S. Leonhard im 



Lavanttale. (S. 132.) 



Andree, Votire und Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braunscl 



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Tafel XXII. 



Fig. 88. 




Fig. 89. 




Fig. 90. 




Fig. 92. 




Fig. 91. 




Fig. 88. Opferkröte aus flisenblech. Ganaoker in Niederbayern. Vs natürl. Größe. (S. 133.) — 
Fig. 89. Opferkröte (Frosch) aus Schmiedeisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vio n&türl. Größe. (S. 132.) 
Fig. 90. Opferkröte aus Eisenblech. Ganacker. (S. 133.) — Fig. 91. Schmiedeiserne Opferkröte (aus 
Aigen?). Germanisches Museum, Nürnberg. %^ natürl. Größe. (S. 133.) — Fig. 92. Eiserne Opferkröte. 

Ganacker. %o natürl. Größe. (S. 133.) 



Andree, Votive und Weihegaben. 



Fried r. Yieweg A Sohn in Brauniohweig. 



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Tafel XXm. 




Fig. 95. 



Fig. 97. 





Fig. 93. Eiserne Opferkröte. Ganacker. V^o natürl. Größe. (S. 133.) — Fig. 94. Opfer-Wachskröte mit 
Menschengesicht. Berchtesgaden. Va natürl. Größe. (S. 132.) — Fig. 95. Opferkröte aus weißem Wachs. 
Maria Piain bei Salzburg. */, natürl. Größe. (S. 133.) — Fig. 96. Opferkröte aus weißem Wachs. 
Niederbayem. Vs natürl. Größe. (S. 133.) — Fig. 97. Opferkröte aus weißem Wachs. Salzburg. 

Va natürl. Größe. (S. 133.) 



Andree, Votire und Weih6g»b«n. 



Friedr. Yieweg A Sohn }n Bntunioh^ 



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Tafel XXIV. 



Fig. 98. 



Fig. 99. 




Fig. 100. 




Fig. 102. 





Fig. 101. 




Fig. 98. Opferkröte aus Silberblech. Altötting. Vs ntitürl. 
Größe. (S. 133.) — Fig. 99. Opferkröte aus Silberblech. 
Kloster Andechs am Ammersee. Va natürl. Größe. (S. 133.) 
Fig. 100. „Barmutter". Opferstachelkugel aus Südtirol. 
V, natürl. Größe. (S. 137.) — Fig. 101. „Bärmutter«. 
Opferstachelkugel aus Agums in Südtirol. Vj natürl. Größe. 
(S. 137.) — Fig. 102. Tönerne Opferkopfurne von Valen- 
tinshaft. 18 cm hoch. (S. 141.) 



Andree, Yotive und Weihegaben • 



Friedr. Yieweg & Sohn in Brauuschweig. 



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Fig. 105. 



Tafel XXV. 

Fig. 104. 




Fig. 109. 



Fig. 106. 




Fig. 103. 





Fig. 103. Tönerne Opferkopfurne von S. Alban. 12 cm hoch. (S. 141.) — Fig. 104. Tönerne Opfer- 
kopfurne von Langwinkel. 10 cm hoch. (S. 141.) — Fig. 105. Tönerne Opferkopfume von Langwinkel. 
9 cm hoch. (S. 141.) — Fig. 106. Tönerne Opferkopfume von Langwinkel. 678 cm hoch. (S. 141.) 
Fig. 107. Tönerne Opferkopfume von Taubenbach. 12 cm hoch. (S. 141.) — Fig. 108. Bemalter 
Opferpferdeschenkel aus Holz. Aigen am Inn. Vg natürl. Größe. (S. 152.) — Fig. 109. Eisernes 
Opferpferd. Ausgrabung bei S. Leonhard in Aigen. Va natürl. Größe. (S. 153.) 



Andree, Votire und Weihegaben. 



Friedr. Yieweg A Sohn in Brannschweig. 

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Fig. 129. 




Fig. 130. 




Fig. 127 a. Opferschwein aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttale. Vi natürl. Größe. (S. 155.) b. Kopf 
des vorigen von oben gesehen. — Fig. 128. Eisernes Opferschwein von S. Leonhard am Forst bei 
Melk. Vj natürl. Größe. (S. 155.) — Fig. 129. Opferschwein aus Wachs. Millstatt in Kärnten. 
Va natürl. Größe. (S. 155.) — Plg. 130. Opferschwein aus Wachs. Maria Lanzendorf bei Wien. 

Va natürl. Größe. (S. 155.) 



Audree, Votive und Weihegaben. 



Friedr. Vieweg A Sohn in Braaniohweig. 



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Tafel XXXII. 



Mg, 135. 




Fig. 137. 




Fig. 139. 



Fig. 138. 




Fig. 140. 





Fig. 136. 




Fig. 135. Opferziege aus Eisen. S. Leonhard, Lavanttal. % natürl. Größe. (S. 155.) — Fig. 136. Opfer- 
ziege aus Eisenblech. Julbach am Inn. •/, natürl. Größe. (S. 91 u. 155.) — Fig. 137. Eiserne Opfergans. 
Aigen. "/^ natürl. Größe. (S. 155.) — Fig. 138. Eiserne Opferbiene. Neuern in Böhmen. % natürl. 
Größe. (S. 155.) — Fig. 139. Eiserner Opferbienenstock. Aigen am Inn. % natürl. Größe. (S. 155.) 
Fig. 140. Opferschlange aus Eisen. S. Leonhard im Lavanttal. V4 natürl. Größe. (S. 156.) 



Andree, Votive und Weibtigaben. 



Friedr. Yieweg & Sohn in Brauntchweig. 

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